{"id":4899,"date":"2002-09-01T00:00:33","date_gmt":"2002-08-31T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4899"},"modified":"2022-07-26T14:26:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:12","slug":"georges-brassens-anarchiste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/09\/georges-brassens-anarchiste\/","title":{"rendered":"&#8222;Georges Brassens. Anarchiste.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Wir schreiben das Jahr 1946 nach Christus &#8211; oder das Jahr Zwei der Befreiung der franz\u00f6sischen Hauptstadt von deutscher Besatzung und Nazi-Terror. Jean-Paul Sartre, Albert Camus, <em>&#8222;Combat&#8220;<\/em> und Django Reinhart haben Konjunktur. An Vichy mag niemand recht erinnert sein. Laval und Henriot sind Tod, P\u00e9tain sitzt im Gef\u00e4ngnis, in den Kellern des Viertels Saint Germain-des-Pr\u00e8s brodelt, jazzt und tanzt die &#8222;Existentialistenmode&#8220;. Einige Meter oberhalb jedoch geht alles wieder seinen gaullistisch geordneten Gang. Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen.<\/p>\n<p>Im Herbst 1946 versucht an einer belebten Pariser Stra\u00dfenkreuzung ein Gendarm einen unbotm\u00e4\u00dfigen Radfahrer mittels Trillerpfeife zu stoppen. Der Radler verliert vor Schreck zun\u00e4chst die Nerven, dann das Gleichgewicht. Schlie\u00dflich st\u00fcrzt er &#8211; genau auf den Gendarm, der seinerseits zu Boden geht und sich auf dem Pflaster den Sch\u00e4del einschl\u00e4gt. Ein tragischer Unfall? Nicht f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Am 27. September erscheint unter dem Titel <em>&#8222;Der Zufall f\u00e4llt die Polizei an&#8220; <\/em>in der anarchistischen Zeitschrift <em>Le Libertaire<\/em> die Glosse eines gewissen <em>&#8222;Gilles Colin&#8220;<\/em>. Dessen Mitgef\u00fchl f\u00fcr den verungl\u00fcckten Polizisten h\u00e4lt sich &#8211; wir wollen es vorsichtig ausdr\u00fccken &#8211; <em>sehr<\/em> in Grenzen:<em> &#8222;Es ist uns keineswegs entgangen, da\u00df trotz seines Dahinscheidens Tausende anderer Polizisten ungl\u00fccklicherweise zu leben fortfahren und die arme Erde einst\u00e4nkern<\/em> [&#8230;] <em>Im Grunde bedauern wir Witwe und Kind, die er zur\u00fcckl\u00e4\u00dft.<\/em> [&#8230;]. <em>Aber, zum Teufel! Warum m\u00fcssen Gendarmen auch Trillerpfeifen haben, und warum gibt es \u00fcberhaupt Gendarmen?&#8220;<\/em>. ((1))<\/p>\n<h3>Antimilitarist, &#8222;anticonformiste, &#8218;anti-tout'&#8220;<\/h3>\n<p>Georges-Charles Brassens, 1921 in S\u00e8te als Sohn eines Maurers und einer italienischen Einwanderin geboren, Poet und Lieders\u00e4nger, friedfertiger Querkopf, r\u00fcde Spottdrossel mit Schnauzbart und Gitarre, gilt sehr zurecht als einer der besten und einflu\u00dfreichsten Chansonniers Frankreichs. De Gaulles Kultusminister Andr\u00e9 Malraux lie\u00df ihn als ersten Vertreter jener Kunstgattung, die in Frankreich noch immer den bezeichnenden Namen <em>Vari\u00e9t\u00e9<\/em> tr\u00e4gt, im <em>Theatre National Populaire<\/em> auftreten: einer sakrosankten Einrichtung des franz\u00f6sischen Kulturbetriebes, sonst ganz den Moli\u00e8res, Racines und Corneilles der dramatischen Klassik zugeneigt. Der Romancier und Filmemacher Marcel Pagnol zettelte gar eine freundschaftliche Intrige an, die Brassens in die <em>Acad\u00e9mie Francaise<\/em> locken sollte. <em>&#8222;Ein Witz!&#8220;<\/em>, war dessen Kommentar: <em>&#8222;Ich hasse Uniformen &#8211; au\u00dfer der des Brieftr\u00e4gers, wohlgemerkt&#8220;<\/em>. ((2)) Brassens Chansons haben nicht nur zahllose K\u00fcnstler beeinflu\u00dft und inspiriert (von Georges Moustaki, den Brassens sehr sch\u00e4tzte, \u00fcber Maxime LeForestier bis zu Francis Cabrel und Renaud S\u00e9chan, der sein 20-j\u00e4hriges Schallplattenjubil\u00e4um immerhin mit einer ganzen CD voller Brassenslieder feierte) sondern sie geh\u00f6ren in Frankreich l\u00e4ngst zum kulturellen Kanon &#8211; und manche sogar zur Schullekt\u00fcre! Von den zahllosen wohlmeinenden Musikern abgesehen, die auf B\u00e4nken und M\u00e4uerchen franz\u00f6sischer Provinzst\u00e4dte hocken und leidlich <em>&#8222;Le Gorille&#8220;<\/em> [&#8222;Der Gorilla&#8220;] oder <em>&#8222;Chanson pour l&#8217;Auvergnat&#8220; <\/em>[&#8222;Lied f\u00fcr den Averner&#8220;] auf l\u00e4dierten Gitarren herunterschruppen, um vorbeiflanierenden PassantInnen einige M\u00fcnzen zu entrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Da\u00df Brassens Anarchist war, wird selbst von seinen konservativen VerehrerInnen nicht ernsthaft in Abrede gestellt. Bis zum Ende seines Lebens machte er nie einen Hehl aus seinen Sympathien f\u00fcr die libert\u00e4re Sache: <em>&#8222;Ich bin Mitglied einer Bewegung gewesen, der libert\u00e4ren Bewegung, und eigentlich habe ich sie nie verlassen. Ich habe nie einen Mitgliedsausweis besessen und bin nie ausgetreten. Ich bin blo\u00df kein Aktivist mehr. Ich habe noch alte Freunde dort. Ich bin ein bi\u00dfchen vom Aktivismus abger\u00fcckt, wenn Sie so wollen. Was die anarchistische Moral und Philosophie angeht, habe ich mich aber kein bi\u00dfchen bewegt&#8220;<\/em>. ((3)) Radikalit\u00e4t und gleichzeitige geistige Beweglichkeit scheinen Brassens den Anarchismus zuforderst attraktiv gemacht zu haben:<em> &#8222;Das ist schwer zu erkl\u00e4ren, die Anarchie.<\/em>[&#8230;] <em>Jeder hatte von der Anarchie seine ganz pers\u00f6nliche Vorstellung. Das ist es ja eben, nebenbei, was so spannend ist: da\u00df es kein wirkliches Dogma gibt. Es ist eher eine Moral, eine Art, das Leben zu begreifen, glaube ich. Der Einzelne steht im Vordergrund&#8220;<\/em>. ((4)) Fast bis zuletzt war Brassens gerne bereit, f\u00fcr die <em>F\u00e9d\u00e9ration Anarchiste<\/em> &#8211; oft gemeinsam mit L\u00e9o Ferr\u00e9 &#8211; zu spielen und aufzutreten:<em> &#8222;Georges machte im Prinzip alles, wenn ihn Anarchisten darum baten&#8220;<\/em>. ((5)) Wie aber sein <em>&#8222;Aktivismus&#8220;<\/em> f\u00fcr die libert\u00e4re Bewegung nach dem Krieg ausgesehen habe, dar\u00fcber schweigen sich Biographen und Freunde gemeinhin geflissentlich aus: eine <em>&#8222;Grammatik-Kolummne&#8220; <\/em>(!) habe er geschrieben f\u00fcr den anarchistischen<em> Libertaire<\/em>, ein wenig Handverkauf mochte dabei gewesen sein, hier und da eine Demonstration. Nicht viel. Nicht viel? Darf&#8217;s auch ein bi\u00dfchen mehr sein? Vielleicht wird sich herausstellen, da\u00df Brassens &#8211; nicht zuletzt in seiner Kunst &#8211; tats\u00e4chlich nie von <em>&#8222;anarchistischer Moral und Philosophie&#8220;<\/em> abger\u00fcckt ist: einer etwas ruppigeren <em>&#8222;Moral&#8220;<\/em> freilich, als man sie dem <em>&#8222;fast krankhaft sch\u00fcchternen&#8220; <\/em>((6)) K\u00fcnstler in Frankreich sp\u00e4ter zubilligen mochte; und da\u00df Ton und Themen jener Chansons, die ihn bald weltber\u00fchmt machen sollten, in den fr\u00fchen f\u00fcnfziger Jahren bereits fast fertig ausgepr\u00e4gt waren &#8211; nicht zuletzt durch Brassens Mitarbeit beim <em>Libertaire <\/em>und bei den Anarchisten der Rue du Croissant.<\/p>\n<h3>Die Anarchistinnen und Anarchisten der Rue du Croissant<\/h3>\n<p>Die anarchistische Bewegung Frankreichs, im Vergleich zur anarchosyndikalistischen Massenorganisation Spaniens in den drei\u00dfiger Jahren ohnehin ein eher zartes und weitlich zerfasertes politisches Mauerbl\u00fcmchen, hatte den Zweiten Weltkrieg schlecht \u00fcberstanden. In der Rue du Croissant im 15. Arrondissement trafen sich nach der Befreiung die, die \u00fcbrig geblieben waren, um die Tr\u00fcmmer beiseite zu r\u00e4umen und einen Neubeginn zu unternehmen: anarchistische Arbeiter, eine handvoll politisch interessierter Studentinnen und Studenten, aber auch der ein oder andere &#8222;bunte Vogel&#8220;; Boh\u00e9miens reinsten Wassers, die bei den Zusammenk\u00fcnften in Montparnasse ungewollt so etwas wie eine &#8222;libert\u00e4re Kunstszene&#8220; aus der Taufe hoben &#8211; eine Kunstszene freilich, von der au\u00dfer ein paar Eingeweihten niemand etwas ahnte. Maurice Joyeux, gelernter Schlosser und Urgestein des franz\u00f6sischen Anarchismus, erinnert sich: <em>&#8222;Georges Brassens hat eine Weile zur F\u00e9d\u00e9ration Anarchiste geh\u00f6rt. Mitgebracht hatte ihn, glaube ich, ein anderer gro\u00dfer Poet: Armand Robin&#8220;<\/em>. ((7)) Der libert\u00e4re Dichter Armand Robin war allem Anschein nach ein farbiger Charakter. Gl\u00fchender Antistalinist, hatte er sich eigenst\u00e4ndig vier oder f\u00fcnf osteurop\u00e4ische Sprachen angeeignet, um, wie er sagte, aus erster Hand den Niedergang des Sowjetreiches verfolgen zu k\u00f6nnen &#8211; n\u00e4mlich am Radio. ((8)) <em>&#8222;<\/em>[Brassens] <em>erz\u00e4hlte sp\u00e4ter, zu jener Zeit habe Armand Robin die Angewohnheit besessen, so gut wie jeden Abend beim Kommissariat seines Viertels anzurufen und, nachdem er sich in aller Form vorgestellt hatte, dem wachhabenden Offizier ins Ohr zu raunen: &#8218;Monsieur, ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen: Sie sind ein Arschloch!'&#8220;<\/em>. ((9)) Der Humor der franz\u00f6sischen Ordnungsh\u00fcter hatte offensichtlich Grenzen: Armand Robin starb unter nie ganz gekl\u00e4rten Umst\u00e4nden auf einer Pariser Polizeiwache.<\/p>\n<p>Georges Brassens jedenfalls war zu jener Zeit weit davon entfernt, als aufgehender Stern am Himmel des franz\u00f6sischen Chansons in Gesellschaft Figur zu machen.<em> &#8222;Als ich Zwanzig war, machte ich egal was, ich war f\u00fcr alles verf\u00fcgbar. Dann hab&#8216; ich drauf gepfiffen, hab&#8216; pl\u00f6tzlich alles hingeschmissen, um dann&#8230;[&#8230;] Ich kann nicht Boule spielen, ich bin kein J\u00e4ger, ich bin kein Angler, und Kartenspielen mag ich auch nicht. Ich hatte keinen Beruf, nichts, ich langweilte mich derartig, da\u00df&#8230;&#8220;<\/em>. ((10)) Brassens erste, zaghafte, von seiner notorischen B\u00fchnenangst nicht gerade erleichterte Versuche, mit eigenem Material vor Publikum aufzutreten, waren grandiose Fehlschl\u00e4ge gewesen. Nicht zuletzt deshalb, weil Brassens, vollkommen ahnungslos \u00fcber die Wirklichkeit des Pariser Showbetriebes, sein Gl\u00fcck in Lokalen versucht hatte, die eher f\u00fcr japanische Reisegruppen ausgelegt waren als f\u00fcr freche Lieder. <em>&#8222;Er verwirrte nicht schlecht. In dieser Art von L\u00e4den sind die Leute oft sehr unachtsam, und der Typ war vollkommen unbekannt. Man mag, was l\u00e4uft; man applaudiert dem, was eh l\u00e4ngst jeder kennt. F\u00fcr einen unbekannten Anarchisten bewegte sich kein Mensch! Seine Erscheinung, sein Look, haben zu Anfang wohl auch gegen ihn gearbeitet<\/em> [&#8230;]. <em>Und dann, na ja: Antikonformist, &#8218;Anti-alles&#8217;&#8230;das gefiel den Chefs solcher Buden nicht sonderlich&#8220;. <\/em>((11)) Auch im Kreise seiner anarchistischen Genossinnen und Genossen in der Rue du Croissant hatte man Zweifel: <em>&#8222;Kein Mensch hat so recht an ihn geglaubt, und als er pl\u00f6tzlich mit einem Knall auf der B\u00fchne erschien, um sie nie wieder zu verlassen, war das eine \u00dcberraschung f\u00fcr eine Reihe von K\u00fcnstlern, die mit der F\u00e9d\u00e9ration Anarchiste zu tun hatten&#8220;<\/em>. ((12)) Bedenkt man, da\u00df zu den Chansons, die Brassens damals (schwitzend wie ein Verdammter und sich st\u00e4ndig verhaspelnd) einem bestenfalls kopfsch\u00fcttelnden Publikum vortrug bereits ironische Meisterwerke wie <em>&#8222;La mauvaise r\u00e9putation&#8220;<\/em> [&#8222;Der schlechte Ruf&#8220;] oder <em>&#8222;H\u00e9catombe&#8220;<\/em>[&#8222;Blutbad&#8220;] geh\u00f6rten &#8211; Lieder, die in Frankreich heute jedes Kind nachpfeifen kann &#8211; mag der mangelnde Kunstsinn seiner anarchistischen Bekannten verwundern. Aber Maurice Joyeux hat eine Erkl\u00e4rung: <em>&#8222;Man hat sich schon oft gefragt, warum den Anarchisten die Begeisterung f\u00fcr diese unbek\u00fcmmert arrangierte Poesie fehlt. Die Antwort ist einfach und ich habe sie oft gegeben: die militanten Anarchisten waren in allem, was die Kunst und die dichterische Freiheit ber\u00fchrt, furchtbar altmodisch geblieben; eine Poesie, die bewu\u00dft die von der Akademie angelegten Ketten zu sprengen versuchte, erschien ihnen als Ketzerei&#8220;<\/em>. ((13)) Was man bei der <em>F\u00e9d\u00e9ration<\/em> allerdings sehr wohl erkannte war, da\u00df dieser Brassens mit Sprache umgehen konnte &#8211; besser als manch anderer. Es war also kein Wunder, da\u00df man ihn 1946 bat, die Druckfahnen von <em>Le Libertaire<\/em> zu korrigieren. Er hatte ja sonst nichts zu tun&#8230;<\/p>\n<h3>&#8222;G\u00e9o C\u00e9dille&#8220;, &#8222;Gilles Colin&#8220;, &#8222;G.C.&#8220;<\/h3>\n<p>Die anarchistische Zeitschrift <em>Le Libertaire<\/em> war zwar kein gro\u00dfes, aber ein traditionsreiches Blatt der libert\u00e4ren Bewegung Frankreichs: 1892 in Alger gegr\u00fcndet, erschien sie ab 1895 in Paris. Mit Beginn des ersten Weltkrieges mu\u00dfte die Zeitung ihr Erscheinen einstellen. Von 1919 bis 1939 erschien sie wiederum in Paris, dann kam der zweite gro\u00dfe Krieg und <em>Le Libertaire<\/em> verschwand von der publizistischen Bildfl\u00e4che. Von 1944 an fungierte die Zeitung als interner Rundbrief des <em>Mouvement Anarchiste Francais<\/em> (MAF), dann, von ihrer zw\u00f6lften Nummer an, f\u00fcr die neu gegr\u00fcndete <em>F\u00e9d\u00e9ration Anarchiste<\/em>. Die Zeitung erscheint unter dem Titel <em>Le monde libertaire<\/em> \u00fcbrigens noch heute und ist in jedem gut sortierten Zeitungsgesch\u00e4ft in Frankreich zu haben.<\/p>\n<p>Von September 1946 bis Juni 1947 arbeitete Brassens f\u00fcr <em>Le Libertaire<\/em> &#8211; keineswegs nur als Korrektor. Sein Freund Ren\u00e9 Iskin, damals Bankangestellter, erinnert sich:<em> &#8222;<\/em>[&#8230;] <em>Er arbeitete nebenan, Rue du Croissant, beim Libertaire. Eine zeitlang schrieb er praktisch s\u00e4mtliche Artikel, unter verschiedenen Pseudonymen. Die Zeitung hatte nur zwei Seiten<\/em> [&#8230;] <em>Einmal hat er mir die Druckfahnen der Zeitung gezeigt und gesagt: &#8218;Das hab&#8216; alles ich geschrieben. Und jetzt, wenn Du magst, lad&#8216; ich Dich zum Fressen ein, ich hab&#8217;ein bi\u00dfchen Geld&#8216;. Er bekam einen bescheidenen Lohn&#8220;<\/em>. ((14))<\/p>\n<p>Ganze 19 Texte f\u00fcr den <em>Libertaire<\/em> k\u00f6nnen Brassens eindeutig zugewiesen werden &#8211; andere sind verschollen oder nicht zweifelsfrei als seine identifizierbar. Er schrieb unter wechselnden Pseudonymen &#8211; zur damaligen Zeit und angesichts etwa des Schicksals seines Freundes Robin keineswegs eine blo\u00df manierierte Konspirationsmasche &#8211; die aber alle die Initialen seines vollen Vornamens trugen: <em>&#8222;G\u00e9o C\u00e9dille&#8220;<\/em>, <em>&#8222;Gilles Colin&#8220;<\/em>, oder ein K\u00fcrzel: <em>&#8222;G.C.&#8220;<\/em>.<em>&#8222;Diese Artikel, ganz gewi\u00df keine Glanzst\u00fccke der M\u00e4\u00dfigung und Zur\u00fcckhaltung, zeigen einen jungen Mann (er ist 24 Jahre alt) der aus allen Rohren eine Horde Pappenheimer unter Feuer nimmt: die Polizei, die Kirche <\/em>[&#8230;] <em>und &#8211; etwas unerwarteter &#8211; die kommunistische Partei und die Stalinisten&#8220;<\/em>. ((15))<\/p>\n<p>Besonders die Polizei hatte unter Brassens w\u00fcst rempelnder Feder nichts zu lachen. Am 11. Oktober 1946 rekapitulierte <em>&#8222;G\u00e9o C\u00e9dille&#8220;<\/em> in einem Jubelartikel <em>&#8222;Der Tod zieht in den Krieg gegen die Polizei&#8220;<\/em> die aktuellen Opferstatistiken der franz\u00f6sischen Polizeibrigaden:<em> &#8222;Man sei vergewissert: der Tag wird kommen<\/em> [&#8230;],<em> an dem die Sonne \u00fcber einer neuen, endlich aller Gendarmen ledigen Welt aufgeht<\/em> [&#8230;] <em>Alles ist m\u00f6glich, Sapperlot! Vertrauen wir auf den Tod. Er wird uns nicht entt\u00e4uschen&#8220;<\/em>. ((16)) Keine sieben Tage sp\u00e4ter erschien folgender Text, diesmal signiert mit <em>&#8222;G.C.&#8220;<\/em>: <em>&#8222;Mit unersch\u00fctterlicher Festigkeit f\u00e4hrt der Tod in seinem Unternehmen fort, die Polizeikr\u00e4fte dieses Landes zu dezimieren. Am 11. Oktober erfuhr in Marseille ein Ordnungsh\u00fcter, der sich \u00e4u\u00dferst st\u00f6rend in eine Schl\u00e4gerei zwischen einem Motorrad, &#8211; und einem Autofahrer einmischen zu m\u00fcssen meinte, das zweifelhafte Vergn\u00fcgen, unter den Hieben diverser Tische und St\u00fchle zu lernen, da\u00df es besser sei, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu k\u00fcmmern. Er wurde ins Krankenhaus <\/em>[&#8230;] <em>eingeliefert in einem mehr als alarmierenden Zustand. Nicht f\u00fcr uns, versteht sich&#8220;<\/em>. ((17)) In der gleichen Ausgabe applaudiert Brassens dem j\u00fcngsten Einbruch in eine Pariser Kirche:<em> &#8222;Ganz der Ansicht, da\u00df Kelche aus Gold und massivem Silber ebenso wie Ketten aus Edelsteinen kaum zur Verehrung Jesu &#8211; Christi n\u00f6tig seien, der ja, wie jedermann wei\u00df, die Armut pries, hat es Unbekannten gefallen, die T\u00fcren der Basilique du Bon-Secours aufzumei\u00dfeln und die genannten Preziosen zu entwenden&#8220;<\/em>. ((18)) Brassens, der sp\u00e4ter immerhin ein Gedicht des Lyrikers Louis Aragon, <em>&#8222;Il n&#8217;y a pas d&#8217;amour heureux&#8220;<\/em> [&#8222;Es gibt keine gl\u00fcckliche Liebe&#8220;], vertonen sollte, war 1946 auch auf seine Kollegen aus den Reihen des<em> <\/em>PCF sowie auf deren Zentralorgan, die Massenzeitung <em>L&#8217;Humanit\u00e9,<\/em> nicht gut zu sprechen. Am 4. Oktober wagte <em>&#8222;Gilles Colin&#8220;<\/em> einen Ausblick auf den bevorstehenden Herbst:<em> &#8222;Die stalinistischen Poeten werden den Musen auf die Nerven fallen, die ihnen doch nichts getan haben. Eluard, Aragon und Konsorten werden den guten Papa Stalin um Erlaubnis bitten, das Fallen der Bl\u00e4tter zu besingen&#8230; Stalin, in seiner unermesslichen Gro\u00dfmut, wird &#8218;ja&#8216; sagen, und wir haben die grausigen Konsequenzen zu tragen. Uns bleibt wirklich nichts erspart!&#8220;<\/em>. ((19)) Am 27. Oktober wendet sich <em>&#8222;G.C.&#8220;<\/em> sogar pers\u00f6nlich an seine kommunistische Leserschaft:<em> &#8222;Die Stalinisten sind \u00fcberaus geistvolle Wesen. Und menschenfreundlich weit \u00fcber dem Durchschnittsma\u00df, was keineswegs ein Nachteil ist. Dank ihrer erh\u00e4lt eine tr\u00fcbe und einf\u00e4ltige Zeitung, die sich Le Libertaire nennt, allw\u00f6chentlich ihre kleine Ration Esprit. Letzte Woche etwa sah sie einen ihrer eigenen Artikel zur\u00fcckkehren, auf dem ein auf den ersten Blick allt\u00e4glicher, aber bei n\u00e4herer Betrachtung ungeheuer tiefsinniger Satz geschrieben stand: &#8218;L&#8217;Humanit\u00e9 sagt euch: leckt uns am Arsch!&#8216;. Und mit roter Tinte, wenn ich bitten darf! Diese Woche hat das verderbte Journal den Vorzug genossen, sich als &#8218;hirnverbrannt&#8216; titulieren zu lassen. Allerdings mit blauer Tinte: \u00f6fter mal was Neues. Hoffen wir, da\u00df unsere gesch\u00e4tzten Briefpartner in der n\u00e4chsten Woche wei\u00dfe Tinte benutzen werden. Dann k\u00f6nnen wir uns eine h\u00fcbsche Trikolore basteln, die wir wirklich bitter n\u00f6tig haben&#8220;. <\/em>((20))<\/p>\n<h3>&#8222;Diese Arschl\u00f6cher! Die wissen gar nicht, was Anarchie ist.&#8220;<\/h3>\n<p>Es hat etwas von der Entdeckung eines lebenden Fossils, solch einen von keiner R\u00fccksichtnahme gehemmten Verbalradikalismus in voller Armierung daherrasseln zu sehen. Immerhin: der r\u00fcde Kraftmeierton hat auch in der anarchistischen Presse Tradition &#8211; keine ruhmreiche vielleicht, aber er hat eine. Johann Most und Reet Marut stehen ihm Pate, und in schwungvoller Sprache ohne jeden <em>Benimm<\/em> auf Staat, Kirche und Autorit\u00e4ten einzuhacken &#8211; zumal gerade die Polizei noch heute in Frankreich mit Geduld und Hingabe allenthalben verabscheut wird &#8211; war schon f\u00fcr den mittelalterlichen Dichter Francois Villon ein stetes literarisches Vergn\u00fcgen. Brassens jedenfalls hat nie gro\u00dfe Anh\u00e4nglichkeit f\u00fcr seine journalistischen Produkte aus der Nachkriegszeit bekundet. Die f\u00fcnfziger Jahre waren f\u00fcr den aufstrebenden Chansonnier in erster Linie ein Experimentierfeld, auf dem er sich in verschiedenen literarischen Formen und Stilen \u00fcbte und vervollkommnete. Aber man t\u00e4usche sich nicht: in Brassens bereits erw\u00e4hntem Chanson <em>&#8222;H\u00e9catombe&#8220;<\/em> [&#8222;Blutbad&#8220;] verpr\u00fcgelt eine Schar draller Marktweiber ein paar unvorsichtige Dorfgendarmen, die sich unseligerweise in einen Streit um Zwiebeln eingemischt haben. Das wundersch\u00f6ne Lied <em>&#8222;La non-demande au mariage&#8220;<\/em> [&#8222;Der Nichtantrag auf Heirat&#8220;] war ganz gewi\u00df nichts, was in den Ohren kirchlicher Honoratioren als Wohlklang wirken konnte. Und mit <em>&#8222;Mourir pour des id\u00e9es&#8220;<\/em> [&#8222;Sterben f\u00fcr Ideen&#8220;] machte Brassens sich in den Reihen des m\u00e4rtyrerversessenen PCF mehr Feinde als mit allen Polemiken des <em>Libertaire<\/em> zusammengenommen&#8230;<\/p>\n<p>Fast bis zum Ende seines Lebens hielt Brassens Kontakt zur <em>F\u00e9d\u00e9ration Anarchiste<\/em> und seinen <em>&#8222;alten Freunden&#8220;<\/em> der Jahre 1946 und 1947. <em>&#8222;Brassens, ein freiheitlicher Geist, war ein Anarchist auf seine Art, das hei\u00dft ein Genie au\u00dferhalb aller Dogmen. Wir Anarchisten haben zu sehr die Tendenz, diese geistvollen Menschen, die sich uns manchmal n\u00e4hern <\/em>[&#8230;] <em>so zu betrachten, als ob es sich um militante Gruppen handelt, die die soziale Revolution vorbereiten&#8220;<\/em>. ((219) Aber auch die anarchistische Bewegung Frankreichs ver\u00e4nderte sich: <em>&#8222;Sp\u00e4ter trennten sich unmerklich unsere Wege, das Klima unserer Feste verschlechterte sich, Schreih\u00e4lse eroberten unsere S\u00e4\u00e4le, angefeuert von einer Gruppe von Idioten, die wir zu unrecht unter uns tolerierten<\/em> [&#8230;] <em>All diese Kleingeister von damals, die von Spie\u00dfb\u00fcrgern zu Dreckskerlen geworden waren, hatten &#8218;gesiegt'&#8220;<\/em>. ((22)) Maxime LeForestier, damals ein unbekannter S\u00e4nger mit einer handvoll Songs zur Gitarre, erinnert sich an die letzten Auftritte Brassens im Bobino: <em>&#8222;Das waren die siebziger Jahre. Wie ein Pawlowscher Effekt kam der Applaus jeden Abend mit gleicher St\u00e4rke an derselben Stelle, bei dem Wort &#8218;Anarchie&#8216; <\/em>[&#8230;] <em>Jeden Abend trank er ein Glas Wasser nach &#8218;H\u00e9catombe&#8216; <\/em>[&#8230;] <em>und jeden Abend sagte er zu Nicolas<\/em> [Pierre Nicolas, Brassens Bassist seit \u00fcber 30 Jahren, Anm. JS]<em>:&#8216; Diese Arschl\u00f6cher! Die wissen gar nicht, was Anarchie ist&#8216;. Und dann machte er weiter&#8220;<\/em>. ((23))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir schreiben das Jahr 1946 nach Christus &#8211; oder das Jahr Zwei der Befreiung der franz\u00f6sischen Hauptstadt von deutscher Besatzung und Nazi-Terror. Jean-Paul Sartre, Albert Camus, &#8222;Combat&#8220; und Django Reinhart haben Konjunktur. An Vichy mag niemand recht erinnert sein. Laval und Henriot sind Tod, P\u00e9tain sitzt im Gef\u00e4ngnis, in den Kellern des Viertels Saint Germain-des-Pr\u00e8s &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/09\/georges-brassens-anarchiste\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Georges Brassens. Anarchiste.\" - graswurzelrevolution","description":"Wir schreiben das Jahr 1946 nach Christus - oder das Jahr Zwei der Befreiung der franz\u00f6sischen Hauptstadt von deutscher Besatzung und Nazi-Terror. 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