{"id":4928,"date":"2002-10-01T00:00:25","date_gmt":"2002-09-30T22:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4928"},"modified":"2012-04-09T16:41:01","modified_gmt":"2012-04-09T14:41:01","slug":"fritz-mierau-mein-russisches-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/fritz-mierau-mein-russisches-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Fritz Mierau: Mein russisches Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p>Bereits zu DDR-Zeiten war Fritz Mierau als Slawist und Literaturwissenschaftler international bekannt, hatte sich insbesondere als Spezialist f\u00fcr die literarische Avantgarde der fr\u00fchen Sowjetunion einen Namen gemacht, sich als \u00dcbersetzer, Herausgeber, Interpret f\u00fcr die w\u00e4hrend der Stalin-\u00c4ra erschossenen Dichter wie Isaak Babel, Ossip Mandelstam, Sergej Tretjakow usw. eingesetzt. Sich mit solchen &#8222;Unpersonen&#8220; zu besch\u00e4ftigen, war, zumal in einem so hochgradig politisierten Bereich wie dem der &#8222;Sowjetliteratur&#8220;, alles andere als risikolos &#8211; konnte in den 50er Jahren, trotz einsetzendem &#8222;Tauwetter&#8220;, gradewegs ins Zuchthaus f\u00fchren und war auch in den 60er und 70er Jahren noch ein Wagnis, jedenfalls nicht geeignet, eine akademische Karriere zu begr\u00fcnden. Also blieb Mierau in der DDR (und bis heute) ein Gelehrter &#8222;ohne Lehrstuhl und Doktorhut&#8220; (und ohne Parteibuch), ein unbequemer Au\u00dfenseiter des kulturellen Lebens oder einfach ein &#8222;exzentrischer Sonderling&#8220;, wie er selbst sein Image bei Kollegen und Funktion\u00e4ren beschrieb, kein Dissident, kein Regimegegner, eher so etwas wie teilnehmender Beobachter am Experiment DDR.<\/p>\n<p>Mieraus Autobiographie &#8222;Mein russisches Jahrhundert&#8220; ist vergleichsweise unspektakul\u00e4r: keine Enth\u00fcllungen, Anklagen, Abrechnungen, sondern ein intellektueller Rechenschaftsbericht, der einem anderen Rhythmus folgt, als dem der Zeitgeschichte. Die &#8222;weltgeschichtlichen Konstellationen&#8220; bleiben weitgehend unber\u00fccksichtigt, werden manchmal geradezu provozierend vernachl\u00e4ssigt. Das Ende der DDR etwa findet in dem Buch kaum statt, wird beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt, um es in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang einzubetten. Eher interessiert die &#8222;Musik des Alltags&#8220;, jener Sinn f\u00fcr &#8222;h\u00e4usliches Dasein&#8220;, der ihn an der russischen Literatur ebenso fasziniert wie im Umgang mit den Russen selbst. Aber es ist eine prek\u00e4re, fl\u00fcchtige eine &#8222;ungewisse H\u00e4uslichkeit&#8220;, den Umst\u00e4nden abgetrotzt, gepr\u00e4gt durch Exil und Lagerhaft, dem Leben und \u00dcberleben in Diktaturen.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferlich findet sich in Mieraus Buch alles wieder, was man gemeinhin von einer Autobiographie erwartet &#8211; Kindheits- und Jugenderinnerungen, Reiseeindr\u00fccke, Portr\u00e4ts von mehr oder minder bekannten Zeitgenossen &#8211; , doch auf eine Weise zusammengesetzt, die sich dem herk\u00f6mmlichen &#8222;Biographismus&#8220; nicht recht f\u00fcgen will. Die Chronologie ist eher summarisch, der Zusammenhang bleibt br\u00fcchig, Bericht und Essay vermischen sich und hinterlassen einen bisweilen diffusen Eindruck. Es scheint, als k\u00f6nne Mieraus Eintreten f\u00fcr eine Literatur, die sich den g\u00e4ngigen Realismuskonzeptionen widersetzt, nicht ohne Einflu\u00df auf die Vergegenw\u00e4rtigung der eigenen Lebensgeschichte bleiben. Vielleicht spielt auch jene &#8222;tiefe Skepsis gegen sich als den Urheber seines Lebens&#8220; eine Rolle, die Mierau Franz Jung attestiert. Und es kommt sicherlich nicht von ungef\u00e4hr, da\u00df er sich neben der modernen russischen Literatur vornehmlich mit diesem gro\u00dfen Einzelg\u00e4nger und Au\u00dfenseiter befa\u00dft hat, diesem Ge\u00e4chteten, von Freunden und Gegnern gleicherma\u00dfen Mi\u00dfverstandenen, Zeitdiagnostiker und Vision\u00e4r, dem er nachr\u00fchmt, immun gewesen zu sein &#8222;gegen die beiden gro\u00dfen Versuchungen des Jahrhunderts, gegen die Versuchung, in dem heraufziehenden Kollektivismus die Befreiung des Menschen zu feiern, wie gegen die Versuchung, in diesem Kollektivismus die Fesselung des Menschen anzuklagen&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits zu DDR-Zeiten war Fritz Mierau als Slawist und Literaturwissenschaftler international bekannt, hatte sich insbesondere als Spezialist f\u00fcr die literarische Avantgarde der fr\u00fchen Sowjetunion einen Namen gemacht, sich als \u00dcbersetzer, Herausgeber, Interpret f\u00fcr die w\u00e4hrend der Stalin-\u00c4ra erschossenen Dichter wie Isaak Babel, Ossip Mandelstam, Sergej Tretjakow usw. eingesetzt. 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