{"id":4921,"date":"2002-10-01T00:00:32","date_gmt":"2002-09-30T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4921"},"modified":"2012-04-09T16:22:41","modified_gmt":"2012-04-09T14:22:41","slug":"das-foucaultsche-labyrinth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/das-foucaultsche-labyrinth\/","title":{"rendered":"Das Foucaultsche Labyrinth"},"content":{"rendered":"<p>Es macht sich immer ganz pr\u00e4chtig, einen Text \u00fcber einen wichtigen Denker mit einem Zitat desselben zu beginnen, das diesen direkt als geeignet f\u00fcr die eigene Sache ausweist. Das ist manchmal nicht so einfach, manchmal auch weil es nicht einfach ist sich zu entscheiden. So etwa bei Michel Foucault. Will man seine Beschreibungen von Kontrolle und Disziplin f\u00fcr eine Kritik verwandter Themen einsetzen oder sich nur eklektizistisch einzelner Fragmente bedienen, eignet sich der R\u00fcckgriff auf das Zitat mit der Werkzeugkiste, die seine B\u00fccher sein sollen, die es den Leuten erm\u00f6glichen sollen diesen oder jenen Satz, diese oder jene Idee oder Analyse als Schraubenzieher zu verwenden, um die Machtsysteme kurzzuschlie\u00dfen, zu demontieren oder zu sprengen. Auch sollen seine B\u00fccher sein wie Operationsmesser, Molotowcocktails oder unterirdische Stollen die G\u00e4nge durch die herrschenden Diskurse graben, sie aush\u00f6hlen und neuen Formen von Subjektivit\u00e4t erzeugen. Mit anderen Worten geht es darum, das Bestehende so nicht hinzunehmen, der Dummheit Schaden zu tun und Kritik zu formulieren. Und auch hier wieder lauter sch\u00f6ne S\u00e4tze. Auf die Frage, was Kritik nun eigentlich sei? Die Kunst nicht derma\u00dfen regiert zu werden. Oder, Kants Frage danach was Aufkl\u00e4rung sei im Nacken: Dann ist Kritik die Kunst der freiwilligen Unknechtschaft, der reflektierten Unf\u00fcgsamkeit&#8230; der Entunterwerfung. Das hier besprochene Buch ist ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr und strotzt vor lauter solchen Zitaten. Soviel dazu.<\/p>\n<p>Ein anderer Anfang. An Einf\u00fchrungen in das Denken des franz\u00f6sischen Poststrukturalisten, Philosophen und politischen Aktivisten, Michel Foucault mangelt es nicht gerade. Dabei stellt es sich oftmals als recht schwierig heraus, das Denken Foucaults systematisch in Form einer Einf\u00fchrung darzustellen und verst\u00e4ndlich zu machen. Ein neuer Versuch also? Dem vor zwei Jahren erschienen <em>Universum des Gilles Deleuze. Eine Einf\u00fchrung<\/em> (vgl. GWR 262\/Libert\u00e4re Buchseiten, Oktober 2001) folgte nun im Alibri Verlag eine Einf\u00fchrung in <em>das Foucaultsche Labyrinth.<\/em> In dieses verschachtelte Labyrinth werden f\u00fcnf thematische Eing\u00e4nge geboten, die Foucault in seinen zahlreichen Formen nutzen wollen. Keine systematische Darstellung mit Biographie und Werdegang sondern ein unsystematisches Schrauben und Bohren mit den foucaultschen Werkzeugen waren das Ziel der verschiedenen AutorInnen. So beginnt Velten Sch\u00e4fer den ersten Eingang <em>Politik und Macht<\/em> mit einer Diskussion der politischen Heimat Foucaults, zumal sich dieser von Habermas als einen Jungkonservativen bezeichnen lassen musste und sein positiver und vielf\u00e4ltiger Bezug auf Heidegger von vielen Linken nicht verziehen wurde.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des zweiten Eingangs steht die US-amerikanische Feministin Judith Butler, die Anfang der 90er Jahre mit dem <em>Unbehagen der Geschlechter<\/em> nicht nur f\u00fcr den Feminismus Zutritt zu Foucaults Labyrinth in Deutschland geschaffen hat. Sarah Dellmann kommt so \u00fcber Foucaults Diskurs- und Machtbegriffe zu Butlers Performativit\u00e4t und den M\u00f6glichkeiten der subversiven Verschiebung von Geschlechtervorstellungen.<\/p>\n<p>Eines der gr\u00f6\u00dften Verdienste dieses Buches ist es das Verh\u00e4ltnis von Foucault und Adorno neu zu beleuchten und dabei nicht auf Habermas hereinzufallen. Nicht nur in Daniel Loicks Artikel, der sich explizit mit deren Verh\u00e4ltnis befasst, sondern in Ans\u00e4tzen auch in mehreren Aufs\u00e4tzen, werden beide n\u00e4her zusammenger\u00fcckt, als dies bisweilen \u00fcblich ist. Die Differenz liegt schlie\u00dflich in der Frage nach dem Subjekt und darin, ob dieses nun aufkl\u00e4rerisch also potentiell autonom und essentiell begriffen wird oder ob man dies postmodern f\u00fcr falsch und eine L\u00fcge h\u00e4lt. <em><\/em><\/p>\n<p>Dass unter der recht gro\u00dfen Zahl an Aufs\u00e4tzen, die alle recht kurz und eing\u00e4ngig gehalten sind, auch eher m\u00e4\u00dfigere vertreten sind, bei denen man sich doch fragen kann ob Foucault so gelesen werden muss, sollte nicht weiter st\u00f6ren und den Gesamtwert des Buches nicht schm\u00e4lern. Vielleicht erkl\u00e4rt dies Buch nicht so genau, wie Foucaults Werkzeuge aussehen, daf\u00fcr zeigen sie aber was damit gemacht werden kann (Als direkte Bauanleitung etwa Siegfried J\u00e4gers <em>Kritische Diskursanalyse<\/em>) und lohnt auf jeden Fall.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es macht sich immer ganz pr\u00e4chtig, einen Text \u00fcber einen wichtigen Denker mit einem Zitat desselben zu beginnen, das diesen direkt als geeignet f\u00fcr die eigene Sache ausweist. Das ist manchmal nicht so einfach, manchmal auch weil es nicht einfach ist sich zu entscheiden. So etwa bei Michel Foucault. 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