{"id":4593,"date":"2002-03-01T00:00:23","date_gmt":"2002-02-28T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4593"},"modified":"2012-04-01T19:48:18","modified_gmt":"2012-04-01T17:48:18","slug":"von-der-wiege-bis-zur-bahre-das-kind-wird-mensch-und-fruh-zur-ware","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/03\/von-der-wiege-bis-zur-bahre-das-kind-wird-mensch-und-fruh-zur-ware\/","title":{"rendered":"Von der Wiege bis zur Bahre &#8211; das Kind wird Mensch und fr\u00fch zur Ware"},"content":{"rendered":"<h3>Das Kind als Standortfaktor und Schule als Trainingslager?<\/h3>\n<p>Mit dem von Ulrich Klemm genannten wichtigen Gesichtspunkt der Funktionalit\u00e4t der in der Studie untersuchten Kompetenzbereiche und des in dieser Funktionalit\u00e4t erkennbaren Menschenbildes m\u00f6chte ich beginnen und diesen Gesichtspunkt verbinden mit der Frage: Wer wird handeln?<\/p>\n<p>Der BDA und dessen Pr\u00e4sident haben sich f\u00fcr fortlaufende Diagnosetests ausgesprochen.<\/p>\n<p>Nach der Grundschule soll begonnen werden. &#8222;Assessment-Center f\u00fcr Sch\u00fcler&#8220; sollen eingerichtet werden. Jedes Kind soll einen Bildungspa\u00df bekommen. Dies alles ist selbst der <em>FAZ<\/em> nicht geheuer. Sie stellt fest: &#8222;Die Wirtschaft verwechselt die Schule mit einem Trainingslager.&#8220; ((1)) Solche Positionen best\u00e4tigen die Notwendigkeit dessen, was Ulrich Klemm fordert, n\u00e4mlich nach dem Menschen- und Weltbild und nach dem Politikverst\u00e4ndnis dieser Studie zu fragen.<\/p>\n<p>Der ideologiekritische Blick auf die Studie in Ulrich Klemms Beitrag w\u00e4re aber zu erg\u00e4nzen durch eine Analyse, die die herrschende Bildungs- und Gesellschaftspolitik der BRD nicht an ihren Proklamationen und R\u00fcckbez\u00fcgen auf das Grundgesetz mi\u00dft, sondern diese in ihrer Herrschaftsfunktionalit\u00e4t begreift. In diesem Sinne ist die Bildungspolitik, die seit Jahrzehnten gemacht wird, immer schon Gesellschaftsreform. ((2)) Insofern sind die Ergebnisse der PISA-Studie nicht Ausdruck von Unf\u00e4higkeit, sondern illustrieren die ganz besondere F\u00e4higkeit des BRD-Staates, Bildungspolitik im Sinne der Herstellung &#8222;sozialer Disparit\u00e4ten&#8220; (PISA) so machen, da\u00df die Zementierung gesellschaftlicher Ungleichheiten auch mit Mitteln der Bildung als Versagen von Individuen, Gruppen oder Schichten erscheinen kann. Zudem macht, wie Ulrich Klemm hervorhebt, die Studie deutlich, worum es nicht nur in der BRD geht: &#8222;Die \u00f6konomische Verwertbarkeit humaner Ressourcen steht im Mittelpunkt.&#8220; Fragen der Kompetenzen und ihrer Entwicklung werden in der Studie also nicht verk\u00fcrzt, sondern in ihrer systemspezifischen Qualit\u00e4t benannt &#8211; sowohl mit Blick auf den miserablen Zustand der in der BRD erreichten Kompetenzniveaus wie mit Blick auf die gegen\u00fcber alten Lernzielformulierungen geradezu &#8222;fortschrittliche&#8220; Formulierung einer zeitgem\u00e4\u00dfen &#8222;corporate mission&#8220; von Schule.<\/p>\n<p>Daher w\u00e4re das, was ideologiekritisch mit Blick auf das Menschen- und Weltbild und auf das Politikverst\u00e4ndnis erkannt werden kann, auf eine, sagen wir es anspruchsvoll, materialistische Staatskritik zu beziehen. Aus der Kapitalperspektive ist das, was ich mit Ulrich Klemm geneigt bin f\u00fcr eine &#8222;Bildungskatastrophe&#8220; aus der Sicht der Jugendlichen zu halten, Ausdruck einer hochfunktionalen Aufgabenerf\u00fcllung des BRD-Staates mit allen Widerspr\u00fcchen. Das, was PISA offenlegt, ist Teil der sich seit Jahrzehnten vollziehenden &#8222;gesamtgesellschaftlichen Ver\u00e4nderung&#8220; mit Hilfe staatlicher Bildungspolitik. Es ist ein Wandel, in dem weder die Demokratieperspektive eine Rolle spielt, noch ein Bildungskonzept, das die Realisierung einer optimalen Massenalphabetisierung f\u00fcr alle Menschen zum Ziel hat. Erst die Zusammenschau der Dimensionen &#8222;Alphabetisierung\/Analphabetisierung&#8220; und &#8222;Demokratie&#8220; macht die Qualit\u00e4t der Ver\u00e4nderungen, die in der alten BRD seit Jahrzehnten und seit 1989 f\u00fcr Gro\u00dfdeutschland stattfinden, erkennbar. Wie soll man es bewerten, da\u00df, so die Stiftung Lesen schon 1997, \u00fcber 34% der Erwachsenenbev\u00f6lkerung als hochfunktionale Analphabeten gelten m\u00fcssen, die sich keine Texte von auch nur geringer Komplexit\u00e4t erschlie\u00dfen k\u00f6nnen?<\/p>\n<h3>Kein Vertrauen in den Staat &#8211; wer wird handeln?<\/h3>\n<p>K\u00f6nnen also vom Staat qualitative Verbesserungen der Bildungsverh\u00e4ltnisse f\u00fcr alle Menschen erwartet werden, die mehr und anderes w\u00e4ren als eine noch fr\u00fchere und konsequentere Ausbeutung des Standortfaktors Kind?<\/p>\n<p>Und was kann von einem \u00f6ffentlichen Schulwesen erwartet werden, das Jugendliche als funktionale Analphabeten ins &#8222;Leben&#8220; entl\u00e4\u00dft?<\/p>\n<p>Was von einer Erziehungswissenschaft, die alles vergessen zu haben scheint, was sie bis Mitte der 1980er Jahre \u00fcber diese Zusammenh\u00e4nge wu\u00dfte? ((3))<\/p>\n<p>Wer also wird handeln? Und wie?<\/p>\n<p>Auch hier stimme ich Ulrich Klemm zu: &#8222;Neue Ma\u00dfst\u00e4be braucht die Schule, nicht neue Ma\u00dfnahmen!&#8220; Nur w\u00fcrde ich die neuen Ma\u00dfst\u00e4be nicht vom Staat und von staatlicher Bildungspolitik erwarten. Der Staat hat seinen Kredit verspielt und ist der Zockerei anzuklagen.<\/p>\n<p>Die, die auf Grund ihrer sozialen, \u00f6konomischen und kulturellen Gesamtlage im Interesse einer optimalen F\u00f6rderung ihrer Kinder auf ein gutes, \u00f6ffentliches Bildungswesen angewiesen sind, w\u00e4ren schlecht beraten, wenn sie weiterhin dem Staat vertrauten. Die Organisationen, die vorgeben, da\u00df sie die Interessen dieser Menschen vertreten, werden nach sch\u00e4rferen Kriterien \u00f6ffentlich zu beurteilen sein als bisher.<\/p>\n<p>Doch es gibt keinen einfachen Weg, der aus dem Dilemma herausf\u00fchrte, in das staatliche Politik die Kinder und Eltern der unteren Schichten dieser Gesellschaft seit Jahrzehnten hineingef\u00fchrt hat &#8211; mit der Illusion der Chancengleichheit, mit Kulturk\u00e4mpfen und einer Ideologisierung von Strukturproblemen (z.B. Gymnasium versus Gesamtschule\/Rahmenrichtlinien), mit drastischen Reduktionen der Bildungsinvestitionen, mit Berufsverboten und Berufsverbotsdrohungen gegen LehrerInnen, mit Einstellungsstops, mit der gesellschaftlichen Abwertung des LehrerInnenberufs, mit einer Fortschreibung der Hierarchisierung dieses Berufs in Ausbildung, Bezahlung und gesellschaftlicher Reputation, mit der Hinnahme sogar des baulichen Verfalls von Schulen &#8211; alles &#8222;Ma\u00dfnahmen&#8220; einer demokratiegef\u00e4hrdenden staatlichen Zockerei, die nur als Verschleuderung gesellschaftlicher Ressourcen bewertet werden kann. Wie sollte sich also das Vertrauen in den Staat begr\u00fcnden lassen? Wer w\u00fcrde wohl \u00fcber die Ergebnisse der PISA-Studie reden, wenn diese keine internationale Vergleichsstudie w\u00e4re?<\/p>\n<h3>Eine basisdemokratische bildungspolitische Bewegung als Teil des Kampfes gegen den Neoliberalismus und f\u00fcr eine andere Welt<\/h3>\n<p>Mein Facit ist so n\u00fcchtern wie meine Prognose: was PISA offengelegt hat an Widerspr\u00fcchen und Problemen im Umgang dieser Gesellschaft mit ihren jungen Generationen hat eine systemspezifische Qualit\u00e4t, liegt in der Logik staatlichen Handelns und ist allen, die es wissen wollten, schon lange bekannt. ((4)) Offenbar rechnet sich alles, was, jenseits eines notwendigen Minimum, nicht in \u00f6ffentliche Bildung investiert wird. Wurde etwa der &#8222;Standort&#8220; eines der kapitalistischen Hauptl\u00e4nder und dessen globale Konkurrenzf\u00e4higkeit durch die Verh\u00e4ltnisse gef\u00e4hrdet, die die PISA-Studie benennt &#8211; oder geht es darum, weltweite Imageprobleme von der Deutschland AG abzuwenden und die systemfunktionale kulturelle und soziale Polarisierung der BRD-Gesellschaft, auch \u00fcber Bildungspolitik, voranzutreiben?<\/p>\n<p>Meine Prognose ist, da\u00df staatliche Bildungspolitik im Kontext weiterer Privatisierungsprozesse und in Verbindung mit Planungen des Kapitals auf der Ebene der EU (z.B. European Round Table), zu einer Versch\u00e4rfung der Widerspr\u00fcche und Probleme des \u00f6ffentlichen Bildungssektors beitragen wird und da\u00df eine Konzentration auf die ordnungspolitische Kontrolle der sozialen Implikationen dieser Politik stattfinden wird. Eine Bildungspolitik, die die ideologiekritischen Befunde der Analyse von Ulrich Klemm aufzunehmen in der Lage w\u00e4re, w\u00fcrde dem Staat von gesellschaftlichen Akteuren aufgezwungen werden m\u00fcssen &#8211; und zwar durch eine basisdemokratische Bewegung, die nicht von b\u00fcrgerlich-liberalen Illusionen und Versprechen ausgeht, sondern die eine hohe Massenalphabetisierung f\u00fcr alle als politische Alphabetisierung in der Demokratie fordert und durchsetzt, um die Menschen, Jugendliche wie Erwachsene, in die Lage zu versetzen, sich aktiv und \u00f6ffentlich an der Gestaltung ihrer Lebensverh\u00e4ltnisse und der gesellschaftlichen Austauschprozesse, den Arbeitsmarkt eingeschlossen, zu beteiligen. So w\u00fcrde ein Demokratieverst\u00e4ndnis praktisch, das sich nicht in Wahlen ersch\u00f6pfte und damit ein Menschenbild, das der neoliberalen Logik, Kinder und Schule als Standortfaktoren zu definieren, mit einer humanen Perspektive individueller wie kollektiver Entwicklung begegnete.<\/p>\n<p>Mit Blick auf den Zustand der Welt, auf den Terror eines globalen Krieges und die diesen begleitenden Ma\u00dfnahmen der Manipulation der \u00f6ffentlichen Meinung und der bewu\u00dften Verdummung der Menschen, will mir das Ma\u00df an funktionalem Analphabetismus, insbesondere dokumentiert durch das niedrige Niveau an Lesekompetenz, als hochgradig systemfunktional erscheinen &#8211; hier wie in den USA. PISA sei gedankt: die \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber Ursachen und Implikationen eines demokratiegef\u00e4hrdenden funktionalen Analphabetismus in der BRD und damit \u00fcber den Zustand und die Perspektiven der Ver\u00e4nderung der kulturellen Gesamtverh\u00e4ltnisse dieses Landes hat begonnen: Bildungspolitik als Gesellschaftspolitik ((5)) &#8211; und zwar nicht l\u00e4nger als nationales Projekt, sondern im Kontext der globalen Widerstandsprozesse gegen die neoliberale Globalisierung der Welt. Ulrich Klemm danke ich f\u00fcr die Steilvorlagen. Carry on.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kind als Standortfaktor und Schule als Trainingslager? Mit dem von Ulrich Klemm genannten wichtigen Gesichtspunkt der Funktionalit\u00e4t der in der Studie untersuchten Kompetenzbereiche und des in dieser Funktionalit\u00e4t erkennbaren Menschenbildes m\u00f6chte ich beginnen und diesen Gesichtspunkt verbinden mit der Frage: Wer wird handeln? Der BDA und dessen Pr\u00e4sident haben sich f\u00fcr fortlaufende Diagnosetests ausgesprochen. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/03\/von-der-wiege-bis-zur-bahre-das-kind-wird-mensch-und-fruh-zur-ware\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und fr\u00fch zur Ware - graswurzelrevolution","description":"Das Kind als Standortfaktor und Schule als Trainingslager? Mit dem von Ulrich Klemm genannten wichtigen Gesichtspunkt der Funktionalit\u00e4t der in der Studie unter"},"footnotes":""},"categories":[303,43],"tags":[],"class_list":["post-4593","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-267-marz-2002","category-bildung-libertare-padagogik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4593","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4593"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4593\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4593"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4593"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4593"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}