{"id":4991,"date":"2002-10-01T00:00:18","date_gmt":"2002-09-30T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4991"},"modified":"2022-07-26T14:15:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:15","slug":"was-tun-fur-eine-widerstandige-wissenschaftspraxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/was-tun-fur-eine-widerstandige-wissenschaftspraxis\/","title":{"rendered":"Was tun &#8211; F\u00fcr eine widerst\u00e4ndige Wissenschaftspraxis"},"content":{"rendered":"<p>An den Universit\u00e4ten in Deutschland wurden in den letzten 25 Jahren trotz des Widerstandes der StudentInnen die Disziplinarstrukturen und eine autorit\u00e4tsgl\u00e4ubige Ausrichtung der Wissenschaften vor allem in den Natur- und Technikwissenschaften wieder massiv versch\u00e4rft. Wissenschaft im Sinne einer selbstst\u00e4ndigen kritischen Aneignung und Hinterfragung findet in diesen Bereichen praktisch nicht mehr statt, einfach weil im Korsett der Scheine und Pr\u00fcfungen f\u00fcr eigenes Denken und Tr\u00e4umen keine Luft mehr vorhanden ist.<\/p>\n<p>Aber auch im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich werden Ans\u00e4tze kritischer Wissenschaft durch die systhematische Unterfinanzierung von Bereichen, die sich kritischen Wissenschaftans\u00e4tzen verpflichtet f\u00fchlen, zunehmend zerst\u00f6rt. Seit mehr als zwei Jahrzehnten kommt es im Gegensatz zu den 70er Jahren zu einer immer st\u00e4rkeren Ausrichtung der Wissenschaften an den herrschenden Interessen.<\/p>\n<p>Zwei Beispiele f\u00fcr diese Entwicklung sind:<\/p>\n<ul>\n<li><strong><strong>Die massive Zunahme von Klausuren, Kurztestaten, Anwesenheitslisten und Multiple Choice Tests in fast allen Studieng\u00e4ngen.<\/strong><\/strong><br \/>\nDas Lernen f\u00fcr Klausuren und Scheine bestimmt heute weitestgehend die inhaltliche Arbeit der StudentInnen. F\u00fcr eine Besch\u00e4ftigung mit nicht klausurrelevanten Themen ist keine Zeit. An den Hochschulen kommt es vor allem in den Natur- und Technikwissenschaften zu einer Militarisierung der &#8218;wissenschaftlichen&#8216; Ausbildung. Zuerst wird durch praktisch kaum zu bew\u00e4ltigende Anforderungen die Pers\u00f6nlichkeitsstruktur der StudentInnen zerbrochen um sodann aus diesen Scherben den\/die Nachwuchs&#8217;wissenschaftlerIn&#8216; zu formen. Die F\u00e4higkeit der StudentInnen zum eigenst\u00e4ndigen Denken wird zerst\u00f6rt, die Ausdrucksf\u00e4higkeit verarmt.<\/li>\n<li><strong><strong>Der soziale Druck auf StudentInnen schnell zu studieren und sich damit den Disziplinarstrukturen ohne Ausweichm\u00f6glichkeit auszuliefern hat massiv zugenommen.<\/strong><\/strong><br \/>\nLange Studienzeiten sind angesichts der Verregelung heutiger Studieng\u00e4nge die einzige verbliebene M\u00f6glichkeit sich \u00fcberhaupt noch Freir\u00e4ume zu schaffen sei es, um ein Kind zu betreuen, um die Wissenschaft kritisch zu hinterfragen, politisch sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen, zu Reisen, oder andere Interessen\/Notwendigkeiten mit dem Studium in \u00dcbereinklang zu bringen.StudentInnen die ihr Studium selbstbestimmt gestalten und Veranstaltung gestreut \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum besuchen sind aber unerw\u00fcnscht. Eigenst\u00e4ndiges Denken und Handeln wird so in der Universit\u00e4t zum St\u00f6rfaktor erkl\u00e4rt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Liste der Beispiele f\u00fcr die Versch\u00e4rfung der Studienbedingungen und Einf\u00fchrung disziplinatorischer Regime lie\u00dfe sich leider fast beliebig fortf\u00fchren;<\/p>\n<ul>\n<li>Kriminalisierung politisch aktiver AStEn im Rahmen von Verfahren wegen Wahrnehmung eines politischen Mandats,<\/li>\n<li>Gleichschaltung der Hochschulen unter Federf\u00fchrung der bayrischen Landesregierung in den 80er Jahren mit dem Argument der Vergleichbarkeit von Abschl\u00fcssen,<\/li>\n<li>Zerschlagung der letzten Reste von Reformstudieng\u00e4ngen in den 80er Jahren,<\/li>\n<li>Immer weitergehende Ausrichtung des Hochschulrahmen- gesetzes an Interressen internationaler Konzerne (European Round table of Industrials),<\/li>\n<li>usw.<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr einzelne StudentInnen und kleinere Gruppen gibt es zunehmend weniger legale M\u00f6glichkeiten sich dieser Repression zu entziehen. Unter diese Vorraussetzung kann es Sinn machen sich mit anderen StudentInnen zusammenzutun und auch illegale M\u00f6glichkeiten zu nutzen &#8211; seien es ganz triviale Abschreibezirkel, sei es die F\u00e4lschung von Scheinen oder Zeugnissen, oder das Schreiben von Klausuren f\u00fcr andere mit falschen Ausweispapieren, die Nutzung von Kontackten zu progressiven DozentInnen, u.a.. Beachtet werden sollte aber, ob Risiko und Aufwand Sinn machen.<\/p>\n<p>Nur auch an der Universit\u00e4t gilt f\u00fcr das; &#8222;Bildet Banden und werdet kriminell!&#8220;, da\u00df die kriminelle Praxis nicht au\u00dferhalb des herrschenden Systems liegt. Im gewissen Sinn spiegelt das Kriminelle die herrschende legale Praxis, nur leicht vedreht, wieder. Denn diejenigen, die Klausuren f\u00e4lschen, legen ja nach wie vor Wert darauf in den systhemimmanenten Ma\u00dfst\u00e4ben Anerkennung zu finden. Sie reproduzieren also auf dieser Ebene durchaus das herrschende Wertesystem und damit auch die bestehenden Strukturen.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von solchen widerst\u00e4ndigen Praxen in der Hochschule ist es deshalb \u00fcberf\u00e4llig au\u00dferhalb eigene linksradikale Wissenschaftsstrukturen zu schaffen. Der Arbeitskreis &#8222;Alternative Naturwissenschaften &#8211; Naturwissenschaftliche Alternativen&#8220; (kurz: AK-ANNA) ist 2000 genau aus dieser Motivation heraus gegr\u00fcndet worden. Diese Zeitung will ein Teil der Ideen und Diskussionnen aus diesem Arbeitskreis und anderen Zusammenh\u00e4ngen innerhalb linker Strukturen zug\u00e4nglich machen.<\/p>\n<h3>Der AK-ANNA<\/h3>\n<p>Der Arbeitskreis hat sich gegr\u00fcndet ausgehend von der These, da\u00df es eine andere, freie Gesellschaft nicht geben wird ohne eine andere als die herr-schende Naturwissenschaft, da Naturwissenschaft Teil der Herr-schaftspraxis ist. Feministische Kritikerinnen (C. Merchant, E.F. Keller, E. Scheich, Ch. Kumbruck, u.a.) haben die Zusammenh\u00e4nge detailliert aufgezeigt, alternative Ans\u00e4tze gibt es aber kaum. Technologien wie Gentechnik, Computertechnik und Atomtechnik haben Teil an Ausbeutung, Sexismus, Rassismus und Kapitalismus.<\/p>\n<p>F\u00fcr Einzelne, die \u00fcber &#8218;Alternative Naturwissenschaften &#8211; naturwissenschaftliche Alternativen&#8216; nachdenken, fehlt vielfach die M\u00f6glichkeit sich mit anderen auszutauschen, die eigenen Ideen zu hinterfragen und sie zusammen weiterzuentwickeln. Naturwissenschaft als revolution\u00e4re Praxis, die subversiv nicht den Atomstaat durch Solarkapitalismus oder Cyberparlamentarismus ersetzt, sondern mit der naturwissenschaftlichen Theorie und Praxis das System unterminiert, ist f\u00fcr die meisten undenkbar. Eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr die Diskussion solcher, \u00fcber die bestehende affirmative Kritik hinausgehenden, Ans\u00e4tze und einen Austausch von Erfahrungen zu schaffen, hat sich der Arbeitkreis zur Aufgabe gesetzt. Auch heute haben wir uns nicht sehr weit von diesen Anf\u00e4ngen entfernt. Vieles ist nach wie vor mehr ein Fragen, Suchen und Diskutieren &#8211; Antworten haben wir nur vorl\u00e4ufige. Und in erster Linie haben wir uns bisher mit der Kritik befa\u00dft.<\/p>\n<p>Nach wie vor sind deshalb Alle, die in diesem abweichenden Sinn nachdenken, was ausprobieren, theoretisieren, was tun, zu unseren Treffen eingeladen. Die Treffen sind zuerst auch einmal eine M\u00f6glichkeit andere NaturwissenschaftlerInnen kennen zulernen, die eine \u00e4hnliche Kritik haben und sich \u00fcber die Kritik auszutauschen, und die unterschiedlicher Ans\u00e4tze der TeilnehmerInnen zu diskutieren.<\/p>\n<p>Der bundesweite Arbeitskreis trifft sich ca. 1\/4 j\u00e4hrlich in Lutter am Barenberge und besteht \u00fcberwiegend aus StudentInnen der Naturwissenschaften aus mittleren Semestern. Au\u00dferdem gibt es noch einen Arbeitskreis in Berlin, der aus StudentInnen aber auch aus WissenschaftlerInnen, die zum Teil bereits ihre Dissertation abgeschlossen haben, und nach anderen Perspektiven suchen, besteht.<\/p>\n<p>Gr\u00fc\u00dfe &#8211; vielleicht auf bald!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An den Universit\u00e4ten in Deutschland wurden in den letzten 25 Jahren trotz des Widerstandes der StudentInnen die Disziplinarstrukturen und eine autorit\u00e4tsgl\u00e4ubige Ausrichtung der Wissenschaften vor allem in den Natur- und Technikwissenschaften wieder massiv versch\u00e4rft. 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