{"id":4778,"date":"2002-06-01T00:00:36","date_gmt":"2002-05-31T22:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4778"},"modified":"2022-07-26T14:16:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:47","slug":"perspektiven-libertarer-gegenoffentlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/perspektiven-libertarer-gegenoffentlichkeit\/","title":{"rendered":"Perspektiven libert\u00e4rer Gegen\u00f6ffentlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Peter Wolter stellt in seinem Diskussionspapier &#8222;Thesen zum AK &#8218;Alternative Medien\u2019 (AM)&#8220; u.a. folgende These auf: &#8222;Die basisdemokratische Organisation der Entscheidungsabl\u00e4ufe in einer AM-Redaktion ist in der Regel kontraproduktiv.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Diese These stelle ich in Frage.<\/p>\n<p>Basisdemokratische Strukturen, wie es sie z.B. bei langlebigen Bewegungszeitungen wie <em>graswurzelrevolution (GWR) <\/em><em>((3))<\/em><em>, direkte aktion (da) <\/em><em>((4))<\/em><em>, Schwarzer Faden (SF) <\/em><em>((5))<\/em>\u00a0 und <em>Contraste <\/em><em>((6))<\/em>\u00a0<em> <\/em>gibt, sind wichtig f\u00fcr das Funktionieren von Alternativmedien. Das zeigt auch das Beispiel der Berliner <em>tageszeitung.<\/em> Die professionell gemachte <em>taz <\/em>ist sp\u00e4testens seit Einf\u00fchrung der Chefredaktion keine Alternativzeitung im urspr\u00fcnglichen Sinne mehr. Die politische N\u00e4he zur Regierungspartei B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen pr\u00e4gt den Inhalt des einstmaligen Bewegungsorgans. Ihre Perspektive ist &#8211; anders als in der Gr\u00fcndungsphase der <em>taz<\/em> &#8211; nicht mehr basisdemokratisch, sondern, das hat auch ihre \u00fcberwiegend bellizistische Ausrichtung w\u00e4hrend des NATO-Angriffskrieges gegen Jugoslawien 1999 gezeigt, herrschaftsnah und staatsfreundlich. Zwar berichtet die <em>taz<\/em> zur Zeit relativ kritisch \u00fcber die Kriegspolitik der USA, aber wie sie beim Anfang 2003 zu erwartenden US-Angriffskrieg gegen den Irak reagieren wird, steht in den Sternen.<\/p>\n<p>Wichtig ist f\u00fcr alternative Medien eine &#8222;Perspektive von unten&#8220;, eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart. Libert\u00e4re Alternativmedien schaffen eine zun\u00e4chst kleine Gegen\u00f6ffentlichkeit, sie ver\u00f6ffentlichen Informationen, die in den Massenmedien nicht oder nur in hom\u00f6opathischen Dosen vorkommen. Ihre Chancen liegen auch in der St\u00e4rkung der au\u00dferparlamentarischen Bewegungen. Dabei ist die basisdemokratische Verfasstheit alternativer Redaktionen von Bedeutung. Alles immer basisdemokratisch abzustimmen ist schwierig, aber basisdemokratische Strukturen wie z.B. bei <em>GWR<\/em> und <em>da<\/em>\u00a0 tragen auch dazu bei, dass diese Zeitungen immer noch an den sozialen Bewegungen ankn\u00fcpfen. Sie bleiben Bewegungsbl\u00e4tter und k\u00f6nnen von den sozialen Bewegungen als Sprachrohre genutzt werden.<\/p>\n<h3>Vorteile alternativer Medien gegen\u00fcber Massenmedien<\/h3>\n<p>Im Gegensatz zu den alternativen Klein- und Kleinstpublikationen stellen Massenmedien f\u00fcr die Entwicklung und Verbreitung neuer Ideen ein Hindernis dar.<\/p>\n<p>&#8222;Stellen wir uns eine Zeitung (\u2026) vor, die alle zu einem bestimmten Zeitpunkt entstandenen neuen Ideen sammeln wollte. Wir haben (\u2026) gesehen, dass es praktisch unm\u00f6glich w\u00e4re, in einer solchen Sammlung ein bestimmtes Thema zu finden. Es gibt nur ein Mittel, um dem Leser das in einer Zeitung (\u2026) enthaltene Material zug\u00e4nglich zu machen: Die Masse des Materials muss reduziert werden. Es muss also eine Auswahl getroffen werden, aber diese Auswahl kann nur schlecht sein, denn auch die Herausgeber oder Zensoren, die sie vornehmen, sind au\u00dferstande, eine solche Unmenge von Informationen zu lesen, um nur eine davon auszuw\u00e4hlen. \u00dcberdies w\u00fcrde diese Auswahl besonders schwierig sein im Falle neuer, ungewohnter Ideen, deren Terminologie noch nicht allgemein bekannt sein kann und die eine gewisse Zeit zum Nachdenken erfordern. Die Herausgeber oder Zensoren (\u2026) werden daher automatisch das zweitrangige, aber <em>bereits bekannte<\/em> Material behalten und alle neuen Ideen ablehnen. Diese Tatsache k\u00f6nnen wir tagt\u00e4glich in unseren Zeitungen, auf den Fernsehbildschirmen etc. best\u00e4tigt finden.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Die Massenmedien ersticken also neue Ideen. Anders als die libert\u00e4ren Periodika, setzen sie die Herrschaftsstrukturen im Zeitalter der kapitalistischen Globalisierung als unantastbar voraus und tragen so zu ihrer Zementierung bei. Nach Meinung des libert\u00e4ren Sozialwissenschaftlers Noam Chomsky handelt es sich hierbei weder um Zufall noch um eine besondere B\u00f6sartigkeit. Der &#8222;Manufacturing Consent&#8220;, von dem Chomsky spricht, geht von den kapitalistischen Unternehmern als unantastbarem Heiligtum aus. ((8))\u00a0 Chomsky sieht f\u00fcnf &#8222;Filter&#8220; am Werk, die das Funktionieren der Massenmedien steuern.<\/p>\n<p><strong>Der erste Filter<\/strong>: Die Medien sind im wachsenden Ma\u00dfe gro\u00dfe Konzerne wie das Kirch-, Berlusconi- oder Bertelsmann-Imperium.<\/p>\n<p>&#8222;Und w\u00fcrde vielleicht von Silvio Berlusconi oder auch Rudolf Augstein erwartet, dass sie das Prinzip der Profitmaximierung verurteilen und die Enteignung der Gro\u00dfkonzerne verlangen?&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Den <strong>zweiten Filter<\/strong> stellen Werbe- und AnzeigenkundInnen dar. Sie sind f\u00fcr Chomsky die eigentlichen KundInnen, auf deren W\u00fcnsche die T\u00e4tigkeit der b\u00fcrgerlichen Medien ausgerichtet sein muss. Die KonsumentInnen sind, in der Sprache des Marktes, lediglich das &#8222;Produkt&#8220;, das aggressiv beworben wird.<\/p>\n<p>Der <strong>dritte Filter<\/strong> wird durch die Zugangsm\u00f6glichkeiten zu gesellschaftlich wichtigen Institutionen wie Unternehmen oder staatlichen Einrichtungen gebildet. Wem werden die Informationen gegeben und wem nicht? Welche Medien werden die neuesten Informationen erhalten, wem wird die M\u00f6glichkeit zu einem &#8222;informellen Gespr\u00e4ch&#8220; einger\u00e4umt? Den Medien, die zusammen mit UnternehmerInnen, CDU\/CSU, FDP, SPD und den B\u00fcndnisgr\u00fcnen die Sicherung des &#8222;Standorts Deutschlands&#8220; verfechten, oder den Menschen die direkte Widerstandsaktionen gegen Militarisierung, Atompolitik, Umstrukturierung und rassistische PropagandistInnen und AkteurInnen leisten? Eine wohl eher rhetorische Frage.<\/p>\n<p>Als <strong>vierten und f\u00fcnften Filter<\/strong> zur Eliminierung kritischen Denkens aus den Medien nennt Chomsky systematische &#8222;Schmutzkampagnen gegen AbweichlerInnen&#8220; und, vor allem auf die USA bezogen, &#8222;Antikommunismus als nationale Religion&#8220;. Das KPD-Verbot 1956, die Antiterrorismushysterie, die im &#8222;Deutschen Herbst&#8220; 1977 einen H\u00f6hepunkt erreichte, die Berufsverbote und &#8222;Sicherheitsgesetze&#8220; gegen Linke, die ehrabschneidende <em>Bild<\/em>-Zeitungskampagne gegen den <em>tagesthemen-<\/em>Moderator Ulrich Wickert ((10)), der sich im Oktober 2001 kritisch zum Afghanistan-Krieg der USA ge\u00e4u\u00dfert hatte und die aktuelle Suspendierung von Lehrern, die sich seit dem 11. September 2001 gegen den US-Krieg in Afghanistan ge\u00e4u\u00dfert haben ((11)), belegen, dass diese Prozesse auch in der Bundesrepublik wirksam waren und sind.<\/p>\n<p>Nach Chomsky beruht die Struktur moderner Medien auf einem herrschenden Konsens, der durch den Wiedererkennungswert bestimmter Meldungen st\u00e4ndig reproduziert wird. Die Meldung &#8222;Kommunisten unter Pol Pot begehen in Kambodscha V\u00f6lkermord&#8220; musste demnach in der US-\u00d6ffentlichkeit ab Mitte der siebziger Jahre nicht belegt oder ausf\u00fchrlich begr\u00fcndet werden, um geglaubt zu werden. Sie fu\u00dfte auf dem herrschenden Konsens des medial gepr\u00e4gten Prokapitalismus und US-typischen Antikommunismus. Die Nachrichten: &#8222;USA begeht in Kambodscha V\u00f6lkermord&#8220; (dies war 1975 der Fall) und: &#8222;Von den USA unterst\u00fctzte indonesische Interventionstruppen begehen in Ost-Timor V\u00f6lkermord (dies war nach 1975 ein Fakt) hatten keine Chance auf Zustimmung, weil sie dem herrschenden Konsens widersprachen. Es h\u00e4tten erst Beweise, Belege und Dokumente angef\u00fchrt werden m\u00fcssen, um glaubw\u00fcrdig zu werden.<\/p>\n<p>&#8222;Dies widerspricht jedoch dem vor allem in den Fernsehsendern vorherrschenden Diktum der K\u00fcrze einer Nachricht.&#8220; ((12))<\/p>\n<p>Demnach f\u00f6rdern kurze Nachrichten den herrschenden Konsens. Abweichende oder den Konsens durchbrechende Nachrichten haben keine Chance, weil sie in der K\u00fcrze der Zeit nicht begr\u00fcndet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Aktualit\u00e4t der von Chomsky geleisteten Kritik der Verk\u00fcrzung von Nachrichten, zeigt sich heute zum Beispiel im Trendsetter <em>Focus<\/em>, dem der <em>Spiegel<\/em> als \u2018Nachrichtenmagazin\u2019 nacheifert. Die Nachrichtenartikel werden immer k\u00fcrzer und nur noch selten ausf\u00fchrliche Hintergrundanalyse ver\u00f6ffentlicht. Diese Struktur reagiert auf und verschr\u00e4nkt sich mit Mechanismen der Ged\u00e4chtniszerst\u00f6rung durch die moderne Unterhaltungsindustrie: Musikvideos, Techno-Musik, visuelle Reiz\u00fcberflutung durch Computeranimationen, aber auch das \u2018Zappen\u2019 durch unz\u00e4hlige Fernsehkan\u00e4le sind entsprechende Zeiterscheinungen. Die F\u00e4higkeit zur motorischen Wahrnehmung von Zusammenh\u00e4ngen und komplexe Ged\u00e4chtnisleistungen werden zerst\u00f6rt. Ein Ergebnis ist, dass KonsumentInnen lange Konzentrationsphasen, und somit auch lange Artikel oder ausf\u00fchrliche Analysen, erm\u00fcdend finden und unmerklich auf sie verzichten &#8211; zu ihrem eigenen Nachteil.&#8220; ((13))<\/p>\n<p>Um grundlegende Kritik an der ungleichen Verteilung von Reichtum, Macht und Privilegien aus der \u00d6ffentlichkeit zu entfernen, reicht heute meist das freie Spiel unternehmerischer und staatlicher Macht. Es wirkt ganz von allein und ohne gewaltsamen Zwang. Es bewirkt, dass die \u00f6ffentliche Meinung von dieser Macht beherrscht wird. Durch das Zusammenwirken der o.g. Faktoren tragen die Massenmedien dazu bei, aus der Demokratie eine ZuschauerInnendemokratie zu machen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Massenmedien Millionen Menschen erreichen, interessieren sich f\u00fcr die vielen alternativen &#8222;Minimedien&#8220; nur einige tausend Personen, die aber &#8211; zumindest dem alternativen Anspruch nach &#8211; nicht KonsumentInnen, sondern zugleich Handlungstr\u00e4gerInnen und AutorInnen sind. Sie stellen Kommunikation auf Dauer her, die sich der Definitionsmacht der etablierten Presse, ihrer Pr\u00e4ferenz f\u00fcr dramatische bzw. &#8222;sensationelle&#8220; Ereignisse, ihrer Fixierung auf zentralisierte und hierarchische Strukturen, F\u00fchrer und Fraktionierungen zu entziehen vermag. Die alternativen Periodika k\u00f6nnen nicht alle neuen Ideen ver\u00f6ffentlichen, aber sie k\u00f6nnen jede Neuheit bringen, die irgendeine\/r der wenigen LeserInnen vorschl\u00e4gt, und diese Ideen sind dann allen LeserInnen zug\u00e4nglich. Die M\u00f6glichkeiten, die ein solches Netz von vielf\u00e4ltigen &#8222;Minimedien&#8220; haben k\u00f6nnte, skizzierte Yona Friedman folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn wir (..) annehmen, jede Gemeinschaft von 5.000 bis 10.000 Mitgliedern k\u00f6nne eine eigene Zeitung haben, so d\u00fcrfen wir gewiss sein, dass jede beliebige Idee ver\u00f6ffentlicht werden w\u00fcrde, auch wenn sie dann nicht notwendigerweise von allen Bewohnern des Erdballs gelesen wird. So einfach dieser Vorgang ist &#8211; er verhindert doch die Zur\u00fcckweisung neuer Ideen und f\u00f6rdert die Vielfalt der Subkulturen. Ich will mit diesem imagin\u00e4ren Beispiel zeigen, dass die weltweite Kommunikation im Gegensatz zu den \u00fcblichen Anschauungen nicht der kulturellen Entwicklung oder der Vermehrung der Kenntnisse des Menschen dient, sondern, im Gegenteil, zu einer Verarmung f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die wirksamste Kommunikation ist und bleibt offensichtlich die von Angesicht zu Angesicht.&#8220; ((14))<\/p>\n<h3>Die wirksamste Kommunikation ist und bleibt offensichtlich die von Angesicht zu Angesicht<\/h3>\n<p>Dezentralit\u00e4t, Selbstverwaltung und Selbstbestimmung sind inzwischen breit akzeptierte demokratische Grundwerte und dies ist zum gro\u00dfen Teil dem Einfluss der Alternativmedien im Kontext der au\u00dferparlamentarischen Oppositionsbewegungen zuzuschreiben.<\/p>\n<p>Die libert\u00e4r-alternative Presse hatte und hat Einfluss auf alle linken, nach 1968 entstandenen neuen sozialen Bewegungen, z.B. die Friedens-, HausbesetzerInnen-, Frauen-, Lesben-, Schwulen-, M\u00e4nner-, Volksz\u00e4hlungsboykott-, Anti-Startbahn West- und Anti-Atomkraft-Bewegung. Alternative Publikationen erreichen z.T. auch Menschen au\u00dferhalb der linksradikalen Bewegungen und tragen nicht unerheblich zur Mobilisierung z.B. gegen Atomtransporte und Militarisierung bei.<\/p>\n<p>Die durch libert\u00e4r-alternative Medien verbreiteten Ideen, Gesellschaftsentw\u00fcrfe und Utopien sind diskussionsw\u00fcrdig und k\u00f6nnen als theoretische Basis f\u00fcr die Kritik an autorit\u00e4ren Sozialstrukturen dienen.<\/p>\n<p>Wer aber die Geschichte der Bundesrepublik betrachtet, stellt fest, dass die Einflussnahme der Alternativmedien auf bestimmte soziale Komponenten seit mehr als einer Dekade r\u00fcckl\u00e4ufig ist. So ist die Wirkung antimilitaristischer, libert\u00e4rer, basisdemokratischer u.a. alternativer Ideen\/Utopien auf die gr\u00fcne Partei in den letzten Jahren stark zur\u00fcckgegangen bzw. seit der gr\u00fcnen Regierungs- und Kriegsbeteiligung v\u00f6llig marginalisiert. Dies muss im Zusammenhang mit der Etablierung der Gr\u00fcnen als staatstragende Partei, dem &#8222;Kleben an der Macht&#8220;, dem schwindenden Einfluss der sogenannten &#8222;Fundis&#8220;, den daraus folgenden Parteiaustritten gesehen werden.<\/p>\n<h3>Ausblick: Die Zukunft libert\u00e4r-alternativer Bewegungsmedien<\/h3>\n<p>Die sich heute und verst\u00e4rkt seit dem 11. September 2001 von den westlichen Demokratien aus global durchsetzenden Filtermechanismen dominanter Medien haben nach Chomsky einen entscheidenden Nachteil, an dem emanzipatorische Praxis und Gegen\u00f6ffentlichkeit ansetzen k\u00f6nnen. ((15))\u00a0 Die globalisierten Medien basieren nicht prinzipiell auf der Unterdr\u00fcckung von Informationen, sondern auf der oben beschriebenen manipulativen Filterung. Das hei\u00dft: Informationen, die sich gegen den herrschenden Konsens wenden sind grunds\u00e4tzlich vorhanden. Sie k\u00f6nnen gesammelt, benutzt und zu Zwecken der Gesellschaftsver\u00e4nderung in emanzipatorischem Sinne verwendet werden. Alternativen Medien kommt nach Chomsky die Funktion intellektueller Selbstbehauptung gegen die ged\u00e4chtniszerst\u00f6renden Mechanismen der Massenmedien zu. ((16))<\/p>\n<p>Von der alternativen Nutzung der Computernetzwerke (<strong>Nadir<\/strong>, <strong>Indymedia<\/strong> u.a.) und der modernen Kommunikationstechnologien l\u00e4sst sich ein Auftrieb f\u00fcr alternative Initiativen erhoffen, die auf diese Weise wichtige Informationen \u00f6ffentlichkeitswirksam verbreiten und austauschen k\u00f6nnen. Dass auch das unabh\u00e4ngige, nicht kommerzielle und vom Anspruch her hierarchiefreie Internetprojekt <strong>Indymedia<\/strong> neben vielen begr\u00fc\u00dfenswerten Diskussionsbeitr\u00e4gen und Gegeninformationen mehrfach auch antisemitische bzw. rassistische Positionspapiere sowie Falschmeldungen ver\u00f6ffentlicht hat ((17)), zeigt jedoch eine Schw\u00e4che offener, redaktionell kaum betreuter Internetprojekte.<\/p>\n<p>Zwar zeichnet sich durch die verst\u00e4rkte Nutzung des Internets ein Strukturwandel in der alternativen Medienlandschaft ab ((18)); wie in der Vergangenheit, werden die sozialen Bewegungen aber auch in Zukunft nicht zuletzt durch ihre Printmedien Sozialgeschichte machen.<\/p>\n<p>Einige Projekte sind auf dem Weg, libert\u00e4re Positionen in breiteren Bev\u00f6lkerungsschichten bekannt zu machen.<\/p>\n<p>Als paradigmatisch k\u00f6nnte sich die von 1992 bis November 1997 monatlich mit Auflagen bis zu 40.000 als &#8222;K\u00f6lsches Blatt&#8220; herausgekommene <em>von unge <\/em><em>((19))<\/em>\u00a0 erweisen, vorausgesetzt ihr Konzept als &#8222;linksradikale Bildzeitung&#8220; bzw. &#8222;Trojanisches Pferd&#8220; wird auch au\u00dferhalb K\u00f6lns bekannt und als &#8222;Kommunikationsguerillakonzept&#8220; akzeptiert und adaptiert.<\/p>\n<p>Die &#8222;Kommunikationsguerilla&#8220; schafft z. B. durch Mittel der Spa\u00dfguerilla Verwirrung. Ihr Ziel ist es, das Funktionsprinzip der, auch durch diskursive Wege ausge\u00fcbten und legitimierten Macht zu st\u00f6ren und zu sch\u00e4digen. Die Kommunikationsguerilla begreift ihre Mittel &#8211; z.B. Fake-Ausgaben der <em>Westf\u00e4lischen Nachrichten <\/em><em>((20))<\/em>, der <em>Frankfurter Rundschau<\/em> und des <em>Weserkurier<\/em> &#8211; als einen Weg zur St\u00f6rung dessen, was Foucault als &#8222;Ordnung des Diskurses&#8220; ((21))\u00a0 bezeichnet und als wesentliches Element von Machtaus\u00fcbung identifiziert hat.<\/p>\n<p>\u00dcbergreifend bleibt festzustellen, dass sich viele alternative bzw. libert\u00e4re Medien wie z.B. <em>anti atom aktuell <\/em><em>((22))<\/em>, <em>Contraste<\/em> und <em>graswurzelrevolution<\/em> bis heute bem\u00fchen, die L\u00f6sung der sozialen und \u00f6kologischen Probleme mit einer anti-etatistischen Perspektive zu verbinden. Ihre Propagierung war und ist aber bisher ohne Erfolg. Dass die konsequent-praktische Umsetzung libert\u00e4rer Grundwerte autonom-gesellschaftliche Alternativen zur Voraussetzung haben, wird nur selten ernst genommen. Dabei hat die Entwicklung von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen gezeigt, dass die Vereinnahmung durch staatliche bzw. parlamentarische Konzeptionen zur Integration und Korrumpierung, also zur Entsch\u00e4rfung basisdemokratischer Opposition f\u00fchrt. ((23))<\/p>\n<p>Die Notwendigkeit und die Chancen der libert\u00e4r-alternativen Presse liegen im Aufzeigen solcher Zusammenh\u00e4nge und der Praktizierung und Propagierung einer dauerhaften Alternative. Verst\u00e4rkt seit dem 11. September 2001 und der damit im Zusammenhang stehenden Militarisierung muss eine Priorit\u00e4t f\u00fcr die Libert\u00e4ren und ihre Medien die Organisierung einer antimilitaristischen Bewegung sein, gegen die Kriegspolitik der NATO, Russlands und anderer Staaten, gegen Waffenexporte, R\u00fcstung und die Rache- bzw. <em>Law and order<\/em>-Ideologie.<\/p>\n<p>Dass eine wachsende Friedensbewegung erfolgreich sein kann, zeigt das Beispiel der US-amerikanischen Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Diese anfangs kleine soziale Bewegung ist schnell gewachsen, auch weil es Alternativmedien gab, die eine gr\u00f6\u00dfere Gegen\u00f6ffentlichkeit gegen diesen Krieg hergestellt haben. Auch jetzt m\u00fcssen wir versuchen, den Kampf gegen Kriegspoltik an der &#8222;Heimatfront&#8220; zu gewinnen. Um eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft zu realisieren, brauchen wir einen langen Atem.<\/p>\n<p>Dass die Libert\u00e4ren und ihre Presse zuk\u00fcnftig &#8211; trotz ihres derzeitigen sozialen Nischendaseins, ihrer Neigung zum Sektierertum, ihrer finanziellen, organisatorischen und anderer Probleme &#8211; in der Lage sein werden, auf gesellschaftliche Umbr\u00fcche effektiver zu reagieren und gr\u00f6\u00dfere Akzeptanz und Unterst\u00fctzung innerhalb einer sich wandelnden Gesellschaft zu gewinnen, ist nicht auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Nach dem Scheitern des etatistischen Sozialismus und der sich abzeichnenden Krise des globalisierten Kapitalismus werden im 21. Jahrhundert gesellschaftliche Ideen und Gegenkonzepte zu etatistischen als auch zu neoliberalen Ideologien an Bedeutung gewinnen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit US-Pr\u00e4sident George W. Bush den &#8222;Krieg gegen den Terrorismus&#8220;, gegen &#8222;Die Achse des B\u00f6sen&#8220; erkl\u00e4rt hat, droht das 21. Jahrhundert \u00e4hnlich blutig zu werden wie das vorangegangene. Die drastische Erh\u00f6hung des Kriegshaushalts der USA um 48 auf 379 Milliarden US-Dollar im Jahr 2002 und die Drohung der Supermacht &#8222;Mini-Nukes&#8220; gegen &#8222;Schurkenstaaten&#8220; einzusetzen, lassen wenig Hoffnung auf eine friedlichere, entmilitarisierte Welt. U.a. um die geplanten R\u00fcstungssteigerungen auf 450 Milliarden US-Dollar zu rechtfertigen, um Bushs Sponsoren aus der \u00d6l- und R\u00fcstungsindustrie zu befriedigen und um innenpolitisch zu punkten, wird die US-Regierung Kriege f\u00fchren.<\/p>\n<p>Realistisch ist unter den heutigen Herrschaftsbedingungen des Neoliberalismus und nicht erst seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl der Atomtod, die Zerst\u00f6rung und Vergiftung der Natur und des Menschen durch den Menschen.<\/p>\n<p>Aber, so formulierte es der US-amerikanische Soziologe C. W. Mills schon 1959:<\/p>\n<p>&#8222;Im Namen des Realismus werden die Menschen total verr\u00fcckt, und genau das, was sie utopisch nennen, ist die Vorbedingung f\u00fcr den Fortbestand der Menschheit. Utopische Ma\u00dfnahmen sind Ma\u00dfnahmen, die uns vor dem Atomtod retten; realistische, gesunde, vern\u00fcnftige, praktische Schritte sind heute die Aktionen der Verr\u00fcckten und der Dummk\u00f6pfe.&#8220; ((24))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Wolter stellt in seinem Diskussionspapier &#8222;Thesen zum AK &#8218;Alternative Medien\u2019 (AM)&#8220; u.a. folgende These auf: &#8222;Die basisdemokratische Organisation der Entscheidungsabl\u00e4ufe in einer AM-Redaktion ist in der Regel kontraproduktiv.&#8220; ((2)) Diese These stelle ich in Frage. 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