{"id":4808,"date":"2002-06-22T00:00:16","date_gmt":"2002-06-21T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4808"},"modified":"2018-08-05T15:39:15","modified_gmt":"2018-08-05T13:39:15","slug":"wo-die-revolution-uberlebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/wo-die-revolution-uberlebt\/","title":{"rendered":"Wo die Revolution \u00fcberlebt"},"content":{"rendered":"<p>Das Blatt ist noch immer eine Bleiw\u00fcste. Noch immer gibt es keine Chefredaktion, werden alle Entscheidungen basisdemokratisch vom HerausgeberInnen-Kreis getroffen. Meist im Konsens. Und nach wie vor wird im Zeichen des schwarzen Sterns mit dem gebrochenen Gewehr die &#8222;libert\u00e4re Gegen\u00f6ffentlichkeit&#8220; organisiert. Die <em>graswurzelrevolution (gwr)<\/em> wird 30 &#8211; und sie streitet unverdrossen f\u00fcr Antimilitarismus und \u00d6kologie, gegen Rassismus und Sexismus, f\u00fcr eine &#8222;tiefgreifende gesellschaftliche Umw\u00e4lzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen&#8220;. So steht es in der Satzung &#8211; in jeder Ausgabe nachzulesen.<\/p>\n<p>Geblieben ist auch die dezentrale Struktur: Verlagssitz ist Heidelberg, der Vertrieb sitzt in Nettersheim. Der Koordinationsredakteur Bernd Dr\u00fccke arbeitet in einem kleinen B\u00fcro im Haus der Evangelischen Studierenden-Gemeinde in M\u00fcnster. Der 36-j\u00e4hrige Soziologe wurde Ende 1998 vom HerausgeberInnenkreis gew\u00e4hlt. Dr\u00fcckes Dissertation \u00fcber &#8222;Anarchismus und libert\u00e4re Presse in Ost- und Westdeutschland&#8220; war da sicher kein Nachteil. &#8222;Gew\u00e4hlt werden hauptamtliche <em>graswurzel<\/em>-Redakteure in der Regel f\u00fcr drei bis vier Jahre&#8220;, sagt Dr\u00fccke. Im Sommer 2003 m\u00f6chte er aufh\u00f6ren, &#8222;wenn sich ein Nachfolger findet&#8220;.<\/p>\n<h3>M\u00e4nner-Dominanz<\/h3>\n<p>Vorl\u00e4ufer des Blattes gab es bereits in den fr\u00fchen 60ern: die <em>Direkte Aktion<\/em> in Hannover oder \u00e4hnliche Publikationen im frankophonen Raum. Die erste <em>gwr<\/em> erschien 1972, herausgegeben von Wolfgang Hertle und anderen Mitgliedern der &#8222;Gewaltfreien Aktion Augsburg&#8220;. Weitere Redaktionsb\u00fcros gab es in Berlin, G\u00f6ttingen, Hamburg, Heidelberg, Wustrow, Oldenburg und M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Auch die <em>graswurzel<\/em> hat im Bem\u00fchen um die Abschaffung jeglicher Herrschaft durchaus mit bekannten Problemen zu tun gehabt. Intern sind Klagen \u00fcber eine nicht nur zahlenm\u00e4\u00dfige M\u00e4nnerdominanz immer mal wieder erhoben worden. Inzwischen, so Dr\u00fccke, geh\u00f6ren dem HerausgeberInnen-Kreis neun Frauen und zehn M\u00e4nner an. Und es habe eine intensive Anti-Sexismus-Debatte stattgefunden.<\/p>\n<p>Gro\u00dfen Einfluss hatten die <em>gwr<\/em> und ihr Umfeld in den 70er-Jahren auf die Anti-AKW-Bewegung und auf gewaltfreie Aktionsgruppen der Friedensbewegung. Und heute? Christian Goller vom Netzwerk Friedenskooperative in Bonn h\u00e4lt sie f\u00fcr &#8222;ein immer noch wichtiges Sprachrohr&#8220; im heterogenen Spektrum. &#8222;Zwar lesen sie viele nicht mehr&#8220;, was aber am &#8222;Tief&#8220; friedenspolitischen Engagements insgesamt liege. Beim globalisierungskritischen Netzwerk Attac sei \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zur <em>gwr<\/em> noch nicht diskutiert worden, sagt deren Sprecher Felix Kolb. Pers\u00f6nlich aber findet er als langj\u00e4hriger Leser, &#8222;die <em>gwr<\/em> teilt mit uns die Ansicht, dass eine andere Welt m\u00f6glich ist&#8220;. Die Kritik des Blattes an Attac sei konstruktiv, aber &#8222;wir selbst kritisieren an manchen anarchistischen Positionen offene Flanken zum Neoliberalismus. Nicht nur der Staat, auch die \u00d6konomie kann etwas Tyrannisches haben.&#8220;<\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke glaubt, dass die &#8222;Bedeutung von Gegen\u00f6ffentlichkeit&#8220; stetig w\u00e4chst. Gerade in Zeiten weltweiter Antiglobalisierungsproteste und angesichts des &#8222;Kriegs gegen den Terror&#8220; und einer damit verbundenen &#8222;rasanten Remilitarisierung&#8220; der Gesellschaft. Gegen\u00f6ffentlichkeit, das ist f\u00fcr ihn Berichterstattung von &#8222;unten&#8220; &#8211; jenseits von &#8222;Ausgewogenheit&#8220;, aus der Beteiligtenperspektive. Ob es um die Belgrader &#8222;Frauen in Schwarz&#8220; im Jugoslawienkrieg geht, um die WTO-Proteste in Seattle, die Revolte russischer Deserteure in Argentinien, die Anti-Castor-Initiative &#8222;X1000malquer&#8220; oder um US-Friedensaktivisten nach dem 11. September.<\/p>\n<p>Die aktuelle Ausgabe besch\u00e4ftigt sich mit der Antikriegsarbeit in Nahost, mit dem &#8222;Desaster&#8220; rot-gr\u00fcner Politik. Sie stellt &#8222;Tolstois libert\u00e4re Schule&#8220; und die Anarchistin und Feministin Louise Michel vor. Thema ist auch die Auseinandersetzung mit Michael Hardts und Antonio Negris Buch &#8222;Empire&#8220;. Bis heute will das Blatt Praxis und Theorie &#8222;der gewaltfreien Revolution verbreiten&#8220; und weiterentwickeln. Mit regelm\u00e4\u00dfigen Essays und Rezensionen zu anarchistischen und pazifistischen Neuerscheinungen oder Klassikern wie Gustav Landauer, Emma Goldmann, Clara Wichmann oder Gandhi. Zus\u00e4tzlich erscheinen im Oktober acht &#8222;Libert\u00e4re Buchseiten&#8220;.<\/p>\n<h3>Konzept gescheitert<\/h3>\n<p>Seit M\u00e4rz 2001 gibt es alle drei Monate die deutsch-t\u00fcrkische Beilage <em>\u00d6tk\u00fck\u00fc<\/em>, entwickelt mit dem Kriegsdienstverweigerer Osman Urat \u00dclke. Das Konzept, so Dr\u00fccke, sei eigentlich schon mit der ersten Ausgabe gescheitert. Die sei von der T\u00fcrkei direkt konfisziert worden. Schon weil \u00dclke in der T\u00fcrkei jederzeit mit erneutem Gef\u00e4ngnis rechnen muss, gebe es dort nur noch Einzelabos, ansonsten w\u00fcrde die <em>\u00d6tk\u00fck\u00fc<\/em> zur Zeit nur im deutschsprachigen Raum verbreitet.<\/p>\n<p>Mit einer Auflage von 3.500-6.000 Exemplaren sei die <em>gwr<\/em> &#8222;unter den kleinen linken Zeitungen immer noch die gr\u00f6\u00dfte&#8220;, sagt Dr\u00fccke gern. Fr\u00fcher, zu Hoch-Zeiten der Friedensbewegung, lag die Auflage manchmal bei bis zu 20.000. Da wurde das Blatt als klassische Bewegungszeitung per Hand verkauft. Heute finanziert es sich &#8211; neben Spenden &#8211; \u00fcberwiegend aus knapp 3.000 Abos. Die gibt es vereinzelt gar im Bundestag. Dr\u00fccke: &#8222;Haupts\u00e4chlich lesen uns aber Bewegungsaktive in einem breiten Altersspektrum von 15 bis \u00fcber 80 Jahren.&#8220; Auch der Staatsschutz bl\u00e4ttert traditionell gerne mal durch die <em>graswurzel<\/em>. W\u00e4hrend des Golfkriegs beschlagnahmte er schon mal eine ganze Auflage oder \u00fcberzog Dr\u00fccke im Jugoslawienkrieg wegen Aufrufs zur Desertaon mit einem &#8211; inzwischen eingestellten &#8211; Verfahren.<\/p>\n<p>Vom 21. bis 23. Juni feiert die graswurzelrevolution in M\u00fcnster den runden Geburtstag. Dezentral &#8211; wie sich das geh\u00f6rt. Motto der Veranstaltung: &#8222;Trau einer \u00fcber drei\u00dfig&#8220;. Info: www.graswurzel.net<\/p>\n<p><strong>Aus M\u00fcnster MARCUS TERMEER<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Blatt ist noch immer eine Bleiw\u00fcste. Noch immer gibt es keine Chefredaktion, werden alle Entscheidungen basisdemokratisch vom HerausgeberInnen-Kreis getroffen. Meist im Konsens. Und nach wie vor wird im Zeichen des schwarzen Sterns mit dem gebrochenen Gewehr die &#8222;libert\u00e4re Gegen\u00f6ffentlichkeit&#8220; organisiert. 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