{"id":4934,"date":"2002-10-01T00:00:00","date_gmt":"2002-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4934"},"modified":"2022-07-26T14:16:45","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:45","slug":"irische-thekengeschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/irische-thekengeschichten\/","title":{"rendered":"Irische Thekengeschichten"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wenn ein Mann mitten im Wald steht, und es ist weit und breit keine Frau, die ihn h\u00f6ren k\u00f6nnte, hat er dann trotzdem unrecht?&#8220; Solche Fragen stellt sich der irische Schriftsteller Sean in seinen Kurzgeschichten &#8222;Last Orders&#8220;. Nicht, dass er sie dann auch beantworten w\u00fcrde. Er stellt sie nebenbei und vergisst sie schnell wieder. Und nun stellt er sie nie wieder. McGuffin ist im April diesen Jahres zwei Tage vor seinem sechzigsten Geburtstag im irischen Derry verstorben (siehe Nachruf in: Graswurzelrevolution 270, Sommer 2002).<\/p>\n<p>McGuffins Erz\u00e4hlungen sind wie die eines alten S\u00e4ufers mit einem Gesicht zerkl\u00fcftet wie die irische K\u00fcste, in dessen Adern mehr Whiskey und Poit\u00edn, ein irischer schwarzgebrannter Schnaps, als Blut flie\u00dfen. Die Handlung setzt sich aus wahren Begebenheiten und faustdicken L\u00fcgen zusammen. Erg\u00e4nzt wird sie durch Erinnerungen, die entweder wahr sind, oder durch das viele Erz\u00e4hlen so gut wie wahr geworden sind.<\/p>\n<p>McGuffin wurde 1942 in Belfast geboren, war Ire durch und durch und bezeichnete sich selbst als Republikaner, Anarchisten, intellektuellen Rowdy und Schriftsteller. Der Vollb\u00e4rtige hasste die Sassanachs, die englischen Eindringlinge, und sympathisierte mit der IRA. Als Ulrike Meinhof erh\u00e4ngt in ihrer Zelle gefunden wurde, war McGuffin Mitglied der internationalen Untersuchungskommission. Er wurde zeitweilig von der britischen Armee interniert und emigrierte daraufhin nach Amerika, um in San Francisco als Rechtsanwalt zu arbeiten. Eins seiner B\u00fccher widmete er der Geschichte der illegalen Schnapsbrennerei in Irland, ein anderes enth\u00e4lt vier Erz\u00e4hlstr\u00e4nge von ebenso vielen Verfassern, die angeblich alle Teile seiner gespaltenen Pers\u00f6nlichkeit sind. Letztes Jahr kehrte er auf die Gr\u00fcne Insel zur\u00fcck und ver\u00f6ffentlichte die kurz vor seinem Tod ins Deutsche \u00fcbersetzten &#8222;Last Orders&#8220;. Ein weiteres Manuskript f\u00fcr ein letztes Buch hat McGuffin der Nachwelt jedoch \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re falsch, zu sagen, McGuffin w\u00e4re der Held seiner eigenen Geschichten &#8211; das ist der dickk\u00f6pfige Durchschnitts-Ire. Der fette Bastard, wie Gro\u00dfmaul McGuffin in seinen Erz\u00e4hlungen gerne genannt wird, stolpert durch seine Storys wie ein Betrunkener am Sankt-Patricks-Day durch die geschm\u00fcckten Stra\u00dfen. Oder er l\u00e4sst es seine Kumpels tun. Dabei f\u00fchrt es sie nicht nur in die irischen Pubs, sondern auch in Late-Night-Shows im verhassten Dublin, zu Fu\u00dfballspielen ins schottische Glasgow, hinter Belfaster Barrikaden, nach San Francisco und Hongkong oder in die saudiarabische W\u00fcste. Ihr Weg wird gekreuzt von McGuffins verr\u00fcckter Tante Rita, chinesischen Steuerbetr\u00fcgern, dem Pal\u00e4stinenser Ali, der gerne auf Karl Marx und V\u00e4terchen Stalin anst\u00f6\u00dft und einem Bankangestellten, der aufgrund seiner antikapitalistischen Einstellung die S\u00e4cke der Bankr\u00e4uber besonders voll macht. Um ein Haar h\u00e4tten sie sogar dem S\u00e4nger Demis Roussos nicht entwischen k\u00f6nnen. Auf ihren Touren hinterlassen sie neben ausgedr\u00fcckten Jointstummeln und leeren Pint-Gl\u00e4sern, auch Spielzeughandgranaten in Gartenh\u00e4uschen und verliebte Museumsw\u00e4rter, sie klauen eine alte Donnerb\u00fcchse von 1795 und entf\u00fchren aus Versehen einen schottischen Touristen.<\/p>\n<p>Wer die Erz\u00e4hlungen McGuffins liest, ist froh nicht so zu sein wie er &#8211; w\u00fcnscht sich aber doch, diesen verr\u00fcckten Hund kennen gelernt zu haben. &#8222;Last Orders&#8220; ist, wie Thekengeschichten eben sind: fantastisch, rasant, unglaubw\u00fcrdig, absurd und verr\u00fcckt. Selbstherrlichkeit und Nostalgie mischen sich mit Ironie und Sarkasmus, historische Tatsachen mit Mythen und Legenden. Manchmal verliert sich der Erz\u00e4hler in Nebens\u00e4chlichkeiten, macht bescheuerte Wortspiele und vermasselt die Pointe. Er entdeckt eigenes Wissen, das er selbst f\u00fcr l\u00e4ngst versch\u00fcttet hielt, wettert gegen pseudoamerikanische Plastikkultur, zitiert Lenin (&#8222;Schei\u00dfe, was tun?&#8220;) und redet scheinbar mit sich selbst. Dann stellt McGuffin wieder eine seiner Fragen, die er nicht beantworten kann und will. Er wollte sie nur stellen: &#8222;Wenn Gott Acid schluckte, w\u00fcrde er dann Menschen sehen?&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wenn ein Mann mitten im Wald steht, und es ist weit und breit keine Frau, die ihn h\u00f6ren k\u00f6nnte, hat er dann trotzdem unrecht?&#8220; Solche Fragen stellt sich der irische Schriftsteller Sean in seinen Kurzgeschichten &#8222;Last Orders&#8220;. Nicht, dass er sie dann auch beantworten w\u00fcrde. Er stellt sie nebenbei und vergisst sie schnell wieder. 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