{"id":4601,"date":"2002-03-01T00:00:46","date_gmt":"2002-02-28T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4601"},"modified":"2022-07-26T13:56:55","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:55","slug":"rufen-wir-dem-adolf-heil-oder-auch-das-gegenteil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/03\/rufen-wir-dem-adolf-heil-oder-auch-das-gegenteil\/","title":{"rendered":"&#8222;Rufen wir dem Adolf Heil\/ oder auch das Gegenteil?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Im v\u00f6llig zerbombten K\u00f6ln rafft ein Goldfasan, einer jener g\u00f6ringhaft-prachtgewohnten Nazigr\u00f6\u00dfen, die im Stile feudaler F\u00fcrsten zu schalten und zu walten pflegten, im \u00f6rtlichen B\u00fcro der NSDAP hastig seine Habseligkeiten zusammen. Es ist der Mai des Jahres 1945, wenige Tage vor der Kapitulation des Dritten Reiches, und der Funktion\u00e4r hat es eilig, zu verschwinden- als es klopft. In der T\u00fcre steht ein Landser; ein hochaufgeschossener, wiewohl etwas linkisch wirkender Kerl in verschossener Uniformjacke. &#8222;Bitte eintreten zu d\u00fcrfen&#8220;, sagt er. Der Goldfasan blickt kaum von seiner raffenden Hatiererei empor. &#8222;Bitte!&#8220;, knurrt er. &#8222;&#8230;in die Partei&#8220;, erwidert der Landser. Da hebt der Nazi den Kopf und br\u00fcllt: &#8222;Daf\u00fcr ist es jetzt zu sp\u00e4t!!&#8220;. Der Landser l\u00e4chelt. &#8222;Danke. Das wollte ich wissen&#8220;, sagt er, salutiert und verschwindet. Der Landser war der Kabarettist Werner Finck.<\/p>\n<h3>&#8222;Eulenspiegel \u00fcberlebt den Krieg&#8220;<\/h3>\n<p>Zugegeben: verb\u00fcrgt ist diese Geschichte nicht. Es gab &#8211; und gibt &#8211; wohl keinen deutschen Kabarettisten, um den sich so viele Legenden ranken und Ger\u00fcchte sammelten wie um Werner Finck, den 1902 in G\u00f6rlitz geborenen Gr\u00fcnder der &#8222;Katakombe&#8220;, das gro\u00dfe Vorbild des Berliners Wolfgang Neuss (s. GWR 239). Finck, dem genialischen Karl Valentin und &#8211; ausgerechnet &#8211; dem politisch fragw\u00fcrdigen bayrischen Volkshumoristen Wei\u00df Ferdl, der Adolf Hitler zu seinen treusten Verehrern rechnen durfte, wurden w\u00e4hrend des Dritten Reiches die meisten Fl\u00fcsterwitze in den Mund gelegt. ((1))\u00a0 Im Jahre 1947 sa\u00df Bertolt Brecht im Publikum einer Z\u00fcricher Darbietung von Werner Fincks Soloprogramm &#8222;Kritik der reinen Unvernunft&#8220;. Danach schrieb er das wohl einzige Gedicht, das je ein Dichter \u00fcber einen Kabarettisten geschrieben hat. Es trug den Titel &#8222;Eulenspiegel \u00fcberlebt den Krieg&#8220;:<em> &#8222;[&#8230;] Und als der gro\u00dfe\/ G\u00fctevolle, w\u00fcrdelose\/ Sp\u00e4\u00dfevogel diese knappe\/ Zeit beschrieb, da war&#8217;s, als klappe\/ geisterhaft ihm manche tote\/ Hand noch Beifall.[&#8230;] Und es war, als w\u00fcchsen Fl\u00fcgel\/ Diesem ungelenken Gaste\/ der in gro\u00dfer Zeit nicht pa\u00dfte\/ und indem er witzig war und bebte\/ wie das niedre Volk sie \u00fcberlebte&#8220;<\/em>. ((2))<\/p>\n<p>Eulenspiegel \u00fcberlebte den Krieg &#8211; nicht nur in Person Werner Fincks. Die Nationalsozialisten konnten ihn, trotz aller M\u00fchen und Grausamkeit, KZ-Haft und &#8222;Heimt\u00fcckeparagraphen&#8220;, nicht zur Strecke bringen: den politischen Witz, das despektierliche Lachen, die scharfe, aber verdeckte Satire, das l\u00e4sterliche Bonmot, zu dem die W\u00fcrde des menschlichen Geistes so oft ihre Zuflucht nahm und das nicht dumpf und gerade auf den Gegner zulief, sondern elegante Haken schlug und die Lacher auf seine Seite zog. Politische Gegner, die offen ihren Widerstand gegen die neuen Machthaber bekundeten, wurden gejagt und zertreten. Mit ihnen umzugehen war man gewohnt, der Zugriff auf sie lange vorbereitet. Womit die Nationalsozialisten nicht zurande kamen waren Gegner, die sich ihnen nicht mit wehenden Fahnen oder klandestinen Tarnschriften entgegenstellten, sondern mit doppelsinnigen Wortspielen; die sie der L\u00e4cherlichkeit preisgaben mit einer Unschuldsmiene, die kein W\u00e4sserchen tr\u00fcben konnte; und mit dem Florett der urgermanischen Keule entgegentraten, deren w\u00fcsten Schl\u00e4gen sie nicht selten auszuweichen wu\u00dften. Kabarett, das kunstvolle <em>&#8222;Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums&#8220;<\/em> ((3))\u00a0, lie\u00df die Nationalsozialisten oft hilflos und nackt auf dem Paukboden &#8211; unter den Augen der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Denn es gab Kabarett w\u00e4hrend des Dritten Reiches: im europ\u00e4ischen Ausland, meist gegr\u00fcndet von deutschen Exilanten, aber auch im nationalsozialistischen Deutschland selbst, und sogar in den Konzentrationslagern.<\/p>\n<p>In Berlin brachte Willi Schaeffers sein KadeKo, sein &#8222;Kabarett der Komiker&#8220;, mit Ach und Krach und allerlei Winkelz\u00fcgen durch ganze elf Jahre des tausendj\u00e4hrigen Reiches, bis 1944 eine Fliegerbombe seine M\u00fchen vorl\u00e4ufig ein\u00e4scherte (die anfallende Korrespondenz signierte er artig mit &#8222;Heil Hitler!&#8220;). F\u00fcr die deutschsprachige Abteilung der BBC London sprach der \u00f6sterreichische Schauspieler Martin Miller (eigentlich Johann M\u00fcller) 1940 im Londoner Exilkabarett &#8222;Laterndl&#8220; die Parodie einer Hitlerrede so \u00fcberzeugend, da\u00df die CIA beim englischen Geheimdienst anfragte, was von diesen neuen Verlautbarungen des F\u00fchrers wohl zu halten sei. In der Schweiz schrieben und spielten Therese Giehse, Erika Mann und Klaus Mann in der &#8222;Pfefferm\u00fchle&#8220; unbeirrbar an gegen den deutschen Ungeist &#8211; und die blasierte Schweizer Fremdenpolizei. Im Moorlager Papenburg &#8211; Esterwegen gab es den &#8222;Zirkus Konzentrazani&#8220;: in ihm sangen H\u00e4ftlinge zum ersten Mal das ber\u00fchmte Lied &#8222;Die Moorsoldaten&#8220;. Und von dem aus Deutschland verjagten Dichter Walter Mehring stammen jene Verse, die wie ein Motto oder Leitsatz \u00fcber allen Versuchen, gegen Hitler und das Grauen des Dritten Reiches anzulachen, stehen k\u00f6nnten: <em>&#8222;Da\u00df diese Zeit uns wieder singen lehre\/ die guten Lieder eines b\u00f6sen Spotts\/ selbst wenn uns Herz und Sinn nicht danach w\u00e4re\/ nur euch zum trotz, nur euch zum trotz&#8220;.<\/em>\u00a0((4))<\/p>\n<h3>Joseph Goebbels und das Kabarett<\/h3>\n<p>Kein Kabarettist aber war den Nationalsozialisten und vor allem ihrem <em>Reichsminister f\u00fcr Volksaufkl\u00e4rung und Propaganda<\/em>, Joseph Goebbels, so verhasst wie Werner Finck.<\/p>\n<p>Dabei war Goebbels, was seine Vorstellungen von kultureller Propaganda betraft, ein erstaunlich beweglicher Pragmatiker. Zum Kriegf\u00fchren, so Goebbels, brauche man ein Volk, das seine gute Laune bewahre. Schon 1933 hatte er vor Filmschaffenden der Ufa in Berlin gez\u00fcrnt, man solle ihn in Frieden lassen mit endlosen Kolonnen von SA &#8211; Leuten, die \u00fcber die Leinwand marschierten &#8211; damit k\u00f6nne man niemanden f\u00fcr die Sache der Partei begeistern. F\u00fcr vorbildlich hielt er statt dessen ausgerechnet Sergeij Eisenstein &#8222;Panzerkreuzer Potemkin&#8220;: <em>&#8222;Er ist fabelhaft gemacht, er bedeutet eine filmische Kunst ohnegleichen. Das entscheidende &#8218;warum?&#8216; ist die Gesinnung. Wer weltanschaulich nicht fest ist, k\u00f6nnte durch diesen Film zum Bolschewisten werden&#8220;.<\/em> ((5))<\/p>\n<p>Goebbels wollte Resultate und propagandistische Erfolge. Wie diese zu erreichen seien, war ihm gleichg\u00fcltig. F\u00fcr St\u00fcmper und Parteitrampel hatte er keine Verwendung. So konnte der verfemte, verbrannte Dichter Erich K\u00e4stner &#8211; unter Pseudonym freilich &#8211; in einer Villa in Berlin mit Goebbels ausdr\u00fccklicher Zustimmung das Drehbuch f\u00fcr den Ufa-Film &#8222;Baron M\u00fcnchhausen&#8220; verfassen. Goebbels Chefkommentator beim Rundfunk, Hans Fritsche, war ein ausgewiesener Fachmann und langj\u00e4hriger Radioprofi. Die kriegsverwendungsf\u00e4hige gute Laune wollte Goebbels auch mit k\u00fcnstlerischen Mitteln erreichen. Der Schlager stand in Bl\u00fcte, man denke an Lieder wie &#8222;Lili Marleen&#8220;, gesungen von der Schwedin Lale Andersen, oder die grausige Durchhaltehymne &#8222;Keine Angst, keine Angst, Rosmarie&#8220;, die Heinz R\u00fchmann und seine Kollegen noch 1944 tr\u00e4llerten. Sogar eine <em>Jazz-Band<\/em> hatte Goebbels f\u00fcr &#8222;sein&#8220; Radio zusammengestellt, immerhin entartete und eigentlich verbotene Musik. Man h\u00e4tte also annehmen d\u00fcrfen, da\u00df Goebbels auch das Kabarett dulden und f\u00fcr seine Zwecke umfunktionieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gab es in den ersten Jahren des Dritten Reiches K\u00fcnstler, die das &#8222;kabarettistische&#8220; zumindest im Namen f\u00fchrten. Da waren zum Beispiel die 1935 gegr\u00fcndeten &#8222;Acht Entfesselten&#8220;, ein unanst\u00f6\u00dfiges Unterhaltungsensemble, \u00fcber dessen willf\u00e4hrige Darbietung der Kulturdienst der NSDAP am 2. April 1936 schrieb: <em>&#8222;Aus dem Alltag des Volkes sind die Themen [&#8230;] genommen. Gegen Unnat\u00fcrlichkeit in Kunst, Film, Funk, Theater, Operette, Wochenschau, Reklame wird eine vergn\u00fcgte Attacke geritten. Dabei darf nat\u00fcrlich ein politischer Spott auf die Greuelpropaganda nicht fehlen&#8220;.<\/em> ((6)) \u00a0 Ein anderer den Nazis genehmer Kleink\u00fcnstler war (neben Wei\u00df Ferdl) der schlesische Stimmenimitator Ludwig Manfred Lommel, auch er ein linientreuer Possenrei\u00dfer, der den Machthabern nicht auf die F\u00fc\u00dfe trat. 1937 schrieb G\u00fcnther Meerstein in seiner Dissertation <em>&#8222;Das Kabarett im Dienste der Politik&#8220;<\/em>: <em>&#8222;Das kabarettistische Moment, das bei allen V\u00f6lkern zu allen Zeiten vorhanden war und auch noch heute vorhanden ist, wird im nationalsozialistischen Deutschland in der Kleinkunstst\u00e4tte &#8218;Kabarett&#8216; als politisches F\u00fchrungs &#8211; und Beeinflussungsmittel des gesamten Volkes herausgestellt, um der Staatsf\u00fchrung ein wirkungsvolles Instrument zur Unterhaltung und zur politischen F\u00fchrung und Beeinflussung des Volkes in die Hand zu geben&#8220;.<\/em> ((7))\u00a0 So w\u00e4re es vielleicht gekommen, h\u00e4tte es da nicht das <em>wirkliche<\/em> Kabarett gegeben, und nicht zuletzt die &#8222;Katakombe&#8220;.<\/p>\n<h3>&#8222;Kommen Sie mit? Oder mu\u00df ich mitkommen?&#8220;<\/h3>\n<p>Die &#8222;Katakombe&#8220;, am 16. Oktober 1929 von Werner Finck und Hans Deppe im Keller des Berliner &#8222;K\u00fcnstlerhauses&#8220; in der Bellevuestr. 3 er\u00f6ffnet, war in den sp\u00e4ten drei\u00dfiger Jahren f\u00fcr das deutsche Kabarett so etwas wie eine Frischzellenkur gewesen. Die Zeit der politischen Bissigkeit und der k\u00fcnstlerischen Sch\u00e4rfe nach der verpatzten Revolution von 1918 war geschwunden. Auf den Berliner B\u00fchnen schwang man Bein. Es war die Zeit der gro\u00dfen Revuen eines Rudolf Nelson oder Friedrich Hollaender, aufgef\u00fchrt in gro\u00dfen Theatern und vor Publikum in gro\u00dfer Robe mit gro\u00dfem Konto auf der Bank. Zwar schrieben noch immer Autoren wie Tucholsky, K\u00e4stner oder Mehring f\u00fcr das Kabarett. Man begn\u00fcgte sich aber mit erotischen Zweideutigkeiten, anstatt der Zeit zornig den Spiegel vorzuhalten. Am anderen Ende der politischen Skala standen kommunistische Agitationskabaretts &#8211; wie etwa der ber\u00fchmte &#8222;Rote Wedding&#8220; &#8211; die vom <em>Bund proletarisch-revolution\u00e4rer Schriftsteller<\/em> (dem unter anderem Erich Weinert und Johannes R. Becher angeh\u00f6rten) mit Texten versorgt wurden: treu auf Linie und umweht von Th\u00e4lmann- oder Stalinbannern. <em>&#8222;Haltet die F\u00e4uste bereit&#8220;<\/em>. Keine guten Zeiten f\u00fcrs Kabarett&#8230;<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich die &#8222;Katakombe&#8220;: ein verrauchter Keller, mit St\u00fchlen, Tischen, Ausschank, umrahmt von z\u00fcnftigen Elch- und Hirschgem\u00e4lden; eine improvisierte Bretterb\u00fchne mit einem abgenutzten Vorhang, und ein Programm, das vor Abwechslung &#8211; in der &#8222;Katakombe&#8220; traten zeitweise \u00fcber drei\u00dfig verschiedene K\u00fcnstlerInnen auf, vom Karikaturisten \u00fcber die T\u00e4nzerin bis zum Nummernkabarett &#8211; und Spielwitz zu platzen schien. ((8))\u00a0 Star des ganzen war der Conf\u00e9rancier Werner Finck, der sich hinrei\u00dfend in seinen Halbs\u00e4tzen &#8211; und dem Vorhang &#8211; verh\u00e4ddern konnte, wenn er nicht gerade eigene Gedichte vortrug.<\/p>\n<p><em>&#8222;Im Grunde war von uns beneidetes Vorbild, was die Berliner gerade satt und gr\u00fcndlich \u00fcberbekommen hatten: das arrogante, versnobte, sich entsetzlich ernstnehmende Kurf\u00fcrstendamm-Kabarett. Wir aber, in unseren billigen Stra\u00dfenanz\u00fcgen und ungeputzten Schuhen, mit dem gr\u00fcnen Lappen, der uns als Vorhang diente, und dem treuherzigen Gebaren, waren gerade das Gegenteil. Unsere Befangenheit war daher gro\u00df, unsere Sch\u00fcchternheit echt. Aber wir trugen alles mit sehr viel Humor. Gerade das schlug unerh\u00f6rt ein. Wir wurden Mode. [&#8230;] Als schlie\u00dflich Max Reinhardt vier Pl\u00e4tze bestellte &#8211; Verzeihung, bestellen lie\u00df &#8211; putzten wir uns zum erstenmal vor Schreck die Stiefel&#8220;.<\/em> ((9))<\/p>\n<p>Links, gar linksradikal war Werner Finck gewiss nicht. Er sei, hat er einmal gesagt, eigentlich nur politisch nach links ger\u00fcckt, weil er geh\u00f6rt habe, im Kabarett sei man &#8222;halt eben&#8220; links. Aggressive Schm\u00e4hverse wie sie etwa ein Kurt Tucholsky der aufziehenden braunen Barbarei entgegenschleuderte waren seine Sache nicht. In der &#8222;Katakombe&#8220; h\u00f6rte sich eine Warnung vor Hitler 1932 so an:<\/p>\n<p>Wie es so regnet heut&#8216; nacht,<br \/>\nhab&#8216; ich sofort: Aha! gedacht,<br \/>\nder Sommer ist zuende.<br \/>\nO mein prophetisches Gef\u00fchl!<br \/>\nHeut&#8216; morgen war&#8217;s schon richtig k\u00fchl<br \/>\nund herbstlich im Gel\u00e4nde.<br \/>\nDie Sonne scheint noch immer froh,<br \/>\ndoch sieh dich vor: es scheint nur so,<br \/>\ndas sind noch Restbest\u00e4nde.<br \/>\nNein, nein, der Sommer ist vorbei,<br \/>\nund Feld und Fluren werden frei<br \/>\nf\u00fcr unsre Wehrverb\u00e4nde.<br \/>\nWie schnell das ging! Ja, die Natur!<br \/>\nGlaubt nicht, da\u00df eine Diktatur<br \/>\nMal \u00e4hnlich schnell verschw\u00e4nde. ((10))<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit dem 30. Januar 1933 durfte die &#8222;Katakombe&#8220;, mittlerweile unter der Direktion Fincks, sich \u00fcber Zuwachs an Publikum freuen: Die geheime Staatspolizei war regelm\u00e4\u00dfig zahlender Gast. <em>&#8222;F\u00fcr die &#8218;Katakombe&#8216; war die Zeit der raffinierten Andeutung gekommen. Man brauchte nur mit einem kleinen H\u00e4mmerchen an ein kleines Gl\u00f6ckchen zu schlagen, schon \u00fcbertrug sich das wie das L\u00e4uten einer Sturmglocke [&#8230;]. Die Angst im Publikum, die sich immer wieder im Lachen befreite, trug die Stimmung des Abends &#8211; und mir eine Verwarnung nach der anderen ein. Die Spitzel wu\u00dften immer genau, was sie mitzuschreiben hatten&#8220;.<\/em> ((11))\u00a0 Werner Finck machte es ihnen aber auch &#8211; zumindest in dieser Hinsicht &#8211; auf halsbrecherische Weise einfach: <em>&#8222;Wissen Sie, ich geh\u00f6re so zu den Menschen, die lieber einen guten Freund verlieren als einen guten Witz unterdr\u00fccken [&#8230;] Wenn ich so die Gestapo sitzen sah, die schrieben dann mit in ihrem Stenogrammheftchen, und da konnte ich mir nat\u00fcrlich die Bemerkung nicht verbei\u00dfen und sage: &#8218;Na, so geheim scheinen Sie ja nun och nich&#8216; zu sein von der Staatspolizei. Also, ich sehe ziemlich deutlich was sie da machen'&#8220;.<\/em> ((12))\u00a0 Ein anderes Mal fragte Finck den anwesenden Spitzel leutselig: <em>&#8222;Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder&#8230;mu\u00df ich mitkommen?&#8220;<\/em>\u00a0((13))<\/p>\n<p>Wie die Berichte aussahen, die die Gestapo Vorstellung f\u00fcr Vorstellung anfertigen lie\u00df, mag exemplarisch verdeutlicht werden an einem Protokoll <em>&#8222;B.- Nr.41551\/35 II 2 C 8057\/ 35, 16. April 1935&#8220;<\/em>: <em>&#8222;Das Publikum in der &#8218;Katakombe&#8216; setzt sich in der \u00fcberwiegenden Mehrzahl aus Juden zusammen, die den Gemeinheiten und der bissigen, zersetzenden Kritik des Conf\u00e9renciers Werner Fink <\/em>[sic!]<em> fanatisch Beifall zollen. Fink <\/em>[!]<em> ist der typische fr\u00fchere Kultur-Bolschewist, der offenbar die neue Zeit nicht verstanden hat oder jedenfalls nicht verstehen will und der in der Art der fr\u00fcheren j\u00fcdischen Literaten versucht, die Ideen des Nationalsozialismus und alles das, was einem Nationalsozialisten heilig ist, in den Schmutz zu ziehen&#8220;<\/em>. ((14)) Am 18. Mai 1935 war es schlie\u00dflich soweit: Werner Finck und f\u00fcnf weitere Mitglieder der Katakombe wurden verhaftet und <em>&#8222;f\u00fcr die Dauer von 6 Wochen in ein Lager mit k\u00f6rperlicher Arbeit&#8220;<\/em>\u00a0((15)) \u00fcberf\u00fchrt. Die letzten noch verbliebenen Kabaretts, &#8222;Katakombe&#8220; und &#8222;Tingeltangel&#8220;, waren nicht mehr!<\/p>\n<p>Die Berliner Kabarettisten kamen nach Esterwegen ins ber\u00fcchtigte Moorlager &#8211; in dem auch der bereits schwer tuberkulosekranke Journalist Carl von Ossietzky einsa\u00df. Sie waren sich in Freiheit nie gr\u00fcn gewesen, Finck und Ossietzky, der konservative Sp\u00f6tter und der radikaldemokratische <em>Weltb\u00fchnen-<\/em>Chef. Ossietzky, selbst durchaus witzbegabt, begr\u00fc\u00dfte jetzt (angeblich) seinen neuen Mith\u00e4ftling mit den Worten: <em>&#8222;Ich h\u00e4tte mir nicht tr\u00e4umen lassen, da\u00df wir beide mal im selben Lager stehen&#8220;<\/em>. ((16))<\/p>\n<h3>Flucht ins graue Tuch<\/h3>\n<p>Goebbels war entschlossen, den unbotm\u00e4\u00dfigen Kabarettisten Finck zu beseitigen &#8211; und alles, wof\u00fcr er stand. Denn das Schicksal Werner Fincks wurde l\u00e4ngst europaweit beachtet, und seine immer neuen Hakenschl\u00e4ge trieben den m\u00e4chtigen Minister allm\u00e4hlich in den Wahnsinn. Wieviel Zeit und Energie man in seinem Ministerium darauf verwandte, nur <em>einen<\/em> Menschen &#8211; notfalls mit Gewalt &#8211; zum Schweigen zu bringen, erstaunt noch heute. Mochte Werner Finck zwischenzeitlich das Lachen vergangen sein &#8211; er lachte doch stets als letzter. Der Sondergerichtsproze\u00df, ein Jahr nach seiner Haftentlassung aus dem Konzentrationslager angestrengt, endete mit Freispruch. <em>&#8222;Bestraft wurden die Richter. Auf Anordnung von Goebbels wurden sie strafversetzt. In die Provinz. Da hatten sie nichts mehr zu lachen&#8220;<\/em>. ((17))\u00a0 Die Richter waren w\u00e4hrend des Prozesses auf den unseligen Gedanken gekommen, die inkriminierten Sketsche und Satiren, von der Gestapo eifrig mitgeschrieben, noch einmal vorf\u00fchren lassen zu m\u00fcssen &#8211; \u00f6ffentlich im voll besetzten Gerichtssaal! Die Heiterkeit des Publikums soll dementsprechend gewesen sein&#8230;<\/p>\n<p>Auf eine ironisch verklausulierte Antwort Werner Fincks im <em>Berliner Tageblatt<\/em> auf die Frage <em>&#8222;Haben wir eigentlich Humor?&#8220;<\/em> antwortete der tobende Minister sogar pers\u00f6nlich: <em>&#8222;Man komme uns nicht mit dem Einwand, da\u00df wir humorlos w\u00e4ren. Wir waren nicht immer im Besitz des Staates und der \u00f6ffentlichen Gewalt. Auch wir standen einmal in der Opposition; und es ist der deutschen \u00d6ffentlichkeit wohl noch nicht ganz entfallen, da\u00df wir es waren, die einmal einen gewissen Polizeipr\u00e4sidenten [&#8230;] durch Witze politisch get\u00f6tet haben. Wir k\u00f6nnten also auch so mit unseren Kritikern verfahren, wenn wir wollten. Aber wir wollen nicht. Wir haben keine Lust, und vor allem auch keine Zeit, uns mit armseligen Literaten polemisch auseinanderzusetzen. Wir haben augenblicklich besseres zu tun. Die politische Witzemacherei ist ein liberales \u00dcberbleibsel. [&#8230;] Wir sind in diesen Dingen zu gescheit und zu erfahren, um sie ruhig weitertreiben zu lassen. Wir wissen, da\u00df jetzt die deutsch-feindlichen Zeitungen in Paris, London und New York f\u00fcr unsere armen Conf\u00e9renciers eintreten werden [&#8230;] Uns ber\u00fchrt das innerlich gar nicht mehr&#8220;<\/em>. ((18)) Finck flog endg\u00fcltig aus der sogenannten <em>Reichskulturkammer<\/em> heraus. Damit waren ihm \u00f6ffentliche Auftritte f\u00fcrderhin verboten. Es versteht sich von selbst, da\u00df das <em>Berliner Tageblatt<\/em> wenige Tage nach Goebbels Replik sein Erscheinen einstellen mu\u00dfte&#8230;<\/p>\n<p>Werner Finck brachte sich in Sicherheit &#8211; an die Front: <em>&#8222;Flucht ins graue Tuch&#8220;<\/em>. F\u00fcr Wehrmachtssoldaten spielte er in sogenannten &#8222;Front-Kabaretts&#8220;; Witzrei\u00dferschuppen zur Erhaltung der Wehrkraft. Aber selbst hierhin verfolgte ihn der Hass des Propagandaministers.<em> &#8222;Trotz meiner wiederholten Erlasse vom 8. Dezember 1937, 6. Mai 1939 und 11. Dezember 1940 [&#8230;] treiben sogenannte Conf\u00e9renciers, Ansager und Kabarettisten, wie aus der Menge von Beschwerden aus dem Lande, vor allem aber von der Front berichtet wird, weiterhin ihr Unwesen. Sie gefallen sich in einer leichten und billigen Anp\u00f6belung von Zust\u00e4nden im \u00f6ffentlichen Leben, die durch die Not des Krieges bedingt sind. In sogenannten politischen Witzen \u00fcben sie versteckte Kritik an der Politik, Wirtschafts- und Kulturf\u00fchrung des Reiches [&#8230;]. In Anbetracht dessen, da meine wiederholten, mit allem Ernst eingesch\u00e4rften Mahnungen offenbar nichts gefruchtet haben [&#8230;], sehe ich mich nunmehr auf Befehl des F\u00fchrers zu einschneidenden Ma\u00dfnahmen gezwungen. [&#8230;] Jede sogenannte Conf\u00e9rence oder Ansage wird ab sofort f\u00fcr die ganze \u00d6ffentlichkeit grunds\u00e4tzlich verboten&#8220;<\/em>. ((19)) Man sollte zum besseren Verst\u00e4ndnis dieses Erlasses erw\u00e4hnen, da\u00df eine der erfolgreichsten Nummern der &#8222;Front-Kabaretts&#8220;, die regelm\u00e4\u00dfig &#8211; nicht nur bei Werner Finck &#8211; wahre Lachst\u00fcrme unter den Soldaten ausl\u00f6ste, die Parodie der Sprechweise und Gangart eines gewissen Dr. Joseph Goebbels war&#8230;<\/p>\n<p>Finck \u00fcberstand auch dies. Nach dem Krieg lie\u00df er sich zun\u00e4chst in Stuttgart nieder. Gemeinsam mit dem Kieler Studentenkabarett &#8222;Die Amnestierten&#8220; gr\u00fcndete er sogar eine Partei: die &#8222;radikale Mitte&#8220;, mit einer Sicherheitsnadel als Abzeichen (sicherheitshalber am Innenrevers zu tragen!). Seine Versuche aber, ein festes Haus zu bespielen, blieben relativ erfolglos. Die Zeit war \u00fcber den Eulenspiegel des Dritten Reiches hinweggegangen, auch wenn er immer ein gerngesehener und geistreicher Gast bei allerlei Veranstaltung blieb (so etwa bei den ber\u00fchmten K\u00f6lner &#8222;Mittwochsgespr\u00e4chen&#8220;, die der agile Bahnhofsbuchh\u00e4ndler Emil Ludwig in den ersten Nachkriegsjahren im K\u00f6lner Bahnhof organisierte). Seine &#8222;autobiographischen&#8220; Programme f\u00fcllten in ganz Deutschland die S\u00e4le, und bis in die sechziger Jahre hinein blieb er kabarettistisch aktiv. Zum Relikt, geh\u00fcllt in Weihrauchwolken, hat er nie getaugt.<\/p>\n<p>Werner Finck starb am 31. Juli 1971 in M\u00fcnchen.<\/p>\n<h3>Lachen gegen Hitler?<\/h3>\n<p>H\u00e4tte er, hat der gro\u00dfe Charles Chaplin einmal gesagt, zu jener Zeit, als er &#8222;Der gro\u00dfe Diktator&#8220; drehte, gewu\u00dft, was sich im Osten Europas abspielte, w\u00e4re es ihm unm\u00f6glich gewesen, den Film fertig zu stellen. Exilierte deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller schrieben in den ersten Jahren des Dritten Reiches w\u00fctend Lieder der Verachtung gegen den <em>&#8222;Anstreicher&#8220;<\/em>\u00a0((20)) Hitler und seinen <em>&#8222;Arier-Zoo&#8220;<\/em> ((21)). So zahlreich waren die polemischen Versuche, die Nationalsozialisten der L\u00e4cherlichkeit preis zu geben, da\u00df die Literaturwissenschaft sie mit einem eigenen Terminus belegte: &#8222;Schm\u00e4hgedichte&#8220;. Mit Fortdauer des Dritten Reichen tr\u00f6pfelten die letzten &#8222;Schm\u00e4hgedichte&#8220; so dahin. Allzu offensichtlich war es, da\u00df die Nationalsozialisten nicht an ihrem Ungeist zugrunde gehen w\u00fcrden. Da\u00df L\u00e4cherlichkeit nicht t\u00f6tet.<\/p>\n<p>\u00dcber 3000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des deutschen Kabaretts flohen ins Exil. Verarmt, verloren, nicht selten von den Beh\u00f6rden ihres &#8222;Ungastlandes&#8220; schikaniert, in England und Frankreich in Lagern interniert, \u00fcberlebten die meisten von ihnen &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; mehr schlecht als recht den Krieg. Erfolgreiche Exilkabaretts wie das bereits erw\u00e4hnte &#8222;Laterndl&#8220; waren die Ausnahme. Diejenigen, die ihren H\u00e4schern nicht entgingen, wehrten sich selbst im Konzentrationslager noch &#8211; unter den Augen der SS &#8211; mit der Waffe des Witzes. Der ber\u00fchmte Impresario der Weimarer Republik Kurt Gerron organisierte in Theresienstadt gleich mehrere Kabarett- und Kleinkunstprogramme &#8211; bis er im Oktober 1944 als Jude in Auschwitz vergast wurde. Zahlreiche andere erlagen der Folter, dem Fallbeil oder der rassistischen Vernichtung, wenn sie nicht vorher durch Selbstmord endeten.<\/p>\n<p>Und doch war der Witz eine \u00dcberlebenshilfe &#8211; nicht nur f\u00fcr Kabarettisten. Er weichte Verzweiflung und scheinbare Unab\u00e4nderlichkeit der Zust\u00e4nde auf. Er stellte sich gegen den blutigen Irrsinn der Nazis, entschl\u00fcpfte durch alle L\u00f6cher und Ritzen, wenn die wutschnaubende Horde der Braunhemden \u00fcber ihn herfallen wollte. Sicher, das Kabarett hat den Nationalsozialismus nicht aufhalten &#8211; oder gar zu Fall bringen! &#8211; k\u00f6nnen. L\u00e4cherlichkeit t\u00f6tet tats\u00e4chlich nur selten, Politik wird nicht auf Kleinkunstbrettern entschieden, Kunst ist bestenfalls ein Kommentar des Zeitgeschehens.<\/p>\n<p>Aber das entlarvende, befreiende Lachen kann in finsteren Zeiten &#8211; manchmal und vielleicht &#8211; der letzte Lebensbeweis des Menschen sein, der noch frei verf\u00fcgbar bleibt. Und es wird &#8211; hoffentlich &#8211; nie untergehen. <em>&#8222;Da\u00df diese Zeit uns wieder singen lehre\/ die guten Lieder eines b\u00f6sen Spotts&#8220;&#8230;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im v\u00f6llig zerbombten K\u00f6ln rafft ein Goldfasan, einer jener g\u00f6ringhaft-prachtgewohnten Nazigr\u00f6\u00dfen, die im Stile feudaler F\u00fcrsten zu schalten und zu walten pflegten, im \u00f6rtlichen B\u00fcro der NSDAP hastig seine Habseligkeiten zusammen. 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