{"id":4815,"date":"2002-06-22T00:00:40","date_gmt":"2002-06-21T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4815"},"modified":"2018-08-05T15:38:49","modified_gmt":"2018-08-05T13:38:49","slug":"kein-schnickschnack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/kein-schnickschnack\/","title":{"rendered":"Kein Schnickschnack"},"content":{"rendered":"<p>Zeitungen m\u00fcssen gut aussehen. Interessante Fotos, pfiffige \u00dcberschriften, hier und dort zur Erkl\u00e4rung ein S\u00e4ulendiagramm. Moderne Zeitungsleser zappen gerne durch die Seiten. In der Presse der radikalen Linken dagegen gilt Layout-Schnickschnack als Platzverschwendung. Linke Leser lieben es, sich mit wissenschaftlicher Akribie durch Bleiw\u00fcsten zu k\u00e4mpfen, in denen kein Foto den Blick aufs Wesentliche verstellt und die \u00dcberschriften so peppig sind wie Bridgeabende im Seniorenheim.<\/p>\n<p>Die Graswurzelrevolution, Sprachrohr gewaltfreier Anarchisten in der Bundesrepublik, macht da keine Ausnahme. Seit nunmehr 30 Jahren schachtelt die Zeitung mit revolution\u00e4rem Elan Satz an Satz. In der \u00fcberschaubaren Zielgruppe auf Linksau\u00dfen geh\u00f6rt sie zu den auflagenst\u00e4rksten Zeitungen hierzulande. Immerhin 3500 K\u00e4ufer ackern sich Monat f\u00fcr Monat durch hochkomplizierte Politartikel, in der einen Hand das Fremdw\u00f6rterlexikon, in der anderen den Edding zum Markieren. Manches \u00f6de WG-Fr\u00fchst\u00fcck hat die Graswurzel mit ihren kontroversen Ansichten schon erfrischt, manchen Hippie vom Anarchismus \u00fcberzeugt. Seit gestern feiert die \u00e4lteste, noch existierende, libert\u00e4re Zeitung der Bundesrepublik drei Tage lang Geburtstag im westf\u00e4lischen M\u00fcnster.<\/p>\n<p>Bereits in den zwanziger Jahren gab es zahlreiche Zeitschriften, die den gewaltfreien Anarchismus propagierten. Die Schwarze Fahne und Junge Anarchisten waren die bekanntesten. Mit der sogenannten Macht\u00fcbernahme der Nazis endete vor\u00fcbergehend die Geschichte der anarchistischen Presse in Deutschland. Es dauerte bis Mitte der Sechziger, ehe die Zeitschrift Direkte Aktion &#8211; Bl\u00e4tter f\u00fcr Anarchismus und Gewaltlosigkeit die Tradition fortf\u00fchrte. Das Projekt scheiterte allerdings schon nach zw\u00f6lf Monaten. Erst die Graswurzelrevolution, die der Publizist und Politologe Wolfgang Hertle ab 1972 in Augsburg herausgab, \u00fcberstand alle Kinderkrankheiten und entwickelte sich zum Dauerbrenner der linken Presse.<\/p>\n<p>Alle Widrigkeiten hat die Zeitung gemeistert. Sie hat das Konsensprinzip \u00fcberlebt, das Verh\u00e4ngnis vieler linker Gruppen; sie hat sich \u00fcber die Apathie gerettet, die sich nach dem Fall der Mauer wie Mehltau \u00fcber die radikale Linke legte, und sie hat es geschafft, ein gemeinsames Ziel festzulegen, dem sich auch nach 30 Jahren alle Redakteure verpflichtet f\u00fchlen: \u00bbWir streben an, da\u00df Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine f\u00f6deralistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt wird.\u00ab Deshalb erscheinen die meisten Artikel unter Pseudonym, nicht der Autor, sondern die Inhalte sollen im Vordergrund stehen. \u00bbProminenz, und sei es nur die in der Szene der Gewaltfreien oder Anarchisten, steht eben im Widerspruch zur Abschaffung jeder Herrschaft.\u00ab Joseph Fischer h\u00e4tte bei der Graswurzelrevolution keine Chance. Zur herrschaftsfreien Gesellschaft geh\u00f6rt, nach Ansicht der Redaktion auch, da\u00df Frauen und M\u00e4nner ihr Leben frei gestalten k\u00f6nnen. \u00bbDeshalb bek\u00e4mpfen wir Strukturen, in denen M\u00e4nnergewalt allgegenw\u00e4rtig und die Unterdr\u00fcckung von Frauen allt\u00e4glich ist.\u00ab<\/p>\n<p>Eine Zeitung, die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse radikal anpackt wie die Graswurzelrevolution, ger\u00e4t schnell ins Visier der Staatssch\u00fctzer. Zumal, wenn sie Gewaltlosigkeit nicht als Wehrlosigkeit begreift. 1987 bekam die Redaktion Besuch von der Staatsanwaltschaft, weil ein Autor das Ums\u00e4gen von Strommasten als Form des gewaltfreien Widerstands rechtfertigte. Gewalt, die Personen verletzt, lehnen die Graswurzelrevolution\u00e4re ab, Sabotage indes ist f\u00fcr viele legitim. Im zweiten Golfkrieg druckte die Zeitung ein Flugblatt ab, das die Friedensbewegung aufforderte, Transporte der Bundeswehr und Rekrutenz\u00fcge zu behindern. Flugs ermittelte der Staatsschutz. Ebenso w\u00e4hrend des Kosovo-Kriegs, weil ein Redakteur deutsche Soldaten zur Fahnenflucht aufgerufen hatte. Alle Verfahren wurden \u00fcbrigens nach kurzer Zeit eingestellt.<\/p>\n<p>Bis zur sozialen Revolution will die Graswurzel nach eigenem Bekunden noch weitermachen, mindestens aber die n\u00e4chsten drei\u00dfig Jahre. Auch wenn die Bedingungen daf\u00fcr nicht ideal sind: Die 30 Redakteure leben \u00fcber die ganze Republik verstreut und sehen sich nur alle paar Wochen, den zwei Festangestellten mit Halbtagsjob w\u00e4chst die Arbeit \u00fcber den Kopf, und die Finanzen sind knapp. Trotzdem ist die Redaktion immer f\u00fcr eine revolution\u00e4re Neuerung gut. Seit einigen Monaten erscheint die Anarcho-Gazette mit einer t\u00fcrkischsprachigen Beilage. \u00bbDie Graswurzelrevolution hat einen langen Atem bewiesen. Wie der Anarchismus hat sie die Chance, in Ehren alt zu werden\u00ab, schrieb vor Jahren die taz, als sie sich noch als links-alternativ begriff. Schon damals klang es, als blicke sie mit Wehmut zur\u00fcck auf die Zeiten, als sie selbst noch wild und zornig war.<\/p>\n<p>* Tel. 02440\/959250, abo@graswurzel.net. Kongre\u00df bis Sonntag im ESG, Breul 43, M\u00fcnster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitungen m\u00fcssen gut aussehen. Interessante Fotos, pfiffige \u00dcberschriften, hier und dort zur Erkl\u00e4rung ein S\u00e4ulendiagramm. Moderne Zeitungsleser zappen gerne durch die Seiten. In der Presse der radikalen Linken dagegen gilt Layout-Schnickschnack als Platzverschwendung. 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