{"id":4919,"date":"2002-10-01T00:00:47","date_gmt":"2002-09-30T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4919"},"modified":"2022-07-26T12:59:06","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:06","slug":"geschlechtergesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/geschlechtergesellschaft\/","title":{"rendered":"&#8222;GeschlechterGesellschaft&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Bisher gab es feministische Geschlechterforschung und eine allgemeine soziologische Gesellschaftstheorie. Dem ehrgeizigen Ziel, dieses Nebeneinander zu beenden und beide aufeinander zu beziehen, haben sich nun zw\u00f6lf namhafte Soziologinnen gewidmet. In <em>Soziale Verortung der Geschlechter<\/em> tun sie dies auf zweierlei Arten: W\u00e4hrend die einen das Potenzial f\u00fcr Gesellschaftskritik unter verschiedenen Schwerpunkten filtern (wie z.B. Modernisierung und Globalisierung), nehmen die anderen sich die einflussreichen Gro\u00dftheorien (von Marx, Arendt, Adorno, Elias, Foucault, Luhmann und Bourdieu) im Hinblick auf ihre Erkl\u00e4rungskraft f\u00fcr Geschlecht vor.<\/p>\n<p>Zentrales Anliegen des Bandes ist es, die deutsche Frauen- und Geschlechterforschung endlich aus ihrem Bindestrich-Dasein in der Soziologie zu befreien und sozusagen von einer Au\u00dfenseiter- zu einer Mainstream-Soziologie zu machen. Denn Geschlecht als &#8222;zentrales Differenzierungs-, Strukturierungs-, Stratifikations- und Herrschaftsprinzip&#8220; k\u00f6nne in einer Gesellschaftstheorie nicht l\u00e4nger unber\u00fccksichtigt bleiben oder als ein bereits veralteter feministischer Anspruch gelten. Seit der Infragestellung des feministischen Subjektes &#8222;die Frau&#8220; durch die US-amerikanische Philosophin Judith Butler zu Beginn der 1990er Jahre ist ein solcher Anspruch selten formuliert worden. Mit der Diskussion um poststrukturalistische Ans\u00e4tze und dekonstruktivistische Theorie, aber auch durch die Ber\u00fccksichtigung linguistischer und philosophischer Standpunkte vollf\u00fchrt die Geschlechterforschung seitdem einen permanenten Spagat: Zwischen normativ-politischer Kritik und selbstkritischer Reflexivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Dass das &#8211; im Sinne einer vital gebliebenen feministischen Kritik &#8211; auch gut so ist, kann z.B. <em>Gudrun-Axeli Knapp<\/em> zeigen. Sie vertritt die These, dass in der postfeministischen Pluralisisierung &#8222;kein Abschied vom Geschlecht&#8220; stattf\u00e4nde, sondern vielmehr eine Verschiebung und neue Problematisierung beobachtbar sei. Nach einer \u00fcberf\u00e4lligen begrifflichen und inhaltsanalytischen Kl\u00e4rung diskutiert sie drei grundlegende Linien der aktuellen Debatte der Geschlechterforschung: die Individualisierungsdiskussion, die poststrukturalistisch dekonstruktivistischen Ans\u00e4tze und die &#8222;Achsen der Differenz&#8220;. <em>Brigitte Aulenbacher<\/em> greift die Frage auf, ob sich Modernisierungstheorie und feministische Theorie notwendigerweise ausschlie\u00dfen? Die Mehrdimensionalit\u00e4t von Geschlechterverh\u00e4ltnissen ist auch zentrales Thema in <em>Helga Kr\u00fcgers<\/em> Auseinandersetzung mit dem Institutionenansatz, sowie f\u00fcr <em>Maria Mies<\/em>. Eher im Jargon des klassischen Feminismus thematisiert Mies den von ihr in den 1970er Jahren mit entwickelten Subsistenzansatz in Verbindung mit dem alten Thema &#8222;Hausfrauenarbeit&#8220; und dem aktuellen Ph\u00e4nomen &#8222;Globalisierung&#8220;. Dabei beleuchtet sie v.a. den Zusammenhang der Ausbeutung von Hausarbeit, \u00f6konomischen Kolonien (Asien, Afrika, S\u00fcdamerika) und Naturressourcen in den Industriel\u00e4ndern. Die Perspektive liegt f\u00fcr Mies in einer nicht-wachstumsorientierten, nicht-kolonialen, nicht-patriarchalen, nicht-ausbeuterischen Wirtschaft und Gesellschaft und ihrem Prinzip der Subsistenz, d.h. einer Wiedererlangung der Kontrolle \u00fcber Land, W\u00e4lder, Ressourcen, Wasser, Arbeitskraft, Kultur und Wissen.<\/p>\n<p>Nach diesen auf Sozialstruktur, Modernisierung und globale Ausbeutung fokussierten Texten, erweisen sich ebenfalls die Auseinandersetzungen mit den jeweiligen BezugsautorInnen als spannend. Zwar f\u00e4llt <em>Ulrike Teubners <\/em>Untersuchung der sozialen Ungleichbehandlung der Geschlechter im Rahmen der Systemtheorie Niklas Luhmanns skeptisch aus, da dieser bereits die Unterschiede zwischen Frauen und M\u00e4nnern als ungeeignet f\u00fcr eine wissenschaftliche Reflexion deklariert.<\/p>\n<p>Ergiebiger hingegen ist <em>Regina Becker-Schmidts<\/em> Auseinandersetzung mit Adorno. Sie streicht den bei Adorno zentralen Zusammenhang von Erkenntnis- und Gesellschaftstheorie heraus. Ihr geht es bei der Frage nach sozialer Ungleichheit darum, die Verschr\u00e4nkung der Prozesse der Desintegration zu erkl\u00e4ren. Denn diese Prozesse dr\u00fcckten sich in Form mangelnder kultureller Anerkennung und in sozial ungerechter Umverteilung aus. Der Rekurs auf Historie einerseits und gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse andererseits erm\u00f6gliche es, &#8222;Anerkennung&#8220; und &#8222;Umverteilung&#8220; in sozialen Benachteiligungen zu gewichten. Um soziale Ungleichheit zu analysieren, braucht es also eine historische und r\u00e4umliche Verortung sowie einen Gesellschaftsbegriff. Die Wichtigkeit der historischen Perspektive heben &#8211; neben dem Entsprechungsverh\u00e4ltnis von Individuum und Gesellschaft &#8211; auch <em>Gabriele Klein<\/em> und <em>Katharina Liebsch<\/em> anhand der Arbeiten von Norbert Elias hervor. Machtver\u00e4nderungen in der Gesellschaft h\u00e4tten, so Elias, Auswirkungen auf das Verhalten und die Affekte der Menschen und somit auf die Machtbalance der Geschlechter. Mit dem Problem der Macht besch\u00e4ftigt sich auch <em>Hannelore Bublitz<\/em>, und zwar in Anlehnung an Michel Foucault. In ihrer historischen Rekonstruktion macht sie deutlich, wie verschiedene gesellschaftliche Regulierungsprozesse verbunden werden und zugleich &#8222;vermassende und individualisierende&#8220; Effekte besitzen. Mit Bezug auf Foucaults Machtbegriff und \u00fcber seine Beschreibung des Sexualit\u00e4tsdispositivs hinaus stellt sie die These eines Geschlechterdispositivs auf. Geschlecht wird demnach &#8222;als Effekt eines Geschlechtswissens&#8220; hervorgebracht.<\/p>\n<p>Dass sich die Mainstream-Soziologie der Machtthematik in Bezug auf Geschlecht bislang nur unzureichend gen\u00e4hert hat, und damit die genannte wissenschaftliche Selbstreflexion vermissen lie\u00df, zeigt auch <em>Beate Krais<\/em>\u00b4 Text zur Theorie Pierre Bourdieus. Die Hinweise auf die allt\u00e4gliche interaktive Herstellung (&#8222;doing gender&#8220;), so wie auf die machtvolle strukturelle und institutionelle Einlagerung von Geschlecht, wendet sich gegen die in der deutschen Soziologie immer noch verbreitete Vorstellung quasi-nat\u00fcrlicher Geschlechter<em>rollen<\/em>.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke des Buches liegt vor allem in der Vielfalt der nebeneinander gestellten Ans\u00e4tze. Dadurch allein ist es f\u00fcr EinsteigerInnen wie f\u00fcr Fortgeschrittene der gender-studies zu empfehlen. Eine Empfehlung, die durch die Rezeptionsgeschichte der jeweiligen TheoretikerIn zu Beginn jedes Beitrages nur bekr\u00e4ftigt werden kann. Allerdings bleibt die Vielfalt leider unkommentiert und auf eine abschlie\u00dfende, zusammenf\u00fchrende Positionierung sowie auf eine inhaltliche Erg\u00e4nzung bzw. Herausarbeitung der Widerspr\u00fcchlichkeit der einzelnen Zug\u00e4nge wird verzichtet. Letztere zeigen sich z.B. in Mies\u00b4 Betonung der Autonomie im Gegensatz zu Becker-Schmidts historischen Aufdeckung der Ideologie &#8222;Autonomie&#8220; als Produkt des aufgekl\u00e4rten B\u00fcrgertums.<\/p>\n<p>Offen bleibt auch, ob es sich im Rahmen einer soziologischen Gesellschaftstheorie nicht auch lohnen w\u00fcrde, \u00fcber den deutsch-europ\u00e4ischen oder nordamerikanischen Tellerrand hinauszublicken und z.B. <em>postcultural<\/em> \u00dcberlegungen sowie <em>queer-politics<\/em> in theoretische Betrachtungen mit ein zu beziehen? Auf diesem Weg h\u00e4tten \u00fcber die traditionell diskutierte Verbindung des soziologischen Themas &#8222;Arbeit und Geschlecht&#8220; auch famili\u00e4re Beziehungen, Sexualit\u00e4t, Alter, Kultur, K\u00f6rper noch st\u00e4rker in den Blick genommen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bisher gab es feministische Geschlechterforschung und eine allgemeine soziologische Gesellschaftstheorie. 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