{"id":4805,"date":"2002-07-10T00:00:40","date_gmt":"2002-07-09T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4805"},"modified":"2018-08-05T15:35:33","modified_gmt":"2018-08-05T13:35:33","slug":"unter-dem-rasen-liegt-der-strand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/07\/unter-dem-rasen-liegt-der-strand\/","title":{"rendered":"Unter dem Rasen liegt der Strand"},"content":{"rendered":"<p>Keine guten Zeiten f\u00fcr Revolution\u00e4re: Der Sozialismus ist tot, die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die parlamentarische Demokratie haben einen weltweiten Siegeszug angetreten. Die Systemfrage stellt l\u00e4ngst niemand mehr. Niemand? Nicht ganz, denn wenn man genau hinschaut, findet man auch heute noch Zeitgenossen, die an die M\u00f6glichkeit einer tief greifenden Ver\u00e4nderung der Gesellschaft glauben, die nahezu jede freie Minute f\u00fcr ihre Sache opfern und dabei auch den Konflikt mit den Staatsorganen nicht scheuen. Aber wo findet man die blo\u00df? Man sollte es kaum glauben: im westf\u00e4lischen M\u00fcnster. In der beschaulichen Beamtenhochburg wird die Monatszeitung <em>Graswurzelrevolution<\/em> (<em>GWR<\/em>) herausgegeben, die seit 1972 einen gewaltfreien Anarchismus propagiert, der das kapitalistische System durch &#8222;Macht von unten&#8220; in eine herrschaftslose Gesellschaft der Selbstverwaltung verwandeln soll. Das 30-j\u00e4hrige Bestehen feierten die Macher unl\u00e4ngst mit einem Party- und Kongresswochenende.<\/p>\n<p>Ans\u00e4tze zur Polit-Kritik sieht die <em>Graswurzelrevolution <\/em>auch in Zeiten, da eine rot-gr\u00fcne Bundesregierung das Land f\u00fchrt &#8211; denn das Blatt und die dahinter stehende Bewegung verstehen sich als Kritik des Parlamentarismus \u00fcberhaupt. Macht korrumpiert nach ihrer Theorie immer, weswegen sie die Parteien durch basisdemokratische Netzwerke ersetzt wissen wollen. Im aktuellen Doppelheft Sommer 2002 wird die bisherige Arbeit der Regierung Schr\u00f6der komplett verrissen: &#8222;Kein Atomkraftwerk geht auch nur einen Tag fr\u00fcher vom Netz&#8220;, &#8222;Polizei- und \u00dcberwachungsapparate werden aufger\u00fcstet&#8220;, &#8222;Deutschland f\u00fchrt Kriege&#8220;, hei\u00dft es zur Begr\u00fcndung der &#8222;Keine-Wahl-Kampagne&#8220;. Die Artikel sind lang, teilweise trocken geschrieben und mit Fu\u00dfnoten versehen. Sie kommentieren das politische Geschehen im In- und Ausland aus konsequent systemkritischer Perspektive &#8211; seien es Bush-Besuch in Deutschland, brennende Synagogen in Frankreich oder Friedensverhandlungen in Kolumbien.<\/p>\n<p>Auch organisatorisch ist bei der <em>Graswurzelrevolution<\/em> manches anders als bei herk\u00f6mmlichen Zeitungen: Alle Redakteure fungieren gleichzeitig als Mitherausgeber. Und der Chefredakteur soll hier kein Chef sein &#8211; er hei\u00dft daher &#8222;Koordinationsredakteur&#8220; und wird, ebenso wie der Erscheinungsort, alle drei bis f\u00fcnf Jahre gewechselt. Seit 1998 laufen die <em>GWR<\/em>-F\u00e4den bei Bernd Dr\u00fccke zusammen. Der 36-j\u00e4hrige promovierte Soziologe ist im Hauptberuf Lehrbeauftragter an der Uni M\u00fcnster, aber die meiste Zeit steckt er in die Koordination der <em>Graswurzelrevolution<\/em>. &#8222;Das kann schon mal zu einer 60-Stunden-Woche f\u00fchren&#8220;, sagt Dr\u00fccke, der im Stadtzentrum von M\u00fcnster in einem ehemaligen Arbeiterhaus wohnt, mit Blockheizkraftwerk im Keller und Regenwasser-Auffanganlage auf dem Dach. Sein B\u00fcro liegt ein paar Meter weiter in derselben Stra\u00dfe &#8211; ein etwa 20 Quadratmeter kleines Zimmer unterm Dach. Hier stapeln sich Literatur- und Zeitschriftenberge, hier befinden sich die beiden Computer, an denen Dr\u00fccke im Alleingang die Artikel redigiert und das Layout der Zeitung gestaltet.<\/p>\n<p>Redaktionssitzungen finden nur alle zwei Monate statt, immer an verschiedenen Orten in Deutschland. Der Hauptteil der Kommunikation l\u00e4uft \u00fcber das Internet und \u00fcber das Telefon. Hat ein Autor eine Artikelidee, reicht er einen Entwurf bei Bernd Dr\u00fccke ein, der diesen dann via Mail an die anderen Redakteure weiterleitet. Basisdemokratie radikal: Denn gibt es innerhalb der 20 bis 30 Redakteure, die \u00fcber das ganze Bundesgebiet verteilt sind, auch nur eine einzige Stimme gegen die Ver\u00f6ffentlichung eines Artikels, dann muss diskutiert werden. Ausf\u00fchrlich. Dr\u00fccke ruft in der Regel den Autor an, teilt die Bedenken mit, w\u00e4gt die Positionen gegeneinander ab. Manchmal erscheint ein strittiger Artikel dann gar nicht, oder man behandelt das Thema in Form eines zweigeteilten Pro-und-Contra-Beitrages, wie k\u00fcrzlich bei der Kontroverse um die Gr\u00fcndung eines Pal\u00e4stinenserstaates.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist so ein Beispiel, wo man mit guten Gr\u00fcnden sowohl die eine als auch die andere Position vertreten kann&#8220;, meint Dr\u00fccke, der die undifferenzierte Einseitigkeit als die gro\u00dfe Schw\u00e4che der herk\u00f6mmlichen &#8222;staatsnahen&#8220; Medien empfindet. Aber glauben die Graswurzelrevolution\u00e4re wirklich, dass sie mit ihrer zuweilen als &#8222;Bleiw\u00fcste&#8220; karikierten Zeitung eine Chance haben, die auf inhaltslosen Christiansen-Smalltalk gedrillte breite \u00d6ffentlichkeit zu gewinnen? Bernd Dr\u00fccke r\u00e4umt ein, dass die <em>GWR<\/em> &#8211; die in einer Auflage von 4000 St\u00fcck erscheint und \u00fcberwiegend von Abonnenten bezogen wird &#8211; zun\u00e4chst nur Leser erreiche, die ohnehin die dort vertretenen Positionen teilten. Doch er setzt auf das Schneeballprinzip: &#8222;Ein guter Gedanke kann sich manchmal auf ungeahnte Weise weiterverbreiten.&#8220;<\/p>\n<p>Dabei scheint ihm bewusst zu sein, dass ein Projekt wie die <em>GWR<\/em> nur als Opposition funktionieren kann &#8211; als herrschendes Leitmedium w\u00fcrde sie sich schlie\u00dflich selbst ad absurdum f\u00fchren. Die Notwendigkeit einer wirkungsvollen au\u00dferparlamentarischen Bewegung sieht Dr\u00fccke &#8222;gr\u00f6\u00dfer denn je&#8220;, obwohl er es bemerkenswert findet, dass einige Bundestagsabgeordnete der PDS, der Gr\u00fcnen und sogar der SPD noch Abonnenten der <em>GWR<\/em> seien. Deutlich abgek\u00fchlt ist besonders das einst enge Verh\u00e4ltnis zu den Gr\u00fcnen: &#8222;Die sind ja im Grunde weder basisdemokratisch noch \u00f6kologisch noch sozial.&#8220; Aber auch der PDS kauft Dr\u00fccke ihr neues Friedens-Image nicht so recht ab: &#8222;Wenn die mit an der Regierung w\u00e4ren, w\u00fcrden die auch sofort staatstragend werden.&#8220; Die n\u00e4chsten 30 Jahre <em>GWR<\/em> k\u00f6nnen also anbrechen.<\/p>\n<p><strong>Michael Ridder<\/strong><\/p>\n<p>Serie &#8222;Wildwuchs&#8220;: In loser Folge stellen wir au\u00dfergew\u00f6hnliche Zeitschriften vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine guten Zeiten f\u00fcr Revolution\u00e4re: Der Sozialismus ist tot, die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die parlamentarische Demokratie haben einen weltweiten Siegeszug angetreten. Die Systemfrage stellt l\u00e4ngst niemand mehr. Niemand? 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