{"id":4665,"date":"2002-05-01T00:00:36","date_gmt":"2002-04-30T22:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4665"},"modified":"2022-07-26T14:26:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:13","slug":"argentinien-die-revolte-der-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/05\/argentinien-die-revolte-der-frauen\/","title":{"rendered":"Argentinien: Die Revolte der Frauen"},"content":{"rendered":"<p>(&#8230;) Die heutige argentinische Frauenbewegung, die seit Jahren w\u00e4chst und w\u00e4chst, vereinigt Frauen verschiedener sozialer, wirtschaftlicher, kultureller und ideologischer Herkunft in Frauengruppen, die im ganzen Land zu finden sind. Diese Frauen engagieren sich in unterschiedlichen Bereichen: Gewalt in der Familie, Frauen im \u00f6ffentlichen Bereich, Frauengesundheitsberatung, Menschenrechte, Internet, Medien, Untersuchungskommissionen. Trotz ihrer ideologischen Unterschiede und ihrer verschiedenen Herangehensweisen kann ihre Arbeit nicht hoch genug eingesch\u00e4tzt werden. Ohne sie h\u00e4tte es weder auf kommunaler, regionaler oder nationaler Ebene noch im Parlament selbst eine Ver\u00e4nderung gegeben. Nichts hat sich im argentinischen Alltag so ver\u00e4ndert wie die Frauen selber.<\/p>\n<p>Die feministische Bewegung in Argentinien ist gespalten, weil es noch viele Frauen in ihr gibt, die sich zwar in Aktionen und von ihren Standpunkten her feministisch verhalten, jedoch nach wie vor nicht gerne die Vokabel &#8222;feministisch&#8220; benutzen. Au\u00dferdem gibt es eine Tendenz der Intellektualisierung in der Frauenbewegung, die manchmal dazu f\u00fchrt, dass theoretische \u00dcberlegungen ohne Realit\u00e4tsbezug, ohne Bezug zu den allt\u00e4glichen K\u00e4mpfen der Frauen in den Armenvierteln, den feministischen Gruppen oder den Frauen in gemischtgeschlechtlichen Gruppen ge\u00e4u\u00dfert werden.<\/p>\n<p>Seit der Wiederzulassung der Demokratie 1983 gab es unz\u00e4hlige Demonstrationen und Proteste in Argentinien. Unz\u00e4hlig sind auch die Opfer einiger Repressionsorgane, die immer den Finger leicht am Abzug, immer wieder auf DemonstrantInnen geschossen hatten. So gab es auch w\u00e4hrend der j\u00fcngsten M\u00e4rsche, Mahnwachen, w\u00e4hrend den &#8222;Pl\u00fcnderungen&#8220; (&#8222;mises \u00e0 sac&#8220;, w\u00f6rtlich: Einsacken, Taschen f\u00fcllen, also eher gemeint: Selbstbedienung in Einkaufsl\u00e4den) und den &#8222;Cacerolazos&#8220; (Rebellion der Kocht\u00f6pfe) viele Opfer der Repression.<\/p>\n<p>Danach haben wir uns immer wieder gefragt, was denn der Ausl\u00f6ser der Proteste gewesen war? Es war mit Sicherheit die j\u00fcngste regierungsamtliche Pl\u00fcnderung unserer Geldbeutel, ihr Anschlag auf die argentinische Lebensqualit\u00e4t, sowie die Ausrufung des Ausnahmezustands, der allerdings nur exakt 10 Minuten gedauert hat. Zusammen mit Duhalde hatten wir w\u00e4hrend der Proteste zwischen Ende Dezember und Anfang Januar f\u00fcnf verschiedene Pr\u00e4sidenten in rascher Abfolge.<\/p>\n<h3>Die Volksversammlungen<\/h3>\n<p>Das Ph\u00e4nomen der &#8222;Cacerolazos&#8220; und der sie begleitenden Volksversammlungen ist absolut neuartig und nicht zu vergleichen mit den &#8222;Cacerolazos&#8220;, die damals den linken Pr\u00e4sidenten Allende in Chile angriffen ((1)). Die Ziele, die wir verfolgen, sind denen der chilenischen Rechten aus den siebziger Jahren diametral entgegen gesetzt. Die ersten Proteste gegen die &#8222;Corralito&#8220; (Name f\u00fcr ein Gesetz, nach welchem die Auszahlung von Geldern aus Banken an PrivatkundInnen eingeschr\u00e4nkt wurde) haben sich sofort radikalisiert zu Manifestationen f\u00fcr die Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen in den Armenvierteln, gegen die exzessiven Tarife (die teuersten der Welt) in den privatisierten fr\u00fcheren Staatsunternehmen (Elektrizit\u00e4t, Telefon, Gas, Wasser), gegen die Korruption der politischen Klasse, der Gewerkschaftsfunktion\u00e4re und der Manager der gro\u00dfen Unternehmen, gegen die totale Abwesenheit einer repr\u00e4sentativen Vertretung unserer Interessen in unserem demokratischen System, gegen die Ungerechtigkeiten der Justiz. Und die Liste ist noch l\u00e4nger.<\/p>\n<p>Die Volksversammlungen sind die Praxis einer direkten anarchistischen Demokratie, auch wenn die Mehrheit der dabei Beteiligten das nicht so bezeichnen w\u00fcrde, und auch wenn viele AktivistInnen der linken Parteien das abstreiten wollen. Alle Protestierenden k\u00f6nnen sich in diesen direktdemokratischen Versammlungen zu gleichen Bedingungen beteiligen. In der Stadt Rosario gibt es in diesem Moment (25. Februar 2002) bereits 27 solcher direkter Versammlungen, davon sind einige Versammlungen eine Art Plena der Stadtviertel, andere haben den Charakter von Bezugsgruppentreffen. Die Menschen diskutieren in ihren lokalen Versammlungen. Jeden Sonntag gibt es einen stadtviertel\u00fcbergreifenden Delegiertenrat, in welchem sich Delegierte und Beir\u00e4te aus den verschiedenen Versammlungen der Stadtviertel einfinden. Manche kommen mit imperativem Mandat, manche ohne, je nach den Gegebenheiten der jeweiligen Versammlung im Stadtviertel. Manche Delegierte bringen konkrete Vorschl\u00e4ge mit, manche kommen nur, um mitzuteilen, dass es sie gibt und wor\u00fcber sie diskutieren. Diese neue Form der sozialen Organisation macht es m\u00f6glich, dass sowohl PolitaktivistInnen mit langer Erfahrung wie wir, als auch v\u00f6llige NeueinsteigerInnen gleichberechtigt teilnehmen k\u00f6nnen; dass Leute aus dem Mittelstand ebenso wie Menschen aus marginalisierten Milieus zu sehen sind, Erwachsene ebenso wie Alte, kleine Ladenbesitzer, LehrerInnen, \u00f6ffentlich auftretende Frauen, StudentInnen, Arbeitslose, Angestellte etc.<\/p>\n<h3>Die Aktionen der Frauen<\/h3>\n<p>Alle Frauen k\u00f6nnen sich gleichberechtigt einbringen, keine \u00c4ltere f\u00e4hrt w\u00e4hrend der Versammlung einer jungen Frau \u00fcber den Mund, ebenso wenig umgekehrt. Die Beteiligung der Frauen an der gesamten Bewegung ist lang anhaltend und oft sehr stark: sie sind Delegierte der Versammlungen oder dominieren die Proteste der Kocht\u00f6pfe, sie f\u00fchren direkte Aktionen durch (Besetzungen leer stehender Wohnungen) oder sind in bestimmten Arbeitsgruppen aktiv (ich arbeite zum Beispiel im Pressekomitee einer Volksversammlung). In den Versammlungen kommt niemand auf die Idee, eine Delegierte sei nicht qualifiziert, weil sie etwa eine Frau w\u00e4re. Und wenn jemand auf die Idee k\u00e4me, einer Frau zu verbieten, auf die Versammlung zu gehen, w\u00fcrde er sofort eine schlimme Viertelstunde erleben. Die Frauen, die die leer stehenden Wohnungen besetzt haben, sind in der Mehrzahl Familienm\u00fctter mit Kleinkindern oder Schwangere. Sie haben in der Regel eine Arbeit. Sie und ihre Familien fordern menschenw\u00fcrdige Wohnverh\u00e4ltnisse und sind bereit, eine vern\u00fcnftig angesetzte Miete zu zahlen. Sie wollen keine Geschenke. Andere Frauen, denen Mietzahlungen oder der Kauf eines Hauses unm\u00f6glich ist, haben sich entschieden, diese Wohnungen zu besetzen.<\/p>\n<p>Die Ziele der gesamten Bewegung lassen sich zusammen fassen in den Forderungen nach einer besseren Lebensqualit\u00e4t f\u00fcr alle (nicht nur f\u00fcr die Mittelklassen), einer gerechteren Verteilung des Reichtums und nach einer ganz anderen Form der Machtaus\u00fcbung als in den bestehenden Institutionen. Die Bev\u00f6lkerung ist auf die Stra\u00dfe gegangen und nicht mehr bereit, sich zur\u00fcck zu ziehen oder nichts zu tun. Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass jede weitere Frustration nunmehr eine zuviel w\u00e4re. Wir wissen aber auch, dass der Bewusstseinswandel Zeit braucht, dass es notwendig ist, vorsichtig voran zu gehen. Wir m\u00fcssen auf unsere \u00c4ngste achten, denn wir haben unsere Erfahrungen gemacht. Wir m\u00fcssen entschlossen, aber Schritt f\u00fcr Schritt vorgehen, uns der erk\u00e4mpften besseren Bedingungen bewusst werden, bevor wir uns noch Wichtigerem zuwenden. Alles muss auf der Praxis der direkten Demokratie basieren, damit unser Wille wirklich repr\u00e4sentativ zum Ausdruck kommt. Die Beteiligung variiert je nach der Eigenart des Ortes oder der politischen Kultur jeder Stadt. Alle Str\u00f6mungen der Linken sollen vertreten sein und es ist sicher, dass das nicht der traditionellen Formelhaftigkeit entspricht, die wir kennen. Wir sind dabei, eine neue Kultur der sozialen Beteiligung zu schaffen, die unbewusst das ganze Alltagsleben beeinflusst. Als AnarchistInnen kennen wir die B\u00fcndnisse mit sozialen Bewegungen, wir stehen Seite an Seite mit Nicht-AnarchistInnen, wir sind nicht \u00fcberrascht dar\u00fcber, im Gegenteil: eher hoch erfreut.<\/p>\n<p>In letzter Zeit gibt es zunehmend st\u00e4rker werdende Ger\u00fcchte \u00fcber einen Staatsstreich. Tats\u00e4chlich gibt es Gespr\u00e4che zwischen milit\u00e4rischen Kadern und den Gro\u00dfunternehmern, zwischen Seineldin und den Sicherheitskr\u00e4ften der verschiedenen St\u00e4dte, auch unter bestimmten Politikern. Die Volksversammlungen haben bereits ihre demonstrative Ablehnung dieser Man\u00f6ver zum Ausdruck gebracht und fordern gleichzeitig Aufkl\u00e4rung und juristische Verfolgung der Verantwortlichen f\u00fcr die landesweit rund 30 Toten bei der Repression der Bewegung vom 19. und 20. Dezember 2001, die zum Sturz des neoliberalen Pr\u00e4sidenten de la R\u00faa f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Auch wenn die Medien und die Herrschenden nicht dar\u00fcber berichten, auch wenn sie diesen neuen politischen Prozess der Basisbeteiligung disqualifizieren oder die Bewegung als okkult oder sektiererisch hinstellen, sie schreitet voran. Die Realit\u00e4t ist nichts weiter als das, was in der Gegenwart geschaffen wird, und hinter diese Erkenntnis f\u00fchrt uns kein Weg zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(&#8230;) Die heutige argentinische Frauenbewegung, die seit Jahren w\u00e4chst und w\u00e4chst, vereinigt Frauen verschiedener sozialer, wirtschaftlicher, kultureller und ideologischer Herkunft in Frauengruppen, die im ganzen Land zu finden sind. Diese Frauen engagieren sich in unterschiedlichen Bereichen: Gewalt in der Familie, Frauen im \u00f6ffentlichen Bereich, Frauengesundheitsberatung, Menschenrechte, Internet, Medien, Untersuchungskommissionen. 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