{"id":4923,"date":"2002-10-01T00:00:10","date_gmt":"2002-09-30T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4923"},"modified":"2022-07-26T14:26:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:12","slug":"das-klima-des-aufbruchs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/das-klima-des-aufbruchs\/","title":{"rendered":"Das Klima des Aufbruchs"},"content":{"rendered":"<p>Mit Seattle und Genua ist eine Post-&#8222;Neue soziale Bewegung&#8220; in die massenmediale Betrachtung getreten. Besonders nach den gewaltt\u00e4tigen Ereignissen in Genua (vgl. dazu: GWR 261, September 2001) wurde ein Automatismus sichtbar: Die mediale Aufmerksamkeit die den &#8222;Globalisierungsgegnern&#8220; geschenkt wird, ist abh\u00e4ngig von der H\u00e4rte der Auseinandersetzung. Das vermittelte Bild wird keineswegs der widerspr\u00fcchlichen Vielf\u00e4ltigkeit dieser Bewegung(en) gerecht. So macht es Sinn sich in der Betrachtung von der Folie der massenmedialen Simplizit\u00e4t zu verabschieden.<\/p>\n<p>In Folge der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit ist eine recht umfangreiche und tiefergehende Publikationst\u00e4tigkeit, insbesondere von Sammelb\u00e4nden eingetreten. Einer von diesen ist &#8222;Globaler Widerstand&#8220;, herausgegeben von Heike Walk und Nele Boehme. Der in dem Buch dann doch umstrittene Untertitel lautet: &#8222;Internationale Netzwerke auf der Suche nach Alternativen im globalen Kapitalismus&#8220;. F\u00fcr Elmar Altvater (FU Berlin; &#8222;Grenzen der Globalisierung&#8220;) bedeutet dies, dass eine Alternative au\u00dferhalb des Kapitalismus nicht zur Debatte steht. Alle Aktivit\u00e4ten der Globalisierungskritiker und Globalisierungskritikerinnen laufen seiner Meinung nach auf ein &#8222;reformistisches Regelwerk&#8220; hinaus. Sie wollen &#8222;den kapitalistischen Kern der Globalisierung nicht erst knacken \u2026 bevor die Forderungen aufgebracht und in Protestdemonstrationen in die \u00d6ffentlichkeit getragen werden&#8220;.<\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung wird von Dieter Rucht (Bewegungsforscher aus Berlin) nicht geteilt. Er sieht die Frage, ob es um einen Widerstand im oder gegen den Kapitalismus geht, nicht gekl\u00e4rt. Vielmehr bezweifelt er das durch kleine Kurs\u00e4nderungen im neoliberalen Globalisierungsprozess den Forderungen der Kritiker und Kritikerinnen an diesem Prozess entsprochen werden kann. Des weiteren versucht Rucht \u00f6ffentlich erzeugte Mythen \u00fcber die globalisierungskritische Bewegung zu entschl\u00fcsseln.<\/p>\n<p>Entgegengesetzte Auffassungen funktionieren auch bei der globalisierungskritischen Bewegung nicht als Spaltungslinien. Besonders in ihrer Offenheit &#8211; die h\u00e4ufig bem\u00e4ngelt wird, da mit ihr eine vielschichtige Unbestimmtheit einhergeht &#8211; liegt ihre St\u00e4rke, ebenso in dem Interesse sich nicht nur mit globalen, neoliberalen Entwicklungen auseinander zu setzen, sondern auch mit sich selbst. Dies meint der Untertitel mit der &#8222;Suche nach Alternativen&#8220;. Dem kommt auch die Funktion eines Sammelbandes nach, da es nicht darum geht zu schreiben was die Globalisierungskritiker und Globalisierungskritikerinnen sind, sondern wohin sie aufbrechen m\u00f6chten und an welche Bewegungen der Vergangenheit sie ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen. Dabei klingen auch einige kritische Aspekte und Fragestellungen in der Auseinandersetzung mit der Globalisierungskritik an.<\/p>\n<p>Es wird keine geschlossene Theorie pr\u00e4sentiert, sondern auch gegens\u00e4tzliche Einsch\u00e4tzungen vertreten. Trotzdem bestehen die Texte nicht aus einer Diskussion unter Eingeweihten. Die Publikation bleibt offen f\u00fcr Leser\/innen, die sich nicht sehr intensiv mit dem globalen Protest auseinandergesetzt haben. Es ist ein gut gelungenem Br\u00fcckenschlag zwischen wissenschaftlichen Ma\u00dfst\u00e4ben und der Orientierung an allgemeiner Verst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>Damit einhergehend werden Ber\u00fchrungspunkte zwischen kritischer Wissenschaft und Aktiven der globalisierungskritischen Bewegung gefunden. Der &#8211; erst k\u00fcrzlich verstorbene &#8211; franz\u00f6sische Soziologe Pierre Bourdieu (siehe Nachruf in: GWR 267, M\u00e4rz 2002) beschreibt wie diese Kooperation aussehen kann und vertritt vehement die Auffassung, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen angesichts der drastischen gesellschaftlichen Auswirkungen neoliberaler Globalisierung nicht nur das Recht haben, sondern auch in der Pflicht stehen, sich aus ihrem &#8222;Elfenbeinturm&#8220; zu begeben. Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Durchdringung der Forschungsseinrichtungen von der neoliberalen Logik, wird dieser Aspekt zunehmend relevant.<\/p>\n<h3>R\u00e4dchen oder Sand im Getriebe?<\/h3>\n<p>Die Bedeutung und Rolle kapitalismuskritischer Kr\u00e4fte bleibt in &#8222;Globaler Widerstand&#8220; offen. Stattdessen taucht von Walk ein &#8211; nicht n\u00e4her erl\u00e4uterter &#8211; Zivilgesellschaftsbegriff auf. Steht er nun affirmativ im Raum, oder meint er mehr als b\u00fcrgerliche Partizipation? Und wie verh\u00e4lt sich dieser Begriff angesichts globaler und hiesiger ungleicher Ressourcenverteilung? Ein Teil der Antworten werden von Walk zusammen mit Achim Brunnengr\u00e4ber in &#8222;Die Globalisierungsw\u00e4chter&#8220; gegeben. Dieses Buch ist vor den \u00f6ffentlich beachteten weltweiten Protesten an der neoliberalen Globalisierung erschienen.<\/p>\n<p>Hier wird, neben einer ausf\u00fchrlichen Darstellung der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in der Auseinandersetzung um die Klimapolitik, ein \u00dcberblick \u00fcber den schwammig gewordenen Zivilgesellschaftsbegriff gegeben. Sie stellen fest, dass sie nicht a priori in eine bestimmte Richtung wirkt, sondern eher als Konfliktfeld zu betrachten ist, in dem konkrete Akteure wirken. Die NGOs mit ihren ambivalenten Funktionen zwischen Legitimationsbeschaffer und Opposition verdeutlichen dies. Walk und Brunnengr\u00e4ber sehen in den NGOs am Beispiel der Klimapolitik ein Demokratisierungspotenzial durch die Verst\u00e4rkung einer &#8222;Welt\u00f6ffentlichkeit&#8220;. Doch weder, so ihr Res\u00fcmee, reichen die Partizipationsm\u00f6glichkeiten aus, noch kann eine ernsthafte Kontrolle der &#8222;vermachteten internationalen Politikprozesse&#8220; beobachtet werden.<\/p>\n<p>Bei der internationalen Aushandlung der Klimapolitik wird deutlich, wie die zunehmende Komplexit\u00e4t in der Auseinandersetzung Fachwissen auf Seite der Protestierenden voraussetzt. Dies schr\u00e4nkt Emanzipationsm\u00f6glichkeiten ein, da eine Bewegung dieser Funktion nur bedingt gerecht werden kann. Die angestrebte gesellschaftliche Ver\u00e4nderung kann auf dieser Ebene nicht erzwungen werden, da mit der Einbeziehung Weniger selektive Schlie\u00dfungsprozesse einhergehen. Und hier kommt die allzu h\u00e4ufig verachtete Masse, ihre Kultur und die Medien mit ihr zu kommunizieren gegen\u00fcber den ungen\u00fcgend demokratisch legitimierten internationalen Entscheidungsgremien wieder ins Spiel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Seattle und Genua ist eine Post-&#8222;Neue soziale Bewegung&#8220; in die massenmediale Betrachtung getreten. Besonders nach den gewaltt\u00e4tigen Ereignissen in Genua (vgl. dazu: GWR 261, September 2001) wurde ein Automatismus sichtbar: Die mediale Aufmerksamkeit die den &#8222;Globalisierungsgegnern&#8220; geschenkt wird, ist abh\u00e4ngig von der H\u00e4rte der Auseinandersetzung. 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