{"id":4865,"date":"2002-09-01T00:00:21","date_gmt":"2002-08-31T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4865"},"modified":"2022-07-26T14:16:46","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:46","slug":"ich-traume-noch-immer-von-der-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/09\/ich-traume-noch-immer-von-der-revolution\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich tr\u00e4ume noch immer von der Revolution&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Graswurzelrevolution (GWR):<\/em><\/strong><em> Sie sind 1969 als 32j\u00e4hrige in die SPD eingetreten. Anfang 1970 hat die SPD Sie wegen &#8222;parteisch\u00e4digendem Verhalten&#8220; ausgeschlossen. Wie kam es dazu und was war mit &#8222;parteisch\u00e4digendem Verhalten&#8220; gemeint?<strong><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Ilse Schwipper:<\/strong> In Niedersachsen gab es im Fr\u00fchjahr 1970 Landtagswahlen, an denen die DKP teilnehmen wollte. Um das zu k\u00f6nnen, brauchten sie 40.000<\/p>\n<p>Unterschriften. Jungsozialisten aus Wolfsburg, u.a. ich, haben diese Unterschriften gesammelt. F\u00fcr die &#8222;Mutterpartei SPD&#8220; war das Anlass genug, trotz ihrer Propaganda &#8222;mehr Demokratie wagen&#8220; 19 Jusos auszuschlie\u00dfen wegen parteisch\u00e4digenden Verhalten. F\u00fcr meine Begriffe war das aber einzig ein Vorwand, weil die Wolfsburger Jungsozialisten, deren zweite Vorsitzende ich war, f\u00fcr die damalige Zeit sehr revolution\u00e4r agierte.<\/p>\n<p><strong><em>GWR:<\/em><\/strong><em> Anfang der 70er Jahre beteiligten Sie sich an militanten Aktionen der &#8222;Bewegung 2. Juni&#8220;. Wie erkl\u00e4ren Sie sich Ihre damalige Entwicklung von der &#8222;Sozialdemokratin&#8220; zur Stadtguerillera? K\u00f6nnen Sie diese Entwicklung skizzieren?<strong><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Ilse Schwipper: <\/strong>Die Frage ist nicht ganz richtig. Zu dem Zeitpunkt haben Wolfsburger das Konzept Stadtguerilla diskutiert, waren aber nie an Aktionen der <em>Bewegung 2. Juni<\/em> beteiligt. Die Wolfsburger waren eine eigenst\u00e4ndige Gruppe, die in der K3 lebten (sp\u00e4ter B\u00e4ckergasse 2). Unsere Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Konzepten beinhalteten allerdings eine N\u00e4he eher zur Bewegung 2. Juni als zur RAF. Einzelne Aktionen aufzuz\u00e4hlen, die damals von der Gruppe gemacht wurden, halte ich f\u00fcr unangebracht.<\/p>\n<p>Ich war nie Sozialdemokratin. Von meiner famili\u00e4ren Geschichte her, war ich Anarchistin. Repressive Erfahrungen nicht nur mit der SPD sondern auch mit Polizei und dem was staatliche Institutionen generell ausmachen, haben mich immer radikaler werden lassen.<\/p>\n<p><strong><em>GWR: <\/em><\/strong><em>1977 sorgte ein <a title=\"Buback \u2013 Ein Nachruf\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/01\/buback-ein-nachruf\/\">Artikel des G\u00f6ttinger &#8222;Mescalero&#8220;<\/a>, in dem er sich aus libert\u00e4rer Sicht kritisch mit der Politik des Staates und der Stadtguerilla auseinander setzte, f\u00fcr Aufsehen. In dem 1977er Graswurzelrevolution-Positionspapier <a title=\"Feldz\u00fcge f\u00fcr ein sauberes Deutschland\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/01\/feldzuge-fur-ein-sauberes-deutschland\/\">&#8222;Feldz\u00fcge f\u00fcr ein sauberes Deutschland&#8220;<\/a> (siehe: www.graswurzel.net) ging es im Anschluss an eine gewaltfrei-anarchistische Kritik sowohl der staatlichen Gewalt als auch der RAF-Politik um die Begr\u00fcndung direkter gewaltfreier Aktionen. Wie wurde die Kritik des Mescalero und anderer gewaltfreier AnarchistInnen damals von den Stadtguerillas aufgenommen? Gab es dazu Diskussionen?<\/em><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Ilse Schwipper: <\/strong>Das Graswurzelpapier ist nicht bis zu mir vorgedrungen, wobei ich nicht wei\u00df, ob es zu den damals oftmals beschlagnahmten Dingen geh\u00f6rte. Ob andere Gefangene an dem Papier diskutiert haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Allerdings konnte ich dem Mescalero-Papier nicht sehr viel abgewinnen, da ich es von Hause aus albern finde, sich klammheimlich zu freuen. \u00c4hnlich geht es mir bei Diskussionen zur Frage der Gewalt oder Gewaltfreiheit, weil ich denke, dass andere Diskussionen in einer global repressiven Welt voller Kriege wichtiger sind.<\/p>\n<p><strong><em>GWR: <\/em><\/strong><em>Wie sehen Sie die Politik der Stadtguerilla aus heutiger Perspektive?<strong><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Ilse Schwipper:<\/strong> Im R\u00fcckblick und an Hand der Tatsache, dass ich eine relative Geschichtsaufarbeitung hinter mir habe, kann ich nur sagen, dass die Politik der Stadtguerilla eine richtige war. Zumal sich die gesamte amnestierte Studentenschaft auf Karrieretrip begab. Stadtguerilla war weltweit der Versuch, ein gerechtes, menschenw\u00fcrdiges Gesellschaftsgef\u00fcge zu beginnen. Dass die Niederlage so bitter sein w\u00fcrde, konnte zum damaligen Zeitpunkt niemand ahnen. F\u00fcr die Einzelnen war es nicht nur eine wichtige Erfahrung sondern mit dem Versuch, das Private zum Politischen zu machen gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse revolution\u00e4r zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Der Slogan der Musikgruppe Ton-Steine-Scherben: &#8218;Macht kaputt, was Euch kaputt macht&#8216; wurde sehr ernst genommen.<\/p>\n<p><strong><em>GWR: <\/em><\/strong><em>Viele Menschen k\u00f6nnen sich nicht vorstellen, dass im &#8222;Rechtsstaat&#8220; Bundesrepublik Menschen (durch Isolation) gefoltert wurden und werden. Wie haben Sie Ihre eigene Isolation erlebt? Unter welchen Bedingungen waren Sie inhaftiert?<strong><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Ilse Schwipper: <\/strong>Es ist schwierig, in einem Interview darauf ausf\u00fchrlich zu antworten. Bevor ich es versuche, gleich eine Buchempfehlung, in dem es ausf\u00fchrlich um die Entwicklung von Isolationshaft &#8211; besser bekannt als wei\u00dfe Folter &#8211; geht. Der Titel: &#8222;Bei lebendigem Leib&#8220;, erschienen im Unrast-Verlag.<\/p>\n<p>Meine Haftbedingungen waren von insgesamt fast 12 Jahren 6,5 Jahre Isolationshaft mit allen Merkmalen der Wei\u00dfen Folter.<\/p>\n<p>St\u00fcndliche Nachtkontrollen (ist Schlafentzug), Fliegengitter vor dem Normalgitter (zu wenig Sauerstoffaustausch), st\u00e4ndige Kontrollen und Zellenwechsel (Stress &#8211; Orientierungslosigkeit &#8211; nie heimisch werden), nirgendwo teilnehmen, also Ausschluss vom Anstaltsleben (Reizentzug), Trennung von jeglichen Gemeinschaftsveranstaltungen, Arbeitsverbot, Ber\u00fchrungsverbot bei Besuchen, h\u00e4ufiger Zellenwechsel, t\u00e4gliche Zellendurchsuchungen und \u00fcberfallartige n\u00e4chtliche &#8222;Besuche&#8220; vom Staatsschutz. Au\u00dferdem bei jedem Zellenverlassen gr\u00fcndliche k\u00f6rperliche Durchsuchung. Schikan\u00f6se Postzensur und vielfache Nichtaush\u00e4ndigung von Publikationen. Was auch eine Rolle spielt, ist der Farbanstrich der Zellen. Das ist ein nicht definierbares gelb\/wei\u00df. Die M\u00f6bel sind nur um Nuancen dunkler, was \u00fcber Jahre bedeutet, dass klare Konturen im Blick (Auge) verschwinden.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen grunds\u00e4tzlich sind: Ersch\u00f6pfungszust\u00e4nde, Depressionen, Venenerkrankungen, Kreislaufprobleme, Magen-Darmprobleme, Kopfschmerzen, Konzentrationsschw\u00e4chen und Ged\u00e4chtnisausfall &#8211; Tinitus.<\/p>\n<p>Diese Haftbedingungen haben zu schweren k\u00f6rperlichen und seelischen Erkrankungen gef\u00fchrt, so dass ich am 2.Mai um 15.15 Uhr, 1982 schwerkrank als haftunf\u00e4hig entlassen wurde. Bis zum heutigen Tag habe ich oft mit den Sp\u00e4tfolgen zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><strong><em>GWR: <\/em><\/strong><em>In Stammheim und anderen Isolationsgef\u00e4ngnissen sitzen immer noch politische Gefangene. Wie ist ihre Situation heute?<strong><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Ilse Schwipper: <\/strong>So weit mir das bekannt ist, sind die Bedingungen im Gro\u00dfen und Ganzen nicht ge\u00e4ndert. Bei einzelnen Gefangenen hat es geringf\u00fcgige Haftverbesserungen gegeben, die aber meiner Meinung nach an der Gesamtrepression wenig \u00e4ndern. Die Gefangenen sollten bedingungslos freigelassen werden. Das aber gilt f\u00fcr alle revolution\u00e4ren Gefangenen weltweit.<\/p>\n<p><strong><em>GWR: <\/em><\/strong><em>Am 20. Oktober 2000 sind ca. 2.000 politische Gefangene in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen in einen Hungerstreik getreten. Sie wehren sich gegen die Verlegung in neugebaute F-Typ-Isolationsgef\u00e4ngnisse, in denen sie der Willk\u00fcr der W\u00e4rter ausgesetzt sind und unter der wei\u00dfen Folter leiden. Nachdem ihre Forderungen nicht geh\u00f6rt wurden, wandelten sie ihren Hungerstreik in ein &#8222;Todesfasten&#8220; um. Diese Verweigerung der Nahrung forderte inzwischen mehr als 90 Opfer.<\/em><\/p>\n<p><em>Wie erkl\u00e4ren Sie Sich, dass sich nur wenige Menschen in der T\u00fcrkei und in Europa mit den Gefangenen solidarisieren?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ilse Schwipper: <\/strong>Abgesehen von der Tatsache, dass vielen Menschen solch konsequenter Kampf Angst macht, gibt es zur Zeit keine revolution\u00e4re Gefangenenbewegung, die diesen Kampf unterst\u00fctzten k\u00f6nnte. Einzelne Gruppen und Einzelpersonen, die auf verschiedene Arten den Kampf unterst\u00fctzt haben und auch heute noch unterst\u00fctzen, haben es seit dem 11. September 2001 nicht einfach. Vielfach wird dieses Todesfasten mit Selbstmordaktionen gleichgesetzt. \u00dcbersehen wird dabei, dass es einzig und alleine an den jeweiligen Regierungen liegt, wie mit Gefangenen umgegangen wird. Zum anderen ist es auch eine Tatsache, dass sich europaweit die &#8222;Linke&#8220; anderen Themen zuwendet, wie z.B. dem globalisierten Turbokapitalismus ohne zu begreifen, dass Inhaftierungen jeder Zeit unter genau diesen Wei\u00dfe Folter-Bedingungen f\u00fcr jeden m\u00f6glich sind. (Siehe Seattle, G\u00f6teborg, Genua).<\/p>\n<p><strong><em>GWR: <\/em><\/strong><em>Wie l\u00e4sst sich gegen die Isolationsfolter eine Kampagne organisieren? <strong><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Ilse Schwipper: <\/strong>Eigentlich wie jede Kampagne \u00fcber s\u00e4mtliche linke Medien \u00d6ffentlichkeit herstellen, unter Einbezug auch der b\u00fcrgerlichen Medien. Tatsache ist aber, dass dieser Kampf der t\u00fcrkischen Gefangenen weitgehend totgeschwiegen wird.<\/p>\n<p>Es hat ja nicht nur einen Kongress organisiert von Tayad (Verein der Angeh\u00f6rigen von politischen Gefangenen) gegeben, sondern h\u00e4ufiger Delegationen<\/p>\n<p>zum Schutz der Angeh\u00f6rigen, die sich ebenfalls im Hungerstreik und Todesfasten befanden und befinden. Auch die internationalen Delegationen konnten keine relevante Bewegung initiieren. In Berlin, Hamburg und<\/p>\n<p>K\u00f6ln hat es Ende 2001 auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen Solidarit\u00e4tshungerstreiks und Veranstaltungen gegeben, die ebenfalls keine Massenbewegung hervorbrachten. Bis heute weigert sich die t\u00fcrkische Regierung die Isolationsgef\u00e4ngnisse nach dem deutschen Modell abzuschaffen. Nicht einmal die Minimalforderung des Zusammenschlusses einzelner Gefangener untereinander ist verwirklicht.<\/p>\n<p><strong><em>GWR: <\/em><\/strong><em>Das Buch &#8222;Bei lebendigem Leib&#8220; will &#8222;mit dazu beitragen, dass die Frage von politischer Gefangenschaft und Solidarit\u00e4t in der Linken wieder diskutiert wird.&#8220; Ihr Artikel ist bewegend und beschreibt &#8222;Das Isolationszellensystem als wissenschaftliches Forschungsprojekt&#8220;. Was ist Ihnen besonders wichtig?<strong><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Ilse Schwipper: <\/strong>Mir ist wichtig, dass wieder ein Bewusstsein daf\u00fcr geschaffen wird, dass Isolationsgef\u00e4ngnisse mit der Methode Wei\u00dfe Folter ein Mittel der Bek\u00e4mpfung des politischen Gegners ist.<\/p>\n<p>Mir ist wichtig, dass heute k\u00e4mpfende Menschen eine realistische Einsch\u00e4tzung der Situation weltweit behalten. Mir ist wichtig, dass sich wieder mehr internationale Solidarit\u00e4t entwickelt, und die Grabenk\u00e4mpfe unter den Linken aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong><em>GWR: <\/em><\/strong><em>Viele einst politisch engagierte Menschen haben resigniert, sich angepasst und entpolitisiert. Sie machen dagegen einen engagierten und hoffnungsvollen Eindruck. Welche politischen Perspektiven sehen Sie?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ilse Schwipper: <\/strong>Ich tr\u00e4ume noch immer von der Revolution.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Sie sind 1969 als 32j\u00e4hrige in die SPD eingetreten. Anfang 1970 hat die SPD Sie wegen &#8222;parteisch\u00e4digendem Verhalten&#8220; ausgeschlossen. Wie kam es dazu und was war mit &#8222;parteisch\u00e4digendem Verhalten&#8220; gemeint? Ilse Schwipper: In Niedersachsen gab es im Fr\u00fchjahr 1970 Landtagswahlen, an denen die DKP teilnehmen wollte. 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