{"id":4599,"date":"2002-03-01T00:00:57","date_gmt":"2002-02-28T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4599"},"modified":"2022-07-26T14:26:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:14","slug":"die-afghanische-tragodie-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/03\/die-afghanische-tragodie-teil-ii\/","title":{"rendered":"Die afghanische Trag\u00f6die &#8211; Teil II"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverst\u00e4ndliches, triviales Ding.<br \/>\nIhre Analyse ergibt, da\u00df sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken.&#8220;<br \/>\n<em>(Das Kapital, Bd. I, MEW 23:85)<\/em><\/em><\/p>\n<p>Osama bin Laden, 1957 in Djidda als 17. Kind des aus dem Yemen stammenden gr\u00f6\u00dften Bauunternehmers Saudi-Arabiens geboren, hat eine normale schulische und universit\u00e4re Ausbildung durchlaufen und seine fachliche Qualifikation in der Firma seines Vaters erworben. Sein religi\u00f6ses Engagement wurde m\u00f6glicherweise durch die k\u00f6niglichen Bauauftr\u00e4ge an den heiligen St\u00e4tten, welche die Bin Laden Group erhalten hatte, gesteigert. In das Great Game um Afghanistan trat er nach der sowjetischen Besetzung des Landes im Auftrag des saudischen Geheimdienstes ein. Seine Aufgabe war die Organisation der Unterbringung und milit\u00e4rischen Ausbildung arabischer Freiwilliger in Pakistan. Nachdem er eine betr\u00e4chtliche saudi-arabische Spende f\u00fcr die Mujaheddin \u00fcbergeben hatte, richtete er zun\u00e4chst ein B\u00fcro in Lahore ein; nach einiger Zeit verlagerte er den Schwerpunkt seiner T\u00e4tigkeit nach Peshawar. W\u00e4hrend der 80er Jahre pendelte er zwischen Pakistan und Saudi-Arabien, mit dessen Geheimdienstchef Prinz Turki al Faizal er freundschaftlich verbunden war. 1984 lernte er den pal\u00e4stinensischen Islamisten Dr. Abdallah Azzaf kennen, der ihn in die Ideologie des islamischen Internationalismus einf\u00fchrte und ihn darin best\u00e4rkte, die Mujaheddin nicht nur finanziell und mit seinem bautechnischen Know-how zu unterst\u00fctzen, sondern sich auch pers\u00f6nlich an der Front zu engagieren (nach einigen Informanten soll er dabei auch leicht verwundet worden sein).<\/p>\n<p>Durch dieses mujahed-Engagement, aber auch durch seine Freigebigkeit, erlangte er Ansehen unter den Afghanen; besonders tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzte er seinen Freund Hekmatyar bei dessen Infrastrukturprojekten; insbesondere beim Bau einer Umgehungsstra\u00dfe von Jalalabad nach Kabul. Nach dem t\u00f6dlichen Attentat auf Dr. &#8218;Azzam in Peshawar (1989) sah er sich unter der Verpflichtung, dessen Vision weiter zu verfolgen. Mit dieser Disposition kehrte er 1989 nach Saudi-Arabien zur\u00fcck. Die Korruption und Dekadenz am saudischen Hof und in den privilegierten Milieus fanden seine starke Mi\u00dfbilligung, was ihn in seinen eigenen Kreisen isolierte. Der Einmarsch von ca. 500 000 ausl\u00e4ndischen Soldaten und Soldatinnen (!) w\u00e4hrend des zweiten Golfkriegs trugen entscheidend zu seiner Entfremdung vom politischen System Saudi-Arabiens bei.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang mu\u00df auf die Widerspr\u00fcche dieses Systems eingegangen werden: Die saudischen Herrscher verdanken ihre Legitimation einer Usurpation: sie hatten 1924\/25 die Haschemiten als traditionelle H\u00fcter der heiligen St\u00e4tten verdr\u00e4ngt und waren nicht einmal davor zur\u00fcckgeschreckt, die Grabm\u00e4ler der Haschemiten zu zerst\u00f6ren. Dabei kam der saudischen Dynastie ihre bereits vorher bestehende Allianz mit den Nachfolgern des Begr\u00fcnders des Wahhabismus, einer besonders rigiden Observanz des sunnitischen Islam, zugute. Muhammed ben Abd al-Wahhab war um 1745 in die von den beduinischen Saudis kontrollierte Oase Dir &#8218;iyyah gefl\u00fcchtet. Der mit Muhammad ben Saud geschlossene Freundschaftspakt wurde bis in die Gegenwart von den Linien beider Patriarchen fortgef\u00fchrt. Als folgenreich erweist sich dabei bis heute die prinzipielle Innovationsfeindlichkeit der von Wahhab vertretenen Lehre. Mit der Entdeckung und Ausbeutung der \u00d6lquellen im saudischen Herrschaftsbereich bekam das System eine expansive \u00f6konomische Basis. Obwohl mit der 1988 abgeschlossenen v\u00f6lligen \u00dcbernahme aller ARAMCO-Anteile die Souver\u00e4nit\u00e4t in diesem zentralen Sektor durchgesetzt wurde, wurde die Abh\u00e4ngigkeit von den US-\u00d6lfirmen nicht \u00fcberwunden. Dar\u00fcber hinaus konnte nicht zuletzt wegen der religi\u00f6sen Fixierung der \u00f6konomische Reichtum nicht in eigenst\u00e4ndige Modernisierungskonzepte umgesetzt werden. Es blieb bei der weitgehenden Angleichung an westliche Konsummodelle, eingerahmt von einer (lange Zeit) gro\u00dfz\u00fcgigen Wohlfahrtspolitik f\u00fcr die eigenen Staatsb\u00fcrger (i.U. zu den ausl\u00e4ndischen Hilfskr\u00e4ften).<\/p>\n<p>Dieser partiellen Modernisierung steht eine erstarrte traditionalistische Sozialordnung gegen\u00fcber, die insbesondere die Frauen von weiten Bereichen der \u00d6ffentlichkeit ausschlie\u00dft. Die Doppelmoral der saudischen Oberschicht, die einerseits im Innern eine rigide Moral durchsetzt, deren Angeh\u00f6rige sich aber im Ausland Ausschweifungen leisten, hat zu einer vielf\u00e4ltigen, dauerhaften Verstimmung auch innerhalb der Staatsb\u00fcrgerkategorie gef\u00fchrt. Es kam zu Protesten und selbst in Mekka zu gewaltt\u00e4tigen Revolten mit Hunderten von Toten. 1979 mu\u00dfte sogar eine franz\u00f6sische Spezialeinheit, deren Angeh\u00f6rige vor dem Einsatz schnell zum Islam konvertiert waren, aushelfen.<\/p>\n<p>Als Ausweg zur Ruhigstellung der internen Opposition wurden der Export des Wahhabismus und die Finanzierung islamistischer Organisationen gew\u00e4hlt. Dabei erwies sich das international verflochtene saudi-arabische Finanzkapital, bei dem die Familie Mahfuz eine f\u00fchrende Rolle spielt, als ausgesprochen n\u00fctzlich.<\/p>\n<p>Bin Laden gab sich mit dieser Alibi-Funktion der finanziellen Unterst\u00fctzung des Islamismus nicht zufrieden. Sein Beharren auf seinen zwei Ausgangsforderungen, der Befreiung Pal\u00e4stinas und den Abzug der Amerikaner aus dem Land der heiligen St\u00e4tten, das sie durch ihre Pr\u00e4senz entweihten, und seine Kritik am korrupten System f\u00fchrten 1994 zum Bruch mit dem offiziellen System. Dies bedeutete aber weder, wie oft behauptet, den tats\u00e4chlichen Ausschlu\u00df aus dem Familienverband bin Laden noch das Ende der Kooperation mit dem Conglomerate Bin Laden Group. Vor allem nutzte er die Gesch\u00e4ftsbeziehungen mit der Mahfuz-Gruppe, deren zeitweiliger Chef Khalid Mahfuz sein Schwager (der Bruder einer seiner drei Frauen) ist, zur Finanzierung seiner organisatorischen Projekte, die u.a. das Al-Qaida-Netzwerk umfassen. Dieser finanzielle Hintergrund erlaubte es bin Laden, im Unterschied zu den selbstm\u00f6rderischen Strategien des \u00e4gyptischen jihad und der pal\u00e4stinensischen Widerstandsgruppen, eine &#8222;effektivere&#8220;, d.h. mit gr\u00f6\u00dferen Verlusten f\u00fcr den US-Imperialismus verbundene, Strategie zu konzipieren. Zu den zwei Ausgangsforderungen f\u00fcgte bin Laden eine umfassendere hinzu: die weltweite Durchsetzung des Islam, was einen jihad gegen die USA voraussetzte. Diese Option mag als megalomane Vision erscheinen. Zu bedenken ist aber, da\u00df der Islam in den letzten Jahrzehnten nicht nur unter den Afroamerikanern, sondern auch in Lateinamerika viele Anh\u00e4nger gefunden hat, ganz zu schweigen von der kontinuierlichen Ausbreitung in Afrika. Ganz allgemein ist hier die Bedeutung der Petrodollars f\u00fcr die Missionierungserfolge zu beachten. Mit ihnen werden auch die Pilgerreisen nach Mekka finanziert, die f\u00fcr viele Menschen in den verarmten L\u00e4ndern die einzige legale und zugleich kostenlose M\u00f6glichkeit einer Auslandsreise darstellt.<\/p>\n<p>Aus dem Afghanistan-Beauftragten des saudischen K\u00f6nigshauses und einem zwangsl\u00e4ufig mit direkten oder indirekten Agenten des US-Imperialismus kooperierenden Organisator des Kampfes f\u00fcr die Befreiung Afghanistans von der sowjetischen Besatzung, war im Gefolge des zweiten Golfkriegs ein entschiedener Antiimperialist geworden. Bin Laden kehrte 1991 nach Afghanistan zur\u00fcck, von wo aus er in den Sudan ging, gefolgt von 480 Afghanistank\u00e4mpfern. Au\u00dfer dem Abzug der Amerikaner von der arabischen Halbinsel geh\u00f6rte auch die Bek\u00e4mpfung der US-Interventionsprojekte in Somalia zu seinen Zielen. Ende 1992 wird in Aden ein Hotel, in dem US-Soldaten untergebracht wurden, Ziel eines Bombenanschlags. Am 26. Februar 1993 wird das World Trade Center in New York Ziel eines Sprengstoffanschlags, mit sechs Toten und zahlreichen Verletzten. Die Attent\u00e4ter arabischer und balutschischer Herkunft werden zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.<\/p>\n<p>Bin Laden versuchte auch eine Destabilisierung Libyens, dessen von Gaddafi geschaffenes politisches System als eine pseudo-islamische Konkurrenz zu bek\u00e4mpfen war. Das subversive Projekt scheiterte, aber nebenbei wurde in der libyschen Syrte von bin Laden und seinen Komplizen das deutsche Agenten-Ehepaar Becker (das angeblich im Auftrag des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz [!] unterwegs war) ermordet. Vier Jahre sp\u00e4ter stellte Libyen (noch vor den USA) den ersten Interpol-Haftbefehl aus, nachdem von deutscher Seite nichts unternommen worden war.<\/p>\n<p>Vom Sudan aus versuchte bin Laden die verschiedenen fundamentalistischen Gruppierungen, die insbesondere in \u00c4gypten durch die staatliche Repression stark betroffen waren, ideologisch zu vereinheitlichen und gleichzeitig auf dezentrale Organisationsformen auszurichten. Im Sudan verb\u00fcndete er sich mit dem Fundamentalisten Turabi, was ihm die M\u00f6glichkeit gab, Trainingslager f\u00fcr arabische Militante, insbesondere mit Afghanistanerfahrung, einzurichten. Zugleich werden in Afghanistan solche Lager weitergef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der Gesch\u00e4ftsmann bin Laden, der angeblich aus dem Familienkonzernverm\u00f6gen 300 Mio $ erhalten haben soll, bet\u00e4tigte sich bis zu seiner Ausweisung aus dem Sudan im Jahr 1996, die auf amerikanischen Druck erfolgte, als Bankier und Bauunternehmer und vergr\u00f6\u00dferte so seine M\u00f6glichkeiten, islamische Wohlt\u00e4tigkeits- und militante Solidarit\u00e4tsvereinigungen auf internationalem Niveau zu unterst\u00fctzen. Seine Reisen sollen ihn bis nach Mindanao gef\u00fchrt haben. Mehrere Trainingslager wurden 1995 im Yemen eingerichtet. Im gleichen Jahr scheiterte ein Attentatsversuch gegen den \u00e4gyptischen Pr\u00e4sidenten w\u00e4hrend seines Aufenthalts in Addis Abeba. Auch mit dieser Aktion wird bin Laden in Verbindung gebracht.<\/p>\n<p>Im August 1995 k\u00fcndigt bin Laden in einem offenen Brief an K\u00f6nig Fahd Guerillaaktionen gegen US-Streitkr\u00e4fte in Saudi-Arabien an. Im August 1995 werden f\u00fcnf Amerikaner und zwei Inder bei einem Anschlag auf ein Geb\u00e4ude der saudischen Nationalgarde get\u00f6tet. Im Mai 1996 f\u00fcgt sich bin Laden der sudanischen Ausweisungsorder und kehrt nach Afghanistan zur\u00fcck. Am 25. Juni werden bei einem Lastwagenbombenattentat auf eine US-St\u00fctzpunkt in Dharan 19 US-Milit\u00e4rs get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Am 23. August 1996 ver\u00f6ffentlicht bin Laden eine Erkl\u00e4rung, in der die USA zur R\u00e4umung der arabischen Halbinsel aufgefordert werden. Die Befreiung der heiligen St\u00e4tten und der Sturz der saudischen Monarchie sind die weiteren Forderungen dieser als &#8222;Kriegserkl\u00e4rung&#8220; an die USA verstandenen Proklamation.<\/p>\n<p>In Afghanistan trifft bin Laden auf eine g\u00fcnstige Konstellation: Die Taliban haben mit Unterst\u00fctzung des pakistanischen Geheimdienstes und des pakistanischen Milit\u00e4rs 1996 Kabul eingenommen und setzen ihren Vormarsch nach Nord-Afghanistan fort. Anstelle der hinf\u00e4llig gewordenen Allianz mit Hekmatyar, der sich in den Iran zur\u00fcckgezogen hat, bieten sich die neuen Machthaber als Verb\u00fcndete an. Er erh\u00e4lt direkten Zugang zum F\u00fchrer der Taliban, Mullah Omar, der bei seinen Gefolgsleuten zwar Ansehen genie\u00dft, aber schon wegen seiner \u00d6ffentlichkeitsscheu nicht \u00fcber mobilisationsf\u00e4hige Popularit\u00e4t verf\u00fcgt. Dieses Charisma-Vakuum f\u00fcllt der arabische F\u00fchrer. Dabei kann offen bleiben, ob er sich tats\u00e4chlich mit 50 Mio $ eingekauft hat. Jedenfalls richtet sich bin Laden in Kandahar, in der N\u00e4he Mullah Omars, eine Residenz ein.. Zu beachten bleibt, da\u00df zu diesem Zeitpunkt die Taliban gute Beziehungen mit Saudi-Arabien unterhalten, das dem Regime ebenso wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan erhebliche materielle Unterst\u00fctzung zukommen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Zugleich ist das Regime immer noch in Verhandlungen mit Unocal \u00fcber die projektierten Transitpipelines. Parallel dazu erhalten die Taliban politische Protektion durch einflu\u00dfreiche Kreise in den USA, die v.a. durch eine angeheiratete Nichte des fr\u00fcheren CIA-Chefs Richard Helms, Laila Helms, koordiniert werden. Diese Frau afghanischer Herkunft hatte schon die Mujaheddin unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Zum Ausgleich der weitgehenden Isolierung des Regimes auf der offiziellen internationalen Staaten-ebene verschafft bin Laden den Taliban weltweite Kooperationsm\u00f6glichkeiten mit islamistischen Organisationen, insbesondere Stiftungen. Im S\u00fcdosten des Landes, in den Provinzen Ningahar und Khost, baut bin Laden die Trainingslager, u.a. auch f\u00fcr Kashmir-Mujaheddin, aus.<\/p>\n<p>Am 7. August 1998 ver\u00e4ndert sich die politische Lage schlagartig: Gleichzeitig verw\u00fcsten Explosionen die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam (213 bzw. 11 Tote). Bin Laden wurde wie schon bei fr\u00fcheren Attentaten von der US-Regierung der Urheberschaft beschuldigt. Die Schwere der Attentate setzte die bisher eher z\u00f6gerliche US-Administration sicherlich unter Handlungsdruck. Dieser Reaktionszwang kam aber auch Pr\u00e4sident Clinton gelegen, um von seiner Lewinsky-Misere abzulenken. Am 20 August 1998 hat Clinton mit cruise-missiles einen Versuch unternommen, bin Laden zu t\u00f6ten; die cruise-missiles waren in der Tat auf Ausbildungslager von Al Qaida in den Seitent\u00e4lern des Khoster Umlands gerichtet. Bin Laden hielt sich zu dieser Zeit dort auf, aber er entkam dem Anschlag. 18 Tote waren zu beklagen; in erster Linie einheimische Pashtunen und Pakistani. Einige missiles schlugen auch auf pakistanischem Grenzgebiet ein. US-Verteidigungs-Staatssekret\u00e4r W. S. Cohen schlo\u00df weitere Milit\u00e4ranschl\u00e4ge nicht aus. Jeder Ort in Afghanistan, an dem Terroristen sich aufhielten, sollte Ziel eines solchen Angriffs sein k\u00f6nnen, und zwar ohne vorherige Ank\u00fcndigung. Diese Ank\u00fcndigung richtete sich ausdr\u00fccklich auch an UN-Organisationen und internationale NRO.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit den missiles-Angriffen auf die &#8222;Unterst\u00e4nde von Khost&#8220; mu\u00df die \u00fcbliche Berichterstattung korrigiert werden. Sie waren nicht das Werk bin Ladens; sie wurden von ihm nur genutzt. 1991 habe ich mich nach der Kapitulation der Khoster Garnision in mehreren dieser Stollen aufgehalten. In den Schluchten der Bergr\u00fccken, die von der pakistanischen Grenze in Richtung Khost verliefen, hatten die Mujaheddin in den 80er Jahren eine Vielzahl von Stollen, die als Schutz- und Sammelpunkte (merkez) dienten, in die Bergw\u00e4nde getrieben. Als gute Mineure hatten die lokalen pashtunischen St\u00e4mme ihre Karez-Bautechniken (es handelt sich dabei um unterirdische Wasserkan\u00e4le) f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke eingesetzt. Dies war notwendig geworden, weil die ersten Versuche, auf den Bergr\u00fccken an das Rollfeld von Khost, \u00fcber das Garnison und Stadt von den Kabuler Truppen versorgt wurden, vorzur\u00fccken, wegen der starken Bombenangriffe aufgegeben werden mu\u00dften. Ostern 1991 f\u00fchrte diese Taktik, Stollen f\u00fcr Stollen an das Rollfeld vorzur\u00fccken und die Luftversorgung Khosts zu unterbinden (am Schlu\u00df standen \u00fcber 60 mehr oder weniger besch\u00e4digte Transportmaschinen auf dem Rollfeld), zur Kapitulation der Khoster Garnison.<\/p>\n<p>Bin Ladens Lehrer, Dr. &#8218;Azzam, hat in den 80er Jahren einige arabische Freiwillige in diesen Camps untergebracht; bin Laden war damals im Khoster Becken v\u00f6llig unbekannt. Die Eroberung von Khost war das Werk der lokalen St\u00e4mme (Gurbaz, Tani, Zadran u.a.), auch Hekmatyar lie\u00df sich erst nach dem Sieg dort blicken. Bin Laden hat allerdings in den 90er Jahren diese Guerilla-Stollen als Schulungsanlagen genutzt, obwohl die lokale Bev\u00f6lkerung dies nur widerwillig duldete.<\/p>\n<p>Die Attacke auf die Khoster Ausbildungslager ist typisch f\u00fcr die Abstrafung der afghanischen Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Duldung der Anwesenheit von als Terroristen gesuchten Fremden. Dieses summarische Verfahren haben die USA bis in die unmittelbare Gegenwart angewendet. Darin dr\u00fcckt sich eine Menschenverachtung aus, die sich mit dem D\u00fcnkel hochtechnologischer \u00dcberlegenheit paart und den Menschen &#8222;r\u00fcckst\u00e4ndiger Regionen&#8220; die Position der &#8222;prometheischen Scham&#8220; zuweist.<\/p>\n<p>Der August 1998 markiert die entscheidende Z\u00e4sur nicht nur in der Verfolgung bin Ladens durch die USA, sondern auch in deren Beziehungen zu den Taliban. Die USA schienen die bisherigen Provokationen nicht dramatisieren zu wollen. Die Anschl\u00e4ge auf die US-Botschaften erforderten eine Reaktion. Der US-Pr\u00e4sident schlug nun aber nicht den Rechtsweg ein, sondern schlug milit\u00e4risch und obendrein fehlerhaft zur\u00fcck. Die unzureichende Vorbereitung und Durchf\u00fchrung dieser Strafaktion ebenso wie jener im Sudan, wo als Repressalie eine pharmazeutische Fabrik vernichtet wurde, die nicht, wie behauptet, Kampfstoffe herstellte, ist allerdings auch der erw\u00e4hnten Ablenkungsfunktion (Lewinsky-Misere), die gerade zu diesem Zeitpunkt besonders erw\u00fcnscht war, zuzuschreiben.<\/p>\n<p>Die Blindw\u00fctigkeit der beiden Vergeltungsaktionen kontrastiert auff\u00e4llig mit der eher schleppenden geheimdienstlichen Aufkl\u00e4rung und daraus folgender juristischer Strafverfahren. So hat die CIA 1995 das Angebot des sudanesischen Geheimdienstes verschm\u00e4ht, ihr zwei Verd\u00e4chtige aus dem Umkreis von bin Laden zu \u00fcberstellen. Die USA tolerierten auch, da\u00df der saudische Geheimdienst ihre Agenten nicht an der Aufkl\u00e4rung der Anschl\u00e4ge mitwirken lie\u00df. Erst am 8. Juni 1998 hat die Grand Jury von New York eine Anklage gegen bin Laden wegen der Anschl\u00e4ge auf amerikanische Milit\u00e4ranlagen erhoben; also fast drei Monate sp\u00e4ter als die libysche Interpolfahndung.<\/p>\n<h3>Was sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Z\u00f6gerlichkeit?<\/h3>\n<ol>\n<li>Das Fortbestehen der Achse Washington &#8211; Islamabad &#8211; Kandahar (Kabul) &#8211; Riad;<\/li>\n<li>Die objektiven Verflechtungen saudi-arabischen Kapitals mit US-Kapital, insbesondere aber die Beziehungen zum texanischen \u00d6lkapital.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Zu 1: Zentral ist die auch nach 1998 fortgesetzte Unterst\u00fctzung der Taliban durch Pakistans Geheimdienst und Armee. Deren unmittelbare milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung durch Angeh\u00f6rige der Streitkr\u00e4fte wird noch im Sp\u00e4therbst 2001 sichtbar, als pakistanische Flugzeuge mehrere hundert pakistanische Milit\u00e4rs aus Nordafghanistan nach Pakistan repatriieren. Der pakistanische Geheimdienst ist teilweise von Saudi-Arabien finanziert worden; der G\u00f6nner bin Ladens und der Taliban, der saudische Geheimdienstchef Prinz Turki, wird erst im August 2001 von seiner Position entfernt. Pakistans Regime bleibt auch nah dem Putsch von Generalstabschef Muzharaff in der Gunst Washingtons. Die USA sind trotz ihrer Vorbehalte wegen der Rolle, die bin Laden in Afghanistan spielt, nach wie vor an den Pipeline-Projekten interessiert, auch wenn sich Unocal Ende 1998 wegen der hinhaltenden Verhandlungstaktik f\u00fcrs erste aus dem Projekt zur\u00fcckzieht. Immerhin unterzeichnen Pakistan, Turkmenistan und die Taliban am 29. April 1999 ein Abkommen zur Wiederbelebung des Gaspipeline-Projekts. Vor allem aber m\u00fcssen die USA auf die Taliban setzen, weil deren Rivalen, die Nordallianz, die von Ru\u00dfland und Uzbekistan abh\u00e4ngig sind, als Verb\u00fcndete zun\u00e4chst ausscheiden. Zugleich besteht die Hoffnung, da\u00df die allm\u00e4hlich intensivierten Aufforderungen an die Taliban, bin Laden auszuliefern, bei Teilen der Taliban, insbesondere bei Au\u00dfenminister Muttawakil, auf Gespr\u00e4chsbereitschaft sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es ein soziokulturelles Problem: das Pashtunwali verbietet die Auslieferung eines Mannes, dem das Gastrecht gew\u00e4hrt wurde. Auch nach dem 11. September bestehen die Taliban auf der Vorlage von Beweisen f\u00fcr die von bin Laden bestrittene Urheberschaft bei den Anschl\u00e4gen auf die beiden US-Botschaften und andere milit\u00e4rische Objekte der USA (am 12. Oktober 2000 war noch das Selbstmordattentat auf den US-Zerst\u00f6rer Cole in Aden hinzugekommen). Die USA weigern sich aber, diese Beweise vorzulegen. In dieser Sackgasse bleibt als einziger Ausweg, da\u00df die Taliban bin Laden zur Ausreise zwingen. \u00dcber diese Fragen wird zwischen den USA und den Taliban bis in den August 2001 verhandelt.<\/p>\n<p>Zu 2: Zu diesem Komplex wird nach dem 11. September von Brisard und Dasqui\u00e9 eine in vieler Hinsicht sensationell wirkende Analyse und Dokumentation vorgelegt. Sie weisen nicht nur auf die wichtige Rolle von Laila Helms und die \u00fcberraschende Rolle Libyens in der &#8222;Sache bin Laden&#8220; hin. Sie dokumentieren v.a. die saudisch-amerikanischen \u00f6konomischen Verflechtungen, durch die eine heute peinlich wirkende Konvergenz der Familien bin Laden, Mahfuz und der Familie Bush mit einiger Plausibilit\u00e4t nachgewiesen wird.<\/p>\n<p>Die 1931 von Moh. Awad Binladen gegr\u00fcndete Saudi Binladen Group entwickelte sich zun\u00e4chst, nicht zuletzt durch die Auftr\u00e4ge f\u00fcr den Ausbau der heiligen St\u00e4tten und f\u00fcr den Bau von Pal\u00e4sten, zum f\u00fchrenden Bauunternehmen des Landes. In den letzten Jahrzehnten hat sich dieser Konzern diversifiziert und Industrieunternehmen im Nahen Osten, aber auch in westlichen L\u00e4ndern (bis hin zu einer Kristallwarenfabrik in Westdeutschland) gegr\u00fcndet. Auch in den USA verfolgt er industrielle Interessen. Dar\u00fcber hinaus werden Printmedien von dieser Gruppe unterhalten, mit dem Schwerpunkt auf islamistischen Publikationen. Zu den Aktivit\u00e4ten geh\u00f6ren nicht zuletzt Zuwendungen an islamische-caritative Organisationen in den westlichen L\u00e4ndern. Die B\u00fcros von Hazar Publications unterst\u00fctzen offen Osama bin Laden.<\/p>\n<p>1950 war die National Commercial Bank von Salim bin Mahfuz gegr\u00fcndet worden. Dessen Nachfolge trat 1994 dessen Sohn Khalid an; Osama bin Laden ist aber mit einer seiner Schwestern verheiratet. Auch diese auf das Bankgesch\u00e4ft spezialisierte Firma diversifizierte sich; so geh\u00f6rt(e) ihr in Deutschland die Multiport Recycling; nicht zuletzt war sie an der Bin Laden Telecommunication Corporation beteiligt. Von besonderer Bedeutung war die International Development Foundation, einer islamischen Wohlt\u00e4tigkeitsorganisation, an der auch Osama bin Laden beteiligt war, und mit deren Hilfe dieser einen Teil seiner politische Aktivit\u00e4ten finanzierte. Mit diesem betrieb Mahfuz auch die Saudi Sudanese Bank. Khalid bin Mahfuz geriet in die Schlagzeilen, als die 1972 gegr\u00fcndete Bank of Credit and Commerce International (BCCI), die vor allem in den USA zahlreiche Bank- und Industrieverbindungen aufgebaut hatte, 1990 in die Schlagzeilen geriet und 1991 ihre Gesch\u00e4fte wegen betr\u00fcgerischer Kreditoperationen einstellen mu\u00dfte. Diese waren zu einem erheblichen Teil islamistischen Organisationen, insbesondere aus dem Al Qaida-Spektrum, zugute gekommen. Auf dem H\u00f6hepunkt ihrer Aktivit\u00e4ten unterhielt die BCCI 400 Filialen in 73 Staaten und wurde auch von der Bank of America unterst\u00fctzt. Khalid bin Mahfuz war auch ma\u00dfgeblich am Kapital der Prime Commercial Bank, mit Sitz in Lahore, beteiligt. \u00dcber Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer verschiedener Ableger des Mahfuzkonzerns war Mahfuz auch an der US-amerikanischen Carlyle Group beteiligt. An deren Spitze standen f\u00fchrende Mitglieder der von Bush senior gef\u00fchrten US-Administration, wie z.B. der ehemalige Au\u00dfenminister James A. Baker III.<\/p>\n<p>Der heutige US-Pr\u00e4sident war von 1990-1994 Mitglied des Verwaltungsrats einer Tochterfirma von Carlyle, der Firma Caterair. Damit nicht genug: George W. Bush war von 1986-1993 Vorsitzender einer texanischen \u00d6lgesellschaft, die 1987 in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Ein enger saudischer Gesch\u00e4ftspartner Khalid bin Mahfuz befreite den heutigen US-Pr\u00e4sidenten aus dieser schwierigen Situation, indem er sich mit 11,5 % am Kapital der Harken Energy Corporation beteiligte.<\/p>\n<p>Diese finanziellen Verflechtungen und quasi-moralischen Verpflichtungen erkl\u00e4ren zumindest teilweise das z\u00f6gerliche Vorgehen der USA gegen bin Laden. Das Attentat vom 11. September war wohl ein g\u00fcnstiger Anla\u00df f\u00fcr einen Befreiungsschlag. Pr\u00e4sident Bush machte hinreichend deutlich, da\u00df er bin Laden lieber tot als lebendig zur Strecke bringen will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverst\u00e4ndliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, da\u00df sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken.&#8220; (Das Kapital, Bd. I, MEW 23:85) Osama bin Laden, 1957 in Djidda als 17. Kind des aus dem Yemen stammenden gr\u00f6\u00dften Bauunternehmers Saudi-Arabiens geboren, hat eine normale schulische &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/03\/die-afghanische-tragodie-teil-ii\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die afghanische Trag\u00f6die - Teil II - graswurzelrevolution","description":"\"Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverst\u00e4ndliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, da\u00df sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysische"},"footnotes":""},"categories":[303,1027],"tags":[],"class_list":["post-4599","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-267-marz-2002","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4599","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4599"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4599\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4599"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4599"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4599"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}