{"id":4707,"date":"2002-05-01T00:00:01","date_gmt":"2002-04-30T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4707"},"modified":"2022-07-26T13:56:55","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:55","slug":"nachrichten-von-ganz-tief-unten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/05\/nachrichten-von-ganz-tief-unten\/","title":{"rendered":"Nachrichten von ganz tief unten"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Statistisch haben die meisten Israelis ihre Vorfahren in Gro\u00dfbritannien, den USA oder der UdSSR, und nicht in Maidanek.&#8220; Eine Aussage, so banal und unschuldig wie Blaus\u00e4ure in B\u00fcchsen, zu finden in dem Beitrag &#8222;Bundeswehr nach Pal\u00e4stina?&#8220; auf indymedia.de. Ein gewisser &#8222;don quichotte&#8220; arbeitet sich darin an der Frage ab: &#8222;Soll der Enkel eines Holocaust-Opfers in die M\u00fcndung des Gewehrlaufs eines deutschen Soldaten blicken?&#8220; Sein Zahlentrick, glaubt er, werde diejenigen schon beruhigen, die jetzt an den kleinen Jungen mit den erhobenen H\u00e4nden denken: statistisch nur ganz wenige Vorfahren in Majdanek. Vor Einlieferung der ersten sowjetischen Kriegsgefangenen im Oktober 1941 befand sich kein Mensch in &#8222;Majdanek&#8220;. &#8222;Kriegsgefangenenlager der Waffen-SS Lublin&#8220; war bis Februar 1943 die offizielle Bezeichnung f\u00fcr das Vernichtungslager, dessen Name sich von dem Lubliner Stadtteil Majdan Tatarski herleitet. Innerhalb von nicht einmal drei Jahren passierten es nahezu eine halbe Million Menschen aus 28 L\u00e4ndern, mindestens 250 000 von ihnen wurden allein dort ermordet. Als das Lager im Juli 1944 ger\u00e4umt werden mu\u00dfte gab es noch etwa 1000 Gefangene, rund die H\u00e4lfte davon kam nach Auschwitz. In der Eile gelang es der SS nicht einmal mehr die Gaskammern zu sprengen. H\u00e4tte der Vormarsch der Roten Armee noch ein paar Tage Zeit gelassen, wer wei\u00df, was &#8222;don quichotte&#8220; heute zu Majdanek einfiele. So wie die Dinge aber liegen, mu\u00df der Autor irgendwie kitten, was ihm als ein zu behebendes argumentatives Dilemma erscheint: da\u00df J\u00fcdinnen und Juden eben nicht nur nach Pal\u00e4stina emigrierten <em>bevor<\/em> sie dem deutschen Vernichtungsapparat anheim fallen konnten. Das Trauma des Zionismus, die Menschen, f\u00fcr die der Staat Israel als Zuflucht konzipiert war noch vor dessen Gr\u00fcndung zum Gro\u00dfteil ermordet zu sehen, braucht nach der Verh\u00f6hnung durch die Enkel der T\u00e4ter nicht zu fragen. Was w\u00e4re denn, fragt sich &#8222;don quichotte&#8220;, wenn vielmehr der deutsche Soldat &#8222;Enkel eines Holocaust-Opfers&#8220; w\u00e4re? Unwahrscheinlich, doch nicht v\u00f6llig ausgeschlossen. &#8222;Zweitens blicken Israelis selten in die Gewehrl\u00e4ufe anderer Menschen&#8220;. F\u00fcr &#8222;don quichotte&#8220; jedenfalls noch zu selten. Es l\u00e4ge nahe, dem Autor zu unterstellen, er bereite ideologisch die n\u00e4chste &#8222;Friedensmission&#8220; vor, wie jener unbedarfte Nationalist, dem Kritik an Schr\u00f6ders Initiative f\u00fcr einen Milit\u00e4reinsatz das Hirn \u00fcberlaufen l\u00e4\u00dft: &#8222;Das t\u00f6nt ihr Antideutschen doch am Lautesten, das wir was in Unserer Geschichte verbockt haben, das bestreitet auch Keiner, dann lass es uns doch wieder Gut machen, und Unser Gewissen mit jedem Friedlich bereinigten Konflikt erleichtern, das ist unsere Pflicht durch die Schuld die wir in unserer Vergangenheit auf uns geladen haben, und sei Froh das es da Oben Endlich mal einer kapiert hat.&#8220; Dergleichen liegt &#8222;don quichotte&#8220; jedoch v\u00f6llig fern. Auch wenn er bewu\u00dft die Parallele zum Kosovo-Krieg zieht: die NATO ist f\u00fcr ihn kein geeignetes Instrument gegen den &#8222;notorischen M\u00f6rder Sharon&#8220;, das Remake des Wochenschau-Serben Milosevic. &#8222;Wie in Jugoslawien oder Afghanistan w\u00fcrde eine US- oder EU-dominierte Armee lediglich Interessen der G7 durchsetzen.&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;indymedia d. versteht sich als ein emanzipatorisches, unabh\u00e4ngiges mediennetzwerk ohne kommerzielle interessen, mit dem zentralen ansatz, gegen\u00f6ffentlichkeit zu schaffen, indem die menschen an der gesellschaftlichen basis DIREKT zu wort kommen; darum ist auch das open posting ein so wichtiger bestandteil der idee.&#8220; Soweit das Selbstverst\u00e4ndnis. &#8222;Open posting&#8220; bedeutet nichts anderes, als da\u00df alle, die etwas mitzuteilen haben, ihren Senf direkt auf die Seite packen k\u00f6nnen &#8211; die Garantie f\u00fcr den Mix aus blutr\u00fcnstigen Ger\u00fcchten, Verbalaggression und Geschichtsrevisionismus, der die &#8222;Berichterstattung&#8220; zum Israel\/Pal\u00e4stina-Konflikt dominiert. Eine &#8222;Moderation&#8220; genannte Aufsicht entfernt &#8222;menschenverachtende, sexistische, rassistische, rechtsradikale u.\/o. totalit\u00e4re beitr\u00e4ge jeder art&#8220; zumindest in der Theorie. Praktisch kann das z.B. so aussehen, da\u00df die Nachricht \u00fcber den \u00dcberfall auf einen Teilnehmer einer Pro-Israel-Demonstration in Frankfurt erst beim zweiten posten stehen gelassen wird, daf\u00fcr aber auch die Flut von Kommentaren, die dem 75-j\u00e4hrigen empfehlen, er solle mal besser nicht mehr auf Demos gehen in seinem Alter, und ob er denn noch seine Brieftasche h\u00e4tte. Er erlitt einen Rippenbruch, Gehirnersch\u00fctterung und offene Wunden. &#8222;Bitte greift dochmal durch und l\u00f6scht endlich so eine Scheisse. Das nervt und ich habe keinen Bock Indymedia nur aufgrund von Antideutschen die Unruhe stiften wollen und die beim Verfassungsschutz arbeiten kaputtmachen zu lassen.&#8220; Antideutsch ist auf indymedia ein g\u00e4ngiges Synonym f\u00fcr Beitr\u00e4ge, die sich gegen Antisemitismus richten, der Begriff hat sich so l\u00e4ngst vom Umfeld der <em>Bahamas<\/em>-Gruppe emanzipiert und zu seiner ureigensten Bedeutung zur\u00fcckgefunden. Das Gegenteil hei\u00dft zwar noch nicht volkstreu, eher traditionsverpflichtete Deutschnationale sind auf indymedia aber bereits eindeutig zu identifizieren, z.B. der Kalte Krieger, der Bescheid wei\u00df, wer &#8222;Judas verrecke&#8220; und &#8222;Solidarit\u00e4t mit Pal\u00e4stina&#8220; auf das KZ-Mahnmal in Ahlem gespr\u00fcht hat: &#8222;solche Aktionen sind, wie fr\u00fcher zur Zeit der DDR, meist von linken Aktivisten geplant und durchgef\u00fchrt, um die &#8218;unt\u00e4tige&#8216; Regierung und das b\u00f6se Volk im In- und Ausland in ein \u00e4usserst schlechtes Licht zu r\u00fccken.&#8220; Oder Peter Gabler aus 76891 Bruchweiler: &#8222;Leider gibt es in der ganzen 1627j\u00e4hrigen deutschen Geschichte nur einen einzigsten Hoffnungsschimmer der die Zeit von 1918-48 umfa\u00dft und zu unserem Elend abermals im Krieg endete.&#8220; Peter hat bestimmt nichts gegen Juden.<\/p>\n<p>&#8222;Dieses Volk wird skrupellos mi\u00dfbraucht ohne es zu merken, kann dies wirklich sein? Ich glaube ja da sie schon lange dem G\u00f6tzen Geld huldigen und dies ihrer eigenen Grund\u00fcberzeugung und Religion widerspricht.&#8220; Ein nicht zu untersch\u00e4tzender Vorzug offener Internetforen ist die Anonymit\u00e4t. Ob jemand Wursthaare, Glatze oder Seitenscheitel, rote oder wei\u00dfe Schn\u00fcrsenkel tr\u00e4gt, Palotuch oder Lodenmantel &#8211; die Codes, mit deren Hilfe Jugendliche und solche, die es bleiben wollen, sich gegeneinander und die \u00e4ltere Generation abgrenzen fallen unter den Tisch, und es kann endlich zueinander finden was zusammen geh\u00f6rt. &#8222;wicki&#8220;, dem es einfiel, Peters Text &#8222;Nazi-Kacke&#8220; zu schimpfen, fing sich sofort vier Abfuhren ein. &#8222;Dieser Artikel wurde weder bekifft noch in braunem Gedankengut verfa\u00dft. Eure Reaktionen ersch\u00fcttern mich. Das mit dem G\u00f6tzen Geld wiederspricht ganz klar der \u00dcberzeugung sich kein anzubetendes Bildnis zu machen.&#8220; So l\u00e4\u00dft sich eine Menge voneinander lernen, und die ersten Erfolge zeichnen sich bereits ab. Reaktionen eines &#8222;Antinationalisten&#8220; auf die Rede des israelischen Botschafters in Frankfurt: &#8222;1. <em>Sehr geehrter Herr Pr\u00e4sident des Zentralrates, Paul Spiegel<\/em> Aha, in Anwesenheit des Innenministers (nicht dass ich f\u00fcr den was anderes \u00fcber h\u00e4tte als Dresche) wird also der Repr\u00e4sentant einer religi\u00f6sen Minderheit zuerst gegr\u00fc\u00dft. Ist das diplomatisches Protokoll? Wohl kaum! &#8230; 3. <em>verehrte Mitglieder der j\u00fcdischen Gemeinde<\/em> Sind wohl mehr Juden als Nichtjuden in Frankfurt. In Verachtung der Realit\u00e4t wird die Majorit\u00e4t erneut beleidigt.&#8220;<\/p>\n<p>Beitr\u00e4ge, die f\u00fcr qualitativ besonders hochwertig befunden werden, legt indymedia.de auf einen exponierten Platz der Startseite: &#8222;Die Artikel in der Mittelspalte nennen wir Feature. Das sind Beitr\u00e4ge, die einen guten \u00dcberblick \u00fcber ein wichtiges Thema geben.&#8220; Da freuen sich dann z.B. &#8222;maroto und suha bechara&#8220;: &#8222;Militante Aktionen sind seit Beginn der Intifada fester Bestandteil des Widerstandes gegen die anhaltende Okkupation. Spektakul\u00e4r war vor allem das Attentat auf einen rechtsradikalen Minister Anfang des Jahres (Oktober 2001, T.S.).&#8220; Wer &#8222;mehr&#8220; erfahren m\u00f6chte und das link klickt, findet sich direkt auf der homepage der PFLP\/general command wieder und kann sich anhand der Anschlagserkl\u00e4rung umfassend informieren. Von dem anderen feature zum Thema geht es direkt zum <em>Palestine Chronicle<\/em>, wo dann u.a. folgende Erfolgsmeldung zu lesen ist: &#8222;The attack on the Israeli bus near Haifa resulted in many casualties among Israeli soldiers who were on their way to Jerusalem. At least ten were killed and 20 more wounded in the attack.&#8220; Soldaten? Sicher, f\u00fcr den militanten &#8222;Widerstand&#8220; ist jeder Israeli ein Soldat und daher ein legitimes Ziel. Was hilft es, da\u00df schon das Bl\u00e4ttchen, das einmal in der Woche mit den Supermarktangeboten ins Haus kommt die unbedingt erforderliche Aufkl\u00e4rung gegen diese Killpropaganda bieten k\u00f6nnte? indymedia-Fans verschm\u00e4hen es als &#8222;kommerziell&#8220; und suchen sich ihre Nachrichten lieber selbst zusammen. Vereinzelt ist tats\u00e4chlich schon die Kritik zu lesen, die Situation der Menschen in Israel und den besetzten Gebieten interessiere das gros der user einen Dreck, sie lebten blo\u00df ihre eigenen Projektionen an dem Konflikt aus. Dabei gibt sich der deutsche Ableger eher noch verdruckst, wer so richtig internationalistisch auf die Kacke hauen will findet auf <em>indymedia palestine<\/em> eindeutig die g\u00fcnstigeren Bedingungen vor. Pal\u00e4stinensische Friedensgruppen sind da zwar so rar wie die Nadel im Heuhaufen, daf\u00fcr wird ein Gutteil der Seite von kanadischen Geschichtsrevisionisten bestritten, die sich f\u00fcr &#8222;Israeli&#8220; die neckische Bezeichnung &#8222;ZIONAZI&#8220; ausgedacht haben. Schwedische Autonome schicken Fotos vom Zermusen unerw\u00fcnschter Fr\u00fcchtchen im Supermarkt, und eine<em> Ulrike Meinhof Martyr Brigade<\/em> konstatiert: &#8222;In the 70s, euro radicals carried out REAL solidarity actions for the Palestine cause, why not now?&#8220;.<\/p>\n<p><em>indymedia palestine<\/em> bietet nebenbei wohl die umfangreichste Sammlung antisemitischer Gebrauchsgraphik, die derzeit im Netz verf\u00fcgbar ist, &#8222;open publishing&#8220; machts m\u00f6glich. Gro\u00dfteils sind das tats\u00e4chlich noch die Originale aus den Drei\u00dfigern und fr\u00fchen Vierzigern, Anleitungen zum Erkennen des Untermenschen oder auch SS-Ikonen, die frech in &#8222;IDF&#8220; umgelogen wurden. &#8222;durruti&#8220; ist einer der vielen, die einfach ein F\u00fchrer-Portr\u00e4t ausgekramt und es &#8222;Sharon&#8220; getauft haben. Unbestreitbarer Favorit ist aber der brasilianische Cartoonist Latuff, dem es streckenweise gelungen ist, eine eigenst\u00e4ndige \u00c4sthetik zu entwickeln. Seine Serie &#8222;I am palestinian&#8220; ist die ideale Illustration der weltweiten Intifada (siehe Abbildungen auf dieser Seite). Alle haben gef\u00e4lligst Pal\u00e4stinenserIn zu sein. Der j\u00fcdische Junge bildet trotzdem eine Ausnahme: w\u00e4hrend alle anderen Identifikationsfiguren, der Schwarze in den H\u00e4nden des Ku-Klux-Klan, der erschossene Indianerkrieger, die indigena mit dem Regierungssoldaten ganz konkret ermordet werden oder doch direkt davon bedroht sind, steht er nur verloren vor der Ghettomauer wie im falschen Hausflur. Kein Wunder: eine pal\u00e4stinensische Rauchwolke \u00fcber Majdanek w\u00e4re die Spur zu dick aufgetragen gewesen, die das n\u00fctzliche Bild in seine Demontage h\u00e4tte umschlagen lassen. Auf indymedia.de ist Latuff nicht mehr gerne gesehen, auch wenn einige \u00e4ltere postings noch zu finden sind. Es war unter anderem ein Schriftwechsel mit diesem Zeichner zum Vorwurf des Antisemitismus, der f\u00fcr die <em>Aktion Kinder des Holocaust<\/em> den Ausschlag gab, den Schweizer Ableger des Netzwerks anzuzeigen. Indymedia Schweiz mu\u00dfte daraufhin vom Netz genommen werden. Begr\u00fcndung: Versto\u00df gegen das Antirassismus-Gesetz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Statistisch haben die meisten Israelis ihre Vorfahren in Gro\u00dfbritannien, den USA oder der UdSSR, und nicht in Maidanek.&#8220; Eine Aussage, so banal und unschuldig wie Blaus\u00e4ure in B\u00fcchsen, zu finden in dem Beitrag &#8222;Bundeswehr nach Pal\u00e4stina?&#8220; auf indymedia.de. 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