{"id":4619,"date":"2002-04-01T00:00:43","date_gmt":"2002-03-31T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4619"},"modified":"2022-07-26T13:33:52","modified_gmt":"2022-07-26T11:33:52","slug":"zwischen-liebe-und-nordsee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/04\/zwischen-liebe-und-nordsee\/","title":{"rendered":"Zwischen Liebe und Nordsee"},"content":{"rendered":"<p>Ich tr\u00e4ume von abst\u00fcrzenden Flugzeugen im Vorgarten. Angesichts der Feuersbrunst im Traum: Hilflosigkeit. Das Gef\u00fchl bleibt mir im Wachen. In der n\u00e4chsten Nacht das Gleiche. Am Tag lese ich \u00fcber die Merkmale nach denen bei der Rasterfahndung Auslese getroffen werden soll. Wie lange kann ich Freunde davor sch\u00fctzen, zu Opfern einer Politik zu werden, die sp\u00e4testens im Herbst Erfolge vorweisen will. Hilflosigkeit.<\/p>\n<p>Wir diskutieren: ob dieser Krieg eine besondere Qualit\u00e4t hat, die US-Amerikaner besonders b\u00f6se sind, welche Rolle Israel hat, ob und wann die Gesellschaft in Afghanistan eher eine feudale oder eine patriarchale war und ob sie durch den Krieg eine demokratische werden kann. Wir landen schnell bei unseren Standards: aus welcher Gesellschaftsform erw\u00e4chst die Freie Gesellschaft. F\u00fcr uns satte Privilegierte sollte es leicht sein, unserer Solidarit\u00e4t mit libert\u00e4ren Personen und Gruppen im Kriegsgebiet Ausdruck zu verleihen, diese zu unterst\u00fctzen und zu sch\u00fctzen. Ist es sinnvoll die Begriffe und Slogans zu verwenden, die mittlerweile von anderen dazu benutzt werden, um das Gegenteil von dem zu propagieren, was wir erreichen wollen? Es ist mir wichtig, unsere Diskussionen und unsere Perspektiven: Freie Gesellschaft und Anarchismus in Herz und Kopf und im Gespr\u00e4ch zu behalten. Die gewaltfreie Aktion lindert meinen Schmerz.<\/p>\n<p>Warum sagt jetzt keiner etwas? Sehen die anderen dem Beginn eines Weltkrieges unbeeindruckt zu? Wieso schicken die ihre Kinder zur Bundeswehr? Verschl\u00e4gt es der schweigenden Masse die Sprache dar\u00fcber mit welcher Dreistigkeit sie zur Kasse gebeten wird, um Terror, Mord und zunehmende \u00dcberwachung des eigenen Lebens zu finanzieren? Warum schreit die schweigende Mehrheit nicht auf? Weil sie allenfalls fl\u00fcsternd zugibt, dass ihre einzige Hoffnung ist, dass der Kelch auch dieses mal an ihr vor\u00fcberziehe, wenn sie nur still h\u00e4lt. Das w\u00e4re ein typisches Verhaltensmuster f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung in der Diktatur. Wo stehen wir?<\/p>\n<p>Diesem Impuls nachgebend, kann ich schweigend auf das Mi\u00dfverst\u00e4ndnis hinweisen.<\/p>\n<p>&#8222;Wer schweigt, scheint zuzustimmen&#8220;, die Betonung liegt auf &#8222;scheint&#8220;. Niemals tue ich Milch oder Zucker in den Kaffee, wenn ein Gast meine Frage schweigend beantwortet. Wer schweigt lehnt ab! Unser Schweigen ist: Nicht &#8211; Zusammenarbeit. Mit den Kriegstreibern, die sich auf meine Zustimmung zu ihrem Machtgehabe berufen, die sich anma\u00dfen mein Leben mit Mord, Folter, Verfolgung, Vergewaltigung und Vertreibung sch\u00fctzten zu wollen. Nein Danke! Das ist nicht mein Leben. Ich schweige!<\/p>\n<p>Das Schweigen ist der ad\u00e4quate Aufschrei, durch den Stille einkehrt, in den L\u00e4rm aus Kriegsget\u00f6se, patriarchalem Machtgehabe und Geschw\u00e4tz \u00fcber vermeintliche &#8222;Innere Sicherheit&#8220;. Mit dem \u00f6ffentlichen Schweigen demonstrieren wir, unser NEIN zum Krieg. Aus Kriegen entstehen weder Chancen noch Perspektiven. Neues Leben w\u00e4chst nie aus Ruinen, es w\u00e4chst vielleicht [und auch nur sehr m\u00fchsam] aus dem, was unter den Ruinen verborgen war. Realistisch betrachtet, spielte selbst die Arbeiterorganisation eine wesentlich produktivere Rolle f\u00fcr die Entwicklungsgeschichte der Demokratie, als jeder noch so gigantische Krieg. Jeder Krieg ist ein R\u00fcckschlag f\u00fcr die Entwicklung der Gesellschaft. Morden, Verst\u00fcmmeln, Foltern, Vergewaltigen und Vertreiben sind Verbrechen. Wer daran deuteln m\u00f6chte, kann nicht auf unsere Gespr\u00e4chsbereitschaft setzen. So schweigen Friedensb\u00fcro, Vers\u00f6hnungsbund Hannover und Graswurzelgruppe Hannover gemeinsam, seit dem 15. Januar 2002, jeden Dienstag ab 17.00 f\u00fcr eine halbe Stunde vor dem Bl\u00e4tterbrunnen in der hannoverschen Innenstadt. Die beteiligten Gruppen verf\u00fcgen \u00fcber langj\u00e4hrige Erfahrungen in gewaltfreier Aktion. Das regelm\u00e4\u00dfige Schweigen ist Anfang der gemeinsamen Arbeit gegen den Krieg. Wir entwickeln uns, die Aktion und unsere Zusammenarbeit.<\/p>\n<p>Wir schweigen jeweils nur f\u00fcr eine halbe Stunde. Es sind mehrere Eskalationsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Aktion denkbar. Dabei soll die Aktion zunehmend &#8222;gewaltfrei&#8220; im eigentlichen Sinne sein. Die Frage, ob wir uns \u00fcberhaupt steigern m\u00fcssen, bleibt offen. Eine Entwicklung w\u00e4re nicht zuletzt deswegen sch\u00f6n, weil es nach den ersten Erfahrungen z.B. nicht m\u00f6glich ist, mit kleinen Kindern an der Aktion teilzunehmen, das Schweigen wirkt auf sie bedrohlich.<\/p>\n<p>Auch die Schweigenden ohne kleine Kinder w\u00fcnschen sich eine lustvolle Aktion, an der auch zu erkennen ist, wie wir uns unser Zusammenleben vorstellen. Unser Schweigen steht nicht f\u00fcr &#8222;Leiden&#8220;. Verliert oder gewinnt der Schweigekreis an Bedeutung, wenn wir den Abend gleichzeitig f\u00fcr ein Picknick nutzen oder Pantomimen engagieren?<\/p>\n<p>Ist es eine Steigerung l\u00e4nger zu Schweigen oder l\u00e4ge die Steigerung gerade darin, den zeitlichen Rahmen zu verk\u00fcrzen? Tats\u00e4chlich ist unsere \u00d6ffentlichkeitsarbeit weitgehend unabh\u00e4ngig davon, wie lange wir schweigend in der Stadt stehen. W\u00fcrde ich mit einem k\u00fcrzeren Zeitraum mehr Aufsehen erregen? M\u00f6glicherweise beteiligen sich mehr Menschen wenn, die Aktion nur f\u00fcnf Minuten dauert. Ich w\u00fcrde der Auseinandersetzung, die ich ja auch nicht f\u00fchren will, nicht nur meine Stimme versagen, sondern auch meine physikalische Anwesenheit. Andererseits w\u00fcrde immer l\u00e4ngeres Schweigen mit immer mehr Menschen zwangsl\u00e4ufig zum Generalstreik f\u00fchren, weil keiner mehr Zeit f\u00fcr die Arbeit h\u00e4tte. Ich halte einen Generalstreik f\u00fcr das probate Mittel, um das Ende des Krieges herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Bleibe ich bei praktikablen Aktionen. Schweigekreise an mehreren Orten zur gleichen Zeit oder eine Schweigestaffel. Wenn z.B. in Bremen um 17.00 Uhr aufgeh\u00f6rt wird zu Schweigen, fangen wir in Hannover an, eine halbe Stunde sp\u00e4ter geht es in Oldenburg weiter oder so. Das k\u00f6nnten regionale Gruppen v\u00f6llig unabh\u00e4ngig voneinander organisieren. F\u00e4nde ich prima! Gebt uns doch bitte Bescheid, wenn ihr auch schweigt, dann machen wir w\u00e4hrend unserer &#8222;Schweigestunde&#8220; einen Aushang dazu; am Besten mit Foto. Wir k\u00f6nnten uns gegenseitig besuchen, auf der Durchreise (Hallo Jan, das ist die Gelegenheit, um die Regenjacke vorbei zu bringen.) oder am Urlaubsort am Schweigekreis teilnehmen usw.. Gebt uns auf jeden Fall Bescheid, welche Aktionen und Veranstaltungen ihr in unserem Umkreis gegen den Krieg macht, dann weisen wir PassantInnen und Presse darauf hin.<\/p>\n<p>Da wir mit dem Schweigen nun schon mal [und nicht ganz zuf\u00e4llig] bei dem Thema mit der Stimme sind, kommen wir auch gleich zur Stimmabgabe. Eigentlich kann nur Schweigen, wer seine Stimme nicht abgegeben hat und es ist umso wichtiger, seine Stimme auch in diesem Jahr nicht abzugeben.<\/p>\n<p>Mittels des Schweigekreises nehmen wir \u00f6ffentlich Stellung. Wir rufen dazu auf, alle Kriegsdienste zu verweigern, Deserteure zu verstecken und Kriegstreibern die Stimme vorzuenthalten. Wir begr\u00fc\u00dfen die Klagen gegen die Rasterfahndung und geben unserer Solidarit\u00e4t mit den, durch Denunziation im Kleinen und im Gro\u00dfen, Verfolgten Ausdruck.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich finde ich w\u00e4hrend des Schweigekreises weniger Gelegenheit zur Kontemplation, als ich es mir erwartet hatte. Im str\u00f6menden Regen fegt der Sturm meine Schilder um und rei\u00dft an dem Transparent in meinen H\u00e4nden. Laut diskutierend begr\u00fc\u00dfen Passantinnen die Aktion und stellen sich zu uns, einige Passanten lesen sich gegenseitig unsere Schilder vor. Im Vor\u00fcbergehen teilen sie uns ihre Erfahrungen aus selbst erlebten Kriegen mit. Ich sehe in den Himmel und verfolge die Wolken, da unterbricht mein Bruder neben mir sein Schweigen. Angesichts der M\u00f6glichkeit, noch morgen fr\u00fch hier zu stehen, wenn keiner den Ablauf der Zeit beobachtet, erscheint es ihm unertr\u00e4glich weiter zu schweigen. Kurz darauf l\u00e4utet die Glocke vom nahen Kirchturm zur halben Stunde und ich freue mich auf das n\u00e4chste Mal.<\/p>\n<p>Ann\u00e4herung einfach gemacht: Du gehst Dienstag 16.55 Uhr aus der U-Station &#8222;Kr\u00f6pcke&#8220;, in Richtung Osterstra\u00dfe, drehst Dich um 180\u00b0, Du siehst uns &#8211; zwischen der Parf\u00fcmerie &#8222;Liebe&#8220; und dem Fischladen &#8222;Nordsee&#8220; &#8211; und mit 12 Schritten bist Du uns nahe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich tr\u00e4ume von abst\u00fcrzenden Flugzeugen im Vorgarten. Angesichts der Feuersbrunst im Traum: Hilflosigkeit. 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