{"id":4993,"date":"2002-10-01T00:00:45","date_gmt":"2002-09-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4993"},"modified":"2022-07-26T14:15:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:15","slug":"feministische-naturwissenschaftskritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/feministische-naturwissenschaftskritik\/","title":{"rendered":"Feministische Naturwissenschaftskritik"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Text gibt einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber einige grundlegende Ans\u00e4tze der feministischen Naturwissenschaftskritik. Er ist aber mehr als Hinweis zum Weiterlesen, als Hinweis auf interessante Literatur, gedacht und ist keine detailierte Darstellung. Die hier genannte Literatur ist an vielen Stellen in die Texte dieser Zeitung eingeflossen. Und die Texte bildeten f\u00fcr uns den Ausgangspunkt und die Grundlage der Diskussion in den Arbeitskreisen aus denen dieses Zeitungsprojekt resultiert.<\/p>\n<p>Die wichtigsten grundlegenden Ans\u00e4tze, die in der feministischen Naturwissenschaftskritik zum Tragen kommen, lassen sich an Hand der Texte von f\u00fcnf Autorinnen Carolyn Merchant, Luce Irigaray, Evelyn-Fox Keller, Elvira Scheich und Donna Haraway darstellen.<\/p>\n<p><strong>Carolyn Merchant<\/strong> zeigt in <strong><em>&#8218;Der Tod der Natur&#8216;<\/em><\/strong> anhand der sexuellen Metaphern, die in der Beschreibung der Natur und in den Naturwissenschaften zu finden sind, auf wie, die Natur mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaft und parallel zu anderen gesellschaftlichen Entwicklungen (Abwertung der Position von Frauen\/ Fr\u00fchkapitalismus \/ u.a.) die Reduktion der Natur zum Objekt der Naturwissenschaften betreibt, und wie, dies, aufgrund der Gleichsetzung von Frau und Natur, mit der \u00dcbertragung patriarchal gepr\u00e4gter m\u00e4nnlicher Vorstellungen von Heterosexualit\u00e4t auf den Erkenntnisprozess zusammenh\u00e4ngt. Das Buch ist sehr Quellenreich und gleichzeitig leicht zu lesen.<\/p>\n<p><strong>Luce Irigaray<\/strong> ist eine feministische Theoretikerin und Psychoanlytikerin. Ihre Kritik wendet sich nicht prim\u00e4r auf die Naturwissenschaften sondern gegen die erkenntnistheoretischen Grundlagen unseres Denkens. Ausgehend von einer Platon-, Freud- und Lacan-Kritik f\u00fchrt sie in ihrem Buch <strong><em>&#8218;Speculum&#8216;<\/em><\/strong> und in der Textsammlung <strong><em>&#8218;Das Geschlecht das nicht eins ist&#8216;<\/em><\/strong> mit einer radikalisierten literarischen Praxis aus, welche impliziten geschlechtsspezifischen Setzungen dem Denken in der Moderne unbewu\u00dft zu Grunde liegen. Sie l\u00e4\u00dft dabei durch eine zugespitzte Zitierweise die Originaltexte (Platon, Lacan, Freud) selbst sprechen.<\/p>\n<p><strong>Evelyn-Fox Keller<\/strong> f\u00fchrt, mit dem psychoanalytischen Ansatz der Objektbeziehungstheorie, die assoziative Gleichsetzung der kognitiven Haltung der Objektivierung mit dem M\u00e4nnlichen, auf die fr\u00fchkindliche Subjektentwicklung zur\u00fcck. Die Subjektkonstitution des m\u00e4nnlichen Kleinkindes erfolgt durch Ausgrenzung, durch die Reduktion von Frau und Natur auf Objekthaftigkeit. Sie zeigt auf wie, sich dies in die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften im 16. und 17. Jahrhundert einschreibt und bis heute fortwirkt. Als Alternative fordert sie die klaren Grenzziehungen zwischen dem forschenden Subjekt und den Objekten aufzugeben. Einen Ankn\u00fcpfungspunkt bietet f\u00fcr sie die alchemistische Naturwissenschaft. Dies alles beschreibt sie in ihren fr\u00fchen Texten im Buch<strong> <em>&#8218;Liebe, Macht und Erkenntnis&#8216;<\/em><\/strong>, in neueren Texten ist sie leider in einen konvetionellen Wissenschaftsduktus zur\u00fcckgefallen.<\/p>\n<p><strong>Elvira Scheich<\/strong> weist auf, wie die Struktur des Geschlechterverh\u00e4ltnisses, insbesondere der Trennung von Reproduktion und Produktion, in die Naturwissenschaften eingelassen ist, und zeigt in diesem Zusammenhang, wie Logiken von einem Bereich der Gesellschaft in andere \u00fcbetragen werden (z.B. Warentauschlogiken in die Physik). Ausf\u00fchrlich dargestellt hat sie dies in ihrer Dissertation <strong><em>Naturbeherrschung und Weiblichkeit<\/em><\/strong>.<\/p>\n<p><strong>Donna Haraway<\/strong> geht von dem Verst\u00e4ndnis aus, naturwissenschaftliche Texte als Erz\u00e4hlungen zu begreifen, die ebenso wie andere Erz\u00e4hlungen eine Wahrheit konstruieren. Auf der einen Seite geht es ihr darum, die in die Erz\u00e4hlung eingeflossenen patriarchalen oder sonstigen Stereotype aufzuzeigen, und auf der anderen Seite, will sie den \u00dcberschu\u00df der ihrer Meinung nach in diesen Erz\u00e4hlungen steckt gegen die bestehenden strukturellen Machtverh\u00e4ltnisse wenden. Sie geht dabei als Marxistin davon aus, da\u00df die Produktivkr\u00e4fte (also in ihrem Fall die Naturwissenschaften, insbesondere die Genetik und Informationstechnologie) einen \u00dcberschu\u00df enthalten, der letztendlich zum Sprengen der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse verwandt werden kann. Sie spricht sich deshalb f\u00fcr die Cyborgisierung der Gesellschaft aus, da sie hofft, da\u00df die enstehenden Mischwesen, Monstren, Chim\u00e4ren das humanistische m\u00e4nnliche Subjektkonzept unterminieren. Grundlegende Texte von ihr in diesem Sinn sind <strong><em>&#8218;Das Manifest f\u00fcr Cyborgs&#8216;<\/em><\/strong> und der Text <strong><em>&#8218;Anspruchsloser Zeuge@ Zweites Jahrtausend. FrauMannc trifft OncoMaus\u00e4&#8216;<\/em><\/strong> .<\/p>\n<p>Die hier genannten f\u00fcnf Autorinnen lie\u00dfen sich durch eine gro\u00dfe Zahl weiterer Autorinnen erg\u00e4nzen, die in vielen einzelnen Fachgebieten der Naturwissenschaften Detailkritiken formuliert haben. Falls Ihr hier weiteres wissen wollt empfehle ich als Einstieg zwei \u00e4ltere Zeitschriftenver\u00f6ffentlichungen zum Thema und zwar die <strong>beitr\u00e4ge zur feministischen theorie und praxis Band 12 <em>&#8218;Alltag Technik Magie<\/em>&#8218;<\/strong> und die <strong>Feministischen Studien 1\/1985<\/strong> <strong><em>Naturwissenschaftlerinnen Einmischung statt Ausgrenzung<\/em><\/strong>.<\/p>\n<p>Aktuelle Informationen k\u00f6nnt Ihr immer in der Zeitschrift <strong>KORYPH\u00c4E<\/strong>, in der Schriftenreihe von <strong>NUT<\/strong> (Frauen in Naturwissenschaft und Technik in Berlin) oder \u00fcber die Sammelb\u00e4nde der Beitr\u00e4ge der j\u00e4hrlich stattfindenden Konferenzen f\u00fcr Frauen in Naturwissenschaft und Technik <strong>FINUT <\/strong>bekommen. Auch in der Zeitschrift <strong>Forum Wissenschaft<\/strong> des Bundes demokratischer WissenschaftlerInnen finden sich sporadisch interessante Hinweise und Artikel. In Deutschland hat auch Elvira Scheich eine Reihe interessanter B\u00fccher mit Beitr\u00e4gen unterschiedlicher AutorInnen publiziert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text gibt einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber einige grundlegende Ans\u00e4tze der feministischen Naturwissenschaftskritik. Er ist aber mehr als Hinweis zum Weiterlesen, als Hinweis auf interessante Literatur, gedacht und ist keine detailierte Darstellung. Die hier genannte Literatur ist an vielen Stellen in die Texte dieser Zeitung eingeflossen. 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