{"id":4663,"date":"2002-05-01T00:00:53","date_gmt":"2002-04-30T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4663"},"modified":"2022-07-26T14:16:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:48","slug":"einwurf-von-links","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/05\/einwurf-von-links\/","title":{"rendered":"Einwurf von links"},"content":{"rendered":"<p>Man erz\u00e4hle mir nichts. Die Frage stand nicht nur im hessischen Raum: &#8222;Wer in den siebziger Jahren zur Frankfurter &#8218;Sponti&#8216;-Szene geh\u00f6rt hat &#8230; mu\u00df der immer als Au\u00dfenminister enden?&#8220;. Die Antwort lautet, na sowas: &#8222;Nein, mu\u00df er nicht!&#8220;. &#8218;Kann auch was Anst\u00e4ndiges werden.<\/p>\n<p>Matthias Beltz ist tot. Der gro\u00dfe, unerreichte Matthias Beltz &#8211; entschuldigung, aber das mu\u00dfte &#8218;mal gesagt werden! &#8211; ist tot. Einfach so. Wo bisher das Lachen stecken blieb, steckt nun etwas ganz anderes. Die Reihen lichten sich: Volker Pispers, Lisa Fitz, Heinrich Pachl, Matthias Riechling, J\u00fcrgen Becker (beide an guten Tagen)&#8230; &#8211; das gallige, angriffs-lustige, das durchaus politische Kabarett; es hat mit Beltz einen seiner exponiertesten und geschliffensten Vertreter verloren.<\/p>\n<p>Haare auf den Z\u00e4hnen und manchmal auch auf der Zunge: das gab den Beltz, auf dem das Publikum mit oft verzogener Miene herumkaute. Angefangen hatte alles auf dem H\u00f6hepunkt der &#8222;Sponti-Bewegung&#8220;, mit &#8222;Karl Napps Chaostheater&#8220;. Beltz, studierter Jurist mit dem ersten Staatsexamen in der Tasche, war vor Abschlu\u00df des Zweiten zun\u00e4chst sendungsbewu\u00dft mit anderen Frankfurter Genossen zu Opel ausger\u00fcckt: proletarische Luft schnappen, Achsen schleppen, N\u00e4hte schwei\u00dfen und agitieren. Die B\u00fchnenluft scheint ihm letztlich eher zugesagt zu haben. Das &#8222;Chaostheater&#8220; war ein w\u00fcster Haufen, eines der ersten &#8222;au\u00dferparlamentarischen&#8220; Kabarettensembles, die &#8211; mit den Berliner &#8222;Drei Tornados&#8220; als Speerspitze &#8211; in den siebziger und achtziger Jahren die deutsche Kleinkunstszene durchsch\u00fcttelten. Es folgte, gemeinsam mit Dieter Thomas und Hendrike von Sydow, das &#8222;Vorl\u00e4ufige Frankfurter Fronttheater&#8220;. Schlie\u00dflich wurde Beltz einer der gefragtesten &#8211; und gef\u00fcrchtetsten &#8211; Kabarett-Solisten des Landes.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne stand er wie ein abgehalfterter Zirkusdirektor, mit grausigem Schn\u00e4uzer, kantigem Gesicht, oft noch der variet\u00e9typischen Gigolo &#8211; Blume im Knopfloch. Ganz leutseliger Spie\u00dfer aus Frankfurt West. Ganz netter Junge. Aber wehe, wem es einfiel, es sich vor dieser B\u00fchnenrolle gem\u00fctlich sein zu lassen: zwei, drei S\u00e4tze in eines seiner zahlreichen Soloprogramme hinein, und selbst Hartgesottene mu\u00dften schlucken. <em>&#8222;Nein, der Mann war nicht blo\u00df Kabarettist, er gebrauchte Gags vor allem, um seine Zustandsbeschreibungen einer Gesellschaft zu liefern, die unter fortschreitender Amnesie leidet. Er hat in seinen S\u00e4tzen, die er so schnell und treffend wie Asse beim Tennis servierte, zusammengef\u00fcgt, was zusammengeh\u00f6rt, aber nicht &#8211; nicht mehr &#8211; zusammen gesehen wurde&#8220;<\/em>, schreibt Daland Segler in seiner W\u00fcrdigung in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em>.<\/p>\n<p>Beltz war kein Quer,- sondern mindestens ein Kreuz &#8211; und Querdenker. Wem sonst h\u00e4tte einfallen k\u00f6nnen, mitten in Rauch und Feuer brennender AsylbewerberInnenheime hinein in der gelben Uniform eines Sklavenhalters aus dem Sezessionskrieg auf der B\u00fchne zu erscheinen und <em>&#8222;zum Schutze unserer ausl\u00e4ndischen Mitb\u00fcrger&#8220;<\/em> die Wiedereinf\u00fchrung der Sklaverei zu verlangen? <em>&#8222;Weil das Grundgesetz ja das Eigentum sch\u00fctzt&#8220;<\/em>? Oder &#8211; gemeinsam mit Heinrich Pachl &#8211; eine &#8222;Geschichtsstunde&#8220; abzuhalten wie die Folgende (In ihrem Programm <em>&#8222;Das Geheimnis der Aktentasche&#8220;<\/em>): <em>&#8222;Diese Aktentasche ging an einem Sommertag &#8211; genauer gesagt war es der 20. Juli 1944 &#8211; am gesunden Arm des Grafen Stauffenberg hin zum F\u00fchrerhauptquartier. In der Tasche war eine Bombe. Der Graf betrat den Raum, stellte die Tasche unter einen gro\u00dfen Tisch und lie\u00df sie dort allein. Der Graf ging raus, der F\u00fchrer kam rein, beugte sich \u00fcber die Tasche um zu sehen wo&#8217;s langgeht &#8211; und dann explodierte die Bombe! Die Tasche und F\u00fchrer blieben ganz&#8220;<\/em>. Kindliche Freude am Kalauer? Abwarten. Beltz Programme sind Studien s\u00e4mtlicher \u00dcber, &#8211; Unter, &#8211; und Nebengruppen der kabarettistischen Pointenfauna. Er liebte es, sein Publikum aufsitzen zu lassen, lockte es mit ein paar tr\u00fcben Witzen oder leichtverdaulichen (All)Gemeinheiten, lie\u00df es Freude haben, um ihm dann &#8211; immer l\u00e4chelnd, immer \u00fcberraschend und manchmal schlicht genial &#8211; das scheinbar so einvernehmliche Lachen in den Hals zur\u00fcckzustopfen: mit b\u00f6ser, linker Politik:<em> &#8222;Sehen Sie, diese Aktentasche ist aber mehr als eine Aktentasche. Das ist die Geb\u00e4rmutter der Bundesrepublik Deutschland<\/em> [&#8230;] <em>Ohne die M\u00e4nner des 20. Juli h\u00e4tte doch die Wiederaufr\u00fcstung der Bundeswehr nicht so reibungslos funktioniert. Ohne die M\u00e4nner des 20. Juli w\u00e4re niemand auf die Idee gekommen, da\u00df die Bundeswehr was ganz Neues ist. Ohne die M\u00e4nner des 20. Juli s\u00e4\u00df heute der Russe hier und unsere Kinder m\u00fc\u00dften in sibirischen Gesamtschulen Schlange stehen und Perestroika tanzen&#8220;<\/em>. Und schon sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt \u00fcbel. Mindestens.<\/p>\n<p>Volker Pispers hat einmal gesagt, f\u00fcr ihn sei das Kabarett <em>&#8222;kein Kurpark f\u00fcr Unzufriedene&#8220;<\/em>. Matthias Beltz machte es niemandem in seiner Gesinnung bequem. Er war und blieb im Grunde &#8222;Sponti&#8220;, ein &#8222;Spontandenker&#8220; von links au\u00dfen, ebenso grimmiger Sp\u00f6tter und Ver\u00e4chter gedanklicher Kurzatmigkeit und gesellschaftlichen Erinnerungsschwundes wie vermufften Kleingruppenget\u00fcmels und d\u00fcnnstimmiger Lehrsatzchor\u00e4le. Er war Profi, ein Kabarettist, der oft schon Stunden vor dem Auftritt am Theater war, um <em>&#8222;Atmosph\u00e4re zu schnuppern&#8220;<\/em> und sich vorzubereiten auf eine bestm\u00f6gliche Darbietung. Keine seiner Pointen war jemals wirklich schlecht. Nur die letzte, die war miserabel. Matthias Beltz starb am 27. M\u00e4rz 2002 in seiner Wohnung mit 57 Jahren an Herzversagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man erz\u00e4hle mir nichts. Die Frage stand nicht nur im hessischen Raum: &#8222;Wer in den siebziger Jahren zur Frankfurter &#8218;Sponti&#8216;-Szene geh\u00f6rt hat &#8230; mu\u00df der immer als Au\u00dfenminister enden?&#8220;. Die Antwort lautet, na sowas: &#8222;Nein, mu\u00df er nicht!&#8220;. &#8218;Kann auch was Anst\u00e4ndiges werden. Matthias Beltz ist tot. 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