{"id":4851,"date":"2002-09-01T00:00:54","date_gmt":"2002-08-31T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4851"},"modified":"2022-07-26T14:16:46","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:46","slug":"nothing-to-worry-about","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/09\/nothing-to-worry-about\/","title":{"rendered":"&#8222;Nothing to worry about&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p>Die Arbeit \u00fcber (und gegen) die extreme Rechte bringt es in gewissen Abst\u00e4nden mit sich, einen Stapel der National Zeitung (NaZe) durchzusehen. F\u00fcr die grunds\u00e4tzliche Orientierung, was das Blatt des DVU-Anf\u00fchrers Gerhard Frey so treibt, gen\u00fcgt es meist schon, die Schlagzeilen und die roten Kopfzeilen auf der Titelseite zur Serie zusammenzustellen. Hier eine Auswahl aus den Monaten Mai und Juni 2002: &#8222;Wieviel Macht hat Israel \u00fcber uns? Was hinter den Kulissen abl\u00e4uft&#8220; und &#8222;&#8218;Deutschland immer noch besetztes Land&#8216; &#8211; David Irving im Exklusiv-Interview&#8220; (21\/02); &#8222;M\u00f6llemann im Visier Israels&#8220; (22\/02); &#8222;Wie m\u00e4chtig sind Juden? Friedmans wahre Vergangenheit&#8220; (23\/02)&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Darf sich Friedman alles erlauben? Wie er die FDP in die Knie zwingen will&#8220; (26\/02). Und die rote Kopfzeile lautete: &#8222;Warum Israel das Recht bricht&#8220;. Angek\u00fcndigt wurde so &#8211; und das konnte doch \u00fcberraschen &#8211; ein &#8222;Interview mit dem j\u00fcdischen Philosophen Chomsky&#8220;. Eine Woche sp\u00e4ter wurde die Fortsetzung wie folgt angek\u00fcndigt: &#8222;Wer st\u00fcrzt die Welt in den Krieg? Was ein mutiger Jude enth\u00fcllt&#8220; (27\/02).<\/p>\n<p>Was hat der Linguist vom MIT, dessen nun schon Jahrzehnte w\u00e4hrendes mutiges Engagement gegen die imperiale Politik der USA ihn unbestreitbar zu einem der herausragenden linken Intellektuellen unserer Zeit macht, denn mit der <em>NaZe<\/em> zu tun? \u00dcber seinen \u00dcbersetzer baten wir Chomsky um eine Stellungnahme zu dem Vorgang. Chomsky erinnert sich nicht daran, jemals von der <em>NaZe<\/em> geh\u00f6rt zu haben. Er habe kein Interview mit ihr gef\u00fchrt und schloss: &#8222;So there is nothing to worry about.&#8220; ((1)) Ist das wirklich so einfach? Warum wehrt sich Chomsky nicht gegen ein seiner Aussage nach gef\u00e4lschtes Interview in einem rechtsextremen Blatt? Widerspr\u00e4che dies seiner Interpretation der Meinungsfreiheit? Unabh\u00e4ngig von diesen Fragen muss zudem grunds\u00e4tzlich gefragt werden, was Chomsky f\u00fcr die extreme Rechte attraktiv macht.<\/p>\n<p>Ein Grundzug in Chomskys politischem Werk und zwei konkrete Interventionen Chomskys haben dazu gef\u00fchrt, dass er zum Gew\u00e4hrsmann in der Publizistik der extremen Rechten geworden ist: Erstens versuchen Teile der extremen Rechten in Deutschland, Chomskys Engagement gegen den US-Imperialismus zu vereinnahmen, gegen den sie auch sind &#8211; freilich um von imperialer Politik Deutschlands zu schweigen; einen besonderen Reiz erh\u00e4lt Chomskys Kritik f\u00fcr die extreme Rechte dadurch, dass Chomsky h\u00e4ufig zugleich Israel als &#8222;Klientel-Staat&#8220; der USA kritisiert. ((2)) Zweitens sind selbstverst\u00e4ndlich Chomskys Stellungnahmen zugunsten Finkelsteins ein Aufh\u00e4nger f\u00fcr die extreme Rechte. Drittens schlie\u00dflich st\u00f6\u00dft Chomskys Eintreten f\u00fcr die Redefreiheit der Holocaust-Leugner bei der extremen Rechten auf Begeisterung.<\/p>\n<p>Zu den irritierendsten Aspekten der Rezeption des Buches &#8222;Die Holocaust-Industrie&#8220; in der Publizistik der extremen Rechten in Deutschland ((3)) geh\u00f6rten die positiven Bezugnahmen auf Chomsky. Auch da wurde er in der <em>NaZe<\/em> (15\/01) als &#8222;entschiedener Menschenrechtler und Verfechter freier Meinungs\u00e4u\u00dferung auch f\u00fcr revisionistische Autoren&#8220; gefeiert. Und unter einem Jugendfoto Chomskys schrieb das Hetzblatt weiter: &#8222;Nicht zuletzt f\u00fcr die Menschenrechte der Pal\u00e4stinenser hat er sich wiederholt engagiert zu Wort gemeldet.&#8220; Zuvor war Chomsky publikumswirksam f\u00fcr Finkelstein eingetreten. In <em>Die Woche<\/em> (28.7.2000) erkl\u00e4rte er seine Zustimmung zu Finkelsteins Hauptthese, die im \u00fcbrigen seit Jahrzehnten seine eigene sei. Der Holocaust werde &#8222;seit den sp\u00e4ten 60er Jahren ausgebeutet. Und zwar nicht nur zur Rechtfertigung der israelischen Besetzung im Nahen Osten, sondern auch aus innenpolitischen Gr\u00fcnden in den USA (und anderswo im Westen) und schlicht aus vulg\u00e4rem Karrierismus. Finkelsteins Analyse einer &#8218;Holocaust-Industrie&#8216; ist deshalb v\u00f6llig korrekt.&#8220;<\/p>\n<p>Die Holocaust-Leugnung betreibende Str\u00f6mung innerhalb der internationalen extremen Rechten wei\u00df Chomsky schon seit den 80er Jahren zu sch\u00e4tzen. Der Holocaust-Leugner Germar Rudolf plauderte in den <em>Staatsbriefen<\/em> (<em>StB<\/em>) aus, wozu j\u00fcdische Autoren und insbesondere linke j\u00fcdische Autoren den Nazis dienen (sollen). In seinem Artikel &#8222;Semitischer Revisionismus&#8220; (<em>StB<\/em> 11\/1995, S. 25-27) klaubt er sich aus Zeitungsmeldungen einen &#8222;j\u00fcdisch-israelischen Revisionismus&#8220; zusammen. Repr\u00e4sentativ daf\u00fcr steht bei Rudolf an vorderster Front der vor kurzem verstorbene israelische Chemieprofessor und Kritiker der israelischen Besatzungspolitik Israel Shahak. ((4)) Rudolf Ziel ist, auf l\u00e4ngere Sicht, eine Allianzbildung der besonderen Art: &#8222;Zarte Kontakte dieser Gruppe kritischer Israelis zu dissidenten Juden in westlichen L\u00e4ndern aufzubauen, die auch Kontakte zum Holocaust-Revisionismus nicht scheuen, d\u00fcrfte nicht schwerfallen, zumal die Kritik an der Mythologisierung des Holocaust und an gewissen talmudischen (Mi\u00df)-Interpretationen der Tora bei beiden Gruppen identisch sind. Ob diese israelischen Juden dann auch bereit sind, neben den gesellschaftlichen Folgen der Mystifizierung des Holocaust auch die historiographischen zu kritisieren, steht zu w\u00fcnschen und bleibt abzuwarten&#8220; (<em>StB<\/em> 11\/1995, 26). Zu den Linken, die Kontakte zu den Holocaust-Leugnern nicht scheuen, z\u00e4hlte Rudolf ausdr\u00fccklich auch Chomsky.<\/p>\n<p>Welches Interesse der (angebliche) &#8222;j\u00fcdisch-israelische Revisionismus&#8220; an dieser kruden Allianz haben soll, wird von Rudolf unter der \u00dcberschrift &#8222;islamisch-arabischer Revisionismus&#8220; behandelt. Es sei n\u00e4mlich &#8222;nicht auszuschlie\u00dfen, da\u00df der Islam das Tor ist, durch den der Holocaust-Revisionismus seinen Siegeszug auch in die westliche Welt antreten wird&#8220; (<em>StB<\/em> 11\/1995, 26). Damit w\u00fcrde &#8222;die heute einzige tragf\u00e4hige Identit\u00e4tss\u00e4ule Israels&#8220; zerst\u00f6rt und dem &#8222;fundamentalistischen Islam gegen Israel eine t\u00f6dliche Sto\u00dfkraft&#8220; (<em>StB<\/em> 11\/1995, 27) verliehen werden.<\/p>\n<p>Hier setzt dann Rudolfs perverses Spiel ein, demzufolge sich die Holocaust-Leugner als die besten Freunde der Juden erweisen sollen. Es gebe &#8222;die Wahl zwischen der unendlichen L\u00fcge hier [womit Rudolf die historische Wahrheit \u00fcber die Vernichtungslager bezeichnet; AS], dem unendlichen Ha\u00df dort und dem Versuch einer partnerschaftlichen Existenz dazwischen&#8220; (ebd.). Rudolf gibt sich optimistisch, dass es &#8222;f\u00fcr diesen Weg gemeinsame Ans\u00e4tze gibt&#8220;. Dies zeigten die &#8222;j\u00fcdisch-israelischen Revisionisten, die wie einst die Propheten den Finger in die schw\u00e4rende Wunde j\u00fcdischer Selbst\u00fcberhebung legen und sich damit auf einer Linie befinden mit den sich ebenfalls im Dissens mit der \u00d6ffentlichkeit befindenden westlichen und auch den gem\u00e4\u00dfigt islamisch-arabischen Revisionisten&#8220; (ebd.).<\/p>\n<p>Hans-Dietrich Sander nahm im Laufe der Finkelstein-Debatte diesen Vorschlag Rudolfs wieder auf. Selbstverst\u00e4ndlich wies das strategische Originalgenie Sander nicht auf die Vorg\u00e4ngerschaft Rudolfs hin, als er den Kameraden globalisierungskritisch den Weg wies: &#8222;Die Unf\u00e4higkeit der politischen Klasse, die Lage zu wenden, erstreckt sich tief ins nationale Lager hinein. 1999 hielten die <em>Staatsbriefe<\/em> strategische Gespr\u00e4chsrunden in Berlin ab. Ich fand es nach Schr\u00f6ders Wahlprogramm f\u00fcr m\u00f6glich, die Linken zum Volk zur\u00fcckzuf\u00fchren &#8211; mit ihm oder gegen ihn, wenn er zu den Globalisierern \u00fcberlaufen w\u00fcrde, denn die linken W\u00e4hler w\u00fcrden die ersten Opfer dieses Verrats werden. Ich schlug vor, Kontakt mit prominenten linken Juden in den USA aufzunehmen, z.B. Noam Chomsky und Norman Finkelstein, und ersuchte Horst Mahler und Reinhold Oberlercher das zu unternehmen, weil sie mit ihrer Vergangenheit den besten Zugang h\u00e4tten. Sie hielten es f\u00fcr richtiger, die alten Rechten mit einem bornierten Antijudaismus neu aufzumischen. Es w\u00e4re nicht auszudenken, wie Deutschland heute auss\u00e4he, wenn es gelungen w\u00e4re, unsere Ideen, mit den Analysen von Finkelstein und Chomsky verbunden, ins linke Spektrum einzupflanzen. Ob politische Instinktlosigkeit oder Steuerung das verhinderte, ist belanglos.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Da die extreme Rechte gezielt Chomsky (und andere Linke) zu vereinnahmen sucht, ist es &#8211; erst recht nach den exterministischen Terroranschl\u00e4gen vom 11. September und dem folgenden &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; &#8211; um so bedauerlicher, dass in der linken und insbesondere libert\u00e4ren Chomsky-Rezeption seine eben erw\u00e4hnten \u00fcberaus problematischen Positionseinnahmen so unkritisch aufgenommen werden. ((6)) So verkommt die weithin begr\u00fc\u00dfte Chomsky-Biographie Robert F. Barskys in den Passagen \u00fcber Chomskys Unterst\u00fctzung des Holocaust-Leugners Robert Faurisson zur Hagiographie, sieht Chomsky in der Rolle des Opfers einer Kampagne von &#8222;Klone[n] von Kommissaren&#8220; (Chomsky) und pr\u00e4sentiert Faurisson mit Foto als &#8222;umstrittene[n] franz\u00f6sische[n] Forscher&#8220;. ((7)) Ganz nebenbei zitiert Barsky eine Passage aus einem Brief Chomskys, die auch auf das nun erschienene &#8222;Interview&#8220; Chomskys in der <em>NaZe<\/em> ein anderes Licht werfen k\u00f6nnte; vielleicht ist das doch &#8211; und zwar grunds\u00e4tzlich &#8211; something to worry about: &#8222;In den sp\u00e4ten siebziger Jahren zum Beispiel [&#8230;] war die einzige Zeitschrift, in der ich regelm\u00e4\u00dfig ver\u00f6ffentlichen konnte, <em>Inquiry<\/em>, die Zeitschrift des rechtsradikalen Cato-Institute.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Statt nun weiter Chomskys fragw\u00fcrdige Publikationspolitik zu behandeln, m\u00f6chte ich abschlie\u00dfend lieber den verbleibenden Platz nutzen, um aufbauend auf einer \u00dcberlegung Chomskys eine Anregung f\u00fcr die Chomsky-Lekt\u00fcre zu geben. F\u00fcr die Rezeption Chomskys in Deutschland (wie auch anderswo au\u00dferhalb der USA) liefert sein &#8222;grundlegendes moralisches Prinzip&#8220; eine Richtlinie, die politisch vorw\u00e4rts weisen k\u00f6nnte. Er formulierte es in einem Brief an seinen Biographen: &#8222;Das grundlegendste moralische Prinzip m\u00fcsste dazu f\u00fchren, die einheimischen Verbrechen im Vergleich zu denen der offiziellen Feinde &#8218;hochzuspielen&#8216;, das heisst [sic], diejenigen Verbrechen &#8218;hochzuspielen&#8216;, gegen die man etwas unternehmen kann.&#8220; ((9)) Folgt man diesem Grundsatz, ginge es nicht lediglich darum, Chomskys Kritik an den USA aufzusaugen, worin sich die Lekt\u00fcre bei manchen Fans ersch\u00f6pft, und weiter zu verbreiten; vielmehr w\u00e4re sie einzubetten und zu erg\u00e4nzen durch die Kritik an Deutschland (bzw. des Staates, in dem man lebt) als Partner und Konkurrent der USA. Vor allem z\u00f6ge man so eine politische Demarkationslinie zu all jenen, die aus teutonischer Motivation die USA kritisieren und sich dabei gelegentlich (aber immer \u00f6fter) auch auf Chomsky berufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Arbeit \u00fcber (und gegen) die extreme Rechte bringt es in gewissen Abst\u00e4nden mit sich, einen Stapel der National Zeitung (NaZe) durchzusehen. F\u00fcr die grunds\u00e4tzliche Orientierung, was das Blatt des DVU-Anf\u00fchrers Gerhard Frey so treibt, gen\u00fcgt es meist schon, die Schlagzeilen und die roten Kopfzeilen auf der Titelseite zur Serie zusammenzustellen. 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