{"id":4785,"date":"2002-06-01T00:00:16","date_gmt":"2002-05-31T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4785"},"modified":"2012-04-06T18:50:10","modified_gmt":"2012-04-06T16:50:10","slug":"bildung-als-dialog-und-nicht-als-belehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/bildung-als-dialog-und-nicht-als-belehrung\/","title":{"rendered":"Bildung als Dialog und nicht als Belehrung"},"content":{"rendered":"<p>Tolstoi wird im libert\u00e4ren Kontext vor allem hinsichtlich seines Antimilitarismus und Pazifismus sowie hinsichtlich seiner libert\u00e4ren Gesellschaftskritik diskutiert (vgl. z. B. GWR Nr. 138\/November 1989; Nr. 200\/September 1995). Er inspirierte dabei Generationen von (libert\u00e4ren) Menschen und motivierte zu gewaltfreiem Widerstand gegen Staat, Kirche und Ungerechtigkeit (&#8222;Widerstrebe nicht dem B\u00f6sen mit Gewalt&#8220;). Nach wie vor relativ unbeachtet in der libert\u00e4ren und p\u00e4dagogischen Diskussion bleibt jedoch sein p\u00e4dagogisches Engagement.<\/p>\n<p>Tolstoi z\u00e4hlt zu den wichtigsten libert\u00e4ren Reformp\u00e4dagogen, die ganz wesentlich antiautorit\u00e4re Str\u00f6mungen in der P\u00e4dagogik weltweit im 20. Jahrhundert beeinflusst haben. Der folgende Beitrag von Ulrich Klemm, der sich seit den 80er Jahren mit Tolstois P\u00e4dagogik befasst (vgl. z. B. &#8222;Die libert\u00e4re Reformp\u00e4dagogik Tolstois und ihre Rezeption in der deutschen P\u00e4dagogik&#8220;, Reutlingen: Trotzdem Verlag 1984), legt den Schwerpunkt auf Tolstois Didaktik des Dialogs. Im Mittelpunkt steht dabei der bemerkenswerte Bericht seines ehemaligen Sch\u00fclers Wassilij Morosow, der als Erwachsener seine Sch\u00fclererfahrungen in Tolstois Schule aufschrieb und die 1919 in einer deutschen \u00dcbersetzung als Buch erschienen.<\/p>\n<h3>Tolstoi als P\u00e4dagoge<\/h3>\n<p>Als der Dichterphilosoph 1910 starb, hinterlie\u00df er nicht nur ein weltbewegendes dichterisches Werk, sondern auch eine Sozialethik und P\u00e4dagogik, die ihn weit \u00fcber die Grenzen Ru\u00dflands hinaus bekannt machten.<\/p>\n<p>Nachdem er seine literarischen Hauptwerke <em>Krieg und Frieden <\/em>(1864-1869) und <em>Anna Karenina <\/em>(1872-1877) vollendet hatte, wandte sich Tolstoi zun\u00e4chst vom k\u00fcnstlerischen Schaffen ab und stellte seine Kraft in den Dienst libert\u00e4rer und philantropischer Ziele zur Ver\u00e4nderung destruktiver und autorit\u00e4rer gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse. Mit seiner &#8222;religi\u00f6sen Krise&#8220; (vgl. Tolstoi 1978a, erstm. russ. 1882) Ende der 1870er Jahre begann f\u00fcr Tolstoi ein neuer Lebensabschnitt. Von nun an verfa\u00dfte er zahllose politische und religi\u00f6se Traktate (vgl. Tolstoi 1983; Klemm 1995), die weltweit bekannt wurden. Dieser Bruch im Leben Tolstois bedeutete f\u00fcr ihn jedoch keinen Wandel im Sinne einer geistigen Kehrtwende. Ganz im Gegenteil: Dieser Bruch bedeutete f\u00fcr ihn Kontinuit\u00e4t und wurde zum Ausdruck einer konsequenten libert\u00e4ren Radikalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Tolstoi, dessen Wirken zeitlebens von einer freiheitlichen Gesinnung durchdrungen war, dr\u00fcckte diese Haltung erstmals als Erzieher und P\u00e4dagoge aus. Er wurde Mitte des 19. Jahrhunderts zum Begr\u00fcnder einer p\u00e4dagogischen Reformbewegung, die weit \u00fcber Ru\u00dfland hinaus wirkte (vgl. Wittig\/Klemm (Hg.) 1988) und die wir heute als eine libert\u00e4re Reformp\u00e4dagogik beschreiben k\u00f6nnen. Bereits mit 21 Jahren, 1849, richtete er erstmals auf seinem Familienerbe &#8222;Jasnaja Poljana&#8220; (Lichte Wiese; etwa 100 Kilometer s\u00fcdlich von Moskau im Gouvernement Tula) eine Bauernschule f\u00fcr seine Leibeigenen ein. Im Jahre 1859 gr\u00fcndete er &#8211; nach einigen Jahren freiwilliger Milit\u00e4rdienstzeit, w\u00e4hrend derer er auch am Krim-Krieg (1853-1856) teilnahm &#8211; erneut auf seinem Bauerngut eine Bauernschule, die bis 1862 von ihm geleitet wurde Dieser Zeitraum von 1859 bis 1863 gilt heute als die Phase seiner intensivsten Besch\u00e4ftigung mit p\u00e4dagogischen Fragen. Neben dieser Schule, die als ein klassisches Beispiel einer antiautorit\u00e4ren Schule libert\u00e4rer Pr\u00e4gung gilt, gab er auch eine eigene p\u00e4dagogische Zeitschrift heraus, die von 1862 bis 1863 in zw\u00f6lf Ausgaben erschien. Sie diente der Verbreitung seiner Erziehungs- und Bildungskonzeption und sollte in Ru\u00dfland eine Reformdiskussion innerhalb der P\u00e4dagogik motivieren. In ihr erschienen u.a. die zentralen p\u00e4dagogischen Aufs\u00e4tze Tolstois aus dieser Zeit, die sp\u00e4ter von seinem Freund und Biographen Raphael L\u00f6wenfels 1907 ins Deutsche \u00fcbersetzt und zu seinen <em>P\u00e4dagogischen Schriften <\/em>in zwei B\u00e4nden zusammengefa\u00dft wurden (Tolstoi 1907, Neuausgabe 1994).<\/p>\n<p>Von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr Tolstoi w\u00e4hrend dieser Zeit war auch seine Auslandsreise 1860\/61. Er reiste neun Monate durch Deutschland, Frankreich, Italien, England, Belgien und die Schweiz mit dem Ziel, sich \u00fcber das westeurop\u00e4ische Bildungssystem zu informieren. Er hospitierte an deutschen und franz\u00f6sischen Schulen und Kinderg\u00e4rten, besuchte Vorlesungen an der Berliner Universit\u00e4t und kam mit bedeutenden P\u00e4dagogen zusammen. \u00dcber die Schulp\u00e4dagogik in Deutschland schrieb er hierzu am 29. Juli 1860: &#8222;War in der Schule. Entsetzlich. Gebet f\u00fcr K\u00f6nig. Pr\u00fcgel, alles auswendig, ver\u00e4ngstigte, seelisch verkr\u00fcppelte Kinder&#8220; (Tolstoi 1978b, S. 273).<\/p>\n<p>Und wenige Tage sp\u00e4ter, sozusagen als Antithese, stellt er fest: &#8222;Montaigne hat als erster den Gedanken von der Freiheit der Erziehung klar ausgesprochen. Innerhalb der Erziehung wiederum ist das Wichtigste Gleichheit und Freiheit&#8220;. Anfang 1861 kehrte Tolstoi von seiner &#8222;Bildungsreise&#8220; zur\u00fcck mit der \u00dcberzeugung, &#8222;da\u00df die einzige Grundlage der Erziehung die Erfahrung und ihr einziges Kriterium die Freiheit ist&#8220; (Tolstoi 1985, S. 48). In seinem programmatischen Aufsatz &#8222;Gedanken \u00fcber Volksbildung&#8220; (Tolstoi 1985) f\u00fchrt er diesen Gedanken weiter aus und bemerkt: &#8222;Erst wenn die Erfahrung zur Grundlage der Schule gemacht werden wird, wenn die Schule sozusagen ein p\u00e4dagogisches Laboratorium geworden ist, dann erst wird die Schule nicht hinter dem allgemeinen Fortschritt zur\u00fcckbleiben und dann wird auch die Beobachtung im Stande sein, feste Grundlagen f\u00fcr die Wissenschaft der Erziehung zu schaffen&#8220; (Tolstoi 1985, S. 34\/35).<\/p>\n<p>Tolstoi kommt damit nicht nur zu einer Kritik an der bestehenden p\u00e4dagogischen Praxis, sondern ebenso zu einem theoretischen Konzept. Er verbindet seine P\u00e4dagogik mit einer Gesellschaftskritik, die deutlich zum Ausdruck kommt, wenn er fragt: &#8222;Woran liegt es, da\u00df es eine Erziehung gibt? Wenn eine so unmoralische Erscheinung, wie Zwang in der Bildung, d.h. Erziehung (Tolstoi unterscheidet zwischen &#8218;Bildung\u2019 als freien Unterricht und ,Erziehung\u2019 als Zwangsma\u00dfnahme; U.K.) Jahrhunderte existieren kann, so mu\u00df die Ursache dazu in der menschlichen Natur wurzeln. Diese Ursache glaube ich zu entdecken, erstens in der Familie, zweitens in der Religion, drittens im Staat und viertens in der Gesellschaft&#8220; (Tolstoi 1907, S. 157). Tolstoi erweist sich hier als ein ideologiekritischer P\u00e4dagoge, dem es darum geht, Strukturen einer autorit\u00e4ren Erziehungswirklichkeit zu entlarven. Gleichzeitig versteht er P\u00e4dagogik als eine auf Erfahrung aufbauende Wissenschaft, die sich nach dem Grundsatz der Freiheit und Herrschaftslosigkeit neu konstituieren mu\u00df.<\/p>\n<p>Zum Ende seiner ersten &#8222;p\u00e4dagogischen Phase&#8220; trugen wesentlich die Repressalien der zaristischen Regierung bei. Am 3. Oktober 1862 schrieb der russische Innenminister an das Unterrichtsministerium: &#8222;Die sorgf\u00e4ltige Pr\u00fcfung der p\u00e4dagogischen Zeitschrift &#8218;Jasnaja Poljana\u2019, welche Graf Tolstoi herausgibt, f\u00fchrt uns zu dem Schlusse, da\u00df diese Zeitschrift durch ihre Propaganda f\u00fcr neue Lehrmethoden und Volksschulgr\u00fcndungen h\u00e4ufig Ideen verbreitet, die nicht nur unrichtig, sondern auch sch\u00e4dlich sind \u2026&#8220; (Birukof (Hg.) 1906, S. 478). Tolstoi wurde au\u00dferdem einer Verschw\u00f6rung gegen den Zaren beschuldigt, was man zum Anla\u00df nahm, sein Wohnhaus sowie seine Schule zu durchsuchen und zu verw\u00fcsten. 1863 zog sich Tolstoi daraufhin, verbittert \u00fcber die politischen Verh\u00e4ltnisse in Ru\u00dfland, aus der P\u00e4dagogik zur\u00fcck und widmete sich seinem gro\u00dfen Roman <em>Krieg und Frieden.<\/em><\/p>\n<h3>Die Schule von Jasnaja Poljana<\/h3>\n<p>Im Zentrum von Tolstois p\u00e4dagogischen T\u00e4tigkeiten steht zweifellos in dem hier besprochenen Zeitraum seine Bauernschule in Jasnaja Poljana. Er setzte damit, aus heutiger Sicht, Zeichen f\u00fcr ein neues und libert\u00e4res Verst\u00e4ndnis von Bildung und Erziehung, das nicht nur zu seinen Lebzeiten Anerkennung fand, sondern in gleichem Ma\u00dfe auch zum Vorbild f\u00fcr nachfolgende fortschrittliche P\u00e4dagogen wurde (z.B. Dennison 1971). \u00dcber seine Schule selbst existieren eine Reihe von Selbst- und Fremdzeugnisse, die sie f\u00fcr uns heute transparent machen. Neben seinem eigenen Erfahrungsbericht, der 1862 in seiner Zeitschrift erstmals erschien (vgl. auch Tolstoi 1976), sind es vor allem die &#8222;Erinnerungen&#8220; seines Sch\u00fclers Wassilij Morosow, die uns ein anschauliches Bild seiner Freiheitsp\u00e4dagogik vermitteln (Morosow 1919).<\/p>\n<p>Tolstois Schul-Praxis, die sich bewu\u00dft zur damals g\u00e4ngigen abheben wollte und vom p\u00e4dagogischen Grundsatz der individuellen Freiheit ausging, sollte kein Instrument zur Erziehung im Sinne einer Indoktrination sein, sondern ein Ort der selbstt\u00e4tigen, freiwilligen und alltagsorientierten Bildung.<\/p>\n<p>Tolstoi unterschied zu diesem Zeitpunkt ausdr\u00fccklich zwischen Erziehung als Anwendung von Zwang und Bildung als eine freiwillige und freiheitliche Begegnung zwischen Lehrer und Sch\u00fcler. Dieser Grundsatz f\u00fchrte zu einer Praxis von Freier Schule, die sich bis heute in der Zielrichtung nicht ver\u00e4ndert hat und deutlich im Bericht von George Dennison \u00fcber die &#8222;First Street School&#8220; von 1964\/65 zum Ausdruck kommt, wenn er schreibt, &#8222;da\u00df man, wenn die herk\u00f6mmliche Routine einer Schule aufgegeben wird (die milit\u00e4rische Disziplin, der Stundenplan. die Bestrafungen und Belohnungen, die Vereinheitlichung), weder mit einem Vakuum, noch mit einem Chaos konfrontiert wird, sondern vielmehr mit einer neuen Ordnung, die sich in erster Linie auf Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern gr\u00fcndet, und zwischen Kindern und den ihnen gleichgestellten, die sich letzten Endes jedoch auf solche Wahrheiten der menschlichen Natur gr\u00fcndet: da\u00df der Verstand nicht unabh\u00e4ngig von den Gef\u00fchlen funktioniert, sondern da\u00df das Denken am F\u00fchlen und das F\u00fchlen am Denken Anteil hat&#8220; (Dennison 1971, S. 10).<\/p>\n<p>Im Sommer 1859 verk\u00fcndete Tolstoi in &#8222;seinem Dorf&#8220; die Nachricht von der Er\u00f6ffnung einer freiwilligen und kostenlosen Schule auf seinem Anwesen.<\/p>\n<p>\u00dcber den ersten Schultag, an dem 22 Kinder mit ihren Eltern kamen, berichtet Morosow: &#8222;Wir verlie\u00dfen die Schule, nahmen Abschied von unserem teuren Lehrer und versprachen ihm, morgen in aller Fr\u00fche wieder da zu sein. Unser Entz\u00fccken kannte keine Grenzen. Wir erz\u00e4hlten einander, immer wieder und gerade so, wie wenn nicht jeder einzelne ohnehin dabei gewesen w\u00e4re, wie er herausgekommen sei, was er uns fragte, wie er gesprochen, wie er gel\u00e4chelt habe&#8220; (Morosow 1919, S. 17). Die ersten Monate verbrachten sie mit dem Erlernen des ABC: &#8222;Drei Monate waren noch nicht vergangen und unsere Schule gedieh vortrefflich. In dieser Zeit hatten wir schon flie\u00dfend lesen gelernt und die Zahl der Sch\u00fcler war von 22 auf 70 gestiegen. Es waren da Kinder aus allen Enden und Ecken unseres Landschaftskreises, Kinder von st\u00e4dtischen Kleinb\u00fcrgern, kleinen Kaufleuten, Bauern und Leuten, die dem geistigen Stande angeh\u00f6rten&#8220; (ebd., S. 21).<\/p>\n<h3>Das p\u00e4dagogische Problem der Strafe<\/h3>\n<p>Obwohl Tolstoi jeglichen Zwang abschaffen wollte, weder Klassenarbeiten, Noten noch Hausaufgaben verteilte, entstanden Situationen, die aus der Sicht Tolstois zu Fehlhandlungen seinerseits f\u00fchrten und falsche, d. h. folgenschwere Reaktionen provozierten.<\/p>\n<p>Einen besonders drastischen Fall beschreibt Morosow:<\/p>\n<p>&#8222;In der Schule herrschte bei uns ein guter Geist. Wir lernten mit Lust. Aber mit noch gr\u00f6\u00dferer Lust lehrte Lew Nikolajewitsch. Sein Eifer war so gro\u00df, da\u00df er nicht selten sein Mittagessen verga\u00df. In der Schule trug er eine ernste Miene zur Schau. Von uns verlangte er dreierlei: Reinlichkeit, Ordentlichkeit und Wahrhaftigkeit. Er sah es nicht gern, wenn sich einer von den Sch\u00fclern dumme Scherze erlaubte, und liebte die Spa\u00dfv\u00f6gel nicht, die sich gew\u00f6hnlich durch ein albernes Gel\u00e4chter bemerkbar machen. Hingegen liebte er es sehr, da\u00df man auf seine Fragen ohne Umschweife und wahrheitsgetreu antwortete. Einst sagte mir ein Knabe &#8211; ich entsinne mich nicht mehr, aus welchem Dorf er war, doch war er nicht aus dem unsrigen &#8211; das denkbar gr\u00f6bste Schimpfwort ins Ohr und versteckte sein grinsendes Gesicht hinter den vorgehaltenen H\u00e4nden, um sich den Blicken Lew Nikolajewitschs zu entziehen.<\/p>\n<p>&#8222;Was ist dort los, Glinkin, wor\u00fcber lachst du?&#8220; fragte Lew Nikolajewitsch.<\/p>\n<p>Der Knabe wurde still und beugte sich \u00fcber seine Arbeit. Bald jedoch sah er mich wieder an und fing aufs neue an zu kichern. Lew Nikolajewitsch trat vor ihn hin und fragte ihn \u00e4rgerlich: &#8222;Was ist denn das, Glinkin? Wor\u00fcber lachst du?&#8220; &#8222;Ich\u2026ich \u2026wei\u00df von nichts, Lew Nikolajewitsch!&#8220; &#8222;Ich frage, wor\u00fcber du lachst.&#8220;<\/p>\n<p>Glinkin f\u00e4ngt an zu flunkern, bringt etwas ganz anderes vor, als was er mir ins Ohr gesagt hat, und an dem, was er vorbringt, ist nichts L\u00e4cherliches. Ich sehe auch, da\u00df Lew Nikolajewitsch unzufrieden ist und da\u00df er gern die Wahrheit w\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p>&#8222;Morosow, komm einmal her! Sag, was hat dir Glinkin ins Ohr gefl\u00fcstert? Was gab\u2019s dabei zu lachen?&#8220;<\/p>\n<p>Ich kam in einen inneren Zwiespalt. Sollte ich l\u00fcgen oder die Wahrheit bekennen? Lew Nikolajewitsch sah mir in die Augen. Nach einigem Z\u00f6gern sah ich Glinkin an und sagte zu Lew Nikolajewitsch: &#8222;Glinkin hat etwas Dummes gesagt, ich sch\u00e4me mich, es Ihnen wiederzusagen.&#8220; &#8222;Sag, was war es?&#8220; &#8222;Er hat ein grobes Schimpfwort gebraucht.&#8220; &#8222;Das ist nicht gut, das ist albern. Wie konntest du \u00fcber eine solche Albernheit kichern?&#8220; &#8222;Ich habe so was gar nicht gesagt. Morosow l\u00fcgt.&#8220;<\/p>\n<p>Lew Nikolajewitsch stand eine Weile und dachte dar\u00fcber nach, was da zu tun sei, und dann wandte er sich an die Sch\u00fcler: &#8222;Wi\u00dft ihr was? Wir wollen es einmal so probieren: Wenn jemand l\u00fcgt, so wollen wir ihm einen Zettel mit der Aufschritt &#8218;L\u00fcgner\u2019 auf den R\u00fccken kleben und ihn so durchs Dorf f\u00fchren. Die Sache lie\u00dfe sich ja gleich bei Glinkin in Anwendung bringen.&#8220;<\/p>\n<p>Alle waren damit einverstanden. Der Zettel wurde geschrieben und Glinkin auf den R\u00fccken geklebt. Alle Sch\u00fcrer lachten. Sie traten herzu und lasen:<\/p>\n<p>&#8222;L\u00fcg-ner, L\u00fcg-ner!&#8220;<\/p>\n<p>Glinkin stand wie ein Ge\u00e4chteter da; er wurde verlegen, err\u00f6tete bis zu Tr\u00e4nen. Dies dauerte \u00fcbrigens nicht lange, da Lew Nikolajewitsch bald befahl, ihm den Zettel wieder abzunehmen.<\/p>\n<p>Ein anderes Mal ereignete sich folgender schwerer Fall.<\/p>\n<p>Eine wichtigere Angelegenheit mu\u00dfte geschlichtet werden. Es geschah einst, da\u00df ein Sch\u00fcler seinem Kameraden ein Federmesser gestohlen hatte. Der Schuldige wurde des Diebstahls \u00fcberf\u00fchrt. Sogleich beschlo\u00df die ganze Schule, unter dem Vorsitz Lew Nikolajewitschs, den Schuldigen zu bestrafen, d.h. ihm einen Zettel mir dem Aufschrieb &#8222;Dieb&#8220; auf den R\u00fccken zu kleben. Die Sache nahm jedoch pl\u00f6tzlich eine andere Wendung. Lew Nikolajewitsch stand da und sann nach, dann wandte er sich zu uns, als suche er diejenigen, die seiner Meinung beipflichten k\u00f6nnten. Er sah mich an und fragte: &#8222;Wie denkt ihr aber: Tun wir denn auch recht daran, einen Menschen der Schande preiszugeben, indem wir ihn mit einem solchen Zettel durchs Dorf f\u00fchren? Alle werden ihn necken und verspotten. Und nicht nur jetzt, auch sp\u00e4ter, wenn er schon erwachsen sein wird, w\u00fcrde man \u00fcber ihn spotten. Ihn aber so f\u00fcrs ganze Leben zu verschimpfieren, das ist die Sache nicht wert.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ist es auch nicht&#8220;, stimmten einige bei.<\/p>\n<p>&#8222;Sein Vater w\u00fcrde ihn ja totschlagen!&#8220; bemerkte Ignatka.<\/p>\n<p>&#8222;Lew Nikolajewitsch, er wird doch mal heiraten und wird Kinder haben und dann w\u00fcrde man auch die Kinder verspotten und ihnen nachrufen: Euer Vater war ein Dieb!&#8220; f\u00fcgte ich hinzu.<\/p>\n<p>Und so wurde denn beschlossen, Gnade f\u00fcr Recht ergehen zu lassen. Der Schuldige trug das Federmesser herbei und h\u00e4ndigte es dem bestohlenen Kameraden ein (ebd., S. 36-39).<\/p>\n<p>Sch\u00fcler einer Freien Schule sind nicht braver, ordentlicher oder gerechter; was eine Freie Schule vielmehr auszeichnet, ist die Reaktion auf allt\u00e4gliches, altersbedingtes oder scheinbar st\u00f6rendes Verhalten. Tolstoi hatte in diesem Sinne gerade wegen seines hohen Anspruchs, eine freiheitliche und nicht autorit\u00e4re Bildung zu praktizieren, mehr Probleme als Lehrer an Staatsschulen, deren Verhalten durch bestimmte Regeln vorbestimmt ist.<\/p>\n<p>Tolstois moralischer Anspruch, die Kinder in ihren Rechten den Erwachsenen gleichzusetzen, machte seinen Unterricht zwar offener, freier, ungezwungener, stellte aber gleichzeitig auch ein h\u00f6heres Ma\u00df an Menschlichkeit, Toleranz und Kraft voraus. Das obige Beispiel im Umgang mit Problemen zeigt, da\u00df Tolstoi dabei keineswegs vor Fehlentscheidungen gefeit war. Was Jasnaja Poljana jedoch in solchen F\u00e4llen von anderen Schulen zur damaligen Zeit unterscheidet, ist der Umgang mit Entscheidungen und die Dynamik der Lehrer-Sch\u00fcler-Interaktion.<\/p>\n<p>Ein &#8222;St\u00f6rfall&#8220; wird vor der gesamten Klasse thematisiert; Tolstoi entscheidet nicht alleine, er wird nicht zum Herren \u00fcber Lob und Strafe. Andererseits werden Fehlentscheidungen, die sich sp\u00e4ter als solche auch herausstellen, zu einem Beispiel f\u00fcr soziales Lernen. Wir m\u00fcssen jedoch davon ausgehen &#8211; wenn wir den Berichten Tolstois und Morosows Glauben schenken wollen -, da\u00df entsprechende Situationen in Jasnaja Poljana zur Ausnahme geh\u00f6rten: &#8222;F\u00fcr gew\u00f6hnlich wurde bei uns nie jemand gestraft. F\u00fcr Ausgelassenheit, Ungehorsam, Faulheit strafte Lew Nikolajewitsch niemand&#8220; (ebd., S. 42).<\/p>\n<h3>Bildung als Dialog<\/h3>\n<p>Ein wichtiges Merkmal, das sowohl von Tolstoi bewu\u00dft beabsichtigt als auch von Morosow so erfahren wurde, war der &#8222;p\u00e4dagogische Bezug&#8220;, der sich grundlegend von den Traditionen eines autorit\u00e4ren, einseitigen und mit dem Ziel der Beeinflussung behafteten Lehrer-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnisses unterschied. F\u00fcr Morosow und die Klasse stellte sich der p\u00e4dagogische Bezug als ein Bildungserlebnis dar, das auf Gemeinsamkeit und Gegenseitigkeit beruht: &#8222;Unter solchen Freuden und Vergn\u00fcgungen und schnellen Fortschritten im Lernen wurden wir mit Lew Nikolajewitsch ein Herz und eine Seele. Ohne ihn war die Welt uns leer, und auch er konnte nicht ohne uns sein. Wir waren unzertrennlich, und erst tief in der Nacht gingen wir von ihm fort&#8220; (ebd., S. 47).<\/p>\n<p>Bildung wird f\u00fcr Tolstoi zu einem gemeinsamen Erlebnis<em>, <\/em>zu einem St\u00fcck Leben mit dem Ziel, es erfahrbarer und begreifbarer zu machen. Die traditionelle Lehrerrolle verliert in Jasnaja Poljana an Dominanz, bilden und lehren kann nur der, der vom Lernenden akzeptiert wird. Die Lehrerrolle mu\u00df sozusagen delegiert, von den Betroffenen zugeschrieben werden. Tolstoi bemerkt hierzu: &#8222;Die Freiheit, pl\u00f6tzlich vom Unterricht wegzulaufen, ist etwas N\u00fctzliches und Notwendiges, und zwar nur als Mittel, den Lehrer vor den \u00e4u\u00dfersten und gr\u00f6bsten Fehlern zu bewahren&#8220; (Tolstoi 1976, S. 15).<\/p>\n<p>Demokratie in der Schule bedeutet f\u00fcr Tolstoi, Selbstbestimmung von Lerninhalten durch die Sch\u00fcler und ein dialogisches Verh\u00e4ltnis in der Lerngemeinschaft. Da\u00df die Schule Tolstois jedoch nicht nur die Lust am Lernen erh\u00f6hte, eine angenehme Atmosph\u00e4re schaffte, sondern auch mit Lernerfolgen verbunden war, dies beschreibt Morosow in einem Abschnitt, als seine Klasse ein Wettrechnen mit Gymnasiasten aus Tula veranstaltete: &#8222;In allem, was in unserer Schule gelernt wurde, ma\u00dfen wir uns mit den Gymnasiasten und standen in keinem Gegenstand den Stadtherrlein nach. Wir verabschiedeten uns von ihnen freundschaftlich, als Gleichgestellte, und Lew Nikolajewitsch war sowohl mit uns wie auch mit ihnen zufrieden. Nur sagte er, als sie fort waren: &#8218;Sollen einmal nachdenken\u2019&#8220; (Morosow 1919, S. 68).<\/p>\n<p>Ein zentrales Bildungsmittel f\u00fcr Tolstoi ist das Gespr\u00e4ch, nicht die Belehrung oder Unterweisung, nicht der didaktisch aufgearbeitete Stoff. Bei ihm wird Bildung zum Dialog. Diese Bildungsgespr\u00e4che fanden statt beim Schwimmen, Schlittschuhlaufen, Reisen und Wandern, aber auch im Unterricht selbst, wenn es um Rechnen, Schreiben usw. ging. Sie waren scheinbar zuf\u00e4llig, kn\u00fcpften an spontane und momentane Stimmungen der Sch\u00fclerInnen an, wurden von Tolstoi aufgegriffen. fortgef\u00fchrt, pr\u00e4gten entscheidend das Klima der Schule und wurden auf diese Weise Ausdruck von Alltag, von Leben und von Begegnung.<\/p>\n<p>Bildung als Begegnung von Menschen zum Zweck der Emanzipation, nicht als Akt der Formung &#8211; dies ist Tolstois Botschaft aus Jasnaja Poljana.<\/p>\n<h3>Bildung, Freiheit, Erfahrung<\/h3>\n<p>F\u00fcr eine Geschichte der Alternativp\u00e4dagogik ist bez\u00fcglich Tolstoi festzuhalten, da\u00df es ihm nicht nur um die Trennung von Bildung und Erziehung geht. Es ist vor allem der Zusammenhang von Bildung, Freiheit und Erfahrung, den er als eine Einheit versteht.<\/p>\n<p>Tolstoi wird damit zum Mentor einer libert\u00e4ren Alternativschulbewegung, dessen Spuren wir bis in die Gegenwart hinein verfolgen k\u00f6nnen, z.B. mit der &#8222;First Street School&#8220; von George Dennison in New York 1964\/65. Er propagierte eine freie Schulordnung, die zum Ma\u00dfstab f\u00fcr ein freiheitliches Lernen in Institutionen wurde und versuchte, drei Leitideen miteinander zu verbinden:<\/p>\n<ul>\n<li>Bildung statt Erziehung<\/li>\n<li>Freiheit statt Zwang<\/li>\n<li>Erfahrung statt Dogma.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tolstoi wird im libert\u00e4ren Kontext vor allem hinsichtlich seines Antimilitarismus und Pazifismus sowie hinsichtlich seiner libert\u00e4ren Gesellschaftskritik diskutiert (vgl. z. B. GWR Nr. 138\/November 1989; Nr. 200\/September 1995). Er inspirierte dabei Generationen von (libert\u00e4ren) Menschen und motivierte zu gewaltfreiem Widerstand gegen Staat, Kirche und Ungerechtigkeit (&#8222;Widerstrebe nicht dem B\u00f6sen mit Gewalt&#8220;). Nach wie vor relativ &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/bildung-als-dialog-und-nicht-als-belehrung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Bildung als Dialog und nicht als Belehrung - graswurzelrevolution","description":"Tolstoi wird im libert\u00e4ren Kontext vor allem hinsichtlich seines Antimilitarismus und Pazifismus sowie hinsichtlich seiner libert\u00e4ren Gesellschaftskritik diskut"},"footnotes":""},"categories":[311,43],"tags":[],"class_list":["post-4785","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-270-sommer-2002","category-bildung-libertare-padagogik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4785","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4785"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4785\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}