{"id":4874,"date":"2001-01-28T00:00:14","date_gmt":"2001-01-27T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4874"},"modified":"2022-07-26T14:16:56","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:56","slug":"buback-ein-nachruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/01\/buback-ein-nachruf\/","title":{"rendered":"Buback &#8211; Ein Nachruf"},"content":{"rendered":"<p>Dies soll nicht unbedingt eine Einsch\u00e4tzung sein oder ein kommentierender Verriss vorn Schreibtisch aus, mit p\u00e4pstlichen Gestus vorgetragen und als &#8222;solidarische Kritik&#8220; bezeichnet. Ausgewogenheit, stringente Argumentation, Dialektik und Widerspruch &#8211; das ist mir alles piep-egal. Mir ist bei dieser Buback-Geschichte einiges aufgesto\u00dfen, diese R\u00fclpser sollen zu Papier gebracht werden, vielleicht tragen sie ein bi\u00dfchen zu einer \u00f6ffentlichen Kontroverse bei.<\/p>\n<p>Meine unmittelbare Reaktion, meine &#8222;Betroffenheit&#8220; nach dem Abschu\u00df von Buback ist schnell geschildert: ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Ich habe diesen Typ oft hetzen h\u00f6ren, ich wei\u00df, das er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken eine herausragende Rolle spielte. Wer sich in den letzten Tagen nur einnal genau sein Konterfei angesehen hat, der kann erkennen, welche Z\u00fcge dieser Rechtsstaat tr\u00e4gt, den er in so hervorragender Weise verk\u00f6rperte. Und der kennt dann auch schon ein paar Z\u00fcge von Gesichtern jener aufrechten Demokraten, die jetzt wie ein Mann emp\u00f6rt und betroffen aufschreien. Ehrlich, ich bedaure es ein wenig, da\u00df wir dieses Gesicht nun nicht mehr in das kleine rot-schwarze Verbrecheralbum aufnehmen k\u00f6nnen, das wir nach der Revolution herausgeben werden, um der meistgesuchten und meistgeha\u00dften Vertreter der alten Welt habhaft zu werden und sie zur \u00f6ffentlichen Vernehmung vorzuf\u00fchren. Ihn nun nicht mehr &#8211; enfant perdu.<\/p>\n<p>Aber das ist ja nun nicht alles gewesen, was in meinem und im Kopf vieler anderer nach diesem Ding herumspukte. So eine richtige Freude, wie etwa bei der Himmelfahrt von Carrero Blanko konnte einfach nicht aufkommen, nicht, das ich mich von der wirklich gut inszenierten &#8222;\u00f6ffentlichen Emp\u00f6rung und Hysterie&#8220; kirre machen lie\u00df; dieses Spektakel scheint ja wirklich von mal zu mal besser zu funktionieren und das irgendwo im Konzert dieser politischen Eunuchen, die von der Herstellung der &#8222;\u00f6ffentlichen Meinung&#8220; leben (gut leben), sich eine einzige &#8222;kritische&#8220; Stimrae erheben w\u00fcrde, daran glaubt von uns wohl keiner mehr.<\/p>\n<p>Aber deswegen ist mir dieser hermetisch wirkende Block gleichgeschalteter Medien offizieller Verlautbarungen und Kommentare doch nicht so egal, da\u00df ich mich bei irgendwelchen Aktionen \u00fcberhaupt nicht mehr um ihn zu k\u00fcmmern brauchte. Die Wanzenaff\u00e4re hat doch gezeigt, da\u00df sich dieser Chor der aufrechten Leute in den Pelz gesetzt hat, die ihn kratzen, die sich nicht mit Meinungen und Kommentaren hinweg tuschieren lassen. Da haben sich immerhin Risse und Br\u00fcche in dieser scheinbar festgef\u00fcgten Legitimationsfassade gezeigt, die wir ausn\u00fctzen m\u00fcssen und k\u00f6nnen, sogar in Bezug auf Stammheim. Da haben wir eine Gelegenheit vers\u00e4umt, ein \u00f6ffentliches Gemurmel, ein \u00f6ffentliches Unbehagen der Nonchalance mit der die Bubacks, Maihofers, Schiess und Benda die dicksten Rechtsbr\u00fcche begehen, offensiv f\u00fcr uns und die Gefangenen zu nutzen. Diese Chance ist vorerst vorbei. Jetzt &#8211; nach dem Anschlag &#8211; ist nicht nur wieder jedes Mittel recht, um die &#8222;Terroristenbrut&#8220; zu zerschlagen, sondern dei angewandten Mittel sind gar zu gering.<\/p>\n<p>Das mag ein pers\u00f6nlicher Eindruck sein; ich hatte auch keine Ideen und keine Kraft, bei dieser Aff\u00e4re einzugreifen. Aber deutlicher wird das, was ich damit kritisieren will, vielleicht am Beispiel des Roth\/Otto Proze\u00dfes in K\u00f6ln. In diesem Proze\u00df war die Strategie der Bubacks, die, Linke, die nachweislich nicht geschossen haben, als Polizistenm\u00f6rder zu verurteilen. Revolution\u00e4re Linke sind Killer, ihre Gesinnung, ihre Praxis pr\u00e4destiniert sie zu Killern, die vor keinem Mittel zur\u00fcckschrecken &#8211; so die Gleichung der Ankl\u00e4ger und (offensichtlich) der Richter.<\/p>\n<p>In m\u00fchevoller Kleinarbeit ist es den beteiligten Genossen und Genossinnen wenigstens ansatzweise gelungen, diese Strategie zu durchkreuzen und zwar so zu durchkreuzen, da\u00df selbst die gleichgeschalteten Medien \u00fcber die Sauereien, unmenschlichen Haftbedingungen, Verfahrensfehler etc. zu berichten gezwungen sind. Das kleine Stammheirn in K\u00f6ln hat so auch ein Schlaglicht auf das echte Stammheim werfen k\u00f6nnen. Am letzten Mittwoch haben die Anw\u00e4lte von Roth und Otto Antrag auf Haftentlassung gestellt, weil einfach von der Beweislage her der Vorwurf des gemeinschaftlichen Mordes am Polizisten Pauli nicht mehr aufrecht zu erhalten war. Die Gleichung &#8222;Linke sind Killer&#8220; war durchkreuzt. Ich bef\u00fcrchte aber, das mit dem Anschlag auf Buback den Genossen die guten Karten aus der Hand genommen worden sind, da\u00df hierdurch eine unfreiwillige Amtshilfe f\u00fcr die Justiz geleistet wurde, die vielleicht sogar den Urteilsspruch negativ beeinflussen wird.<\/p>\n<p>Der Blindheit jener, f\u00fcr die sich die politische Welt auf Stammheim reduziert und die v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der jeweiligen &#8222;politischen Konjunktur&#8220; den Kampf f\u00fchren und ihre Mittel w\u00e4hlen, k\u00f6nnte so andere Genossinnen und Genossen entwaffnen und w\u00e4re ein unfreiwilliger Beitrag dazu, sie fertig zu machen. &#8222;Counterinsurgency&#8220; andersherum&#8230;<\/p>\n<p>Diese \u00dcberlegungen alleine haben ausgereicht, ein inneres H\u00e4ndereiben zu stoppen. Aber es kommt noch doller. Ich habe auch \u00fcber eine Zeit hinweg (wie so viele von uns) die Aktionen der bewaffneten K\u00e4mpfer goutiert; ich, der ich als Zivilist noch nie eine Knarre in der Hand hatte, eine Bombe habe hochgehen lassen. Ich habe mich schon ein bi\u00dfchen dran aufgegeilt, wenn mal wieder was hochging und die ganze kapitalistische Schickeria samt ihren Schergen in Aufruhr versetzt war. Sachen, die ich im Tagtraum auch mal gern tun t\u00e4t, aber wo ich mich nicht getraut habe sie zu tun.<\/p>\n<p>Ich habe mir auch jetzt wieder vorgestellt, ich w\u00e4re bei den bewaffneten K\u00e4mpfern, werde gesucht, gejagt, lebe irgendwo in einem konspirativen Zusammenhang von einigen Leuten, mu\u00df aufpassen, da\u00df meine allt\u00e4glichen Verrichtungen (einkaufen gehen, Papierk\u00f6rbe leeren, einen Film ansehen) mir nicht schon den Garaus machen.<\/p>\n<p>Ich frage mich, wie ich &#8211; abgeschnitten von allt\u00e4glichen pers\u00f6nlichen und politischen Zusammenh\u00e4ngen &#8211; mit meinen Leuten die Entscheidung \u00fclber solch eine Aktion f\u00e4llen k\u00f6nnte. Wie ich mich monatelang darauf vorbereiten m\u00fc\u00dfte, da\u00df Buback weg mu\u00df, wie mein ganzes Denken von Logistik und Ballistik bestimmt wird. Wie ich mir sicher sein kann, das dieser und kein anderer sterben mu\u00df, wie ich in Kauf nehme, das auch ein anderer dabei draufgeht, ein dritter vielleicht querschnittsgel\u00e4hmt sein wird etc.<\/p>\n<p>Ich m\u00fc\u00dfte v\u00f6llig umdenken: ich denke immer noch, das die Entscheidung zu t\u00f6ten oder zu killen bei der herrschenden Macht liegt, bei Richtern, Bullen, Werksch\u00fctzern, Milit\u00e4rs, AKW-Betreibern. Da\u00df ich daf\u00fcr extra ausgebildet sein rn\u00fc\u00dfte; kaltbl\u00fctig wie Al Capone, schnell, brutal, berechnend.<\/p>\n<p>Wie soll ich mich entscheiden, da\u00df Buback wichtig ist, nicht f\u00fcr mich und meine Leute, sondern auch f\u00fcr die anderen Leute. Da\u00df er wichtiger ist, als der Richter X am Gef\u00e4ngnis Y oder einer seiner W\u00e4rter. Oder da\u00df der Verk\u00e4ufer in der Ecke, der dauernd &#8222;Kopf ab&#8220; br\u00fcllt eine geringere &#8222;Schuld&#8220; tr\u00e4gt als Buback. Nur, weil er weniger &#8222;Verantwortung&#8220; hat?<\/p>\n<p>Warum diese Politik der Pers\u00f6nlichkeiten? K\u00f6nnten wir nicht mnal zusammen eine K\u00f6chin entf\u00fchren und sehen, wie sie dann reagieren, die aufrechten Demokraten?<\/p>\n<p>Sollten wir uns nicht \u00fcberhaupt mehr auf die K\u00f6chinnen konzentrieren?<\/p>\n<p>Wenn in Argntinien oder gar in Spanien einer dieser staatlich legitimierten Killer gelegt wird, habe ich diese Probleme nicht. Ich glaube zu sp\u00fcen, da\u00df der Ha\u00df des Volkes gegen diese Figuren wirklich ein Volksha\u00df ist. Aber wer und wieviele Leute haben Buback (t\u00f6dlich) geha\u00dft. Woher k\u00f6nnte ich, geh\u00f6rte ich den bewaffneten K\u00e4mpfern an, meine Kompetenz beziehen, \u00fcber Leben und Tod zu entscheiden?<\/p>\n<p>Wir alle m\u00fcssen davon runterkommen, die Unterdr\u00fccker des Volkes stellvertretend f\u00fcr das Volk zu hassen, so wie wir allm\u00e4hlich schon davon runter sind, stellvertretend f\u00fcr andere zu handeln oder eine Partei aufzubauen. Wenn Buback kein Opfer des Volkszornes wird (oder wegen mir auch des Klassenhasses, damit kein falscher Verdacht aufkornmt), dann geht die Gewalt, die so ausge\u00fcbt wird, ebensowenig vom Volk aus, wie Bubacks Gewalt vom Volke ausging.<\/p>\n<p>Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine der Strategien der Herrschenden. Warum m\u00fcssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk:) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gef\u00e4ngnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.<\/p>\n<p>Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen) dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.<\/p>\n<p>Warum liquidieren?L\u00e4cherlichkeit kann auch t\u00f6ten, zum Beispiel auf lange Sicht und Dauer. Unsere Waffen sind nicht lediglich Nachahmungen der milit\u00e4rischen, sondern solche, die sie uns nicht aus der Hand schie\u00dfen k\u00f6nnen. Unsere St\u00e4rke braucht deswegen nicht in einer Phrase zu liegen (wie in der &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220;). Unsere Gewalt endlich kann nicht die Al Capones sein, eine Kopie des offenen Stra\u00dfenterrors und des t\u00e4glichen Terrors; nicht autorit\u00e4r, sondern antiautorit\u00e4r und deswegen urnso wirksamer. Um der Machtfrage willen (o Gott!), d\u00fcrfen Linke keine Killer sein, keine Brutalos, keine Vergewaltiqer, aber sicher auch keine Heiligen, keine Unschuldsl\u00e4mmer. Einen Begriff und eine Praxis zu entfalten von Gewalt\/Militanz, die fr\u00f6hlich sind und den Segen der beteiligten Massen haben, das ist (zum praktischen Ende gewendet) unsere Tagesaufgabe. Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.<\/p>\n<p>Ein bi\u00dfchen klobig, wie? Aber ehrlich gemeint&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies soll nicht unbedingt eine Einsch\u00e4tzung sein oder ein kommentierender Verriss vorn Schreibtisch aus, mit p\u00e4pstlichen Gestus vorgetragen und als &#8222;solidarische Kritik&#8220; bezeichnet. Ausgewogenheit, stringente Argumentation, Dialektik und Widerspruch &#8211; das ist mir alles piep-egal. Mir ist bei dieser Buback-Geschichte einiges aufgesto\u00dfen, diese R\u00fclpser sollen zu Papier gebracht werden, vielleicht tragen sie ein bi\u00dfchen zu &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/01\/buback-ein-nachruf\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Buback - Ein Nachruf - graswurzelrevolution","description":"Dies soll nicht unbedingt eine Einsch\u00e4tzung sein oder ein kommentierender Verriss vorn Schreibtisch aus, mit p\u00e4pstlichen Gestus vorgetragen und als \"solidarisch"},"footnotes":""},"categories":[12,1042],"tags":[],"class_list":["post-4874","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-news","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4874","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4874"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4874\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4874"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4874"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4874"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}