{"id":4987,"date":"2002-10-01T00:00:16","date_gmt":"2002-09-30T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4987"},"modified":"2022-07-26T14:15:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:16","slug":"naturwissenschaft-als-revolutionare-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/naturwissenschaft-als-revolutionare-praxis\/","title":{"rendered":"Naturwissenschaft als revolution\u00e4re Praxis"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Und sie mischten zusammen,<br \/>\nwas nicht zusammen geh\u00f6rt.<br \/>\nUm die Wichtel zu wecken.<br \/>\nDie Wichtel, die \u00fcberall<br \/>\ndie Dinge in ihrem Innersten bestimmen,<br \/>\ndie unberechenbar,<br \/>\nmeist das unerwartete tun, nur um sich dann wieder<br \/>\nauf die faule Haut zu legen.<br \/>\nAbertausende von Wichteln,<br \/>\nunbestimmbar und durcheinanderwuselnd,<br \/>\nnicht zu trennen.<br \/>\nEin Universum der Wichtel.&#8220;<\/em> ((1))<\/p>\n<h3>Was bestimmt die Naturwissenschaft?<\/h3>\n<p>Jede Wissenschaft hat ihre spiegelbildliche R\u00fcckseite. Damit lassen sich all die Dinge bezeichnen, die ausgeschlossen werden in der allt\u00e4glichen naturwissenschaftlichen Praxis, als Schmutz- und St\u00f6reffekt in der Empirie. In der Theorie geht es hier um das Andere der b\u00fcrgerlichen Vernunft ((2)) und um das mit bin\u00e4rer Rechenlogik, der quantitativen messenden Theorie, nicht Fa\u00dfbare ((3)). Die Ausschl\u00fcsse bestimmen wesentlich, was Naturwissenschaft ist, was als naturwissenschaftliches Faktum G\u00fcltigkeit bekommt.<\/p>\n<p>Und das hei\u00dft in der Moderne, welchen Dingen Realit\u00e4t zu- und welchen Realit\u00e4t abgesprochen wird. Die Naturwissenschaft hat die Theologie als Norm setzende Instanz abgel\u00f6st. So entschied im Mittelalter noch die Kirche im Zweifelsfall \u00fcber die Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit ((4)). Heute werden Kleinstkinder bei Abweichung zwangsoperiert &#8211; \u00fcber das Geschlecht entscheidet in der Regel &#8218;der&#8216; Arzt. Die geschlechtliche Eindeutigkeit wird produziert und mit ihr zwei biologische Geschlechter. ((5))<\/p>\n<p>Die Naturwissenschaft setzt also ihre Ausschl\u00fcsse gewaltsam in Realit\u00e4t um. Sie (\u00fcber)formt die Realit\u00e4t nach ihrem Bild von der Realit\u00e4t. Der Ausschlu\u00df verbleibt nicht in der Theorie &#8211; was nicht pa\u00dft wird eliminiert. Und die Ausschl\u00fcsse sind gesellschaftliche Setzungen.<\/p>\n<p>NaturwissenschaftlerInnen behaupten hingegen meist: &#8222;Es gibt keine linke oder rechte Naturwissenschaft, keine kapitalistische Naturwissenschaft, sondern nur gute oder schlechte Naturwissenschaft&#8220;<\/p>\n<p>Nur welche\/wer bestimmt dann, was gute oder schlechte Naturwissenschaft ist? Und nach welchen Kriterien?<\/p>\n<p>Die Behauptung, allein die Funktionalit\u00e4t, das hei\u00dft die F\u00e4higkeit der Naturwissenschaften, den Zugriff der Menschen auf Natur effektiver zu gestalten, sei ausschlaggebend, ist durch die Naturwissenschaftsgeschichte widerlegt.<\/p>\n<p>Die moderne Medizin hat sich z.B. zu Beginn der Neuzeit aufgrund au\u00dferwissenschaftlicher Bedingungen durchgesetzt. Die &#8218;modernen&#8216; \u00c4rzte haben zu dieser Zeit (15. bis 17. Jahrhundert), z.B. aufgrund mangelnder Hygiene in der Geburtshilfe, erheblich h\u00e4ufiger den Tod ihrer PatientInnen verursacht als die traditionelle Medizin. Sie hatten auch weniger Erfahrungswissen. Der Erfolg \u00e4rztlicher Behandlungen war wesentlich geringer als der durch die Behandlung durch die alten Heilberufe. Die &#8218;moderne&#8216; Medizin hat sich nicht aufgrund medizinischer Erfolge zu diesem fr\u00fchen Zeitpunkt behauptet, sondern aufgrund ihrer Funktionalit\u00e4t f\u00fcr eine Modernisierung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, also aufgrund ihrer Funktionalit\u00e4t zur Durchsetzung neuer Herr-schafts und Normierungsmuster. Und auch aufgrund ihres Zusammenspiels mit anderen Modernisierungen bei der Herausbildung des b\u00fcrgerlichen (m\u00e4nnlichen) Subjekts, also einer neuen Definition des Menschen. ((6)) Die Entwicklung der &#8218;modernen&#8216; Medizin wurde also wesentlich durch au\u00dferwissenschaftliche Faktoren bedingt.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr die Naturwissenschaften und die Mathematik. Feministische Theoretikerinnen wie Elvira Scheich ((7)), Carolyn Merchant ((8)), u.a. weisen auf den Zusammenhang zwischen der Warentauschlogik, ihrer Verallgemeinerung im aufkommenden Kapitalismus, und der Entwicklung der naturwissenschaftlich-mathematischen Logik9 hin. Und sie zeigen, wie beide zusammen die Ausgrenzung der Frau und der Reproduktionssph\u00e4re aus dem Gesellschaftlichem &#8211; ihre Erkl\u00e4rung zur Natur, die Mann sich kostenfrei aneignet, &#8211; betreiben. Luce Irigaray hat schon Jahre vorher die Parallelit\u00e4t des Ausschlu\u00dfes der Frau (<em>&#8218;Die FRAU existiert nicht.&#8216;<\/em> (Jaques Lacan)) aus der symbolischen psychoanalytischen Ordnung, die das m\u00e4nnliche Subjekt konstituiert, und der Ausschl\u00fcsse der Physik dargestellt ((10)).<\/p>\n<p>Die Naturwissenschaft ist eine Herr-schaftswissenschaft, sie wird durch diese Interessen bestimmt. Ich sage damit nicht, da\u00df diese Wissenschaften nicht <strong>auch<\/strong> inneren Rationalit\u00e4ten und funktionalen Erw\u00e4gungen folgen. Naturwissenschaft und Technik gen\u00fcgen <strong>auch<\/strong> einer naturwissenschaftlich-technischen Rationalit\u00e4t. F\u00fcr jede naturwissenschaftliche Frage gibt es aber unendlich viele, wenn auch nicht beliebige L\u00f6sungen. F\u00fcr welche ich mich entscheide, ist eine zutiefst politische Frage. Hermann Weyl, einer der wichtigsten Mathematiker und mathematischen Physiker des 20. Jahrhunderts stellt fest, da\u00df immer nur das Ganze von Theorie und Empirie \u00fcberpr\u00fcfbar ist ((11)). Es gibt keine vortheoretische Erfahrung. In jede Erfahrung, jede Empirie, flie\u00dft bereits ein vorher &#8218;Gewu\u00dftes&#8216; ein, und strukturiert sie. Die gesellschaftlichen Bedingungen und politischen Ziele bestimmen wesentlich die naturwissenschaftliche Theorie und Praxis mit. Und die Naturwissenschaften formen danach die Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Eine Revolution der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse mu\u00df also eine Revolution der Naturwissenschaften beinhalten.<\/p>\n<p>Atomkraft oder Steinzeit? Computer oder R\u00fcckschrittlichkeit? Kapitalismus oder Tod? &#8211; Das sind keine Alternativen.<\/p>\n<p>Wir brauchen eine ganz andere Naturwissenschaft. Eine die das Ausgeschlo\u00dfene zur\u00fcckfluten l\u00e4\u00dft. Die Naturwissenschaften damit ganz neu aufkocht. Eine Naturwissenschaft, die die Medusa weckt &#8211; die in der herr-schenden symbolischen Ordnung als Bild f\u00fcr das Ausgeschlossene der (m\u00e4nnlichen?) Vernunft steht. Eine naturwissenschaftliche Theorie und Praxis der R\u00fcckseite des Spiegels. Und eine Theorie und Praxis, die keine neuen Ausschl\u00fcsse setzt &#8211; kein Herrscher ist der einzig gute Herrscher. D.h. es geht um eine Praxis, die sich ihrer Schl\u00fcsse bewu\u00dft ist und sie immer wieder aufhebt &#8211; die sich eben selbst als Praxis begreift, Aufkl\u00e4rung auch \u00fcber sich selbst, und nicht als Erleuchtung.<\/p>\n<p>In vielen &#8218;alternativen&#8216; naturwissenschaftlichen Ans\u00e4tzen wird nur der Inhalt ausgetauscht, mit der \u00dcbernahme des naturwissenschaftlichen Erkenntnisapparates bleibt aber die autorit\u00e4re Struktur der naturwissenschaftlichen Theorie und Praxis bestehen.<\/p>\n<p>Eine anarchistisch-feministische Naturwissenschaftstheorie und &#8211; praxis mu\u00df die absolute und eindeutige Wahrheitssetzung au\u00dfer Kraft setzen, um nicht selbst die Ausschl\u00fcsse und die Herr-schaftspraxis fortzusetzen. Sie mu\u00df nicht nur ihre Inhalte hinterfragen, sondern auch in einem permanenten Proze\u00df auf die gesellschaftliche Bedingtheit ihrer Formen und Mittel reflektieren. Sie mu\u00df sich selbst als Ideologie begreifen und in diesem Sinn ihren Wahrheitsanspruch selbst dekonstruieren. Eine Naturwissenschaftstheorie und -praxis die gleichzeitig Theorie und Praxis ihres eigenen Umsturzes ist, allt\u00e4gliche Revolution. Eine Naturwissenschaft, die ihre eigenen notwendigen ideologischen Setzungen ausstellt, und sich selbst als L\u00fcge, die sie auch ist, zur Disposition stellt.<\/p>\n<h3>Wie k\u00f6nnte eine solche feministisch-anarchistische Naturwissenschaftspraxis und -theorie konkret aussehen?<\/h3>\n<p>Ich m\u00f6chte im folgenden einige konkrete Ans\u00e4tze darstellen, um zur Hinterfragung von Normen und selbstverst\u00e4ndlich erscheinenden Vorannahmen, die die Naturwissenschaften heute bestimmen, zu kommen. Es geht darum zu begreifen, wo kapitalistische, sexistische oder rassistische Setzungen in den Naturwissenschaften wirken und wie. Dies ist nicht zu trennen vom Subjekt, unserer Selbstkonstruktion in dieser Gesellschaft. Denn dort wo das SELBST-Verst\u00e4ndnis des wei\u00dfen heterosexuellen Mannes die Naturwissenschaften, als von ihm gemachte, herstellt und die Wahrheiten der Naturwissenschaften bestimmt, ist eine Hinterfragung seines Herr-schaftsanspruches ohne Reformulierung der Naturwissenschaften nicht durchf\u00fchrbar.<\/p>\n<p>Insofern zielen all die folgenden Abs\u00e4tze auf die Infragestellung dieses herr-schenden Subjekts, darauf die dieses Subjekt und seine Objektwelt konstituierenden Erkenntnispraxen aufzul\u00f6sen, also auf die Au\u00dferkraftsetzung des Subjekt-Objektverh\u00e4ltnisses, das z.B. wesentlich das Verh\u00e4ltnis zwischen M\u00e4nnern und Frauen, wei\u00df und schwarz, usw. bestimmt.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt zu unterschiedlichen Ans\u00e4tzen, dieses Subjekt aufzukochen bis es zerf\u00e4llt, und seinen Anspruch auf die Bezeichnungsmacht, auf die Macht zu bestimmen, was ist, aufzul\u00f6sen im Sud einer Mischung all der Dinge, die nach ihm nicht zusammen geh\u00f6ren, schwarz &#8211; wei\u00df, mann &#8211; frau, schwul &#8211; hetero, usw..<\/p>\n<h3>Der wissenschaftsgeschichtlich-ethnomethodologische Ansatz<\/h3>\n<p>Dieser Ansatz basiert im Wesentlichen auf der R\u00fcckbindung wissenschaftsgeschichtlicher und ethnomethodologischer (und auch sozialwissenschaftlicher) Untersuchungen der gesellschaftlichen Bedingtheit naturwissenschaftlichen Wissens in die Naturwissenschaften.<\/p>\n<p>Konkret bedeutet dies z.B., fr\u00fchere Ans\u00e4tze in den Naturwissenschaften und ihre Formen der Wahrheitsproduktion zu untersuchen. Z.B. Untersuchungen zur Geschichte der Metereologie, die im 19. Jahrhundert als (m\u00e4nnliche) Heldengeschichtsschreibung ((12)) nach Au\u00dfen dargestellt wurde, und der wissenschaftsimmanenten Auswirkungen bis heute. Oder historische Untersuchungen zur Mathematik die aufzeigen, da\u00df es mathematische Systeme mit kontextabh\u00e4ngigen Symbolen gab, und, da\u00df das, was aussagbar\/beweisbar\/berechenbar in einem mathematischen System ist, wesentlich vom System und der zugrundegelegten Zahlenmenge abh\u00e4ngig ist, und die hinterfragen aufgrund welcher gesellschaftlichen Bedingungen zu bestimmten Zeiten welche Grundlegungen erfolgten. Aber auch Untersuchungen, die zu begreifen versuchen, wie Erkenntnispraxen in anderen Kulturen funktionieren und dies ins Verh\u00e4ltnis zur eigenen Erkenntnispraxis stellen, w\u00fcrden hier reinfallen. Es kann aber auch darum gehen zu fragen, wie sich Finanzierungssysteme in der wissenschaftlichen Wahrheitsproduktion abbilden, usw..<\/p>\n<p>Ausgehend davon kann dann die Naturwissenschaft als historisch und gesellschaftlich gewordene reformuliert werden. Und, da dies die ERkenntnis an sich betrifft, wird auch das Subjekt, Geschlecht, Rasse als historisch Gemachtes sichtbar.<\/p>\n<p>Nun sind gro\u00dfe Teile der wissenschaftsgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Forschung nicht weniger unreflektiert als die Naturwissenschaften. Auch sie reproduzieren in ihren Forschungen unhinterfragt gesellschaftliche Herr-schaftsverh\u00e4ltnisse und Stereotype. Die SoziobiologInnen die immer nur wieder sich selbst, ihre Verhaltensweisen und Vorurteile in der &#8218;Natur&#8216; &#8218;entdecken&#8216;, sind hier nur das extremste Beispiel.<\/p>\n<p>Wenn ich hier f\u00fcr eine Bezugnahme auf Sozial- und Geschichtswissenschaften spreche, dann meine ich die kleineren Teile, die sich als (herr-schafts)kritische Theorie konstituieren &#8211; feministische Theorie, Teile der poststrukturalistischen Theorie, fr\u00fche kritische Theorie, .. . Dabei will ich mit diesen Ans\u00e4tzen Naturwissenschaft als offenen Zirkel konzipieren.<\/p>\n<p>Beziehe ich z.B. die Abh\u00e4ngigkeit von den Grundlegungen und den gesellschaftlichen Bedingungen in die Aussagen der Mathematik mit ein, w\u00fcrde dies dazu f\u00fchren, da\u00df mir alternative Ausssagen offen st\u00fcnden und ich zwischen ihnen eine bewu\u00dfte politisch-individuelle Entscheidung treffen m\u00fc\u00dfte. Eine Entscheidung, die als Entscheidung auch hinterfragbar w\u00e4re. Im Gegensatz zur derzeitigen mathematischen Praxis in der die Grundlegungen \u00fcber das Erlernen einer Technik und ihrer Anwendung unbewu\u00dft reproduziert werden.<\/p>\n<p>Eine solche Mathematik s\u00e4he dann z.B. so aus, da\u00df ich die babylonische Mathematik, ihre Setzungen, und den Zusammenhang mit der babylonischen Agrargesellschaft diskutieren w\u00fcrde um im Abgleich dazu die Setzungen der rechnergest\u00fctzten Mathematik unserer Zeit im Kontext der postmodernen Industriegesellschaft zu untersuchen. Um dann zu hinterfragen, in wie weit nicht auch ganz andere Setzungen in der Mathematik m\u00f6glich w\u00e4ren und welche politischen Implikationen dann diese Setzungen h\u00e4tten?<\/p>\n<h3>Alternative Wissenschaftsans\u00e4tze<\/h3>\n<p>Im Laufe der Jahrhunderte aber auch in unserer Zeit gab und gibt es nicht nur den einen hegemonialen Diskurs der Naturwissenschaften, d.h. es gab und gibt alternative Ans\u00e4tze einer anderen Naturwissenschaftstheorie und -praxis parallel zur bestehenden Wissenschaft &#8211; z.B. magische Praxen ((13)), alchemistische Theorieans\u00e4tze ((14)), aber auch den Intuitionismus in der Mathematik ((15)).<\/p>\n<p>Diese anderen nicht hegemonialen, und das hei\u00dft auch nicht aus den bestehenden hegemonialen Herr-schaftsverh\u00e4ltnissen resultierenden Ans\u00e4tze einer anderen Naturwissenschaft, k\u00f6nnen als Ausgangspunkt f\u00fcr Alternativen auch heute sinnvoll sein. Da sie quer zu den bestehenden Theorien und Herr-schaftsverh\u00e4ltnissen liegen, k\u00f6nnen sie den Blick f\u00fcr das Ausgeschlossene \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>D.h. auch, da\u00df sie von einer anderen Wahrheit des Subjekts ausgehen, da\u00df diese Erkenntnispraxen von Subjekten praktiziert wurden, die nicht das Subjekt sind, welches wir heute kennen. Deutlich wurde dies z.B. f\u00fcr das sexuelle und biologische Geschlecht von AutorInnen wie Thomas Laquer ((16)) und Barbara Duden ((17)) aufgewiesen. So war das biologische Geschlecht, der gelebte vergeschlechtlichte Leib im Mittelalter ein real anderer als heute. So hatten auch &#8218;M\u00e4nner&#8216; ihre Tage und Blutungen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr eine solche alternative naturwissenschaftliche Praxis sind z.B. HeilpraktikerInnen. Das Problem ist aber, da\u00df diese h\u00e4ufig genauso dogmatisch bzw. theoriefeindlich wie die herrschende Medizin agieren oder sich dieser unterordnen. Notwendig w\u00e4re aber eine Hinterfragung beider Ans\u00e4tze durcheinander und ein kritisch rationaler Diskurs, der sich daraus entwickelt, und so die M\u00f6glichkeit f\u00fcr beide \u00f6ffnet, aus Dogmatismus und Esoterik heraus zu einer bewu\u00dften, die eigenen subjektiven Setzungen begreifenden, Praxis zu kommen. Und so nicht nur diese beiden, sondern auch dritte, vierte, f\u00fcnfte M\u00f6glichkeiten aufzuzeigen. Eine Praxis, die es auch erm\u00f6glichen m\u00fc\u00dfte, die (politischen) Setzungen bzgl des Subjektes (der Menschen) zu thematisieren.<\/p>\n<h3>Au\u00dferkraftsetzung der Wirklichkeitssetzung<\/h3>\n<p>Viele Stereotype, viel an herr-schender Ideologie, flie\u00dft unbewu\u00dft in unsere Anschauung und unser Denken ein, auch in die naturwissenschaftliche Theorie und Praxis. Eine M\u00f6glichkeit diesen Stereotypen beizukommen ist, Anschauungen ernst zu nehmen, die aus der &#8217;normalen&#8216; Wirklichkeitswahrnehmung ausgegrenzt werden. Eine Ausgrenzung, die gerade die Normalit\u00e4t herstellt. D.h. es geht hier um den Einbezug von Erfahrungen des Wahnsinns und von Wahrnehmungen unter der Wirkung psychogener Substanzen in die naturwissenschaftliche Erkenntnispraxis. Zum Teil w\u00fcrde hierzu auch der Einbezug der Wirklichkeitswahrnehmungen nicht dem Rationalit\u00e4tsideal verpflichteter Kulturen geh\u00f6ren, z.B. mystischer Erfahrungen oder das Dreaming der Aborigines.\u00a0 ((18)) Und in \u00e4hnlicher Weise k\u00f6nnten evtl. auch Wahrnehmungsstrukturen der nichtoptischen Sinne aufgegriffen werden, da Riechen z.B. nicht euklidisch (rechtwinklig) r\u00e4umlich auffa\u00dfbar ist.<\/p>\n<p>Und auch hier kommt es wieder zur Infragestellung des Subjektes, das sich mit der Moderne immer ausschlie\u00dflicher \u00fcber den optischen Sinn, die Anschauung, raumzeitlich konstituiert hat unter Ausschlu\u00df der habtischen ((19)) Erfahrung. St\u00f6rungen der Euklidizit\u00e4t (Rechtwinkligkeit) der Anschauung, der Verortung in Raum und Zeit gelten nicht zuf\u00e4llig als Zeichen einer St\u00f6rung (Schizophrenie), die unter das Kuratel der Psychiatrie gestellt wird. Unter Rekurs auf die feministische Theorie lie\u00dfe sich fragen, inwieweit, die Ausgrenzung von Ber\u00fchrungserfahrungen und Geruch nicht der Angst der M\u00e4nner, vor der Erinnerung an fr\u00fchkindliche Abh\u00e4ngigkeit, meistens von einer Frau, geschuldet ist, und inwieweit, sich nicht diese Angst im m\u00e4nnlichen Subjekt in der Dominanz des Optischen materialisiert hat.<\/p>\n<p>Auch hier geht es wiederum darum diese Sinneseindr\u00fccken gerade aufzunehmen um sie als Ausgangspunkt kritischer rationaler Hinterfragung zu nutzen und nicht als esoterisch autorit\u00e4re Erleuchtung.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr eine solche Praxis w\u00e4re z.B. das fr\u00fchzeitige Aufgreifen des Zusammenbruchs der Euklidizit\u00e4t (Rechtwinkligkeit) der Raumwahrnehmung im Drogenrausch gewesen. Eine kritisch rationale Hinterfragung h\u00e4tte sehr schnell zu der Erkenntnis f\u00fchren k\u00f6nnen, das die euklidische nur eine m\u00f6gliche Form der Wahrnehmung ist. W\u00e4re dieses &#8218;Wissen&#8216; \u00fcber die Existenz nichteuklidischer R\u00e4ume fr\u00fchzeitig aufgegriffen worden, h\u00e4tte sich die Mathematik und auch die Physik sehr viel schneller entwickeln k\u00f6nnen und vielleicht auch noch ganz anders, als wir sie heute kennen.<\/p>\n<h3>Untersuchung der Metaphern<\/h3>\n<p>Da die meisten naturwissenschaftlichen Theorien trotz aller Ausschl\u00fcsse einen allumfassenden Anspruch formulieren, in dem Sinn, da\u00df sie behaupten, nicht nur eine Sichtweise auf die Dinge, die sie beschreiben, zu repr\u00e4sentieren, sondern die Wahrheit \u00fcber die Dinge auszusagen, werden in den Naturwissenschaften h\u00e4ufig Begriffe verwendet, die das Ausgeschlossene umfassen, aber nur um es sich durch Nennung scheinbar anzueignen, ohne dies wirklich zu wollen.<\/p>\n<p>So wird im Begriff des Datenflusses zwar das ausgeschlossene Fl\u00fcssige des Sprechens oder Schreibens &#8211; die Nichteindeutigkeit &#8211; mitbenannt. Aber wenn die Daten sich tats\u00e4chlich fl\u00fcssig verhalten &#8211; Wirbel, Strudel und beliebige Durchmischungen stattfinden, wird dies als Fehlfunktion aufgefa\u00dft. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich soll hier gar nichts flie\u00dfen, die Zahlenreihen soll b\u00fcrokratisch in Ordnung bleiben. Dadurch sind sie im Gegensatz zu Sprache oder Schrift aber nicht mehr in der Lage Ambivalenzen zu erfassen. Dies wird mit der Metapher des Datenflusses verschleiert.<\/p>\n<p>Die Metapher kann so aber auch dazu genutzt werden, das in ihr benannte Ausgeschlossene aufzufinden. ((20))<\/p>\n<p>Ein konkretes Beispiel f\u00fcr die Anwendung in den Naturwissenschaften k\u00f6nnte das Aufgreifen der Textmetapher in der Genetik bilden. Ein Text ist ansich etwas h\u00f6chst uneideutiges, fluides, kontextabh\u00e4ngiges, die Beutung ist immer eine Frage der Interpretation. Eine Ausweitung und Radikalisierung der Textmetapher f\u00fcr die Genetik w\u00fcrde die Uneindeutigkeit, die Nichtfestlegung durch Gene fassen.<\/p>\n<p>Wie bei einem Text w\u00fcrde dann klarwerden, da\u00df auch Gene unterschiedliche Auslegungsm\u00f6glichkeiten bieten, und je nach Umfeld v\u00f6llig unterschiedliche, bis hin zu entgegengesetzten, Bedeutungen erhalten. Denn wie bei einem Text ist die Bedeutung der Gene abh\u00e4ngig von der Niederschrift (Art und Weise der Entstehung), der AutorIn (dem angenommenem Umfeld beim Entstehen und dem realem Umfeld), dem Kontext (der Umwelt und gesellschaftlichen Zust\u00e4nde), und der Lesenden (z.B. vom psychischen Befinden).<\/p>\n<p>All diese Dinge sind aber weder vollst\u00e4ndig bekannt noch in sich eindeutig oder fest sondern flie\u00dfend. Entsprechend ist die Bedeutung des Gens im Flu\u00df.<\/p>\n<p>Dies w\u00fcrde auch f\u00fcr Viren und \u00c4hnliches gelten.<\/p>\n<p>Damit k\u00e4men wir zu einer ganz anderen Medizin, die zum Beispiel (sozial)rassistische Vereindeutigungen von vornherein ausschlie\u00dfen w\u00fcrde. Theraphien m\u00fc\u00dften dann statt auf Ausmerzung einzelner Buchstaben vielmehr auf die Kontexttualit\u00e4t gerichtet sein. Z.B. k\u00f6nnte Krebs so, statt als b\u00f6sartige &#8218;Entartung&#8216;, als falsche Interpretation durch die Zelle aufgefa\u00dft werden. Die Zellen m\u00fc\u00dften dann eine Interpretationshilfe erhalten. Dies w\u00e4re aber ein ganz anderer Theraphieansatz als der heute mit Chemotheraphie usw. praktizierte &#8211; d.h. der Ausrottung abweichender Zellen, entsprechend eines klassisch eugenischen auf die Zellen bezogenen Blicks.<\/p>\n<p>All dies und vieles mehr kann Ausgangspunkt einer anarchistisch-feministischen Naturwissenschaftstheorie und -praxis sein &#8211; auch ganz konkret. Nun fragt ihr vielleicht; &#8222;Was ist anarchistisch-feministisch an Kristallisationsprozessen oder der Agregation von Schleimpilzen? &#8211; bzw. was ist sexistisch, kapitalistisch daran?&#8220;<\/p>\n<p>Zum Beispiel die vortheoretische Annahme, es m\u00fc\u00dfte Mastermolek\u00fcle ((21)) geben, die das Geschehen bestimmen. Zum Beispiel die vortheoretische Annahme, es g\u00e4be Gesetze. Zum Beispiel die vortheoretische Annahme, dies lie\u00dfe sich in Strukturen bin\u00e4rer Logik fa\u00dfen, und der &#8218;Rest&#8216; w\u00e4re vernachl\u00e4ssigbar. Zum Beispiel die Ausgrenzung der Ausnahmen, die Zurichtung der Empirie. Usw.<\/p>\n<p><em>Es geht um das Ausgegrenzte &#8211; keine Grenzen &#8211; nie &#8211; nich &#8211; nirgends! Freiheit f\u00fcr die Wichtel!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Und sie mischten zusammen, was nicht zusammen geh\u00f6rt. Um die Wichtel zu wecken. Die Wichtel, die \u00fcberall die Dinge in ihrem Innersten bestimmen, die unberechenbar, meist das unerwartete tun, nur um sich dann wieder auf die faule Haut zu legen. Abertausende von Wichteln, unbestimmbar und durcheinanderwuselnd, nicht zu trennen. 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