{"id":4504,"date":"2002-02-01T00:00:32","date_gmt":"2002-01-31T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4504"},"modified":"2022-07-26T13:33:53","modified_gmt":"2022-07-26T11:33:53","slug":"linke-bellizisten-auf-gespensterjagd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/02\/linke-bellizisten-auf-gespensterjagd\/","title":{"rendered":"Linke Bellizisten auf Gespensterjagd"},"content":{"rendered":"<p>Die Phrase, dass nach dem 11. September nichts mehr so sein werde wie zuvor, war ein wichtiger Moment im Formierungsprozess der Kriegs-&#8222;Partei&#8220;. Sie ist aus verschiedenen Gr\u00fcnden, die hier aus Platzmangel nicht alle benannt werden k\u00f6nnen ((1)), wahr und falsch zugleich. Genau genommen steht sie unter und \u00fcber dieser Unterscheidung. Denn bei ihrem Einsatz ging es zumeist nicht um die blo\u00dfe Feststellung, dass nun nichts mehr so sein werde wie zuvor (ein konstativer Sprechakt, der feststellt, was ist), sondern der Einsatz der Phrase war Teil eines komplexeren performativen Aktes, er schuf erst die Realit\u00e4t (mit), als deren Beschreibung er auftrat.<\/p>\n<p>Falsch ist der Satz u.a. insofern, als die vermeintliche Neuigkeit darin besteht, auf ein altes Reaktionsmuster zu verfallen, n\u00e4mlich Krieg, und dies zudem in nachgerade archaischer Weise \u00f6ffentlich legitimiert wurde: von &#8222;Rache&#8220; und &#8222;Vergeltung&#8220; war die Rede. Die manich\u00e4istische Vorstellung, hier k\u00e4mpfte das Gute gegen das B\u00f6se, ist auch nicht eben taufrisch (und bringt Bush und Bin Laden auf Augenh\u00f6he), und der erkl\u00e4rte Wille, bin Laden dead or alive zu bekommen, erinnert an die Zeiten des mythisierten Wilden Westens, bestenfalls an Western, wo ein gerechter Sheriff seinen Mustang sattelte, um die Finsterlinge zu jagen.<\/p>\n<p>Richtig ist der Satz u.a. insofern, als bei der Kriegsformierung nicht nur eine neue Allianz geschmiedet wurde, in der die Schurken von gestern aufgenommen wurden, um gegen den Alliierten von gestern vorzugehen, legitimiert durch einen Beschluss des UN-Sicherheitsrates, f\u00fcr den es in der Geschichte des V\u00f6lkerrechts und der internationalen Politik keinen Pr\u00e4zedenzfall gibt. Ebenso weist die publizistische Kriegs-&#8222;Partei&#8220; in der Bundesrepublik Deutschland ein Novum auf. Sie reicht von der <em>Bild<\/em> bis zur <em>Bahamas<\/em>, von starkdeutsch bis antideutsch. Auch die Wochenzeitung <em>Jungle World<\/em> marschiert (von wenigen Ausnahmen abgesehen und ungebremst durch manche Unentschlossene) seit ihrer ersten Nummer nach dem 11. September schnurstracks an die Front. F\u00fcr sie war in der Tat nach dem 11. September nichts mehr so wie zuvor, vor allem sie selbst war bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Der wohl endg\u00fcltigen Normalisierung von weltweiten Eins\u00e4tzen der Bundeswehr stand man dort fortan hilflos gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Doch auch dieses Novum ist durchsetzt von alten Best\u00e4nden. Wo AutorInnen der <em>Jungle World<\/em> publizistischen Kriegsdienst leisten, bleiben bei der Lekt\u00fcre Effekte eines d\u00e9j\u00e0 vu nicht aus. Da lastet die Geschichte vergangener Geschlechter wie ein Alp auf der Gegenwart, manches historische Ereignis wiederholt sich als Farce oder auch nur als polemischer Furz von Autoren, deren Analysef\u00e4higkeit kaum der Komplexit\u00e4t von Latrinenparolen gewachsen ist &#8211; alles in allem ein gespenstisches Treiben. In einer w\u00fcsten Anachronie werden der Zweite Weltkrieg, der zweite Golfkrieg (und dessen Weltkriegsreminiszenzen) und das Gegenwartsgeschehen \u00fcbereinander gelegt, als projiziere man mehrere Dias aufeinander. Klare Sicht kann man da nicht mehr erwarten.<\/p>\n<p>Aus der Erfahrung des zweiten Golfkriegs, wo &#8211; als erster Schritt zur milit\u00e4rpolitischen Normalisierung Deutschlands &#8211; die starke Antikriegsbewegung mit Antisemitismus- und Antiamerikanismus-Vorw\u00fcrfen gepl\u00e4ttet worden war, wo durch die Hussein-Hitler-Analogie der Nazismus in den Orient expediert worden war, wo ausgerechnet radikale Linke in der <em>Konkret<\/em> in (verst\u00e4ndlicher) Sorge um Israel (die auch GegnerInnen des Krieges nicht fremd war) ungewollt mit ihrem Verweis auf Auschwitz die Blaupause f\u00fcr die sp\u00e4tere rotgr\u00fcne Legitimierung des Angriffskrieges gegen Jugoslawien entwickelt hatten, wurde offenkundig wenig gelernt.<\/p>\n<p>Die Hauptgespenster, die zu jagen sich die zur Truppe mutierten Journalisten vorgenommen haben, hei\u00dfen &#8222;Antisemitismus&#8220; und &#8222;Antiamerikanismus&#8220;; bisweilen werden sie auch zu einem Doppelgespenst gekoppelt ((2)).<\/p>\n<p>Das Fundament bildet das Dogma, der Anschlag auf das World Trade Center sei einzig und allein ein antisemitischer Anschlag; entsprechend verliert man den parallelen Anschlag auf das Pentagon aus den Augen.<\/p>\n<p>Ob es sich bei dem, was in einer &#8211; angesichts ihrer Dogmen und des zu Tage tretenden Glaubenseifers beinahe &#8222;heilig&#8220; zu nennenden &#8211; Hetzjagd verfolgt wird, tats\u00e4chlich durchweg um Antisemitismus und Antiamerikanismus handelt, sei an dieser Stelle gerade nicht mal so dahingestellt, als irgendwie diskutabel oder umstritten betrachtet. Dies zu tun bedeutete n\u00e4mlich, die notwendige Kritik an Antisemitismus (und auch Antiamerikanismus) und den Kampf dagegen unglaubw\u00fcrdig zu machen, damit zu erschweren und zu untergraben; der Begriff (und Vorwurf) darf nicht zur beliebig einsetzbaren Spielmarke verkommen.<\/p>\n<p>In der Korrektursparte &#8222;Kreuzwortr\u00e4tsel&#8220;, hie\u00df es am 24. Oktober: &#8222;Einige b\u00f6se Leserbriefe hat uns ein Kommentar \u00fcber eine indische Schriftstellerin [Arundhati Roy; A.S.] eingebracht. Ob sie wirklich so antisemitisch argumentiert, wie behauptet, dar\u00fcber l\u00e4sst sich streiten.&#8220; Statt nun aber Einw\u00e4nde mindestens explizit zu machen, und den zuvor erhobenen Vorwurf argumentativ und am Material zu st\u00fctzen oder aber mit formvollendeter Bitte um Entschuldigung zur\u00fcckzunehmen, setzte man nur eins drauf: &#8222;Ebenso dar\u00fcber, wie man es interpretieren kann, dass sie nun auch der rechtsextremen Jungen Freiheit ein Interview gew\u00e4hrt hat.&#8220; Letzteres ist, ohne dass da viel interpretiert werden muss, ein krasser politischer Fehler Roys. Zu recherchieren w\u00e4re allerdings, wie es zu diesem Interview kam; ebenso w\u00e4re es von Interesse, was Roy denn in diesem Interview gesagt hat.<\/p>\n<p>Vor allem aber: Was ist von einem Antisemitismus-Vorwurf zu halten, den man erst in aller H\u00e4rte aufstellt, um dann ein wenig kleinlaut und als handle es sich um eine Kleinigkeit, bei der Beliebigkeit nicht weiter ins Gewicht falle, einzur\u00e4umen, dar\u00fcber lasse sich streiten?<\/p>\n<p>Thomas von der Osten-Sacken hatte eine Woche zuvor unter dem Titel &#8222;Monstr\u00f6se Visitenkarte&#8220; ((3)) Roy massiv angegriffen. Als gewiefter Demagoge l\u00e4sst Osten-Sacken die antisemitische S\u00fcnde der 1959 geborenen Roy bereits w\u00e4hrend des historischen Nazismus beginnen. Es sei &#8222;eines der gro\u00dfen Erfolgsprojekte der Nazis&#8220; gewesen, &#8222;antikoloniale Bewegungen gegen die imaginierte plutokratisch-j\u00fcdisch-angloamerikanische Weltherrschaft zu unterst\u00fctzen&#8220;, so auch die indische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, die vom Berliner Sender &#8222;Free India Radio mit Propaganda versorgt&#8220; worden sei. \u00dcber die Resonanz der Nazi-Propaganda und ihre indische Rezeption verliert Osten-Sacken kein Wort da das Ressort &#8222;Internationales&#8220; der <em>Jungle World<\/em> in der Hauptsache eine Vereinigung antideutscher Gesinnungsst\u00e4rke ist, kann Osten-Sacken dort die gesamte indische antikoloniale Bewegung auf Subhas Chandra Bose (1897-1945), den &#8222;Duce von Bengalen&#8220; und Widersacher der Gandhianer, und seine Naziconnection reduzieren.<\/p>\n<p>Kleinigkeiten, wie die Tatsache, dass nicht einer seiner Anh\u00e4nger, sondern sein Gegner Jaharwalhl Nehru, der sich &#8211; allerdings eingeschr\u00e4nkt durch die britische Kolonialverwaltung &#8211; f\u00fcr j\u00fcdische Belange stark machte (es gab ca. 2000 j\u00fcdische Emigranten in Indien) erster Premierminister Indiens wurde, passen nicht in die anti-deutsche Weltanschauung, die ein arisches Indien (nach arischem Geschmack) halluziniert.<\/p>\n<p>Aufbauend auf dieser Halluzination fragt Osten-Sacken demagogisch, ob es &#8222;nun sp\u00e4te Dankbarkeit oder nur (!) ideologische N\u00e4he&#8220; sei, die Roy nun veranlasste, &#8222;sich bei den Deutschen f\u00fcr ihre damalige Hilfe zu revanchieren&#8220;. Jedenfalls habe Roy in der <em>FAZ<\/em> ein &#8222;antiamerikanisch-antisemitisches Pamphlet&#8220; ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Roy spreche nur aus, &#8222;wovon hierzulande alle [mit Ausnahme Osten-Sackens und der paar Gerechten in der Jungle World; A.S.] \u00fcberzeugt sind. Dass n\u00e4mlich am \u00dcbel der Welt eigentlich die USA und die Juden schuld seien&#8220;. F\u00fcr diese Interpretation liefert Osten-Sacken auch ein Textzitat als vermeintlichen Beleg. Darin geht es um die amerikanische Au\u00dfenpolitik und die &#8222;unbek\u00fcmmerte Politik der unumschr\u00e4nkten Vorherrschaft [der USA; A.S.], ihre k\u00fchle Missachtung aller nichtamerikanischen Menschenleben&#8220; Vielleicht fragt man sich an der Stelle schon, wo denn bei Roy von &#8222;den Juden&#8220; die Rede sei, wenn nicht Osten-Sacken mit umgekehrten Vorzeichen der Nazi-Imagination aufsitzt und &#8222;die Juden&#8220; in den Text hineinprojiziert, so dass wo USA drauf steht, durchweg &#8222;die Juden&#8220; drin w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Offenkundig umtrieb Osten-Sacken beim Schreiben die Frage, wie er seinen LeserInnen suggerieren k\u00f6nne, dass f\u00fcr Roy hinter den USA &#8222;die Juden&#8220; steckten, sie also ein &#8222;antiamerikanisch-antisemitisches Pamphlet&#8220; verfasst habe. Deshalb schl\u00fcpft er in die Rolle des Sprachanalytikers und entdeckt ein Sprachbild, ein &#8222;Stereotyp&#8220;, an dem er seinen Vorwurf festmacht. Roy hatte tats\u00e4chlich geschrieben, die wirtschaftlichen Bestrebungen der US-Industrie h\u00e4tten sich &#8222;gnadenlos wie ein Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer L\u00e4nder gefressen&#8220;, und damit meint Osten-Sacken, sie im Sack zu haben: &#8222;Die zivilgesellschaftlich engagierte [auch das noch! A.S.] Roy verbreitet nur noch die bereits von Free India Radio gepredigte, vermeintlich antikapitalistische Botschaft, dass das j\u00fcdische Finanzkapital &#8211; in Form des Stereotyps von Heuschrecken &#8211; hinter den angloamerikanischen Angriffskriegen gegen die um Freiheit k\u00e4mpfenden V\u00f6lker stehe.&#8220; Die miese Formulierung (man stelle sich einmal vor, wie das &#8222;j\u00fcdische Finanzkapital &#8211; in Form des Stereotyps von Heuschrecken &#8211; hinter den angloamerikanischen Angriffskriegen steht&#8220;) wird auch durch Gedankenstriche nicht zum Gedanken und verweist darauf, dass Osten-Sacken seine Argumentation mit hei\u00dfer Nadel strickt. Da ist ein Eiferer am Werk, und bevor er Roy mit dem Nazi Horst Mahler in einen Topf wirft, \u00fcberf\u00fchrt er sie noch des Vergehens, von &#8222;tausenden Pal\u00e4stinensern&#8220; gesprochen zu haben, die im Kampf gegen die israelische Besetzungspolitik ihr Leben lie\u00dfen. Damit sind seine Belege komplett, mehr hat er nicht zu bieten. Es sind diese wenigen Worte, die in den Augen Osten-Sackens Roys langen Essay zu einem &#8222;antiamerikanisch-antisemitischen Pamphlet&#8220; machen.<\/p>\n<p>Das wirft denn doch einige Fragen auf: Ist das Sprachbild Heuschrecken origin\u00e4r nazistischer (und nur nazistischer) Propagandastoff, wie Osten-Sacken &#8211; ohne Nachweis &#8211; suggeriert? Welche Rolle spielt das Symbol im System der Kollektivsymbolik ((4)) des (vielsprachigen und kulturell heterogenen) Indiens, in dem Roy sich bewegt und in dem sie schreibt, vielleicht auch &#8211; das sei Osten-Sacken konzediert &#8211; unter Einschluss von in der Kollektivsymbolik \u00fcber Jahrzehnte sedimentierter alter Nazi-Radio-Propaganda aus Berlin? Und welche Rolle spielt es im System der Kollektivsymbolik im hiesigen Kontext, in den Roys Text per \u00dcbersetzung und Publikation verpflanzt wurde? ((5))<\/p>\n<p>Nun mag f\u00fcr solche Fragen von \u00dcbersetzung und kulturellem Transfer in einem einspaltigen Kommentar der Jungle World kein Platz sein. Doch hie\u00dfe dies, entsprechend etwas vorsichtiger mit Wertungen und Verdammungen zu sein &#8211; was einem Journalisten im Kampfeinsatz aber fern liegt. Osten-Sacken tritt fortw\u00e4hrend als Kriegspropagandist auf. Sein Herzanliegen: Angriffe auf den Irak und die Erledigung Saddam Husseins, dem gewiss kaum jemand eine Tr\u00e4ne nachweinen w\u00fcrde, verkauft als emanzipatorischen Aktion. Ja, die Emanzipation sei, so dialektisch ist der Weltlauf, ins Wei\u00dfe Haus, ins Pentagon und US-amerikanische au\u00dfenpolitische think tanks eingezogen, nachdem die Linken (zumal die in Deutschland, abgesehen von den wenigen Gerechten um Osten-Sacken) und die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, Leute vom Schlage Roys, sie so schm\u00e4hlich verraten haben ((6)). Als Anlagen zu einem Bewerbungsschreiben f\u00fcr Posten einer Abteilung f\u00fcr Psychologische Kriegsf\u00fchrung des Pentagon eignen sich seine Texte allerdings mangels Qualit\u00e4t nicht, siehe die journalistisch peinliche Korrektur, die die Redaktion nachschieben musste ((7)).<\/p>\n<p>Jemand, den es anders als Osten-Sacken nicht an die Front dr\u00e4ngt, k\u00f6nnte dagegen auf die Idee kommen, dass das vermeintlich nazistisch-antisemitische Stereotyp zur Umschreibung des &#8222;j\u00fcdischen Finanzkapital&#8220; im hiesigen kulturellen Kontext auf die Heilige Schrift, auf das, was von Christen &#8222;Altes Testament&#8220; genannt wird, also jenen j\u00fcdischen Text, dessen Botschaft die Christen \u00fcberwunden zu haben vorgeben, zur\u00fcckgeht. Ausgerechnet dieses Kollektivsymbol soll nun ganz eindeutig und ohne jeglichen Interpretationsspielraum antisemitisch sein? Das m\u00fcsste es an besagter Textstelle sein, denn mehr hat Osten-Sacken im Kontext nicht zu bieten, um nachzuweisen, Roy kritisiere nicht allgemein die Effekte kapitalistischer Globalisierung (was in der <em>Jungle World<\/em> [noch] nicht pauschal unter Antisemitismusverdacht steht), sondern einzig und allein das &#8222;j\u00fcdische Finanzkapital&#8220;. Im Kontext der besagten Passage spricht Roy \u00fcbrigens nicht von &#8222;Finanzkapital&#8220;, sondern von Industrie, nicht zuletzt der Union Carbide, die f\u00fcr die \u00f6kologische Verw\u00fcstung Bhopals und den Tod Tausender Menschen verantwortlich ist. In diesem Zusammenhang ist es dann vor allem eine \u00e4sthetische Frage, ob man die Verw\u00fcstung der Region, f\u00fcr die kapitalistische Produktion\/Destruktion der Union Carbide mit der Metapher vom Heuschreckenschwarm beschreibt.<\/p>\n<p>Doch mit solchen Feinheiten geben sich Osten-Sacken und die (Mehrheit der) Jungle World nicht mehr ab. Man befindet sich im Krieg der Zivilisation gegen die Barbarei, und da wird aus jedem Holz ein Pfeil geschnitzt. Selbst Rosa Luxemburgs &#8222;Sozialismus oder Barbarei&#8220; wurde sp\u00e4ter umgelogen zu &#8222;Zivilisation oder Barbarei&#8220; ((8)). Entsprechend hielt der argumentative Hooliganismus mit dem Dossier vom 10. Oktober, kurz nach Beginn der Luftangriffe, Einzug in die <em>Jungle World<\/em>. &#8222;In Deutschland unterscheidet sich der Ruf nach Frieden nur unwesentlich vom Ruf nach Krieg&#8220;, konstatierte der Untertitel des dritten Beitrags, quasi die dritte Halbzeit einleitend, in der mit den F\u00e4usten argumentiert wird ((9)). Damit ist schon angedeutet, dass dem hier marschierenden aufgeblasenen Autorenego jegliches Unterscheidungsverm\u00f6gen abhanden gekommen ist. Da der ideologiehistorisch versierte Feinanalytiker der Antikriegsbewegung unterstellt, sie betreibe die Wiederbelebung der deutschen Entgegensetzung von Kultur und Zivilisation, soll sein Text r\u00f6misch zivilisiert kommentiert werden: Tum podex carmen extulit horridulum! ((10))<\/p>\n<p>Wie einst Kaiser Wilhelm, nur umgekehrt wertend, kennt der Autor nur noch Deutsche: &#8222;Wenn es gegen die Juden und die USA geht, stellen Nazis &#8211; und andere Kriegsgegner &#8211; ihre Aversion gegen Kanaken zur\u00fcck und verbr\u00fcdern sich mit ihren islamischen Glaubensbr\u00fcdern&#8220;. Soviel Unsinn und Diffamierung in einem Satz unterzubringen, ist schon eine Leistung! Man k\u00f6nnte dar\u00fcber fast die geballte Ladung Geschichtsrevisionismus \u00fcbersehen, die diese Behauptung &#8211; vermutlich unbeabsichtigt &#8211; impliziert. Hier werden pauschal Gegner des Krieges mit Nazis auf eine Stufe gestellt; wie die Nazis, deren Diskussionen und Praxis der Autor geflissentlich nicht zur Kenntnis nimmt, w\u00fcrden die Kriegsgegner ihren Rassismus &#8222;zur\u00fcckstellen&#8220;, um mit konzentrierter Kraft gemeinsam &#8222;gegen die Juden und die USA&#8220; vorzugehen. Vielleicht erkl\u00e4rt dies die ungeschickte Wortwahl des Bescheidwissers: &#8222;Kriegsgegner&#8220;, wie er Gegner des Krieges nennt ((11)), meint ja auch den Gegner im Krieg, und in der Tat erkl\u00e4rt er Gegnern des Krieges den Krieg. Dass er dabei &#8222;Nazis&#8220; (und nicht etwa nur, was schlimm genug w\u00e4re, Neonazis) zu Gegnern des Krieges verharmlost, impliziert eine Verharmlosung der Nazi-Ideologie und -Praxis, die erschrecken l\u00e4sst. Weder die heutigen Neonazis noch die historischen Nazis waren Gegner des Krieges; genau das Gegenteil ist richtig. Vielleicht sollte jemand dem Autor und dem verantwortlichen Redakteur vor einer weiteren Publikation mal etwas \u00fcber den Zusammenhang von Vernichtungskrieg im Osten und der Shoah erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zur speziellen Debatten-&#8222;Kultur&#8220; der Jungle World, dass die Dossier-Einleitung mit dem Imperativ &#8222;Bitte einsteigen!&#8220; eine Einladung zur Diskussion beinhaltete. Die Ank\u00fcndigung, die Diskussion werde fortgesetzt, wirkte eher als Drohung denn als Versprechen. Mit dieser Debattenvorgabe ist die Falle f\u00fcr KritikerInnen dieses Krieges in der <em>Jungle World<\/em> perfekt. Als Kriegskritiker hier einzusteigen hie\u00dfe, jene delirierende Feind- und Kriegserkl\u00e4rung, als legitimen Diskussionsbeitrag anzuerkennen und damit auch hinzunehmen, es sei diskutabel, man selbst sei, da Gegner des Krieges, Antisemit und Rassist und stehe auf einer Stufe mit den Nazis. Der Falle ist in der <em>Jungle World<\/em> nicht zu entrinnen: Ein Debattenbeitrag in derselben Zeitung, der das Delir rechts liegen l\u00e4sst, steht dennoch praktisch mit ihm in einer Reihe; ein Debattenbeitrag, der kritisch darauf eingeht, diskutiert das Indiskutable und l\u00e4sst sich auf sein Niveau herunterziehen.<\/p>\n<p>Es kann hier nicht entschieden werden, ob dies redaktionell so beabsichtigt war, als man jenes hetzerische Pamphlet publizierte ((12)). Sicher ist, dass nachtr\u00e4glich der Redaktion die Implikationen und Konsequenzen einer derart ausrastenden &#8222;Diskussion&#8220; geduldig vor Augen gef\u00fchrt wurden. Die Weigerung, f\u00fcr einen Diskussionsrahmen zu sorgen, der solche Ausf\u00e4lle ausschlie\u00dft, also gewisse sonst propagierte (und seit dem 11. September mit gro\u00dfer Emphase hoch gehaltene) zivilisatorische Standards erf\u00fcllt, l\u00e4sst vermuten, dass man sich insgeheim bewusst ist, auf welch schwacher argumentativer Grundlage der bellizistische Diskurs insgesamt beruht. Genau deshalb muss er ab und an durch publizistischen Hooliganismus abgesichert werden, da zeigt man Kritikern pr\u00e4ventiv die Folterwerkzeuge. Dass man dabei so nebenbei vormalige Essentials, die seit der Blattgr\u00fcndung f\u00fcr die Identit\u00e4t der Zeitung standen, durch \u00dcbertreibungen ins Unermessliche fahrl\u00e4ssig \u00fcber Bord wirft, wird in Kauf genommen. Eine einst klare und richtige Position verkommt zu Rabatz-Anti-Antisemitismus. M\u00fcssten nicht mindestens die Helleren in der Redaktion dies irgendwann doch bemerken, wenn auch sp\u00e4t, viel zu sp\u00e4t?<\/p>\n<p>Ich erlaube mir eine pers\u00f6nliche Nachbemerkung. Vielleicht, weil ich mich selbst wundere, nun doch alle Textbeispiele der <em>Jungle World<\/em> entnommen zu haben, obwohl das Angebot leider breiter war, und Anfang Januar immer noch mit dem Blatt zu hadern, obgleich mir ab der ersten Nummer nach dem 11. September klar war, in welche Richtung dieser Zug f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Teilweise zu legitimieren ist die pers\u00f6nliche Bemerkung wohl damit, dass sich der eine oder die andere vielleicht die Augen reibt und fragt: &#8222;Nanu, hat der Typ nicht \u00fcber Jahre hinweg in der <em>Jungle World<\/em> \u00fcber Antisemitismus (und auch Antiamerikanismus) geschrieben, krude Allianzen bestimmter Nazis mit bestimmten Islamisten thematisiert und dabei an manchen linken Antizionisten kein gutes Haar gelassen?&#8220; Ja, und in der (kursorischen) R\u00fcckschau sehe ich auch nicht, was falsch daran gewesen ist; die Aussagen waren empirisch belegt, das Material eher vorsichtig denn \u00fcberspitzt interpretiert, und Kriegslegitimierung wurde in der Zeitung nicht betrieben.<\/p>\n<p>Nun will ich nicht \u00f6ffentlich thematisieren, was es mir bedeutet, wenn eine Zeitung, f\u00fcr die ich &#8211; mit einer l\u00e4ngeren Unterbrechung &#8211; seit ihrer Gr\u00fcndung geschrieben habe, nun unter lautem und meist haltlosem &#8222;Antisemitismus&#8220;- und &#8222;Antiamerikanismus&#8220;-Geschrei f\u00fcr den Krieg &#8222;der Zivilisation gegen die Barbarei&#8220; mobil macht, wie entt\u00e4uschend das ist usw. Das schmerzt, doch das geh\u00f6rt nicht hierher. Allerdings frage ich mich, was an der j\u00fcngeren linken Antisemitismus-Debatte, zu der ja auch diese Artikel geh\u00f6ren, insgesamt vielleicht falsch gelaufen ist, so dass sie zu den hier kritisierten Resultaten gef\u00fchrt hat. Dar\u00fcber wird in naher Zukunft diskutiert werden m\u00fcssen, wenn jemand die Mu\u00dfe und die Nerven hat, die linken Debattentexte zu analysieren (einige sind, das sagt mir mein Ged\u00e4chtnis spontan, wirklich schauderhaft, wahllose Antisemitismus-Vorw\u00fcrfe sind nicht neu, und manche Ausf\u00e4lle werden retrospektiv kenntlicher).<\/p>\n<p>F\u00fcr die m.E. auch jetzt weiterhin n\u00f6tige kritische Thematisierung von Antisemitismus wird das Terrain dadurch jedenfalls unwegsamer. Denn man steht nicht nur in einer Gesamt\u00f6ffentlichkeit, in der &#8211; siehe nur die Walser-Debatte und die begeisterte Aufnahme Finkelsteins &#8211; die Tabuisierung von Antisemitismus l\u00e4ngst nicht mehr funktioniert, den erkl\u00e4rten Antisemiten gegen\u00fcber, sondern muss zugleich auch gegen\u00fcber gewissen Anti-Antisemiten eine Demarkationslinie ziehen. Dabei sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dies allein reiche aus zu verhindern, dass man von manchen Kreisen (gewissen linken Antizionisten) in interessierter Weise mit eben diesem verqueren Anti-Antisemitismus in einen Topf geworfen wird. Fortan das Thema zu vernachl\u00e4ssigen oder genervt abzuwinken, weil der Antisemitismus-Vorwurf in etlichen F\u00e4llen auch interessiert instrumentalisiert wird, scheint mir jedenfalls die falsche Reaktion.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Phrase, dass nach dem 11. 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