{"id":4917,"date":"2002-10-01T00:00:33","date_gmt":"2002-09-30T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4917"},"modified":"2022-07-26T14:15:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:15","slug":"perspektiven-des-altherrenanarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/perspektiven-des-altherrenanarchismus\/","title":{"rendered":"Perspektiven des Altherrenanarchismus?"},"content":{"rendered":"<p>Umfragen z.B. w\u00e4hrend der Libert\u00e4ren Tage in Frankfurt\/M. 1993 oder auch bei anderen anarchistischen Kongressen haben gezeigt, dass die, die sich als Libert\u00e4re oder AnarchistInnen sehen, durchschnittlich Anfang\/Mitte 20 sind ((1)).<\/p>\n<p>Viele AktivistInnen verlassen die anarchistische Szene nach Beendigung des Studiums, nach der Geburt eigener Kinder, nach frustrierenden Erfahrungen, aufgrund der Unf\u00e4higkeit des in erster Linie aktionsorientierten Gegenwartsanarchismus ihnen eine l\u00e4ngerfristige Lebensperspektive in basisdemokratisch organisierten Projekten zu bieten, &#8230;<\/p>\n<p>Als Bewegungsspiegel fungieren nicht zuletzt die Medien der anarchistischen Szenen. Abgesehen von Ausnahmen, wie z.B. der seit 1977 erscheinenden anarchosyndikalistischen <em>direkten aktion<\/em>, der seit 1980 vom Trotzdemverlag herausgegebenen &#8222;Vierteljahresschrift f\u00fcr Lust und Freiheit&#8220; <em>Schwarzer Faden<\/em>, der seit 1972 erscheinenden &#8222;Monatszeitung f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft&#8220; <em>graswurzelrevolution<\/em> und der seit 1980 erscheinenden Edition Nautilus-Zeitschrift <em>Die Aktion<\/em>, sind die meisten anarchistischen Periodika kurzlebig, regional begrenzt und oft intern. ((2))<\/p>\n<p>Trotzdem ist der Anarchismus nach wie vor eine lebendige Bewegung. Das zeigte sich z.B. auch w\u00e4hrend des &#8222;30 Jahre Graswurzelrevolution&#8220;-Kongresses im Juni 2002 (siehe: www.graswurzel.net). Von 17-j\u00e4hrigen Sch\u00fclerInnen bis zu 74-j\u00e4hrigen VerlegerInnen: generations\u00fcbergreifend feierten AnarchistInnen den Geburtstag ihrer langlebigsten Bewegungszeitung. Ein Hauch &#8222;gelebte Utopie&#8220; wehte durch die Veranstaltungsr\u00e4ume und es wurde sichtbar, dass der Anarchismus keineswegs auf dem Misthaufen der Geschichte liegt.<\/p>\n<p>Um so erstaunter bin ich, wenn ich lese, was Hans J\u00fcrgen Degen in dem von ihm mitherausgegebenen Buch &#8222;Die richtige Idee f\u00fcr eine falsche Welt? Perspektiven der Anarchie?&#8220; konstatiert:<\/p>\n<p>&#8222;Der Anarchismus als gesellschaftspolitische Perspektive ist bei uns an seinem Ende angekommen. Viel hat er von seinem libert\u00e4ren Gehalt verloren. Auch ist er Spielwiese von &#8218;Gescheiterten&#8216; geworden. Anarchismus ist fast nur noch ein historisches Relikt. Er ist nicht mehr Lebensentwurf und -haltung, nicht mehr selbstst\u00e4ndiges konzeptionelles Denken und Verwirklichen.&#8220; (S. 121)<\/p>\n<p>Degen behauptet, die &#8222;&#8218;anarchistische Bewegung&#8216; ist nur noch ein Mythos&#8220;.<\/p>\n<p>Das ist zwar Unsinn (s.o.), aber aus der Perspektive eines verdienten ((3)) Altanarchisten als pers\u00f6nliche Einsch\u00e4tzung vielleicht verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Der Gegenwartsanarchismus ist keine Massenbewegung, aber &#8222;an seinem Ende angekommen&#8220; ist er noch lange nicht. Totgesagte leben bekanntlich l\u00e4nger.<\/p>\n<p>Der vielversprechende Buchtitel &#8222;Die richtige Idee f\u00fcr eine falsche Welt? Perspektiven der Anarchie&#8220; f\u00fchrt in die Irre. Die Schreibenden repr\u00e4sentieren keinen Querschnitt der bunten und \u00fcberwiegend jungen libert\u00e4ren Bewegung. Nicht eine einzige Autorin (!), aber 17 Autoren im Alter von 37 bis 76 Jahren skizzieren ihre Sicht auf die Perspektiven und \u00f6fter noch auf die vermeintliche Perspektivlosigkeit des Anarchismus. \u00dcberrepr\u00e4sentiert sind Autoren aus der im Vergleich zum kollektivistischen Anarchismus marginalen Szene der Individualanarchisten. Und da findet sich dann auch einiges an \u00c4rgernissen, etwa, wenn Klaus Schmitt &#8211; trotz der scharfen Kritik an seinem Buch \u00fcber den vermeintlichen &#8222;Marx der Anarchisten&#8220; ((4)) &#8211; immer noch Silvio Gesell ohne einen Hauch von Kritik abfeiert, oder wenn Bernd A. Laska den Psychoanalytiker Wilhelm Reich posthum zum Anarchisten verkl\u00e4rt und Werner Portmann \u00fcber den &#8222;rechten Anarchismus&#8220; phantasiert und in diesem Zusammenhang den Republikaner und US-Senator Buchanan als &#8222;Anarchisten&#8220; bezeichnet,&#8230; Das und einiges mehr ist haarstr\u00e4ubend. Wer die Bereitschaft hat sich auch \u00fcber Texte zu \u00e4rgern und keine gro\u00dfartigen Anregungen f\u00fcr m\u00f6gliche libert\u00e4re Perspektiven erwartet, sollte sich dieses schnell lesbare Buch dennoch zu Gem\u00fcte f\u00fchren. Die lesenswerten Beitr\u00e4ge von verdienten Autoren wie z.B. J\u00fcrgen M\u00fcmken, Lou Marin, Uli Klemm und Ralf G. Landmesser sorgen daf\u00fcr, dass die &#8222;Perspektiven der Anarchie&#8220; am Ende nicht ganz so traurig erscheinen, wie es Degens d\u00fcsteres Schlusswort vermuten l\u00e4sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Umfragen z.B. w\u00e4hrend der Libert\u00e4ren Tage in Frankfurt\/M. 1993 oder auch bei anderen anarchistischen Kongressen haben gezeigt, dass die, die sich als Libert\u00e4re oder AnarchistInnen sehen, durchschnittlich Anfang\/Mitte 20 sind ((1)). 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