{"id":4926,"date":"2002-10-01T00:00:56","date_gmt":"2002-09-30T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4926"},"modified":"2012-04-09T16:38:07","modified_gmt":"2012-04-09T14:38:07","slug":"menschen-in-gegenrichtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/menschen-in-gegenrichtung\/","title":{"rendered":"Menschen in Gegenrichtung"},"content":{"rendered":"<p>Es sind die Verschollenen, die Vergessenen, die nach Jahrzehnten des Exils versuchen, sich wieder in der deutschen \u00d6ffentlichkeit Geh\u00f6r zu verschaffen, die sich &#8211; auch geographisch &#8211; Deutschland wieder ann\u00e4hern: Karl Otten, der 1957 von London in schweizerische Locarno \u00fcbersiedelt oder Franz Jung, der nach einem Leben auf der Flucht, k\u00f6rperlich ersch\u00f6pft, 1960 aus Kalifornien nach Europa zur\u00fcckkehrt und seine letzten Lebensjahre ohne festen Wohnsitz zwischen Deutschland und Frankreich hin und her reisend verbringt.<\/p>\n<p>Wegen einer Expressionismus-Anthologie, die er gerade f\u00fcr einen deutschen Verlag zusammenstellt, nimmt Otten den Kontakt zu Jung, dem alten Mitstreiter aus expressionistischen Tagen, wieder auf. Es entspinnt sich eine Korrespondenz, die bis zu beider Todesjahr 1963 andauert.<\/p>\n<p>Weitere Einzelg\u00e4nger kommen ins Spiel, Freunde, Kollegen, Gleichgesinnte, die mittlerweile verstorben sind und f\u00fcr deren Verm\u00e4chtnis sich Jung und Otten einsetzen: Ernst Fuhrmann, Wilhelm Reich, Adrien Turel. Es ist die Zeit, Bilanz zu ziehen, \u00fcber eine Existenz, ein Jahrhundert, eine &#8222;Unzeitgenossenschaft&#8220;. Otten ermutigt Jung, seine Autobiographie zu schreiben, die 1961 unter dem Titel &#8222;Der Weg nach unten&#8220; erscheint und erh\u00e4lt selbst aus der Wiederbegegnung den Ansto\u00df f\u00fcr einen autobiographischen Roman (&#8222;Wurzeln&#8220;), der u.a. die gemeinsame Zeit in Erich M\u00fchsams Tat-Gruppe evoziert, in der sich beide eine radikale gesellschaftliche Ver\u00e4nderung auf Grundlage der sexualpolitischen Thesen des libert\u00e4ren Psychoanalytikers Otto Gross erhofften: &#8222;Auf eine soziologisch-revolution\u00e4re Formel gebracht &#8211; erst wenn alle Klassen und Schichten des Volkes hier, von der Maas bis an die Memel, Gewesene sein werden, ihnen das Dach \u00fcber dem Kopf und der Boden unter den F\u00fc\u00dfen schwankt, erst wenn alle zertreten und der b\u00fcrgerlich-proletarische Eigentumsbegriff in ihnen zerst\u00f6rt und durch das Nichts ersetzt ist, besteht Aussicht auf eine grundlegende \u00c4nderung, wie sie Othmar [=Otto Gross] erdacht und erarbeitet hat&#8220; (S. 173).<\/p>\n<p>Eine der Verbindungslinien, die das Buch durch das Jahrhundert spannt, f\u00fchrt zu eben jenem Otto Gross, der 1914 auf Betreiben seines Vaters entm\u00fcndigt und in der Irrenanstalt Troppau interniert wird, wo er vom Insassen zum Assistenzarzt aufsteigt (ja, das gab es seinerzeit!) und sich des an Verfolgungswahn leidenden Anton Wenzel Gro\u00df annimmt. Franz Jung, der die \u00d6ffentlichkeit mobilisiert, um die Freilassung von Gross zu erreichen, wird bei einem Besuch in Troppau auf jenen Anton Wenzel Gro\u00df aufmerksam, der f\u00fcr ihn in der Folge zu einer Art Identifikationsfigur avanciert, als h\u00e4tte er geahnt, da\u00df dieser Gehetzte, dieser Ruhelose ein St\u00fcck weit sein eigenes Schicksal vorwegnahm. Er schreibt mehrere Texte \u00fcber ihn, darunter die verst\u00f6rende Erz\u00e4hlung &#8222;Der Fall Gross&#8220;, halb Dokumentarbericht, halb Bekenntnis, die sich dann Jahrzehnte sp\u00e4ter Karl Otten als Beitrag f\u00fcr seine Espressionismus-Anthologie von ihm erbittet.<\/p>\n<p>Es ist ein fein komponiertes Lesebuch, voller solcher Querverweise und Korrespondenzen, das Fritz und Sieglinde Mierau da zusammengestellt haben. Ausgangspunkt und Leitfaden ist der Briefwechsel zwischen Jung und Otten, der die Stichworte liefert, die zu weiteren Texten f\u00fchren. So ist der &#8222;Almanach f\u00fcr Einzelg\u00e4nger&#8220; eine Einf\u00fchrung in das gedankliche Universum der beiden Hauptpersonen Jung\/Otten und entwirft zugleich ein zeitgeschichtliches Panorama aus ungew\u00f6hnlichem Blickwinkel.<\/p>\n<p>&#8222;\u00dcbungsst\u00fccke f\u00fcr fremden Blick&#8220; nennen die Herausgeber die versammelten Texte, und tats\u00e4chlich ist es allerhand Befremdliches, Verr\u00fccktes, mitunter Hellsichtiges, was sie zutage f\u00f6rdern. Etwa die &#8222;irgendwie&#8220; (ich kann es nicht besser beschreiben) beunruhigenden &#8222;Anekdoten&#8220; Franz Jungs \u00fcber menschliche Beziehungen, Adrien Turels Ansichten einer Termite \u00fcber die Menschenwelt, Wilhelm Reichs Ansprache an den &#8222;kleinen Mann&#8220;, den Konformisten des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Letzterer ist es auch, der vom &#8222;Recht auf Lebensgl\u00fcck im Diesseits&#8220; spricht und damit vielleicht ein gemeinsamer Ziel all dieser Gl\u00fcckssucher benennt, die sich dennoch nur zu bewu\u00dft sind, da\u00df ihnen angesichts der schier unersch\u00f6pflichen Bereitschaft des modernen Individuums zur Selbstversklavung allenfalls eine Position am Rande bleibt, als Einzelg\u00e4nger, Spielverderber, Aus-der-Reihe-T\u00e4nzer, Fu\u00dfg\u00e4nger in einem motorisierten Zeitalter, immer in &#8222;Gegenrichtung&#8220; unterwegs.<\/p>\n<p>Eine markante Figur fehlt allerdings in diesem Reigen der Unzeitgem\u00e4\u00dfen, die des Dadasophen Raoul Hausmann, der in das mierausche Beziehungsgeflecht bestens hineingepasst h\u00e4tte. Seit 1916 mit Franz Jung befreundet und ebenso stark wie dieser von der anarchistischen Psychoanalyse Otto Gross&#8216; beeinflusst, geistesverwandt mit Ernst Fuhrmann und Adrien Turel, mit denen er auch in Briefkontakt stand, 1931 einer der ersten Mitarbeiter der von Franz Jung neu herausgegebenen Zeitschrift &#8222;Gegner&#8220; (die 1919, u.a. von Karl Otten gegr\u00fcndet worden war), vermittelt er 1961 den Kontakt zwischen seinem alten Gef\u00e4hrten Jung und dem jungen deutschen Verleger Jes Petersen. Im &#8222;Almanach&#8220; berichtet Petersen \u00fcber seine Beziehung zu Jung und die Gefahren und Schwierigkeit, in der Bundesrepublik der fr\u00fchen 1960er Jahre ungew\u00f6hnliche Literatur zu verlegen , in dem Band &#8222;Strontium&#8220; ist nun der gesamte Briefwechsel zwischen ihm, Jung und Hausmann aus den Jahren 1960-65 dokumentiert, der als gute Erg\u00e4nzung zur mierauschen Anthologie gelesen werden kann.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich handelt es sich um ein mitunter tragikomisches Dokument einer letztlich gescheiterten Beziehung zwischen Personen, wie sie unterschiedlicher kaum h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. Hier der norddeutsche Gro\u00dfbauernsohn, der sich von der Landwirtschaft verabschiedet, um sich der avantgardistischen Literatur zu widmen, die sonst niemand verlegen will, dort die beiden Veteranen des kunstpolitischen Aufbruchs zur Zeit des 1. Weltkriegs, von den Nazis vertrieben, \u00fcber das dritte Reich hinaus vergessen bzw. ignoriert. Erst in den 60er Jahren, als sich das restaurative Klima der fr\u00fchen Nachkriegsjahre langsam \u00e4ndert, findet die produktive Unruhe, die sie immer noch verk\u00f6rpern, wieder Ankn\u00fcpfungspunkte in der jungen Generation. Einen, wenn auch ungl\u00fccklichen, Anfang stellt eben Jes Petersen dar, ein Enthusiast, aber auch ein Dilettant, der von allen praktischen Fragen des Verlegens keine Ahnung hat. Das m\u00fcssen auch Jung und Hausmann erkennen, die von der Unzuverl\u00e4ssigkeit Petersens entnervt, zunehmend gereizt und ver\u00e4rgert reagieren. Ungeduldig, weil im Bewusstsein, dass ihnen die Lebenszeit davonl\u00e4uft, \u00fcberh\u00e4ufen sie Petersen mit Ideen und Projekten, die diesem, ohne da\u00df er es sich eingestehen w\u00fcrde, bald hoffnungslos \u00fcber den Kopf wachsen. Am Ende steht die Ern\u00fcchterung. Noch wenige Monate vor seinem Tod sieht sich Jung zu einer sarkastischen Stellungnahme herausgefordert und auch Hausmann bricht nach weiteren fehlgeschlagenen Projekten schlie\u00dflich resigniert den Kontakt ab.<\/p>\n<p>\u00dcber die Dokumentation einer verkorksten Verleger-Autor-Beziehung hinaus enth\u00e4lt der Band interessante Portr\u00e4ts der Briefpartner. Da ist zum einen Raoul Hausmann, der in der Abgeschiedenheit der franz\u00f6sischen Provinz, wohin ihn die Flucht vor den Nazis einst verschlagen hatte, und obwohl l\u00e4ngst \u00fcber 70 Jahre alt, immer noch rastlos an seinem k\u00fcnstlerischen Werk arbeitet, ein naiver Egozentriker, der um nichts so sehr besorgt ist, wie darum, dass seine vermeintlich herausragende Rolle in der Entwicklung der modernen Kunst auch entsprechend gew\u00fcrdigt wird, der sich in kindische Priorit\u00e4tsstreitigkeiten mit seinen ehemaligen Dada-Kollegen verwickelt und die jungen K\u00fcnstler der Nachkriegszeit grunds\u00e4tzlich nur als Nachahmer eigener Erfindungen wahrzunehmen bereit ist.<\/p>\n<p>Ganz anders Franz Jung, der bis in seine letzten Lebenstage darum bem\u00fcht ist, das Werk seiner Freunde wie Ernst Fuhrmann oder Wilhelm Reich vor der v\u00f6lligen Vergessenheit zu bewahren, der bei aller k\u00f6rperlichen Hinf\u00e4lligkeit bis zum Ende ein scharfsinniger (und manchmal scharfz\u00fcngiger) Beobachter seiner Zeit bleibt. So verfolgt er etwa mit gro\u00dfer Aufmerksamkeit die Aktivit\u00e4ten und Publikationen der Situationistischen Internationale und die Auseinandersetzungen mit deren damaliger deutscher Sektion (der Gruppe &#8222;Spur&#8220;), wohlgemerkt zu einer Zeit, als diese noch, sofern sie \u00fcberhaupt wahrgenommen wurden, als wildgewordne K\u00fcnstler galten, und nicht als richtungsweisend f\u00fcr die kommenden Entwicklungen, die Jung leider nicht mehr miterlebte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind die Verschollenen, die Vergessenen, die nach Jahrzehnten des Exils versuchen, sich wieder in der deutschen \u00d6ffentlichkeit Geh\u00f6r zu verschaffen, die sich &#8211; auch geographisch &#8211; Deutschland wieder ann\u00e4hern: Karl Otten, der 1957 von London in schweizerische Locarno \u00fcbersiedelt oder Franz Jung, der nach einem Leben auf der Flucht, k\u00f6rperlich ersch\u00f6pft, 1960 aus Kalifornien &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/menschen-in-gegenrichtung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Menschen in Gegenrichtung - graswurzelrevolution","description":"Es sind die Verschollenen, die Vergessenen, die nach Jahrzehnten des Exils versuchen, sich wieder in der deutschen \u00d6ffentlichkeit Geh\u00f6r zu verschaffen, die sich"},"footnotes":""},"categories":[318,44],"tags":[],"class_list":["post-4926","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-272-oktober-2002","category-bucher"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4926","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4926"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4926\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4926"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4926"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4926"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}