{"id":4846,"date":"2002-09-01T00:00:00","date_gmt":"2002-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4846"},"modified":"2022-07-26T14:16:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:47","slug":"drei-stunden-arbeit-sind-genug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/09\/drei-stunden-arbeit-sind-genug\/","title":{"rendered":"Drei Stunden Arbeit sind genug&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Pierre Ramus (1882-1940) berechnete nach dem 1. Weltkrieg aufgrund                 der volkswirtschaftlichen Statistiken, dass in einer &#8222;kommunistischen                 Anarchie&#8220; f\u00fcr die materielle Existenzsicherung jedes Menschen                 die Produktionsergebnisse aus drei Stunden selbstbestimmter Arbeit                 gen\u00fcgten. Der Lebensweg von Ferdinand Gro\u00df (1908-1998), Fabrikarbeiter                 und selbst als KZ-H\u00e4ftling gewaltfreier Anarchist, orientierte                 sich an den Vorstellungen des Pierre Ramus, dessen wichtigsten                 Schriften er in seiner Zeitschrift &#8222;BEFREIUNG&#8220; nachdruckte. Das                 Weltbild dieser beiden Menschen bildete den Hintergrund eines                 Workshops auf dem 30-Jahre-Geburtstagsfest der GWR, dessen Ziel                 es war, die \u00dcbertragbarkeit der Ramus-Vorstellungen auf heute                 zu diskutieren.<\/p>\n<h3>F\u00fcnf essentials der neuen Gesellschaftsordnung<\/h3>\n<p>Weil Menschen grunds\u00e4tzlich in solidarischen Austausch ihr pers\u00f6nliches                 Gl\u00fcck erstreben, w\u00fcrden sie freiwillig sicherlich jene gesellschaftlich                 notwendige drei Stunden Arbeitszeit aufbringen, mit der alle lebensnotwendigen                 Dinge produziert werden k\u00f6nnen. Dies umso mehr, als jedeR sich                 aussuchen kann, wo und wann er arbeitet &#8211; und keinen Sanktionen                 ausgesetzt ist. Die darin glaubensm\u00e4\u00dfig vorausgesetzten anthropologische                 Grundannahmen (der Mensch ist nicht des Menschen Wolf und er schafft                 sich selbst in seiner Arbeit) werden freigesetzt in einer, durch                 den gewaltfreien Revolutionsprozess geschaffenen anarchistischen                 Gesellschaft. Deren Prinzipien und Strukturen beschrieb Pierre                 Ramus 1923 folgenderma\u00dfen: &#8222;<b>Anarchie<\/b> ist somit die Gesellschaft                 ohne Staat, die Ordnung und Organisation des individuellen, sozialen                 und kollektiven Lebens laut dem \u00fcbereinstimmenden Gutd\u00fcnken der                 Beteiligten, ohne die Zwangsgewalt irgend einer \u00e4u\u00dferen Macht                 einzusetzen&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Die <b>Abschaffung des staatlichen Geldes<\/b> im Bereich der                 kommunistischen Anarchie macht deren Gemeinde erst in Wahrheit                 unabh\u00e4ngig vom kapitalistischen Markt wie vom Staat. Das vorhandene                 Geld der Mitglieder der neuen Gemeinde bildet einen Fond f\u00fcr den                 \u00dcbergang. Ramus hofft, dass durch die schwindende Macht des Staates                 und des Kapitalismus Geld immer weniger anerkannt und so entwertet                 wird. <\/p>\n<p>&#8222;S\u00e4mtliche <b>Produktionsmittel<\/b> der Gesellschaft <b>geh\u00f6ren                 <\/b>von nun an den einzelnen tats\u00e4chlichen <b>Produzenten.<\/b>                 Jedes, \u00fcber die pers\u00f6nliche beziehungsweise famili\u00e4re Gebrauchsm\u00f6glichkeit                 hinaus gehende Eigentum wird als unrechtm\u00e4\u00dfig erkl\u00e4rt, als herrenloses                 Gut, \u00fcber welches die Gemeinschaft ihre Verf\u00fcgungen treffen wird.&#8220;               <\/p>\n<p>Die <b>Vereinigungen beruflicher, fachlicher, gewerkschaftlicher,                 k\u00fcnstlerischer, wissenschaftlicher, moralischer<\/b> Art bilden                 die wesentliche Struktur des Fundaments der neuen, freien Gesellschaft.                 Es gilt die freie Bei- und Austrittsm\u00f6glichkeit jedes Mitglieds                 einer solchen Gruppe. Das aus ihr ausscheidende Individuum bleibt                 im vollen Besitz des Gebrauchsrechtes auf die individuell n\u00f6tigen                 Produktionsinstrumente, seine Existenzgrundlage ist v\u00f6llig sichergestellt.<\/p>\n<p>Anstelle von Gesetzen, die von Menschen \u00fcber Menschen verh\u00e4ngt                 werden, treten <b>freie Vereinbarungen<\/b> unter ihnen, die wirklich                 frei sind, weil sich Gleiche zusammenschlie\u00dfen, ohne von Not,                 Zwang, Ohnmacht getrieben zu sein. <\/p>\n<p>Eine wichtige Funktion kommt dem &#8222;<b>Arbeitsrat f\u00fcr kommunale                 Statistik<\/b>&#8220; zu, um Bed\u00fcrfnisse und notwendige Arbeitsleistungen                 statistisch zu ermitteln, da die Steuerung \u00fcber kapitalistische                 Marktgesetze und Geld wegf\u00e4llt. Aber auch dieser Rat hat keine                 Verf\u00fcgungsgewalt. <\/p>\n<p>Weitere Organe der Gesellschaft sind die <b>Fachgruppen<\/b> der                 Produktivgilden, Arbeiterversammlungen und gew\u00e4hlte Betriebsr\u00e4te.                 Hinzu kommen die freien <b>Volksversammlungen<\/b> als Meinungs-                 und Aktionsausdruck der Gruppen, sowie der <b>R\u00e4tekonvent<\/b>                 aus Delegierten mit imperativem Mandat, der sich aus verschiedenen                 Gruppen und Gilden einschlie\u00dflich ihrer Minorit\u00e4ten zusammensetzt.                 &#8222;Seine Aktivit\u00e4t ist zumeist die der Anregung, selten die der                 Ausf\u00fchrung. Seine Beschl\u00fcsse d\u00fcrfen nicht legislativ wirken&#8220;.<\/p>\n<p>Seine &#8222;Neusch\u00f6pfung der Gesellschaft&#8220; formulierte Ramus auf dem                 Hintergrund der Entwicklungen bis zum Ende des 1. Weltkrieges.                 Er hob die Bedeutung der Landwirtschaft und gesicherte Ern\u00e4hrung                 hervor und sah im st\u00e4dtischen Leben ein &#8222;Unding&#8220;, denn die Menschen                 in Ballungszentren und unter der Lohnarbeitssklaverei der Massenproduktion                 verlieren den Kontakt mit den nat\u00fcrlichen Vorg\u00e4ngen.<\/p>\n<p>In einer gewaltfreien anarchistischen Gesellschaft w\u00fcrde das                 Leben in \u00fcberschaubaren freiwilligen Gro\u00dfd\u00f6rfern organisiert.                 Statistisch gesehen sollten je 10.000 Menschen ihre weitgehende                 \u00f6konomische Unabh\u00e4ngigkeit organisieren. Vom Produktionsergebnis                 der 7000 je drei Stunden t\u00e4glich ihre Arbeitskraft einbringenden                 Menschen, kann solch ein Gro\u00dfdorf nicht nur selbstbestimmt und                 weitgehend autark existieren, sondern (statistisch auf der Grundlage                 \u00d6sterreichs berechnet und \u00fcbertragbar auf alle Zusammenschl\u00fcsse)                 sogar f\u00fcr 12000 Menschen die lebensnotwendigen Dinge f\u00fcr Essen,                 Kleiden, Wohnen und Kommunizieren schaffen.<\/p>\n<p>Das Land w\u00fcrde wie eine Gartenstadt mit landwirtschaftlichen                 Familienbetrieben f\u00fcr die Selbstversorgung eingeteilt sein und                 daneben allgemeines Ackerland f\u00fcr die soziale Arbeit in der Landwirtschaft                 zur Verf\u00fcgung stellen, wo der Anbau f\u00fcr die Grundnahrungsmittel                 gemeinschaftlich betrieben wird. <\/p>\n<p>Die Stadt w\u00fcrde zweckm\u00e4\u00dfig in Stadtteile f\u00fcr die einzelnen Produktivgilden                 der Kommune aufgeteilt und vor allem Zentrum der industriellen                 Arbeit bleiben. Die Industrie soll vor allem der &#8222;Erg\u00e4nzungsbehelf                 der Agrikultur&#8220; werden. Aufgrund des Wunsches nach gesunden Essen                 w\u00fcrde im Fr\u00fchjahr und Sommer vorwiegend landwirtschaftlich auf                 dem Land, im Winter eher in der Stadt zu arbeiten sein. <\/p>\n<p>Ein Diskussionsstrang im Workshop war logischerweise, wie sich                 diese statistischen Durchschnittswerte praktisch auswirken w\u00fcrden.                 Ebenso selbstverst\u00e4ndlich war, dass weder alle Dimensionen angesprochen,                 noch die 1:1-\u00dcbertragung von 1920 auf 2002 m\u00f6glich werden k\u00f6nne.                 Im besten Sinn der anarchistisch-freien Selbstbestimmung wurden                 in den Kleingruppengespr\u00e4chen die Ansichten der Beteiligten ausgetauscht                 und je nach Gustus in konkrete kleine oder gr\u00f6\u00dfere Schritte oder                 Ideen umgesetzt.<\/p>\n<p>Einige davon, die jedeR f\u00fcr sich und gemeinsam mit anderen bedenken                 kann. <\/p>\n<p>Wie sieht wohl der revolution\u00e4re Prozess aus, in dem die zahlreichen                 Minorit\u00e4tsgruppierungen, die selbst\u00e4ndig die soziale Expropriation,                 die Neuorganisierung und Neuregelung der Produktion und Verteilung                 im Eigenbereich vollf\u00fchren?<\/p>\n<p>Wie kann das &#8222;spirituelle Moment&#8220;, das Ramus mit seinem Verweis                 auf Leo Tolstoj betont, in den kommunit\u00e4ren Beziehungen zwischen                 den Menschen befriedigend eingebracht und f\u00fcr die Neusch\u00f6pfung                 wirksam werden?<\/p>\n<p>Helfen Theorie und Umsetzungsmodelle die wir von Tauschringen                 kennen, um die \u00f6konomischen Beziehungen zwischen den dann in den                 Gro\u00dfd\u00f6rfern relativ autark lebenden Menschen zu den aus anderen                 Gro\u00dfd\u00f6rfern oder Produktionsst\u00e4tten ben\u00f6tigten Dinge zu regeln?<\/p>\n<p>Entst\u00fcnden nicht Wartelisten nach Art der DDR-Trabi-Zuteilung                 f\u00fcr solche G\u00fcter, die sich jedeR in Selbstorganisation (also zus\u00e4tzlich                 zu den 3 Stunden) erarbeiten kann, weil sie nicht zum (im Konsens                 bestimmten) Grundbedarf geh\u00f6ren und nicht im eigenen Gro\u00dfdorf                 produziert werden?<\/p>\n<p>K\u00f6nnen die lebensreformerischen und antip\u00e4dagogischen Ideale,                 die Ramus und Gro\u00df vor 100 Jahren vertraten, heute noch Ziele                 sein?<\/p>\n<p>Wird sich die Abschaffung des Staates und radikale &#8222;Entmilitarisierung&#8220;                 der Gesellschaft gegen die Machtinhaber und Entscheidungstreffenden                 durchsetzen lassen?<\/p>\n<p>Haben wir mit der elektronischen Kommunikation und den Massenmedien                 nicht eine Gesellschaftssituation, die eine Umgestaltung nach                 Ramus-Ideen verunm\u00f6glicht?<\/p>\n<p>Lassen sich die internationalen Probleme (Weltern\u00e4hrung, Umweltverschmutzung,                 Ressourcenbegrenztheit, Kulturaustausch) mit dem Modell neu denken                 und m\u00f6glicherweise l\u00f6sen?<\/p>\n<p>Wie komme ich pers\u00f6nlich von der Theorie zum n\u00e4chstliegenden                 praktischen Schritt, der mich heute und morgen weiterbringt zu                 Ramus &#8222;befreienden Menschheitsfr\u00fchling&#8220;?<\/p>\n<p>Ein St\u00fcck Mut und Freude f\u00fcr diese Wege und Ziele machte der                 Kongress, unterst\u00fctzend dazu schrieb Ramus seine \u00dcberzeugung auf:<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt nichts, was eine beliebige Anzahl Menschen, klein oder                 gro\u00df, hindern w\u00fcrde oder k\u00f6nnte, zum kommunistischen Anarchismus                 \u00fcberzugehen, wenn sie geistig reif f\u00fcr die Befreiung ist.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pierre Ramus (1882-1940) berechnete nach dem 1. 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