{"id":4911,"date":"2002-10-01T00:00:06","date_gmt":"2002-09-30T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4911"},"modified":"2022-07-26T14:16:45","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:45","slug":"libertare-und-linksradikale-gegen-hitler-mussolini-und-franco","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/libertare-und-linksradikale-gegen-hitler-mussolini-und-franco\/","title":{"rendered":"Libert\u00e4re und Linksradikale gegen Hitler, Mussolini und Franco"},"content":{"rendered":"<p>Selten kann aus Sicht der anarchistischen Bewegung gesagt werden, dass die Wissenschaft, hier vor allem die Geschichtswissenschaft, einmal etwas f\u00fcr sie Sinnvolles leistet. Zu oft \u00fcbersehen, bewusst und unbewusst, gerade HistorikerInnen Rinnsale und Str\u00f6me anarchistischer Theorie und Praxis. In diesem Fall geht es jedoch um eine jener Ausnahmen, wo historische Forschung dazu dienen kann, entstandene L\u00fccken der bisherigen Geschichtsdarstellung zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Man\/frau k\u00f6nnte meinen, gerade im deutschsprachigen Raum sei die Zeit des Nationalsozialismus und auch des europ\u00e4ischen Widerstands dagegen inzwischen umfassend erforscht. Dass das f\u00fcr die anarchistische Bewegung nicht gilt, macht das vorliegende Buch deutlich und es kann insofern auch nur als Auftakt einer noch weiter zu leistenden Geschichte des anarchistischen Widerstands gegen Hitler in Europa gelesen werden.<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge des Buches sind ebenso spannend wie erkenntnisreich und geben einen guten \u00dcberblick \u00fcber den anarchistischen Widerstand in mehreren L\u00e4ndern Europas. Aus meiner Sicht ist kein schwacher Aufsatz dabei, und deshalb sollen sie hier alle Erw\u00e4hnung finden: Hartmut R\u00fcbner untersucht in &#8222;Der Weg ins Dritte Reich&#8220; zun\u00e4chst die Faschismusanalysen der anarchistischen Presse in der Weimarer Republik und konstatiert, dass vor allem Rudolf Rocker und Gerhard Wartenberg sehr fr\u00fch auf die nationalsozialistische Gefahr aufmerksam machten. Die Analyse der AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen bewegten sich zwischen origin\u00e4ren, eigenst\u00e4ndigen Ans\u00e4tzen, in denen als Ursache f\u00fcr die spezifisch deutsche Auspr\u00e4gung des Faschismus auf den preu\u00dfischen Militarismus, die &#8222;antidemokratischen Traditionen eines autorit\u00e4r eingestellten B\u00fcrgertums&#8220; (S. 23) verwiesen wurde; und der \u00dcbernahme marxistischer Muster eines Primats der \u00d6konomie, nach denen ein von der Proletarisierung bedrohter Mittelstand die Massenbasis des Nationalsozialismus stelle. Andreas G. Graf beschreibt in &#8222;Selbstbehauptung und Widerstand deutscher Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten&#8220; die praktischen Aktionen in der Nazi-Zeit, den \u00dcbergang der anarchosyndikalistischen FAUD (Freie Arbeiter-Union Deutschlands) zu illegalen Strukturen nach 1933, die Verlegung des Sitzes und der Materialien von deren Gesch\u00e4ftskommission in Berlin \u00fcber Erfurt nach Leipzig, die Entstehung informeller regionaler Kontaktstrukturen in Mittel-, West- und S\u00fcdwestdeutschland, ihre Publikationsversuche, die Wellen der nationalsozialistischen Repression bis zur Zerschlagung der Strukturen 1938, die Emigration der AktivistInnen mit Hilfe des seit 1933 in Amsterdam bestehenden FAUD-B\u00fcros, die Aktivit\u00e4ten der DAS (Deutsche Anarchosyndikalisten im Ausland) in Paris und dann in der spanischen Revolution nach 1936.<\/p>\n<p>Ein Artikel in englischer Sprache von David Berry gibt Auskunft \u00fcber &#8222;The French Anarchist Movement, 1939-1945&#8220; und dar\u00fcber, dass die franz\u00f6sischen AnarchistInnen &#8211; wie manchmal kolportiert &#8211; keineswegs alle den Krieg passiv in franz\u00f6sischen Gef\u00e4ngnissen verbrachten. Die franz\u00f6sische anarchistische Bewegung hatte ihren H\u00f6hepunkt vor dem Krieg in der ersten Zeit der spanischen Revolution 1936, als die libert\u00e4re Solidarit\u00e4tsorganisation SIA (Solidarit\u00e9 internationale antifasciste) 40.000 Mitglieder hatte. Dieser Elan war bis zum Krisenjahr 1938 verbraucht: die Volksfront war zerschlagen, ein Generalstreiksversuch scheiterte im November 1938. Die Bewegung war bis 1942 zersplittert und ohne Konzept, trotzdem gab es vielf\u00e4ltigen Widerstand in unterschiedlichen Bereichen: Kriegsdienstverweigerung mit der Konsequenz Gef\u00e4ngnis, Beteiligung einzelner Libert\u00e4rer an bewaffneten R\u00e9sistance-Gruppen, humanit\u00e4re Flucht- und Gefangenenhilfe f\u00fcr GenossInnen oder die Kinder spanischer Revolution\u00e4rInnen (z.B. durch die gewaltlose Anarchistin May Picqueray), Verweigerung der Zwangsarbeit f\u00fcr die Nazis (STO). Aber es gab auch obskure Formen der Kollaboration wie etwa von Louis Lor\u00e9al, der f\u00fcr die pro-nazi-Zeitungen &#8222;Germinal&#8220; und &#8222;La Gerbe&#8220; fr\u00fchere GenossInnen aus der pazifistischen und anarchosyndikalistischen Bewegung dazu aufrief, zur nationalen Bewegung \u00fcberzulaufen. Von 1943-45 gelang im Untergrund durch mehrere Treffen in W\u00e4ldern ein Neuanfang der Bewegung, f\u00fcr Paris und den Norden war dabei Henri Bouy\u00e9, f\u00fcr den S\u00fcden und Marseille\/Toulouse Jean Ren\u00e9 Sauli\u00e8re die initiierende Person.<\/p>\n<p>Ebenfalls in englischer Sprache beschreibt Ronald Creagh in &#8222;Red Years, Black Years&#8220; den Kampf der italienischen AnarchistInnen gegen den Faschismus, der bis zu den &#8222;roten Jahren&#8220; 1919-21 zur\u00fcck f\u00fchrt, zur R\u00fcckkehr Malatestas 1919, zum Generalstreik der Eisenbahner 1920 und zu den Arbeiterr\u00e4ten und Betriebsbesetzungen vom Herbst 1920 (Luigi Fabbri). AnarchistInnen bildeten fr\u00fch bewaffnete Gruppen (Arditi del Popolo) im Kampf mit den Faschisten, konnten sie \u00f6rtlich in Sarzana 1921, Parma und Carrara 1922 auch mitunter milit\u00e4risch zur\u00fcck schlagen, aber letztlich den Marsch auf Rom und die Machtergreifung Mussolinis nicht verhindern. Mussolini unterdr\u00fcckte in den n\u00e4chsten vier Jahren die anarchistische Bewegung, u.a. durch blutige Massaker wie im Dezember 1922 in Turin. Es begann die Zeit des Exils, der internationalen Kampagne italienischer AnarchistInnen f\u00fcr die in den USA zum Tode verurteilten Anarchisten Sacco &amp; Vanzetti bis hin zur Beteiligung italienischer AnarchistInnen an der spanischen Revolution (Camillo Berneri). In Italien gab es in der anarchistischen Hochburg Carrara seit 1942 bewaffnete anarchistische Widerstandsgruppen, dann in mehreren St\u00e4dten infolge der alliierten Eroberung seit Juli 1943 von Sizilien her. Weil das neue Badoglio-Regime schon in Sizilien Mafia-Leute als B\u00fcrgermeister einsetzte und die AnarchistInnen (u.a. Paolo Schicchi) das scharf kritisierten, wurden sie sofort verfolgt und eine Amnestie Badoglios f\u00fcr Gefangene in faschistischen Kn\u00e4sten nahm explizit die AnarchistInnen darin aus.<\/p>\n<p>Der Aufsatz von Dieter Nelles zum &#8222;Widerstand der Internationalen Transportarbeiter-F\u00f6deration (ITF) gegen Nationalsozialismus und Faschismus in Deutschland und Spanien&#8220; ist eine Kurzzusammenfassung seines Buches (siehe Besprechung in: GWR 262\/Libert\u00e4re Buchseiten, Oktober 2001) zum gleichen Thema.<\/p>\n<p>Das koordinierende Sekretariat der ITF in Amsterdam unter ma\u00dfgeblichem Einflu\u00df des mit den Libert\u00e4ren sympathisierenden Generalsekret\u00e4rs Udo Fimmen vertrat im Gegensatz zu vielen Mitgliedsorganisationen eine ebenso radikale wie unabh\u00e4ngige Politik, w\u00e4hrend die der ITF angeschlossenen Eisenbahner-Gruppen eher aus linkssozialdemokratischen Kreisen (u.a. Internationaler Sozialistischer Kampfbund, Sozialistische Arbeiterpartei), die Binnenschiffer und Seeleute eher aus kommunistischen Traditionen kamen. Deren ideologische Bindung weichte jedoch im Verlauf des Widerstands auf und erm\u00f6glichte \u00fcber ein Vertrauensleutesystem den Aufbau der wohl effektivsten Widerstandsstr\u00f6mung im nationalsozialistischen Deutschland: 1935 hatte die ITF Verbindung zu ca. 100 illegalen Gruppen in Deutschland. Es wurden Flugbl\u00e4tter, Zeitungen, illegale Literatur verteilt, bis die Repression 1938\/39 zuschlug. Am Widerstand der internationalen See- und Binnenschiffer war Hermann Kn\u00fcfken f\u00fchrend beteiligt, einer der revolution\u00e4ren Kieler Matrosen der Meuterei vom Oktober 1918. Besonders in Antwerpen entstand eine den illegalen Widerstand pr\u00e4gende Gruppe. Ohne formale Mitgliedskartei, \u00fcber Vertrauensleute in H\u00e4fen und Bordvertrauensleute, die zumeist selbst Seeleute waren, konnten Spitzel effektiv ausgeschaltet werden. Noch 1939 hatte allein die Antwerpener Gruppe noch 300 Vertrauensleute auf deutschen See- und Binnenschiffen. Es sollten sowohl illegale Waffentransporte der Deutschen f\u00fcr den Franco-Faschismus beobachtet und, wenn m\u00f6glich, verhindert werden, als auch Aktionen bis hin zur Sabotage ausgef\u00fchrt werden. W\u00e4hrend letzteres eher den Eisenbahnern gelang (1940 entgleisten drei Z\u00fcge in Deutschland, weitere Z\u00fcge wurden von Aktivisten durch Auswechseln der Leitzettel an G\u00fcterz\u00fcgen fehlgeleitet; S. 146), waren die Seeleute bei der Aufdeckung deutscher Waffentransporte nach Spanien erfolgreich: dass die Nazis durch das Bekannt werden ihrer Waffentransporte international Schwierigkeiten bekamen, weil sie sich offiziell zur Neutralit\u00e4t verpflichtet hatten, ist nahezu vollst\u00e4ndig der ITF zu verdanken, die zu diesem Zweck auch mit westlichen Geheimdiensten zusammen arbeitete. Gegen Ende des Krieges halfen ITF-Aktivisten, deutschen Seeleuten von ihren Schiffen zu entlaufen (S. 152).<\/p>\n<p>Gerd-Rainer Horn beschreibt in &#8222;Mentalit\u00e4t und Revolution&#8220; die Lebensbedingungen ausl\u00e4ndischer Revolution\u00e4rInnen in der katalanischen Revolution anhand der Privatbriefe der US-amerikanischen AktivistInnen der POUM (Vereinigte Marxistische Arbeiterpartei, unabh\u00e4ngig, ging B\u00fcndnisse mit den AnarchistInnen ein), Lois und Charles Orr. Sehr interessant sind ihre Beobachtungen und subjektiven Erfahrungen, die von der ersten Begeisterung in Barcelona \u00fcber das t\u00e4gliche Essen bis hin zu Wohnungsverh\u00e4ltnissen reichen. Horn kritisiert anschaulich, dass die politischen Intellektuellenzirkel der internationalen Revolution\u00e4rInnen eine spannende, aber auch abgeschlossene Welt bildeten, bei denen Interesse an und Kontaktaufnahme mit der \u00f6rtlichen katalanischen Bev\u00f6lkerung oft keine Rolle spielte. Sehr erhellend ist auch der Aufsatz von Reiner Tosstorff \u00fcber den &#8222;spanischen Anarchismus nach 1939 in der franz\u00f6sischen R\u00e9sistance und im innerspanischen Widerstand&#8220;, \u00fcber die Situation nach der Niederlage, die Rekonstruktion der spanisch-anarchistischen Bewegung 1939 in Frankreich und des illegalen Kampfes in Spanien (Valencia, Esteb\u00e0n Pallarols). Es geht um den Guerillakrieg in Spanien in den vierziger und f\u00fcnfziger Jahren, der unter immer schwierigeren Bedingungen gef\u00fchrt wurde, die Gewerkschaften immer mehr von der Guerilla abh\u00e4ngig machte, und zudem die Polizei bei ihrer Repression gegen die Guerilla auf die Spur der Gewerkschaftsorganisation brachte. Es geht um die Spaltung der CNT (anarchosyndikalistische Gewerkschaft Spaniens) im franz\u00f6sischen Exil auf einer Reihe von Konferenzen nach der Befreiung 1945 in Paris, wo eine b\u00fcndnispolitisch (mit Exilregierung und anderen Parteien zusammen arbeitende) Minderheit (Prieto, Leiva) einer Mehrheit gegen\u00fcber stand (Federica Montseny), die zur\u00fcck zum &#8222;reinen&#8220;, traditionellen spanischen Anarchismus wollte. Weder die anarchistische Guerilla in Spanien, die zerschlagen wurde, noch die gespaltene CNT im Exil hatte dann Einfluss auf die entstehende Streikbewegung der linkskatholischen &#8222;Arbeiterkommissionen&#8220; in den sechziger Jahren, die tats\u00e4chlich das Ende Francos einl\u00e4uteten.<\/p>\n<p>Am Ende des Buches stehen jede f\u00fcr sich sehr lesenswerte biographische Aufst\u00e4tze \u00fcber einzelne libert\u00e4re und linkskommunistische deutsche Widerstandsk\u00e4mpfer: Hartmut R\u00fcbner schreibt \u00fcber den Delmenhorster Wilhelm Schroers (dieser Aufsatz erschien bereits in GWR Nr. 215); sehr interessant der um mentalit\u00e4tsgeschichtliche Aspekte erweiterte Aufsatz von T\u00e2nia \u00dcnl\u00fcdag \u00fcber die Wuppertaler Br\u00fcder Benner, ihren Antidogmatismus und ihren &#8222;anarchistischen Charakter&#8220;; kurios der Lebensweg von &#8222;Jan Appel, einem deutschen R\u00e4tekommunist im niederl\u00e4ndischen Exil 1926-1948&#8220;, beschrieben von Hubert van den Berg; ebenso die Biographie von Karl Pl\u00e4ttner, einem Linkskommunisten und Aktivisten des mitteldeutschen Aufstands von 1921, und seinem Leidensweg \u00fcber mehrere Todesm\u00e4rsche und Nazi-KZs, die Knut Bergbauer verfasst hat. Erg\u00e4nzend beschreibt G\u00fcnter Wernicke in &#8222;Operation Vorgang (OV) &#8218;Abschaum'&#8220; die \u00dcberwachung der deutschen Trotzkisten durch die DDR-Stasi in den 50er Jahren als letzten Beitrag des Buches.<\/p>\n<p>Nur auf den ersten Blick geh\u00f6rt das nicht zum Thema, denn schon in den anderen Aufs\u00e4tzen wird deutlich, dass sich die AnarchistInnen und R\u00e4tekommunistInnen in ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus immer wieder politisch, und manchmal sogar physisch, den auf sie gezielten Taktiken und Repressalien der stalinistischen Linken ausgesetzt sahen. Wenn die Beitr\u00e4ge in der Gesamtschau \u00fcberblickt werden, sch\u00e4lt sich heraus, dass dabei tendenziell in Spanien, Frankreich oder auch bei den internationalen AnarchistInnen in der spanischen Revolution aufgrund der Erfahrung mit der stalinistischen Verfolgung hinter der Front die Aversion der AnarchistInnen gegen die KommunistInnen gr\u00f6\u00dfer war als etwa in Deutschland, wo 1933 die anarchistische Bewegung bereits nur noch wenige Tausend Mitglieder hatte, streikunf\u00e4hig war und also auf Aufrufe zur Einheit der Arbeiterparteien, B\u00fcndnisse oder die informelle Zusammenarbeit einzelner mit dem kommunistischen Widerstand angewiesen war. Es wird deutlich, dass in Westeuropa und Italien in den drei\u00dfiger und vierziger Jahren tats\u00e4chlich ein eigenst\u00e4ndiger anarchistischer Widerstand gegen Hitler, Mussolini &amp; Franco m\u00f6glich war, w\u00e4hrend in Deutschland selber die anarchistische Bewegung im Grunde kurz nach ihrem gr\u00f6\u00dften Sieg, dem erfolgreichen Generalstreik gegen den Kapp-Putsch 1920, mit der ungl\u00fcckseligen &#8222;Roten-Ruhr-Armee&#8220; und ihrer Niederlage noch im selben Jahr weitgehend zerschlagen war. Darauf noch mal genauer einzugehen, habe ich in den Beitr\u00e4gen vermisst &#8211; vielleicht der einzige Kritikpunkt an diesem \u00fcberaus guten, wichtigen Buch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selten kann aus Sicht der anarchistischen Bewegung gesagt werden, dass die Wissenschaft, hier vor allem die Geschichtswissenschaft, einmal etwas f\u00fcr sie Sinnvolles leistet. 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