{"id":4536,"date":"2002-02-01T00:00:07","date_gmt":"2002-01-31T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4536"},"modified":"2022-07-26T13:56:55","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:55","slug":"lebenswert-lebensunwert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/02\/lebenswert-lebensunwert\/","title":{"rendered":"Lebenswert &#8211; Lebensunwert"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man die anhaltende Debatte \u00fcber die Zul\u00e4ssigkeit der Forschung an Embryonen verfolgt, gewinnt man den Eindruck, da\u00df die beteiligten Mediziner, Humangenetiker und Biologen allein dar\u00fcber entscheiden wollen, <em>wann <\/em>lebenswertes Leben beginnt. Als Argument f\u00fchren sie die Notwendigkeit wissenschaftlicher Forschungsfreiheit an, um schwere Krankheiten k\u00fcnftig heilen zu k\u00f6nnen. Verfassungsrechtler warnen vor einem abgestuften Lebensrecht, das nicht nur das Grundgesetz unterh\u00f6hlt sondern unmittelbar in unseren Alltag eingreift. &#8222;Was tun <em>wir<\/em> uns an?&#8220; fragte Ernst Benda, der ehemalige Pr\u00e4sident des Bundesverfassungsgerichts anl\u00e4sslich einer Tagung zum Thema. Eine scheinbar wertfreie Forschung instrumentalisiert die Rechtsprechung in ihrem Sinn und stellt unver\u00e4u\u00dferliche Grundwerte zur Disposition.<\/p>\n<p>Wohin das f\u00fchrt, zeigt der Frankfurter Autor Ernst Klee in seinem j\u00fcngsten Buch &#8222;Deutsche Medizin im Dritten Reich&#8220; auf, das im Oktober 2001 beim S. Fischer Verlag erschienen ist. Er beschreibt mit akribischer Pr\u00e4zision am Beispiel von ca. 750 T\u00e4tern, wie Wissenschaftler und Mediziner die theoretische Vorarbeit leisteten, die in ihrer praktischen Konsequenz zu den Mordanstalten der NS-Zeit f\u00fchrte. Dabei wird etwas deutlich, was in der Aufarbeitung der j\u00fcngsten deutschen Geschichte gern verschwiegen wird: Nicht die Nazis haben die Mediziner gebraucht, um ihren rassepolitischen Vorstellungen eine pseudowissenschaftliche Weihe zu geben, sondern deutsche Wissenschaftler auf den Gebieten der Anthropologie, Biologie, Medizin, Psychiatrie und P\u00e4dagogik haben die Nazis geradezu herbeigew\u00fcnscht, um ihre Wahnvorstellungen von menschlicher Auslese und Ausmerze im Dienste der \u00fcberlegenen wei\u00dfen, nordischen Rasse grausame Wirklichkeit werden zu lassen. Wissenschaftliche Einrichtungen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG), deren Nachfolger die Max-Planck-Gesellschaft ist, beteiligten sich an dem Rassehygiene genannten Rassenwahn. Max Planck, der Pr\u00e4sident der KWG an Innenminister Frick: &#8222;Dem Herrn Reichsminister des Innern beehre ich mich ergebenst mitzuteilen, da\u00df die KWG zur F\u00f6rderung der Wissenschaft gewillt ist, sich systematisch in den Dienst des Reiches hinsichtlich der rassehygienischen Forschung zu stellen.&#8220;<\/p>\n<p>Klee r\u00fcckt das verlogene Bild zurecht, das die T\u00e4ter nach 1945 nicht m\u00fcde wurden, von sich zu verbreiten: <em>Sie<\/em> seien die eigentlichen Opfer, die Nazis h\u00e4tten sie mi\u00dfbraucht. In den Entnazifizierungsverfahren traten sie als Gutachter auf und stellten sich gegenseitig &#8222;Persilscheine&#8220; aus. Erstaunlich dabei ist, da\u00df die zust\u00e4ndigen Richter es nicht der M\u00fche wert hielten, sich \u00fcber die biographischen Hintergr\u00fcnde der Gutachter zu informieren. Mehrere Generationen Mediziner sind nach 1945 von diesen T\u00e4tern ausgebildet bzw. von ihren ungebrochenen rassehygienischen \u00dcberzeugungen beeinflu\u00dft worden. Der Psychiater Werner Villinger, im 3. Reich Erbgesundheitsrichter und Euthanasie-Gutachter, war ab 1946 Ordinarius und sp\u00e4ter Rektor der Philipps-Universit\u00e4t Marburg. Im Entnazifizierungsverfahren 1947 bescheinigte ihm sein Exassistent Helmut Ehrhardt &#8222;die von der Partei geforderte Euthanasie stets energisch bek\u00e4mpft&#8220; zu haben. Im Gegenzug schrieb Villinger in einer Eidesstattlichen Erkl\u00e4rung, da\u00df Erhardt &#8222;aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet&#8220; habe. Obwohl Zeugenaussagen best\u00e4tigen, da\u00df Villinger als Gutachter an der Selektion von Patienten zur Ermordung beteiligt war, behauptete er noch 1961 kurz vor seinem Tod gegen\u00fcber der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft, niemals als Gutachter in Euthanasieverfahren t\u00e4tig gewesen zu sein. Villinger arbeitete in den 30er Jahren auf dem Gebiet der F\u00fcrsorgeerziehung. Wenn Menschen sich nicht normgerecht verhielten, so mu\u00dfte das seiner \u00dcberzeugung nach eine genetische Ursache haben. Villinger sprach zum Beispiel von endogen bedingter Arbeitslosigkeit und f\u00fchrte Leistungsf\u00e4higkeit und Lebensgl\u00fcck auf gute Erbanlagen zur\u00fcck. Armut war nicht das Ergebnis \u00f6konomischer Bedingungen sondern die Folge schlechten Erbguts. Erziehung scheiterte nach Ansicht Villingers am &#8222;Fehlen biologischer Voraussetzungen&#8220; und die Jugendf\u00fcrsorge und Wohlfahrtspflege sollte sich die Verhinderung der &#8222;Fortpflanzung und Vermehrung biologisch Unterwertiger&#8220; zum Ziel setzen. Wobei ihm das Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses ganz offensichtlich nicht gen\u00fcgte. 1939 schreibt er: &#8222;Asoziale Debile und soziale Psychopathen und ihre mannigfaltigen Kombinationen k\u00f6nnen wir heute noch nicht oder nur im ungen\u00fcgenden Ma\u00dfe aus dem Volksk\u00f6rper aussondern und so unsch\u00e4dlich machen.&#8220; Villingers ehemaliger Assistent Erhardt machte nach 1945 auf dem Gebiet der Psychiatrie eine au\u00dferordentliche Karriere. Er war Mitglied im Bundesgesundheitsrat und erhielt 1986 die Paracelsus-Medaille, die h\u00f6chste Auszeichnung der deutschen \u00c4rzteschaft.<\/p>\n<p>Werner Catel, Ordinarius f\u00fcr Kinderheilkunde, war an der systematischen Ermordung von behinderten Kindern beteiligt. Als Standartformulierung f\u00fcr den Mordauftrag galt: &#8222;Das Kind kann behandelt werden.&#8220; Catel hat sein Leben lang bestritten, an der Ermordung von Kindern beteiligt gewesen zu sein. Nach erfolgreicher Entnazifizierung als &#8222;\u00fcberzeugter Antifaschist&#8220; erhielt er 1954 einen Lehrstuhl f\u00fcr Kinderheilkunde in Kiel. In der Todesanzeige der Universit\u00e4t Kiel hei\u00dft es, Catel habe &#8222;in vielf\u00e4ltiger Weise zum Wohle kranker Kinder beigetragen&#8220;. Im Stasi-Archiv lagerten jahrzehntelang Briefe Catels, die seine Euthanasie-T\u00e4tigkeit best\u00e4tigten. 1943 schl\u00e4gt er vor, dem Personal der Euthanasie-Abteilung Sonderzuwendungen f\u00fcr ihre m\u00f6rderische Arbeit zu gew\u00e4hren. Eine der beteiligten Oberschwestern ist seine sp\u00e4tere Ehefrau Isolde Heinzel.<\/p>\n<p>Die DDR hatte, wie Klee aufzeigt, ihre besondere Art, mit Verantwortlichen f\u00fcr medizinische Verbrechen umzugehen. Der 1953 gestorbene Kinderarzt Jussuw Ibrahim erhielt 1950 f\u00fcr seine Verdienste um das Wohl des Kindes den Nationalpreis der DDR1. Klasse. Zahlreiche Stra\u00dfen, Kindereinrichtungen und Krankenh\u00e4user wurden nach ihm benannt. Heute ist bekannt, da\u00df er Kinder in die Mordanstalt Stadtroda schickte und pers\u00f6nlich ein mongoloides Kleinkind durch eine Spritze t\u00f6tete. Das scheint f\u00fcr viele B\u00fcrgerInnen in Jena kein Hindernis zu sein, ihn weiterhin als Retter der S\u00e4uglinge und Wohlt\u00e4ter der Menschheit zu verehren. Professor Eggert Beleites, Pr\u00e4sident der Th\u00fcringer \u00c4rztekammer und Mitglied der Ethikkommission der Bundes\u00e4rztekammer gibt in einer Sendung des MDR eine Ehrenerkl\u00e4rung f\u00fcr Professor Ibrahim ab, die ungeheuerlicher nicht ausfallen k\u00f6nnte: &#8222;Ich kann mir auch gut vorstellen, da\u00df Herr Ibrahim ein Schiff in Not war, der sich auf der einen Seite so verhalten hat, da\u00df er Menschen gerettet hat, und da\u00df er immer wieder versucht hat, menschlich zu sein, da\u00df er auf der anderen Seite gesagt hat &#8211; k\u00f6nnte ich mir auch vorstellen &#8211; hier ist keine Rettung mehr m\u00f6glich, hier ist der Gnadentod das Sinnvolle, Richtige.&#8220;<\/p>\n<p>Im Mai 2000 leitete die Staatsanwaltschaft Gera ein Ermittlungsverfahren gegen die fr\u00fchere Dekanin der medizinischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Jena ein: Die 85j\u00e4hrige Dr. med. habil. Rosemarie Albrecht war von 1940 bis 1942 Leiterin der Frauenseite der Mordanstalt Stadtroda und soll in dieser Funktion Kranke in den Tod geschickt haben. Bereits 1966 untersuchte das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit unter dem Decknamen &#8222;Ausmerzer&#8220; die Vorg\u00e4nge in Stadtroda. Der &#8222;Operative Vorgang&#8220; wurde vorzeitig beendet: &#8222;Die Aufdeckung der mutma\u00dflichen Euthanasie-Verbrechen in Stadtroda bedeutet, da\u00df die &#8230;. national anerkannte und international bekannte Dr. Albrecht in das Untersuchungsverfahren einbezogen werden mu\u00df&#8230;.Da &#8230;.Beschuldigte aus der DDR in h\u00f6heren Positionen des Gesundheitswesens (Frau Dr. Albrecht, Dekan der medizinischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Jena) &#8230;..stehen, k\u00f6nnte bei Auswertung ein unseren gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen widersprechendes Ergebnis erreicht werden. Aus diesem Grund wird vorgeschlagen, die Bearbeitung des Vorganges mit einer Sperrablage im Archiv des MfS abzuschlie\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<p>SA- und NSDAP-Mitglied Albert Ponsold war ab 1941 Professor f\u00fcr Vererbung und Rassenkunde an der Reichsuniversit\u00e4t Posen. Nach dem Krieg wurde er Gerichtsmediziner an der Universit\u00e4t M\u00fcnster und erlangte durch einige aufsehenerregende Fehlgutachten in bekannten Mordprozessen der 50er und 60er Jahre (Der &#8222;Rohrbach-Fall&#8220;) traurige Ber\u00fchmtheit. Das hinderte die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Gerichtliche Medizin nicht, ihn zu ihrem Pr\u00e4sidenten zu machen. Einer seiner Sch\u00fcler war Gerhard Wendt, der zur Nachwuchsgeneration der Rassehygieniker geh\u00f6rte. 1972 wird Wendt Begr\u00fcnder der ersten Genetischen Beratungsstelle der BRD und ist von 1974 bis 1979 Vorsitzender der Stiftung f\u00fcr das behinderte Kind. Nach Wendt besteht das gr\u00f6\u00dfte Problem der Behindertenhilfe darin, da\u00df sie &#8222;die Lebenserwartung dieser Mitmenschen erh\u00f6ht und so die Anzahl der Behinderten ansteigen l\u00e4\u00dft.&#8220; Eugeniker wie Wendt denken in Kategorien von h\u00f6her- und minderwertigen Menschen. Abweichende Verhaltensweisen werden auf biologische Defekte zur\u00fcckgef\u00fchrt. Wenn es nach Wendt gehen w\u00fcrde, dann w\u00e4re, wie Klee mit einem drastischen Beispiel aufzeigt, der von den Nazis und anschlie\u00dfend in der BRD und DDR als gr\u00f6\u00dfter deutscher Geist verehrte Johann Wolfgang Goethe zwangsweise sterilisiert worden. Zwei seiner Geschwister galten als geistig nicht normal, das trifft auch f\u00fcr Goethes einzigen \u00fcberlebenden Sohn und dessen beide S\u00f6hne zu, die kinderlos starben.<\/p>\n<p>In der aktuellen Debatte um die Frage, ab wann der Embryo ein Recht auf Menschenw\u00fcrde hat, wird von den Bef\u00fcrwortern der Embryonenz\u00fcchtung mit einem abgestuften Lebensschutz argumentiert. Damit ist der pseudowissenschaftlichen Bewertung eines ansteigenden und absteigenden Lebensrechts Tor und T\u00fcr ge\u00f6ffnet. Wer alt und hilflos wird, bzw. wer behindert ist und sich nicht wehren kann, verwirkt sein Lebensrecht. Auf diese m\u00f6rderische Dimension der auf ethischer, juristischer und medizinischer Ebene gef\u00fchrten Diskussion kann gar nicht deutlich genug hingewiesen werden. Hinter der wissenschaftlichen Forderung einer Einschr\u00e4nkung des Lebensschutzes verbirgt sich die Kontinuit\u00e4t eugenischen Gedankengutes, das die Deutschen in die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe ihrer Geschichte gest\u00fcrzt hat. Diesen historischen Zusammenhang mit zahllosen Belegen und Nachweisen zu begr\u00fcnden ist der gr\u00f6\u00dfte Verdienst der Recherchen von Ernst Klee. Ungeachtet eines von au\u00dfen nur schwer durchschaubaren Streits zwischen ihm und dem Sozialhistoriker Michael Kater, der einige wichtige B\u00fccher \u00fcber die NS-Zeit ver\u00f6ffentlicht hat, bin ich der Meinung, da\u00df &#8222;Deutsche Medizin im Dritten Reich&#8220; auf jeden Schreibtisch eines angehenden Mediziners geh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man die anhaltende Debatte \u00fcber die Zul\u00e4ssigkeit der Forschung an Embryonen verfolgt, gewinnt man den Eindruck, da\u00df die beteiligten Mediziner, Humangenetiker und Biologen allein dar\u00fcber entscheiden wollen, wann lebenswertes Leben beginnt. Als Argument f\u00fchren sie die Notwendigkeit wissenschaftlicher Forschungsfreiheit an, um schwere Krankheiten k\u00fcnftig heilen zu k\u00f6nnen. 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