{"id":4757,"date":"2002-06-01T00:00:59","date_gmt":"2002-05-31T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4757"},"modified":"2022-07-26T14:26:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:12","slug":"tatort-globalisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/tatort-globalisierung\/","title":{"rendered":"Tatort Globalisierung"},"content":{"rendered":"<p>Frankfurt, Uni-Campus am Freitag, 10. Mai, 9 Uhr: Bei leichtem Nieselregen k\u00fcmmert sich eine Handvoll Leute darum, die Spuren der sommerlichen ersten Kongressnacht vor dem Cafe KoZ des Studierendenhauses zu beseitigen. W\u00e4hrend die M\u00fclls\u00e4cke beiseite geschafft werden, dampft es schon vielversprechend aus dem Riesentopf, den die Maulw\u00fcrfe aus Freiburg in ihrer Au\u00dfenk\u00fcche aufgestellt haben: nur noch wenige Minuten bis zum morgendlichen Kaffeeduft. Zwei fr\u00fchst\u00fcckshungrige Teilnehmer helfen, einen halben Sack Brote aufzuschneiden.<\/p>\n<p>Bald ist es vorbei mit der Beschaulich- und erfreulicherweise auch mit der Feuchtigkeit.<\/p>\n<p>Die TeilnehmerInnen kommen von ihren Schlafquartieren, fr\u00fchst\u00fccken und st\u00fcrzen sich ins Kongressgew\u00fchl. \u00dcber 800 Menschen sind der Einladung zum Internationalismuskongress am Main gefolgt. Der Kongress ist gleichzeitig Jubil\u00e4umskongress der BUKO (Bundeskoordination Internationalismus), die bis vor wenigen Monaten unter dem Namen Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen auf 25 Jahre Solidarit\u00e4tsarbeit und Internationalismus zur\u00fcckblicken kann (vgl. GWR 268). Auf dem Programm steht eine Podiumsdikussion zur Frage von \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Gegen\u00f6ffentlichkeit.<\/p>\n<h3>Gegen\u00f6ffentlichkeit gestern und heute<\/h3>\n<p>Der Festsaal des Studierendenhauses ist voll. Die Diskussion auf dem Podium dreht sich um Wege an die \u00d6ffentlichkeit, um die Struktur der Medienlandschaft und ihrer Politik, \u00fcber linke Strategien gestern und heute.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Mehrheit der VeranstaltungsteilnehmerInnen stimmt Katharina P\u00fchl aus dem Fachgebiet Frauen und Geschlechterforschung an der Universit\u00e4t Kassel in ihrer kritischen Einstellung gegen\u00fcber dem Glauben an einen Pluralismus der b\u00fcrgerlichen Medien zu. Sie pl\u00e4diert f\u00fcr Freir\u00e4ume, eine eigene Praxis zu entwickeln, ohne sich sofort an Effizienz zu messen. Konkrete Praxis bringen sowohl Peter Wahl von attac als auch Winni Medina von indymedia und nicht zuletzt Mark vom Pink Silver (vgl. GWR 269) ins Spiel. W\u00e4hrend attac offensiv auf die Medien zugeht und sich im &#8222;Krieg um die K\u00f6pfe\u201d mit fernsehgerechten Aktionen, mit professioneller Pressearbeit und Pr\u00e4senz pr\u00e4sentiert, wollen die AktivistInnen aus dem Pink Silver Spektrum mit einem bunten Spektakel gerade solche Wege in Frage stellen. So bewusst schr\u00e4g sie daherkommen und auf eigene Pressearbeit verzichten, so sehr legen sie Wert auf die Prozesse innerhalb der Pink Silver-Bl\u00f6cke, in denen die beteiligten Menschen die zentrale und gestaltende Rolle spielen. In der Diskussion wird deutlich, dass viel Skepsis gegen\u00fcber der Medienstrategie von Attac besteht, wenn auch ihre Erfolge zu denken geben m\u00fcssen. Offen f\u00fcr Experimente zu sein, ist dagegen f\u00fcr viele TeilnehmerInnen eine wichtige Perspektive eigener \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Als einen Rahmen und eine neue Struktur von Gegeninformation stellt Winni Medina das Projekt indymedia vor. Die Form des &#8222;open posting\u201d f\u00fcr alle, die eigene Texte ins Internet stellen m\u00f6chten, erfordert sowohl kritische ProduzentInnen von Information als auch kritische KonsumentInnen.<\/p>\n<h3>Arbeitsgruppen in gro\u00dfer Vielfalt<\/h3>\n<p>Am Nachmittag finden dann rund 15 Arbeitsgruppen statt, angeboten von TeilnehmerInnen und den einladenden Gruppen. Die Themen reichen von politischer Theorie bis zur konkreten Praxis einzelner Kampagnen und Soligruppen. Sie thematisieren u.a. fairen Kaffeehandel, Privatisierung von Wasser oder die Internationalisierung des Widerstands.Hier funktioniert Vernetzung praktisch: Schon vor dem Arbeitskreis zu Biopiraterie und Widerstand zeigt eine Initiative aus Kiel einen Film \u00fcber Biopiraterie in Chiapas. Die meisten der ZuschauerInnen bleiben zum anschlie\u00dfenden Arbeitskreis und legen nochmal 3 Stunden konzentrierter Diskussionen hin. Im Arbeitskreis wird die Patentierung von Leben, die Aneignung und Vermarktung von nat\u00fcrlichen Ressourcen problematisiert. Die bereits geplanten Aktivit\u00e4ten einer Kampagnengruppe gegen Biopiraterie sto\u00dfen auf gr\u00f6\u00dftes Interesse und viele der TeilnehmerInnen tragen sich gleich in eine Mitmachliste ein. Schon am n\u00e4chsten Vormittag ist der gr\u00f6\u00dfte Teil diese Gruppe wieder beim Pl\u00e4neschmieden in einem spontan zur Verf\u00fcgung gestellten Raum anzutreffen.<\/p>\n<h3>An historischem Ort h\u00f6chste Aufmerksamkeit f\u00fcr Israel-Pal\u00e4stina<\/h3>\n<p>F\u00fcr einen H\u00f6hepunkt des Kongresses mussten alle einen kleinen Spaziergang auf sich nehmen: Die Veranstaltung &#8222;Wege aus der Sackgasse &#8211; Der Nahostkonflikt und die Solidarit\u00e4tsbewegung\u201d findet im Casino des IG-Farben-Hauses statt. Alle, die Interesse an der Geschichte dieses Geb\u00e4udes haben, konnten schon am sp\u00e4ten Nachmittag an einer F\u00fchrung teilnehmen.<\/p>\n<p>Rund 800 Menschen sitzen und stehen schlie\u00dflich im Saal und verfolgen die Beitr\u00e4ge der G\u00e4ste Aida Touma Souliman (Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der arabischen Frauenrechtsorganisation; Women against Violence; und Mitglied der Kommunistischen Partei Israels), Moshe Zuckermann (Historiker und Autor aus Tel Aviv) und Sabah Alnasseri (Politologe, Frankfurt\/Main).<\/p>\n<p>Die Diskutierenden sehen ihre schlimmsten Bef\u00fcrchtungen durch die Realit\u00e4t \u00fcbertroffen, eine politische L\u00f6sung des Krieges in Israel und Pal\u00e4stina sei aussichtsloser denn je. Aber gleichzeitig die einzige Chance.<\/p>\n<p>Moshe Zuckermann findet Worte harter Kritik an der Unterdr\u00fcckungs- und Besatzungspolitik Israels gegen die Pal\u00e4stinenser, gibt aber auch Einblicke in die israelische Situation, die f\u00fcr viele neu sind: Die Siedler in den besetzten Gebieten berufen sich auf religi\u00f6se Bestimmung und sind kaum zur Umkehr zu bewegen. Die Siedlungsbewegung hat in der israelischen Gesellschaft viele Unterst\u00fctzerInnen. Die Gefahr eines B\u00fcrgerkrieges in Israel w\u00e4re gro\u00df, sollten sich bei einer Entscheidung zur R\u00e4umung der Siedlungen Hardliner verschanzen und gar das Milit\u00e4r eingreifen.<\/p>\n<p>Aida Touma Souliman betont, dass eine L\u00f6sung nicht von den Pal\u00e4stinensern ausgehen k\u00f6nne, in einem ungleichen Kampf, in dem die Pal\u00e4stinensische Autonomiebeh\u00f6rde ihrer Infrastruktur beraubt sei. Erfolgreiche Dialogans\u00e4tze sind in der jetzigen Situation zerst\u00f6rt. Die israelische Friedensbewegung ist noch keine relevante Akteurin.<\/p>\n<p>Die hiesige Linke ist an dieser Frage gespalten wie nie zuvor. Die Vorbereitungsgruppe hat sich ausgiebig \u00fcber den Umgang mit m\u00f6glichen Aggressionen bei diesem Thema auseinandergesetzt. Die Veranstaltung verlief friedlich, aber auch an diesem Abend wurden aus dem Publikum mehrfach scharfe Fragen nach den AdressatInnen der Solidarit\u00e4t gestellt. F\u00fcr alle Podiumsg\u00e4ste ist das nicht der Kern der Debatte. Eher sei diese Unsicherheit eine Folge der typisch deutschen Abstraktion von Weltverh\u00e4ltnissen, die nicht auseinanderhalten kann, was Antisemitismus und was Kritik am israelischen Staat ist.<\/p>\n<h3>Aufbruchstimmung und vorsichtiger neuer Optimismus<\/h3>\n<p>Zum Kongress nach Frankfurt sind so viele Leute wie wohl noch auf keinem BUKO gekommen. Die breit angelegte Werbeaktion f\u00fcr den Kongress machte davon aber nur einen Teil aus. Nach Seattle, Genua und dem 11. September ist Schluss mit der Resignation: Bewegung entsteht und ist notwendig, dabei zu sein ist f\u00fcr viele wieder ein Beitrag.<\/p>\n<p>Der Internationalismuskongress der BUKO ist dabei ein besonders spannender Versuch: Es treffen die &#8222;alten Hasen\u201d, die schon viele Jahre Erfahrungen mitbringen auf junge Leute, die sich einmischen wollen in die globalisierungskritische Bewegung. Es wird gerungen um Strategien und Antworten, die \u00fcber Ref\u00f6rmchen hinausgehen.<\/p>\n<p>Gut besuchte Arbeitskreise, volle Podiumsveranstaltungen und lebendige N\u00e4chte vor dem Studierendenhaus machen und belegen eine gute Stimmung. Gleichzeitig ist w\u00e4hrend des ganzen Kongresses seine Verbesserung ein wichtiges Thema. F\u00fcnf zentrale Podiumsdiskussionen an vier Tagen sind f\u00fcr alle zu viel. Mehr Zeit f\u00fcr die Arbeitsgruppenangebote und Experimente steht ganz oben auf dem Wunschzettel f\u00fcr das kommende Jahr.<\/p>\n<p>Nicht immer ist es gelungen, die Themen so aufzuarbeiten, dass EinsteigerInnen den Diskussionen folgen k\u00f6nnen. Nur ein Arbeitskreis wendet sich gezielt an EinsteigerInnen und findet auch rege Nachfrage.<\/p>\n<p>Da der BUKO auch im kommenden Jahr stattfinden wird, werden jetzt die Erfahrungen zusammengetragen und viele Verbesserungsideen gesammelt. MitstreiterInnen, die helfen, dass aus dem n\u00e4chsten Kongress noch mehr eine offene Plattform der Begegnung und der Vereinbarungen f\u00fcr Gruppen und Initiativen wird, w\u00e4hrend Diskussionen und Zielbestimmungen nicht zu kurz kommen d\u00fcrfen, sind herzlich willkommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankfurt, Uni-Campus am Freitag, 10. 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