{"id":4932,"date":"2002-10-01T00:00:51","date_gmt":"2002-09-30T22:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4932"},"modified":"2012-04-09T16:43:48","modified_gmt":"2012-04-09T14:43:48","slug":"der-domraub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/der-domraub\/","title":{"rendered":"Der Domraub"},"content":{"rendered":"<p>Im modernen Sprachgebrauch ist der Schelm eine eher gutm\u00fctige Figur, der Witzbold, der anderen harmlose Streiche spielt. In einer \u00e4lteren Bedeutungsschicht hingegen ist der Schelm der durchtriebene Halunke, der gewitzte Gauner, kurzum, ein Schurke und Tunichtgut.<\/p>\n<p>Etwas von beidem steckt in Vladimir Heiter, dem Helden und Ich-Erz\u00e4hler von Peter Paul Zahls neuem Schelmenroman &#8222;Der Domraub&#8220;. Er ist der Genie\u00dfer und Sinnenmensch, der jenseits kapitalistischer Lohnarbeit ein ausk\u00f6mmliches Leben als Kunsthehler f\u00fchrt, von der Polizei weitgehend unbehelligt, von einem Ausrutscher abgesehen, der ihm eine Gef\u00e4ngnisstrafe in der Schweiz eintr\u00e4gt. Vor allem aber ist Vladimir Heiter der selbstbewu\u00dfte Lumpenproletarier in der Robin-Hood-Tradition der Sozialrevolte, Seelenverwandter und Berufskollege der Ganovenfamilie Hemmers aus PPZs erstem Schelmenroman &#8222;Die Gl\u00fccklichen&#8220;, ein libert\u00e4rer Gauner, der jede Autorit\u00e4t (staatlicher, \u00f6konomischer, kirchlicher Art) ablehnt und f\u00fcr den Diebstahl Einkommensquelle und praktizierte Herrschaftskritik in einem ist: &#8222;Wo immer es Oben und Unten gibt, Herrscher und Beherrschte, Reiche und Habenichtse, ist die &#8222;Expropriation der Expropriateure&#8220; eine ehrenhafte Sache&#8220; (S. 41).<\/p>\n<p>In der Tradition des Schelmen, der ein Gebeutelter, ein underdog ist, beruht auch Vladimirs Mi\u00dftrauen gegen jede Form von Macht auf recht handfester, durchaus nicht immer heiterer (wenn auch ironisch-launig erz\u00e4hlter) Lebenserfahrung. Aufgewachsen unter dem Eindruck der Wehrmachtsbomben auf Belgrad, zum Partisanenkampf zu jung, schl\u00e4gt er sich als Schwarzmarkth\u00e4ndler, Frauenliebling, verkrachter Kunststudent und Kleinganove durch die Nachkriegsjahre und lernt die Schattenseiten der titoistischen Variante des Realsozialismus kennen: B\u00fcrokratismus, Korruption, Selbstherrlichkeit der zur neuen herrschenden Klasse aufgestiegenen Ex-Partisanen. Sein Versuch, durch Diebstahl und Verteilung von Lebensmittelkarten in Jugoslawien &#8222;den Kommunismus einzuf\u00fchren&#8220;, endet mit einem Todesurteil und der Begnadigung zur KZ-Insel Goli Otok, die er, wenn auch traumatisiert, \u00fcberlebt. Schlie\u00dflich landet er als politischer Fl\u00fcchtling in der Bundesrepublik. Damit endet die Vorgeschichte.<\/p>\n<p>Mitte der 70er Jahre und mittlerweile in K\u00f6ln ans\u00e4ssig, erf\u00e4hrt Vladimir vom &#8222;gro\u00dfen Coup&#8220; einiger seiner Berufskollegen &#8211; aus dem Radio: Der K\u00f6lner Domschatz ist geraubt worden. Er ahnt noch nicht, da\u00df er selbst bald im Mittelpunkt der daraus resultierenden Verwicklungen stehen wird. Denn zum einem wird er von den Domr\u00e4ubern kontaktiert, die einen Experten suchen, der die theoretisch zwar millionenschwere, praktisch aber unverk\u00e4ufliche Beute zu Geld machen kann, andererseits ist auch die Gegenseite &#8211; Staatsanwaltschaft, eine &#8222;SoKo Domraub&#8220; sowie der dubiose Versicherungsagent Ratzki (der im wahren Leben den Namen eines anderen Nagetiers tr\u00e4gt) &#8211; \u00fcber seine &#8222;F\u00e4higkeiten&#8220; auf dem laufenden und versucht, ihn als Vermittler zur Wiederbeschaffung des Kunstschatzes zu gewinnen.<\/p>\n<p>Unversehens steht er im Mittelpunkt eines Spiels, bei dem jeder jeden zu betr\u00fcgen versucht. Die Schweiz, Jugoslawien, Italien sind die Schaupl\u00e4tze eines turbulenten Geschehens, das mitunter Z\u00fcge eines Agententrillers annimmt. Vladimir genie\u00dft es sichtlich, seine staatlichen Gegenspieler an der Nase herumzuf\u00fchren, doch am Ende ist er selbst der Betrogene. Ratzki hat, um ein altes Sprichwort zu bem\u00fchen, auf einen Schelm anderthalben gesetzt, und ihn aus der Position des Vermittlers in die des Hauptschuldigen man\u00f6vriert.<\/p>\n<p>Im furiosen Finale wird nach Schelmenmanier die Redensart, der Proze\u00df sei eine Farce gewesen, w\u00f6rtlich genommen. Es ist ein abgekartetes Spiel, das als Karnevalsgroteske inszeniert wird, mit B\u00fcttenreden in gereimten Knittelversen, in der f\u00fcr den Schelmen Vladimir nur noch die Rolle des Narren vorgesehen ist.<\/p>\n<p>In solchen Formen satirischen Erz\u00e4hlens, mit Parodien, Kalauern, st\u00e4ndigen Stilwechseln, liegt zweifellos die St\u00e4rke von PP Zahl, und das historische Genre des Schelmenromans gibt ihm den n\u00f6tigen Freiraum, sie zu entfalten. Anders als im Vorl\u00e4uferroman &#8222;Die Gl\u00fccklichen&#8220; verzichtet Zahl im &#8222;Domraub&#8220; auf eine komplexe Struktur mit Montageelementen und mehreren Erz\u00e4hlstr\u00e4ngen. Die Geschichte ist gradliniger, konsequent an einem historischen Kriminalfall entlangerz\u00e4hlt, wof\u00fcr Zahl die Proze\u00dfakten eines Mitgefangenen aus dem Werler Knast benutzen konnte, f\u00fcr den er seinerzeit ein Wiederaufnahmeverfahren betrieb und der f\u00fcr seinen Romanhelden Pate stand.<\/p>\n<p>Insgesamt ist der Roman allerdings nicht durchweg gelungen. In seiner Polemik gegen den Sicherheits- und Polizeiapparat und das Gef\u00e4ngnissystem der Bundesrepublik ficht Zahl die K\u00e4mpfe der 70er Jahre noch einmal aus, was heute reichlich anachronistisch wirkt. Schlimmer ist jedoch sein Hang zum Predigen, bzw. dazu, seinen Helden bei jeder Gelegenheit in langen Tiraden seine Sicht der Welt darlegen zu lassen. So richtig und berechtigt vieles daran sein mag, gerade aus libert\u00e4rer Sicht, ist es sicherlich f\u00fcr die meisten Leser auf Dauer erm\u00fcdend, st\u00e4ndig belehrt, mit Ein- und Ansichten bombardiert zu werden, zumal auch etliche Plattit\u00fcden darunter sind. Etwa da\u00df die Kirche sinnenfeindlich ist und auch sonst so einiges auf dem Kerbholz hat, ist keine so bahnbrechende Erkenntnis, da\u00df sie gleich mehrfach wiederholt werden m\u00fc\u00dfte. Auch kompositorisch kommt das dem Roman nicht zugute, sondern macht ihn stellenweise schwafelig und langatmig.<\/p>\n<p>Doch bei aller Kritik an Zahl &#8211; die man noch erweitern k\u00f6nnte: sein letzter Roman &#8222;Der Untergang Deutschlands&#8220; ist ziemlich mi\u00dfraten und auch seine Jamaika-Krimis sind allenfalls durchwachsen &#8211; es bleibt festzuhalten: er ist nach wie vor der einzige libert\u00e4re Autor (vom schweizer PM vielleicht einmal abgesehen), der (verdienterma\u00dfen!) einen gewissen Bekanntheitsgrad in der literarischen \u00d6ffentlichkeit besitzt und diesen auch dazu nutzt, eine libert\u00e4re Sicht der Welt zu verbreiten. Das sollte auf jeden Fall anerkannt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im modernen Sprachgebrauch ist der Schelm eine eher gutm\u00fctige Figur, der Witzbold, der anderen harmlose Streiche spielt. 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