{"id":4713,"date":"2002-05-01T00:00:51","date_gmt":"2002-04-30T22:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4713"},"modified":"2022-07-26T14:16:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:48","slug":"baukasten-fur-eine-andere-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/05\/baukasten-fur-eine-andere-wirklichkeit\/","title":{"rendered":"Bauk\u00e4sten f\u00fcr eine andere Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Um Herrschafts- und Gewaltstrukturen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und zu zerst\u00f6ren, setzen wir gewaltfreie Aktionsformen ein. In diesem Sinn bem\u00fcht sich die anarchistische Zeitung Graswurzelrevolution, seit 1972, Theorie und Praxis der gewaltfreien Revolution zu verbreitern und weiterzuentwickeln. <\/em><\/p>\n<p>Die nun drei\u00dfigj\u00e4hrige Graswurzelrevolution geh\u00f6rt zu jenen Zeitungen, die im Zuge der Entwicklungen in den sp\u00e4ten 60er Jahren, der herrschenden ver\u00f6ffentlichten Meinung eine andere Wirklichkeit, eine Gegen\u00f6ffentlichkeit, entgegensetzen wollten. Gottfried Oy beschreibt in <em>Die Gemeinschaft der L\u00fcge<\/em> wie sich Medien- und \u00d6ffentlichkeitskritik der sozialen Bewegungen seit den sp\u00e4ten sechziger Jahren gewandelt haben. Er geht dabei nicht sosehr auf einzelne Projekte ein, vielmehr zeigt er drei Theorie-Achsen an denen sich diese Kritik und die daraus folgenden Praktiken orientierten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ist dort die wahrscheinlich dominante Achse eines repressiven und manipulativen Machtbegriffs zu nennen. Nach Anf\u00e4ngen, die sich in den 20er und 30er Jahren finden lassen, wird sie in den 60er Jahren im Zuge von kritischer Theorie und Neomarxismus dominierend. Grundlegend wurde dabei Adornos und Horkeimers These der Kulturindustrie \u00fcber die Unf\u00e4higkeit des Einzelnen, sich der durch die Kulturindustrie fabrizierten und ihnen eingeblasenen Stimme ihres Herren zu widersetzen. Eine andere Linie innerhalb dieser Theorieachse geht auf Walter Benjamin zur\u00fcck, der dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit durchaus emanzipatorische Kraft zurechnet, da eine elit\u00e4re Hochkultur zugunsten einer Wortergreifung durch die Massen abgel\u00f6st werden k\u00f6nne. Von hier aus entwickelten sich eine Vielzahl von Ans\u00e4tzen von Habermas \u00fcber Negt, Kluge hin zur kritischen Medientheorie. Der Manipulation durch die \u00fcberm\u00e4chtige Bewusstseinsindustrie gilt es authentische und basisnahe Informationen und Wirklichkeitserfahrungen entgegenzusetzen. Alternative Medienarbeit war angesagt. Nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen, sondern jeden zum Manipulateur zu machen forderte Enzensberger in seinem Baukasten zur Theorie der Medien&#8220; von einem revolution\u00e4ren Konzept.<\/p>\n<p>Die zweite Achse r\u00fcckt das in den Mittelpunkt, was bei Vertretern des manipulativen Machtbergriffs nicht vorgesehen war, die Vielschichtigkeit des Produkts, Intertextualit\u00e4t und die Kreativit\u00e4t der RezipientInnen. Subversivit\u00e4t, elektronischer Dissens, Kommunikationsguerilla. Nicht die Frage was die Medien mit den Menschen anstellen (das war die Frage des Manipulationsansatzes), sondern was die Menschen mit den Medien machen, ist das Interessante. Auf dieser Achse treffen sich dann Umberto Eco, Stuart Hall und die cultural studies, die sich, Gramsci weiterdenkend, auf die Suche nach hegemonialen Deutungen begeben und die M\u00f6glichkeiten der dissidenten und subversiven Spiele und K\u00e4mpfe um eben diese finden wollen.<\/p>\n<p>Eine dritte Achse bezieht sich ma\u00dfgeblich auf die franz\u00f6sischen Poststrukturalisten, Foucault, Deleuze und Guattari. Nicht Herrscher und Unterworfene stehen sich in einer monolithischen Konfrontation gegen\u00fcber und gewinnen tut der mit den besseren Informationen und der effektiveren Vermittlung, vielmehr werden Begriffe wie Netzwerk, Mannigfaltigkeit, Rhizom oder Multitude zu Termen mit denen die Beweglichkeit und Ver\u00e4nderlichkeit von Kommunikationsstrukturen aufgezeigt werden sollen. Diese Strukturen, deren wachsende Komplexit\u00e4t, Universalit\u00e4t und Totalit\u00e4t zugleich eine l\u00fcckenlose \u00dcberwachung und Kontrolle verhindert, bieten immer wieder, an unerwarteten Orten und oft nur f\u00fcr kurze Zeit, Fluchtm\u00f6glichkeiten aus den totalit\u00e4ren Strukturen einer kapitalistisch \u00fcberbauten Medien- und Bewusstseinsindustrie. <em>Ihr braucht keine richtigen Ideen zu haben, nur habt eine Idee. Habt kurzlebige Ideen&#8230; Seid weder eins noch viele, seid Vielheiten!<\/em><\/p>\n<p>Mit dem Aufkommen und der massenhaften Verbreitung des Internets schienen die technischen M\u00f6glichkeiten vielf\u00f6rmiger und unkontrollierbarer Bewegung m\u00f6glich. Die Struktur des Internet schien eine herrschaftliche und hierarchische Durchdringung unm\u00f6glich zu machen. Jeder und jede k\u00f6nne \u00fcber relativ einfache Mittel Sender und Empf\u00e4nger werden und das Verh\u00e4ltnis von vielen H\u00f6rerInnen und einem Sender der klassischen Massenmedien zugunsten vieler Stimmen aufl\u00f6sen. Hierarchien und Herrschaftsstrukturen wie Geschlecht oder Ethnizit\u00e4t w\u00fcrden in dieser k\u00f6rperlosen Welt aufh\u00f6ren relevant zu sein. Brechts Idee des R\u00fcckkanals l\u00e4sst sich so in der Interaktivit\u00e4t des Weltweitennetzes finden.<\/p>\n<p>Nach aller anf\u00e4nglichen Euphorie, die eine Weile unter einem bestimmten Teil der Linken bestand und die es ganz \u00e4hnlich auch im Bereich neuer elektronischer Musiken eine kurze Zeit lang gab, und zu Experimenten wie com.une.farce oder Netzkritik f\u00fchrte, lie\u00dfe sich heute f\u00fcr das Internet, genau wie f\u00fcr andere Medien konstatieren, dass, um es mit der Mutter aller Manipulationstheorien zu sagen, <em>der Boden, auf dem die Technik Macht \u00fcber die Gesellschaft gewinnt, die Macht der \u00f6konomisch St\u00e4rksten \u00fcber die Gesellschaft ist. <\/em>Auch zeigen sich beispielsweise im Zusammenhang mit der Antisemitismusdiskussion bei <em>indymedia<\/em> (siehe Artikel dazu in dieser GWR) die Probleme offener und unkontrollierter Strukturen. <em> <\/em>Doch sollte diese Ern\u00fcchterung nicht dazu f\u00fchren Netzwerkphilosophien f\u00fcr den Bereich der Alternativen \u00d6ffentlichkeit aufzugeben, zumal sie auf der Ebene sozialer Bewegungen am aussichtsreichsten erscheinen.<\/p>\n<p>Das Ganze kann als ein Abgesang auf das Konzept der Gegen\u00f6ffentlichkeit gelesen werden. Doch bleiben gegen\u00f6ffentliche Medien, da sie auf demokratische Strukturen und nonkonforme soziale Identit\u00e4ten verweisen k\u00f6nnen, f\u00fcr eine Weiterentwicklung dissidenter Theorie und Praxis wichtig. Abstand muss aber wohl von dem aufkl\u00e4rerischen Anspruch genommen werden, dass die Massen nur die entsprechenden Informationen brauchen um zu rebellieren. Denn Informationen alleine \u00e4ndern nichts. <em>Das Modell Alternative \u00d6ffentlichkeit als gesellschaftskritisches Konzept kann seine Wirkung nur entfalten, indem es nicht als isolierte Medientheorie, sondern als umfassende Gesellschaftstheorie begriffen wird. <\/em><\/p>\n<p>Alles in Allem ein sehr gelungener und notwendiger Versuch der Aufarbeitung linker \u00d6ffentlichkeitskritik und hoffentlich eines Ansto\u00dfes ihrer Weiterentwicklung. Auf jeden Fall aber wird ein wichtiger \u00dcberblick \u00fcber Medien- und \u00d6ffentlichkeitstheorien von Brecht bis in die verzweigten Netze des Cyberspace geschaffen, der immer wieder die Verbindung dieser zu einer kritischen Praxis zwischen taz und radikal, Piratensendern und alternativer Stadtteilarbeit schafft. Berechtigt ist sicherlich die Kritik, dass in Oys Buch die Vielzahl auch heute noch bestehender Projekte einer klassischen Gegen\u00f6ffentlichkeit und deren Bedeutung f\u00fcr die Reste und Anf\u00e4nge sozialer Bewegungen, zwischen Schreibtisch und Stra\u00dfenschlacht, nicht in geb\u00fchrendem Ma\u00dfe ber\u00fccksichtigt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um Herrschafts- und Gewaltstrukturen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und zu zerst\u00f6ren, setzen wir gewaltfreie Aktionsformen ein. 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