{"id":4915,"date":"2002-10-01T00:00:00","date_gmt":"2002-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4915"},"modified":"2022-07-26T14:16:45","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:45","slug":"libertare-nach-der-befreiung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/libertare-nach-der-befreiung\/","title":{"rendered":"Libert\u00e4re nach der Befreiung"},"content":{"rendered":"<p>Ein Buch \u00fcber die deutschen AnarchistInnen der Nachkriegszeit, dem ersichtlich eine jahrelange Forschungsarbeit des Autors vorausging. Zitiert wird aus vielen Briefen und Gespr\u00e4chen, die Hans J\u00fcrgen Degen mit den Aktiven von damals gef\u00fchrt hat. Und es hat sich gelohnt: das Buch gibt einen in dieser F\u00fclle von Material wohl bisher einzigartigen \u00dcberblick \u00fcber die Situation deutscher AnarchistInnen nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die sechziger Jahre hinein, obwohl sich Degen auf die zahlenm\u00e4\u00dfig bedeutsamste Organisation konzentriert: die &#8222;F\u00f6deration Freiheitlicher Sozialisten&#8220; (FFS). Das Buch ist eine Fortf\u00fchrung und gleichzeitige Differenzierung der alten Arbeit von G. Bartsch und viele alte GenossInnen, so sie noch leben, werden sich freuen, dass ihre Aktivit\u00e4ten mit diesem Buch dem Vergessen entrissen wurden und zumindest dem engeren interessierten libert\u00e4ren Publikum wieder vor Augen gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hans J\u00fcrgen Degen berichtet von der desolaten Stimmungslage in der Bev\u00f6lkerung direkt nach der Befreiung, wo nur \u00dcberwindung des Hungers und Wiederaufbau z\u00e4hlten. In dieser Situation fanden sich die wenigen alten anarchosyndikalistischen AktivistInnen der 20er Jahre, die wieder aktiv werden wollten, zusammen und gr\u00fcndeten 1947 die FFS, 30 Delegierte aus 15 Orten. Organisatorischer H\u00f6hepunkt war 1949\/50, als die FFS rund 150 Mitglieder in etwa 30 Orten hatte. Meist gab es Ortsgruppen (&#8222;Ortsf\u00f6derationen&#8220;), aber auch Einzelmitglieder. Ab da stagnierte die FFS und erlebte in den f\u00fcnfziger Jahren einen schleichenden Niedergang, den nur einzelne Gruppen \u00fcberlebten.<\/p>\n<p>Es war angesichts der geringen Zahl der Aktiven und der schlechten Stimmungslage in der Bev\u00f6lkerung undenkbar, einfach an die revolution\u00e4r-anarchosyndikalistische Gewerkschaft der 20er Jahre, die &#8222;Freie Arbeiter-Union&#8220; anzukn\u00fcpfen. Die FFS sah sich mehr als &#8222;Ideen&#8220;- denn als Kampf- oder Massenorganisation. Es ging darum, freiheitlich-sozialistische Ideen zu verbreiten und damit den autorit\u00e4ren Charakter der Deutschen zu \u00e4ndern. Die FFS orientierte dabei praktisch auf neue Strategien, mit denen sie den Gegebenheiten der Zeit entsprechen wollte: solange eine libert\u00e4re Gewerkschaft nicht m\u00f6glich war, sollten AnarchistInnen in der Einheitsgewerkschaft DGB mitarbeiten und gegen Funktion\u00e4rstum und Zentralismus wirken; insbesondere in den Genossenschaften wurde ein neues Bet\u00e4tigungsfeld f\u00fcr AnarchistInnen gesehen; weil 1945-49 praktisch neben den Besatzungsbeh\u00f6rden kein deutscher Staat bestand und aller Aufbau von den Gemeinden ausging, sollte aktiv in der Gemeinde mitgearbeitet werden bis hin zur Beteiligung an Kommunalwahlen (aber nicht mit eigenen Listen; daf\u00fcr fasste die FFS den Beschluss, dass f\u00fcr eine bestimmte Zeit Doppelmitgliedschaften in anderen Organisationen und Parteien m\u00f6glich sein k\u00f6nnen); und allgemein sollte schlie\u00dflich die Idee des F\u00f6deralismus verbreitet und allen zentralistischen Tendenzen entgegen gesetzt werden.<\/p>\n<p>Degen berichtet von den Diskussionen, die um diese Strategien gef\u00fchrt wurden. Inner- und au\u00dferhalb der FFS wurden sie oft als &#8222;reformistisch&#8220; kritisiert, obwohl die ProtagonistInnen sich weiter als Revolution\u00e4re verstanden und in ihrem Kurs von den gro\u00dfen libert\u00e4ren Mentoren, die im Exil geblieben waren, Rudolf Rocker in New York und Helmut R\u00fcdiger in Stockholm, ausdr\u00fccklich unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n<p>In einem sehr interessanten Kapitel \u00fcber die freiheitlichen SozialistInnen in der SBZ\/DDR zeigt Degen, dass es mehrere Verhaltensweisen von Libert\u00e4ren gab: den Versuch, sich offen zu organisieren (der Kreis um Willi Jelinek, der in Bautzen und mit dem Hungertod endete), den Versuch, kommunistischen Organisationen beizutreten und Libert\u00e4res einzubringen (Rudolf Michaelis &#8211; mit sehr widerspr\u00fcchlichen Ergebnissen, er musste ein Pamphlet gegen den Anarchismus schreiben), oder gar den Versuch Vereinzelter, sich ganz mit der DDR zu identifizieren. Dagegen war der Westberliner Ortsverband mit Fritz Linow nahezu antikommunistisch ausgerichtet, wobei bis in die f\u00fcnfziger Jahre hinein Genossen aus Ostberlin zu den Treffen kamen und ihr Leid klagten. Linow war gar bereit, gegen den sowjetischen Expansionismus im Notfall die westliche Milit\u00e4rmacht anzurufen, was dem prinzipiellen Antimilitarismus vieler GenossInnen in der FFS widersprach.<\/p>\n<p>Es ist Degens Verdienst, die m\u00fchsame allt\u00e4gliche Korrespondenz- und Kontaktarbeit einzelner Personen in der FFS heraus gestellt zu haben, ohne die der Zusammenhang schon viel fr\u00fcher abgebrochen w\u00e4re, besonders hervor zu heben etwa dabei die koordinierende Rolle von Gretel Leinau. Die FFS bekam von den Alliierten keine Lizensierung &#8211; sie sahen wohl keinen Grund, AnarchistInnen zu legalisieren -, was eine offene Werbung unm\u00f6glich machte. Erst 1949-1953 gelang es, eine Zeitschrift heraus zu geben: &#8222;Die Freie Gesellschaft&#8220;, eine qualitativ hochstehende Monatsschrift, redigiert von Linow. In der Folgezeit verschlangen jedoch der Vertrieb dieser Zeitschrift, sowie der gleichnamige Buchverlag, der wichtige B\u00fccher wie Augustin Souchys &#8222;Nacht \u00fcber Spanien&#8220; und einige Brosch\u00fcren zur aktuellen Situation herausgab; sowie Rudolf Rockers Mammutwerk &#8222;Nationalismus und Kultur&#8220; vertrieb, und die &#8222;Gilde freiheitlicher B\u00fccherfreunde&#8220; zu viele Energien der wenigen Aktiven; sodass Mitte der f\u00fcnfziger Jahre die MacherInnen ausgebrannt waren und keine Jugendlichen aktiv wurden, um die Projekte fortzusetzen. Hinzu kam, dass die neue Strategie offensichtlich gescheitert war: die DGB-Bonzen sa\u00dfen fest im Sattel, die Kommunalparlamente waren schon wieder verkn\u00f6chert und hatten gleichzeitig nichts zu sagen, und im Wirtschaftswunder der 50er Jahre interessierte sich niemand f\u00fcr libert\u00e4re Alternativen. Degen erw\u00e4hnt auch die anderen libert\u00e4ren Organisationen und ihre Stellung zur FFS kurz: die Internationale Bakunin-Gruppe; die Kulturf\u00f6deration Freier Sozialisten und die M\u00fchlheimer Gruppe um Willy Huppertz und seine Zeitschrift &#8222;Befreiung&#8220;. Inwieweit seine Einsch\u00e4tzung, die Kritik dieser Gruppen an der FFS sei platt und r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt gewesen, zutrifft, vermag ich nicht zu beurteilen. Wie dem auch sei: ein ganz wichtiges Buch libert\u00e4rer Forschung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Buch \u00fcber die deutschen AnarchistInnen der Nachkriegszeit, dem ersichtlich eine jahrelange Forschungsarbeit des Autors vorausging. Zitiert wird aus vielen Briefen und Gespr\u00e4chen, die Hans J\u00fcrgen Degen mit den Aktiven von damals gef\u00fchrt hat. Und es hat sich gelohnt: das Buch gibt einen in dieser F\u00fclle von Material wohl bisher einzigartigen \u00dcberblick \u00fcber die Situation &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/libertare-nach-der-befreiung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Libert\u00e4re nach der Befreiung - graswurzelrevolution","description":"Ein Buch \u00fcber die deutschen AnarchistInnen der Nachkriegszeit, dem ersichtlich eine jahrelange Forschungsarbeit des Autors vorausging. Zitiert wird aus vielen B"},"footnotes":""},"categories":[318,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-4915","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-272-oktober-2002","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4915","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4915"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4915\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4915"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4915"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4915"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}