{"id":4936,"date":"2002-10-01T00:00:52","date_gmt":"2002-09-30T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4936"},"modified":"2022-07-26T14:15:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:15","slug":"die-grenzen-der-wahrnehmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/die-grenzen-der-wahrnehmung\/","title":{"rendered":"Die Grenzen der Wahrnehmung"},"content":{"rendered":"<p>Um mit einem Randthema zu beginnen: Wie sich die Behauptung, das &#8222;Rote Notizbuch&#8220; sei die Vorlage f\u00fcr Ken Loachs Film &#8222;Land und Freiheit&#8220;, in die Verlagswerbung eingeschlichen hat, ist mir r\u00e4tselhaft. Allenfalls eine missverst\u00e4ndliche Formulierung des Nachworts k\u00f6nnte f\u00fcr diesen Unfug verantwortlich sein. Deshalb soll hier ausdr\u00fccklich festgehalten werden, dass das eine mit dem anderen nicht das geringste zu tun hat. Mehr noch: Ein gr\u00f6\u00dferer Gegensatz als der zwischen dem trotzkistischen Intellektuellenpaar Low\/Bre\u00e1 und dem politisch naiven Proletarier David, dem Helden des Films, ist schwerlich denkbar.<\/p>\n<p>Auf solche zweifelhaften Formen von Werbung ist das &#8222;Rote Notizbuch&#8220; nun wirklich nicht angewiesen, denn, wie Eugenio Granell, der Verfasser des Vorwortes, zu recht feststellt: Das &#8222;Rote Notizbuch&#8220; ist ein Juwel. Verfa\u00dft von zwei Vertretern der Kunst und Politik verbindenden Intellektuellenszenerie der 1930er Jahre, der in England aufgewachsenen Australierin Mary Low und ihrem kubanischen Lebensgef\u00e4hrten Juan Bre\u00e1, ist es vielleicht nicht einzigartig innerhalb der mittlerweile ins Unermessliche angewachsenen Literatur zum Spanischen B\u00fcrgerkrieg, aber ohne Frage ein brillantes Dokument. Vor- und Nachwort, die Aufschlu\u00df geben \u00fcber die beiden hierzulande unbekannten Verfasser, von denen bisher nur eine Handvoll Gedichte in deutscher \u00dcbersetzung vorlag ((1)), sowie ein Glossar mit Erl\u00e4uterungen zu den wichtigsten der im Text genannten Personen und Organisationen, vervollst\u00e4ndigen den positiven Eindruck und machen das Buch, das obendrein sch\u00f6n gestaltet ist, zu einer absolut empfehlenswerten Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>In 18 Kapiteln, die von jeweils einem der beiden Autoren verfa\u00dft sind, wird das revolution\u00e4re Geschehen in Barcelona und an verschiedenen Frontabschnitten in den ersten Monaten des B\u00fcrgerkrieges, von Anfang August bis Ende Dezember 1936, geschildert. In einer durchaus typischen geschlechtlichen Arbeitsteilung zeichnet dabei Mary Low f\u00fcr die Berichte aus dem revolution\u00e4ren Alltagsleben Barcelonas verantwortlich, Juan Bre\u00e1 dagegen f\u00fcr die Frontberichte und die politische Globalanalyse am Ende des Buches.<\/p>\n<p>Schade ist allenfalls, dass das &#8222;Rote Notizbuch&#8220;, das im Original 1937 als eines der ersten authentischen Zeugnisse \u00fcber die spanische Revolution in London erschien, erst jetzt in einer deutschen Ausgabe vorliegt, so dass, in Umkehrung der eigentlichen Chronologie, manches, was in dem Buch geschildert wird, bereits aus anderen, wesentlich sp\u00e4ter verfassten Quellen bekannt ist.<\/p>\n<p>Das liegt allerdings auch daran, dass Lows und Bre\u00e1s Bericht zu einer ganzen Reihe untereinander auffallend \u00e4hnlicher Zeugnisse geh\u00f6rt, die nach 1968 und nach dem Ende der Franco-\u00c4ra dazu beitrugen, das faschistisch-stalinistische Deutungsmonopol \u00fcber den spanischen B\u00fcrgerkrieg zu durchbrechen und die sozialrevolution\u00e4ren Momente dieses Konflikts wieder ins Ged\u00e4chtnis zu rufen. Neben Low\/Bre\u00e1 w\u00e4ren hier George Orwells &#8222;Mein Katalonien&#8220;, Paul und Clara Thalmanns &#8222;Revolution f\u00fcr die Freiheit&#8220; oder Mika Etcheb\u00e9h\u00e8res &#8222;La guerra mia&#8220; zu nennen. Das &#8222;Rote Notizbuch&#8220; nimmt in dieser Reihe insofern eine Schl\u00fcsselstellung ein, als es die Gemeinsamkeiten b\u00fcndelt und damit als solche kenntlich macht:<\/p>\n<p>Es handelt sich durchweg um Berichte von Intellektuellen nicht-spanischer Herkunft, die zumeist 1936 erstmals mit Spanien in Kontakt kamen und nur unzul\u00e4ngliche Kenntnisse der Landessprache (Spanisch bzw. Katalanisch) besa\u00dfen, die sich , ihrer politischen Orientierung nach Trotzkisten oder Linkssozialisten, dem POUM anschlossen und sich \u00fcberwiegend innerhalb der vom POUM geschaffenen &#8222;Infrastruktur&#8220; bewegten (in vom POUM beschlagnahmten Geb\u00e4uden lebten wie dem ber\u00fchmten &#8222;Hotel Falcon&#8220; in Barcelona, in POUM-Milizen k\u00e4mpften usw.). Geographisch liegt der Schwerpunkt ihrer Betrachtung auf Barcelona bzw. Katalonien, zeitlich auf den ersten Monaten des revolution\u00e4ren Aufbruchs, dem bereits sprichw\u00f6rtlichen &#8222;kurzen Sommer der Anarchie&#8220;.<\/p>\n<p>Das &#8222;Rote Notizbuch&#8220; liest sich streckenweise, als habe es sich bei der spanischen Revolution um ein Familientreffen der anti-stalinistischen Linken gehandelt, eine \u00fcbersichtliche, geradezu intime Veranstaltung, bei der jeder jeden kannte. So ist es nicht verwunderlich, da\u00df Low\/Bre\u00e1 Begegnungen mit Mika Etcheb\u00e9h\u00e8re oder den Thalmanns erw\u00e4hnen, oder mit zahlreichen weiteren Personen, die wiederum aus deren Berichten bekannt sind. Unweigerlich w\u00e4ren sie auch auf Orwell gesto\u00dfen, h\u00e4tte sich dessen Ankunft nicht mit ihrer Abreise \u00fcberschnitten.<\/p>\n<p>Kurzum, das &#8222;Rote Notizbuch&#8220; f\u00fcgt sich ein in ein ganzes System von Augenzeugenberichten und Erinnerungen, die sich (ungewollt) gegenseitig in ihrer Sicht der Dinge, ihrer Interpretation der Ereignisse best\u00e4tigen. Das w\u00e4re insofern unproblematisch und k\u00f6nnte als blo\u00dfes Faktum stehen gelassen werden, wenn nicht durch solche Berichte wie die oben genannten und \u00e4hnliche das Bild von der spanischen Revolution, auch und gerade das von Libert\u00e4ren, in einem hohen Ma\u00dfe gepr\u00e4gt worden w\u00e4re. Weil dem aber so ist, sollte zumindest darauf hingewiesen werden, da\u00df dabei, ungeachtet aller Sympathie, die man den Autoren entgegenbringen mag, ein radikal einseitiges und mitunter verzerrendes Bild der spanischen Revolution entsteht.<\/p>\n<p>Implizit werden die Grenzen und Beschr\u00e4nkungen der eigenen Sichtweise im &#8222;Roten Notizbuch&#8220; durchaus angesprochen, etwa wenn auf die (bereits r\u00e4umliche) Distanz zwischen &#8222;Ausl\u00e4ndern&#8220; und &#8222;Katalanen&#8220; verwiesen wird: &#8222;Die meisten Ausl\u00e4nder schliefen in den unteren, die Katalanen in den oberen Etagen [des Hotel Falcon]. Diese Einteilung habe ich nie verstanden, wurden wir dadurch doch voneinander getrennt und hinderte sie uns doch daran, die Sprache zu lernen sowie die katalanische Denkweise zu verstehen&#8220; (S. 38) Oder noch deutlicher: &#8222;Die Beziehungen zwischen den Katalanen und den ausl\u00e4ndischen Genossen waren zu jener Zeit etwas angespannt, was allerdings nicht an den Katalanen lag. Sie sind ungest\u00fcm, aber zuverl\u00e4ssig, und die Ausl\u00e4nder, die an ihrer Seite k\u00e4mpfen wollten, waren zu w\u00e4hlerisch und stellten zu hohe Anspr\u00fcche, statt sich um ein Verst\u00e4ndnis zu bem\u00fchen und Abstriche zu machen&#8220; (S. 57).<\/p>\n<p>Dieser Einsichten zum Trotz, k\u00f6nnen auch Low\/Bre\u00e1 eine recht einseitige Betrachtung der spanischen Verh\u00e4ltnisse nicht vermeiden. Der revolution\u00e4re Alltag, den sie schildern, ist weitgehend der des kosmopolitischen Milieus nicht-spanischer Unterst\u00fctzer, dem sie selbst angeh\u00f6ren. Das eigentliche Subjekt des Revolutionsprozesses, das spanisch-katalanische Proletariat, tritt kaum in Erscheinung bzw. nur in dem Ma\u00dfe, wie es sozusagen mit blo\u00dfem Auge erkennbar ist. Daher sicherlich die Konzentration auf die Beschreibung des \u00f6ffentlichen Raums, der Ver\u00e4nderungen, die auf den Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen, in den Caf\u00e9s, Restaurants, Theatern, Tanzs\u00e4len usw. stattgefunden haben. Aber ein engerer Kontakt mit den &#8222;Einheimischen&#8220;, der \u00fcber Zufallsbekanntschaften hinausgegangen w\u00e4re, hat sich offenbar nicht hergestellt, eine Auseinandersetzung mit deren Alltagsproblemen findet sich allenfalls in Ans\u00e4tzen (am ehesten noch in dem Kapitel &#8222;Frauen&#8230;&#8220;, S. 133ff.).<\/p>\n<p>Damit soll \u00fcbrigens weder das Vergn\u00fcgen an der Lekt\u00fcre des &#8222;Roten Notizbuchs&#8220; geschm\u00e4lert, noch der Wert der darin enthaltenen Beobachtungen relativiert werden. Eher noch geht es darum, ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr zu entwickeln, warum Autoren wie Heleno Sana ((2)) bei ihrer Analyse der revolution\u00e4ren Ereignisse von 1936-39 so vehement eine &#8222;spanische&#8220; Perspektive einnehmen. Das sollte nicht vorn vornherein &#8211; wie auch in dieser Zeitung geschehen ((3)) &#8211; als nationalistisch beargw\u00f6hnt werden. Es ist vielmehr eine Reaktion darauf, da\u00df diese spanische Seite bisher in der politischen Wahrnehmung noch stets vernachl\u00e4ssigt worden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um mit einem Randthema zu beginnen: Wie sich die Behauptung, das &#8222;Rote Notizbuch&#8220; sei die Vorlage f\u00fcr Ken Loachs Film &#8222;Land und Freiheit&#8220;, in die Verlagswerbung eingeschlichen hat, ist mir r\u00e4tselhaft. Allenfalls eine missverst\u00e4ndliche Formulierung des Nachworts k\u00f6nnte f\u00fcr diesen Unfug verantwortlich sein. 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