{"id":4995,"date":"2002-10-01T00:00:16","date_gmt":"2002-09-30T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4995"},"modified":"2022-07-26T14:16:44","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:44","slug":"der-bodensatz-der-suppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/der-bodensatz-der-suppe\/","title":{"rendered":"Der Bodensatz der Suppe"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8218;Aufr\u00fchrerisch<br \/>\n<\/em><em>brachten sie den Tisch unter dem Topf ins Wanken<br \/>\n<\/em><em>&#8211;<br \/>\n<\/em><em>der Naturwissenschaftler konnte es nicht verhindern<br \/>\n<\/em><em>also entschlo\u00df er sich, es zu ignorierten<\/em>,<br \/>\n<em>und verschluckte sich tapfer<br \/>\n<\/em><em>an den nun oben schwimmenden Brocken.&#8216;<\/em><\/p>\n<p>Ausgangspunkt ist die Kritik. Die Kritik einer naturwissenschaftlichen erkenntnistheoretischen Theorie und Praxis, in der die NaturwissenschaftlerInnen \u00fcber kein kritisches Instrumentarium verf\u00fcgen, \u00fcber keinen Ansatz der auf die eigene Theorie und Praxis gewandten Kritik. NaturwissenschaftlerInnen, denen ihre erkenntnistheoretische Praxis unbewu\u00dft ist, und die sich bei Kritik auf einen naiven Standpunkt der unwissenden &#8218;Unschuld&#8216; zur\u00fcckziehen, oder diesen Standpunkt und ihre &#8218;Unschuld&#8216; sogar agressiv verteidigen &#8211; als h\u00e4tten ihre Forschungsans\u00e4tze und empirischen Praxen keine politischen Implikationen, als w\u00fcrden sie nicht ihre subjektiven Weltbilder in ihre Forschung hineinlegen, um sie dann dort ganz \u00fcberraschend wiederzuentdecken.<\/p>\n<p>Wobei ich die \u00dcberraschung durchaus f\u00fcr glaubw\u00fcrdig halte, da ich ja gerade von der Unbewu\u00dftheit dieser Handlungen ausgehe und davon, da\u00df die eigenen subjektiven Setzungen im Foschungsproze\u00df nicht beachtet werden. Nur bez\u00fcglich der Inhalte ihrer Forschung, z.B. bestimmte Technologien (Waffen, Atomenergie, u.a.) zu entwickeln, sind NaturwissenschaftlerInnen heute \u00e4u\u00dferstenfalls bereit die Interesseneinfl\u00fcsse zuzugeben, aber bez\u00fcglich der Methodik stellen sie sich selbst als Erf\u00fcllungsgehilfen einer Naturgesetzlichkeit dar; &#8211; Wie Gott durch die Propheten sprach, spricht nun die Natur durch die NaturwissenschaftlerInnen. Dabei waren in prophetischen Texten zumindest noch unterschiedliche Auslegungen der Gleichnisse angelegt, im Gegensatz zum Totalitarismus der einen eindeutigen richtigen Lesart naturwissenschaftlicher Texte.<\/p>\n<p>Die feministische Naturwissenschaftskritikerin Donna Haraway fa\u00dft dieses Sprechen im Namen der Natur in der Metapher des <em>&#8218;Anspruchslosen Zeugen&#8216;<\/em> ((1)), als die sich NaturwissenschaftlerInnen darstellen w\u00fcrden, einer Zeugnisschaft in der das Subjekt scheinbar ganz zur\u00fccktritt.<\/p>\n<p>Schaue ich mir also die konkrete empirische Praxis, in der sich die Natur den NaturwissenschaftlerInnen offenbart, an, z.B. die statistische Empirie, am Beispiel des Rauchens.<\/p>\n<p>Allgemein wird der Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs als gesichert angenommen, bei Frauen insbesondere im Zusammenhang mit Brustkrebs. F\u00fcr die europ\u00e4ische Durchschnittsb\u00fcrgerin gilt, da\u00df sich mit Rauchen die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung erh\u00f6ht.Nun tritt aber in China das Ph\u00e4nomen auf, da\u00df dort bei gleichem Rauchverhalten wesentlich geringere Brustkrebsraten auftreten. Dies bedeutet, da\u00df es offensichtlich nicht das Rauchen alleine ist, welches den Krebs ausl\u00f6st. Wenn nun aber andere Faktoren bewirken, da\u00df Rauchen gar nicht diese Auswirkung hat, kann ich dann \u00fcberhaupt davon sprechen, da\u00df Rauchen die Ursache des Krebs ist? In einer multikausalen Kette ist es beliebig welche Faktoren ich als relevant bezeichne, wenn ich die anderen fest lasse. Wenn ein Staudamm \u00fcberl\u00e4uft, war er vielleicht zu niedrig, oder es hat zu stark geregnet, oder es wurden zu viele Fl\u00fcsse begradigt, oder zu viele W\u00e4lder abgeholzt, oder zuviel B\u00f6den versiegelt, oder es wurde nicht rechtzeitig genug Wasser abgelassen, oder .. .<\/p>\n<p>Welche Faktoren ich als nat\u00fcrlich und fest ansehe, z.B. bzgl. Krebs; europ\u00e4ische Lebensmittel mit vielf\u00e4ltigen gesundheitsgef\u00e4hrdenden Zusatzstoffen, niedrigenergetische Strahlung, Luftverschmutzung, Arbeitsbelastung usw., h\u00e4ngt von der Interessenlage ab, die ich vertrete, und von der Art der Faktoren selbst. Denn nicht alle Faktoren sind me\u00dftechnisch erfa\u00dfbar. So kann ich relativ einfach erheben ob KrebspatientInnen geraucht haben, oder welche genetische Dispositionen sie haben, zu erheben welche Lebensmittelzusatzstoffe sie in welchen Mengen zu sich genommen haben, ist aber praktisch unm\u00f6glich.W\u00fcrde z.B. Krebs wesentlich durch geringe Dosierungen bestimmter Lebensmittelzus\u00e4tze \u00fcber einen Zeitraum mehrerer Jahrzehnte ausgel\u00f6st, so w\u00fcrde dies nicht erfa\u00dft werden k\u00f6nnen. Bei einer Reihe weiterer Faktoren gilt dies ebenfalls. Sagen l\u00e4\u00dft sich, da\u00df Rauchen unter den normalerweise gegebenen Lebensbedingungen in Europa Krebs erheblich beg\u00fcnstigt. Das ist aber genauso, wie die Rede von den D\u00e4mmen die zu niedrig sind, wenn mann \u00fcber \u00d6kologie, Industriewachstum, Tourismus u.a. nicht reden will. Die statistische Wissenschaft f\u00fchrt so strukturell zur \u00dcberbewertung all der Faktoren, die sich einfach dem Untersuchungsgegenstand zuordnen lassen, und das sind insbesondere eben auch genetische Faktoren und das Rauchen. Au\u00dferdem flie\u00dfen in jede Statistik durch die Entscheidungen, welche Faktoren als fest (nicht beachtenswert) und welche als variabel angesehen werden sollen, Interessen und, durch die \u00dcbernahme der Auffasungen von Normalit\u00e4t, der Subjektstandpunkt, \u00c4ngste und Wertungen mit ein. Das Problem liegt darin, da\u00df dies geschieht ohne da\u00df sich WissenschaftlerInnen ihre Motivationen klar machen. Wieweit h\u00e4ngt z.B. die starke Fokussierung der Krankheitsforschung auf das Rauchen mit \u00c4ngsten vor oralen Befriedigungen, mit unbewu\u00dften Verkn\u00fcpfungen des Rauchens mit dem Verwerflichen und Schmutzigen einer protestantischen lust- und leibfeindlichen Ethik zusammen?<\/p>\n<p>Statistiken l\u00fcgen nicht, vielmehr produzieren sie Wahrheit. Eine Wahrheit, die an den Interessen und Voreingenommenheiten, der NaturwissenschaftlerInnen, bzw. ihrer AuftraggeberInnen, ausgerichtet ist und bestimmte Faktoren strukturell bevorzugt.<\/p>\n<p>Um dies aufzul\u00f6sen br\u00e4uchte ich eine Empirie, die die subjektiven Setzungen kritisch hinterfragt, und die dar\u00fcberhinaus in der Lage ist, die strukturellen Vorannahmen in Frage zu stellen. Also eine Empirie, die in ihrer Praxis auch die Wirkung hegemonialer Diskurse und der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse auf die Forschung, nicht nur inhaltlich sondern auch methodisch reflektiert, eine Praxis, die die qualitativen Zusammenh\u00e4nge aufr\u00fchrt. Dies setzt aber eine kritische Theorie voraus, die die gro\u00dfteils implizite gesellschaftliche und psychologische Wahrheitsproduktion \u00fcberhaupt in der Lage ist in Frage zu stellen. Eine Theorie, die z.B. Metaphern, wie <em>&#8218;die Geb\u00e4rmutter als dunkel dr\u00e4uender Ort&#8216;<\/em> ((2)), die von Naturwissenschaftlern in popul\u00e4rwissenschaftlichen Texten ge\u00e4u\u00dfert werden, deuten kann, und in der Lage ist den Zusammenhang aufzudecken, zwischen der hier deutlich werdenden Angst des m\u00e4nnlichen Subjekts und dem allgemeinem Subjekt-Objekt Verh\u00e4ltnis, wie es in der Empirie konstruiert wird. Dieses Problem der Produkion von Wahrheit ist dabei nicht nur ein Problem statistischer Empirie auch die klassische Ursache -Wirkungskorrelation wird prim\u00e4r aufgrund von Ausschl\u00fcssen aller m\u00f6glich &#8218;St\u00f6r&#8217;faktoren erzeugt.<\/p>\n<p>Ein konkretes Beispiel ist die psychiatrische Genetik (immerhin ein Bereich der mit mehreren hundert Millionen weltweit j\u00e4hrlich gepusht wird). Nat\u00fcrlich kann ich einer MolekularbiologIn nicht auf der Ebene ihres Faches widersprechen, wenn sie meint, spezifische Korrelationen irgendwelcher Enzyme oder wei\u00df ich was z.B. mit dem Borderline Syndrom (psychische &#8218;Erkrankung&#8216; mit starker N\u00e4he zur Schizophrenie ((3))) festgestellt zu haben. Nur steht sie ebenso im Wald, wenn ich ihr mit der Lacanschen Psychoanalytischen Theorie Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze liefere. Wir k\u00f6nnen uns dann gegenseitig unser Fachvokabular an den Kopf schmei\u00dfen und gegenseitig feststellen, da\u00df unsere Theraphieans\u00e4tze beide nicht besonders erfolgreich sind, nur: &#8211; Eine Entscheidung zwischen diesen Ans\u00e4tzen ist auf der Basis innerwissenschaftlicher Argumente nicht m\u00f6glich. Dies gilt schon deshalb, weil die meisten menschlichen Erkrankungen multikausale, komplex ineinandergreifende Ausgangspunkte haben. Auch hier gilt wieder: Welche dieser Ausgangspunkte ich zu Ursachen definiere und, welche ich als Normalzustand nicht weiter betrachte, ist letztendlich wissenschaftliche Willk\u00fcr. Welche molekularbiologischen Abweichungen vom Durchschnitt halte ich f\u00fcr normal?<\/p>\n<p>Das Problem geht sogar noch dar\u00fcber hinaus, n\u00e4mlich um die Frage, ob die Fragestellung \u00fcberhaupt einen Sinn macht, bzw. welchen Sinn &#8211; das hei\u00dft in diesem Fall, ob es sowas wie Borderline als &#8218;Krankheit&#8216; \u00fcberhaupt gibt? Nehme ich ein anderes Beispiel, und nehme an, ich w\u00fcrde den Sauerstoffgehalt der Luft soweit reduzieren, da\u00df nur Menschen \u00fcberleben k\u00f6nnten, die mindestens 98% der durchschnittlichen Lungenkapazit\u00e4t haben. W\u00e4re es dann richtig zu sagen, da\u00df der Rest der Menschen deshalb stirbt, weil sie krank sind, weil ihre Lungenkapazit\u00e4t geringer als 98% ist? Gerade im Fall von Borderline ist es h\u00f6chst umstritten hier von Krankheit \u00fcberhaupt zu reden. Aus Teilen der Antipsychiatriebewegung w\u00fcrde hier wohl eher von Normabweichung und widerst\u00e4ndigem Handeln die Rede sein. Es gibt Kulturen, die das, was wir als Borderlinesyndrom kennen, nicht als Krankheit kennen, da sie eine andere Subjektkonstitution haben, bzw. mit Abweichungen anders umgehen.<\/p>\n<p>All diese empirischen &#8218;Ergebnisse&#8216; sind auch politische Entscheidungen, bzw. Ergebnisse der Wechselwirkung komplexer Diskurse und der Gesellschaft mit den Naturwissenschaften.<\/p>\n<p>Und dies gilt nicht nur f\u00fcr Biologie und Medizin auch die Physik und ihre Empirie kann sich diesen Fragen nicht entziehen. Bereits in den 30er Jahren des 20ten Jahrhunderts forderte der franz\u00f6sische Philosoph Gaston Bachelard eine Analyse naturwissenschaftlicher Begriffe, d.h. die kritische Hinterfragung der Begriffsgeschichte, der unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Kontexte, die sich in Begriffen wie Masse, Energie u.a. im Laufe der Jahrhunderte abgelagert haben. Am Beispiel des Massebegriffs verdeutlichte er, wie festgefahrene Vorstellungen ein umfassenderes Begreifen in der Physik immer wieder behindern &#8211; bis hin zur Moderne und den Schwierigkeiten im Sinne Diracs eine negative Masse zu denken. Ausgangspunkt waren f\u00fcr ihn die Erfahrungen der Umbr\u00fcche in der Physik der 30er Jahre ((4)). Und eine solche historische Analyse von Begriffen m\u00fc\u00dfte erg\u00e4nzt werden um ein psychoanalytische Analyse der mit ihnen verbundenen Metaphern und der Hinterfragung ihrer Einbettung in Herrschaft. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray f\u00fchrt in ihrem, in anderen Texten dieser Zeitung schon genannten, Aufsatz <em>&#8218;Die Mechanik des Fl\u00fcssigen&#8216; <\/em>((5)) z.B. einige der Zusammenh\u00e4nge zwischen einer Logik des nur Festen in der Physik, des Ausschlusses von Frauen und der m\u00e4nnlichern Subjektkonstitution aus.<\/p>\n<p>Das Argument, das wissenschaftshistorisch betrachtet, im Experiment, durch das Experiment, Fragestellungen immer wieder verschoben worden w\u00e4ren, d.h., da\u00df in Experimenten Unerwartetes zu Tage tritt, und das deshalb von einer Konstruktion der Wahrheit keine Rede sein k\u00f6nnte, \u00fcbersieht, da\u00df Konstruktionen immer auf einer Materialit\u00e4t basieren, die sie \u00fcberformen. D.h. die NaturwissenschaftlerInnen erz\u00e4hlen nicht irgendwelche frei erfundenen Geschichten, sondern durch die empirische Praxis wird die Realit\u00e4t\/Materialit\u00e4t passend f\u00fcr die herrschenden Diskurse\/die eigene Anschaung zurechtgebogen. Gerade diese Subsumtion einer widerst\u00e4ndigen Materialit\u00e4t unter eine herrschende Praxis, unter vorherrschende Diskurse, ist die eigentliche herrschaftsaffirmative Leistung der Naturwissenschaften. Zwar besitzt die Materialit\u00e4t\/Realit\u00e4t eine gewisse Tr\u00e4gheit, d.h. sie ist nicht beliebig formbar, insofern kommt es auch zu einer Umstrukturierung der Diskurse und Anschauungen, aber es gibt doch mmer beliebig viele M\u00f6glichkeiten sie zu interpretieren. Keine empirische Praxis kommt ohne Setzungen aus deren Infragestellung auch zur Infragestellung der Ergebnisse f\u00fchren. Dar\u00fcberhinaus mu\u00df das Unerwartete, das im Experiment zu Tage tritt nicht unbedingt der Materialit\u00e4t des Untersuchungsgegenstandes geschuldet sein, es kann sich bei diesem Unerwartetem auch um das Unbewu\u00dfte, die unbewu\u00dften vorab von den NaturwissenschaftlerInnen hineingelegten Vorstellungen handeln, die nun ent-deckt werden. Klassische Beispiele hierf\u00fcr lassen sich z.B. in der Tierverhaltensforschung finden. Da entdecken dann Forscher ganz &#8218;\u00fcberraschend&#8216; genau die ihrer Zeit entsprechenden sozialen Verhaltensstereotype ((6)) auch wieder in der Tierwelt. Ein anderes Beispiel ist die &#8218;\u00fcberraschende&#8216; Feststellung, da\u00df Erbinformation als Text aufgefasst werden kann, dabei wurde diese Vorstellung von vornherein in diese Theorie hineinkonstruiert.<\/p>\n<p>NaturwissenschaftlerInnen d\u00fcrften zunehmend die hier angesprochenen Probleme bewu\u00dft sein, trotzdem verweigern sich die meisten einer Weiterentwicklung der empirischen Theorie und Praxis. Dies h\u00e4ngt einmal vermutlich mit einer Subjektkonstitution von NaturwissenschaftlerInnern zusammen, in der sie h\u00e4ufig ihre Arbeit gerade als Fluchtm\u00f6glichkeit vor den Ungewi\u00dfheiten bewu\u00dfter Subjektivit\u00e4t nutzen, und nun zu Recht f\u00fcrchten, da\u00df es bald vorbei sein k\u00f6nnte mit der Einfachheit, Eindeutigkeit und Subjektunabh\u00e4ngigkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnis, und dies ist au\u00dferdem wohl auf die Verwertungsbedingungen naturwissenschaftlichen Wissens im Kapitalismus zur\u00fcckzuf\u00fchren, der nun mal quantitative, algorytmisierbare, strukturell der Warentauschlogik angen\u00e4herte Erkenntnisse f\u00fcr eine Inwertsetzung ben\u00f6tigt. Eine Weiterentwicklung naturwissenschaftlicher Empirie hin zu einer qualitativen Forschung, die die Herrschaftsbeziehungen, die Subjekt-Objektbeziehung, und die impliziten Setzungen mit in ihre Untersuchungen einbezieht, und damit auch sich kritisch auf sich selbst zur\u00fcckwendet wird nur gegen diese Widerst\u00e4nde durchzusetzen sein. &#8211; Wie k\u00f6nnte eine solche Forschung nun konkret aussehen?<\/p>\n<p>Teilen der SozialwissenschaftlerInnen sind diese Probleme einer wissenschaftlichen Empirie bald 100 Jahre bewu\u00dft. So gibt es in den Sozialwissenschaften auch schon mehr als ein halbes Jahrhundert der Entwicklung qualitativer Forschungans\u00e4tze, z.B. die <strong>ethnomethodologischen Forschungsans\u00e4tze<\/strong> oder den von Frigga Haug in den 70er Jahren in Anlehnung an die kritische Psychologie entwickelten Ansatz der <strong>Kollektiven Erinnerungsarbeit<\/strong> ((7)). Auch die <strong>Psychoanalytische Theorie und Praxis<\/strong> stellt eine Praxis qualitativer Empirie dar. Zum Teil wurden diese Ans\u00e4tze im Zusammenhang mit feministischer Forschung gerade in den letzten Jahrzehnten noch einmal erheblich weiterentwickelt. Die Frage stellt sich inwieweit diese Forschungsans\u00e4tze strukturell auf eine Qualitative Empirie der Naturwissenschaften \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Natur als Forschungsbereich der Naturwissenschaften und Kultur, Individuum und Gesellschaft als Forschungsbereich der Sozialwissenschaften sind strukturell zu unterscheiden, ich kann also im Allgemeinen Ans\u00e4tze, die ich am konkreten Forschungsbereich entwickelt habe, nicht einfach von der einen Wissenschaft zur anderen \u00fcbertragen, oder umgekehrt. Die Soziobiologie mit ihrer Reproduktion rassistischer und sexistischer Klischees bis hin zur Mitt\u00e4terschaft im Nationalsozialismus basiert vor allem auf einer solchen Ignoranz der Differenz von Natur und Kultur.<\/p>\n<p>Bei den oben genannten qualitativen Forschungspraxen geht es aber nicht prim\u00e4r um Praxen, die am Forschungsbereich entwickelt wurden, sondern um Praxen, die vor allem die Subjekt-Objekt Dialektik der Forschungspraxis zum immanenten Bestandteil dieser Praxis machen. D.h. die qualitativen Forschungsans\u00e4tze sind Versuche das Subjekt des Forschungsprozesses, also die WissenschaftlerInnen, und ihre Eingebundenheit in Herrschaftspraxen und Dominanzdiskurse zu thematisieren. Die Subjekte der Forschung, die WissenschaftlerInnen, kommen aber in Sozial- und Naturwissenschaften aus den selben gesellschaftlichen Hintergr\u00fcnden (bis hin zur Schichtspezifik) und ihre Einbindung in Diskurse und Herrschaftspraxen unterscheidet sich auch nur partiell. Die in den Sozialwissenschaften entwickelten Praxen einer qualitativen Sozialforschung m\u00fc\u00dften in diesem Sinn auf eine qualitative naturwissenschaftliche Empirie \u00fcbertragbar sein. Ziel ist dabei eine naturwissenschaftliche Praxis die sich ihres eigenen Standpunkt klar und bewu\u00dft ist. Eine, wie es die feministischen Theoretikerin Donna Haraway unter Bezug auf Sandra Harding formuliert, verortete Praxis bzw. starke Positionalit\u00e4t. Naturwissenschaftliche Theorie und Praxis beinhaltet immer auch<em> eine Wahl zwischen verschiedenen Lebensweisen und Weltauffassungen. <\/em>Naturwissenschaft ist<em>handeln, begrenzt und schmutzig, nicht transzendent und sauber. Wissensproduzierende Technologien, einschlie\u00dflich der Modellierung von Subjektpositionen und der Wege der Besetzung solcher Positionen, m\u00fcssen <\/em>deshalb<em> immer wieder sichtbar und offen f\u00fcr kritische Eingriffe gemacht werden.&#8216;<\/em> ((8))<em> &#8211; <\/em>Schaue ich mir die oben genannten drei Beispiele qualitativer Forschungspraxis in diesem Sinn an.<\/p>\n<h3>Psychoanalytische Theorie und Praxis<\/h3>\n<p>Der Einbezug psychonalytischer Kenntnisse in die Forschung bedeutet den Versuch die Formierung der Fragestellungen, der Wahrnehmungen und der Theorie durch das Unbewu\u00dfte der forschenden (Natur)WissenschaftlerIn aufzudecken und damit eine Hinterfragung m\u00f6glich zu machen, um so z.B. zu neuen empirischen Ans\u00e4tzen kommen. Ausgangspunkt sind dabei psychoanalytische Theorieans\u00e4tze die eine kritische Theorie des Subjektes und der Subjekt-Objekt Beziehung entwickeln. Eine Theoretikerin f\u00fcr die das gilt ist z.B. Regine Becker-Schmidt. In ihrem Text <em>&#8218;Die Gottesanbeterin &#8211; Wunschbilder und Alptr\u00e4ume am Computer&#8216;<\/em> ((9)) f\u00fchrt sie z.B. Thesen zum Zusammenhang von Technologieentwicklung, \u00c4ngsten, die aus der fr\u00fchkindlichen Subjektgenese in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft herr\u00fchren, und Bildern, mit denen die Technik beschrieben wird, aus. Der Text gibt ein Beispiel daf\u00fcr, wie eine Analyse naturwissenschaftlicher Forschung aussehen k\u00f6nnte. Im Text werden Bilder und Metaphern aber auch die affektive Wirkung der Technologie untersucht.<\/p>\n<p>Ein wesentliches Moment psychoanalytischer Erkenntnispraxis beruht auf dem Wissen um die Strukturen von \u00dcbertragung und Gegen\u00fcbertragung. Das beschreibt, da\u00df die Analyse dazu f\u00fchren kann, da\u00df die PatientIn die AnalytikerIn z.B. mit der Vaterfigur identifiziert und sich in ihrem Verhalten in der Analyse auf diese Weise ihr Verh\u00e4ltnis zum Vater abbildet, dadurch kann dieses Verh\u00e4ltniss aufgearbeitzet werden, in dem die PsychoanalytikerIn dies analysiert, ohne die zugewiesene Funktion zu \u00fcbernehmen. Dazu mu\u00df sie\/er sich selbst auch Analysen unterziehen. Formen der \u00dcbertragung gibt es aber auch in der objektbezogenen Forschung der Naturwissenschaften. Zu fordern ist damit, da\u00df sich auch NaturwissenschaftlerInnen regelm\u00e4\u00dfig befragen lassen auf ihre impliziten \u00dcbertragungen. Ein Ausgangspunkt der Analyse kann hier die Untersuchung von Metaphern (Datenflu\u00df\/virgin cells\/u.a.) und mythischer Aufladungen (unendliche Energiequellen\/ewiges Leben\/Leben machen\/u.a.) im allt\u00e4glichen Reden von NaturwissenschaftlerInnen und ihres Bedeutungs\u00fcberschusses, ihres impliziten, aus der psychoanalytischen Theorie bekannten Inhaltes sein.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr eine solche Anwendung psychoanalytischer Kentnisse f\u00fchrt die Wissenschaftshistorikerin Maria Osietzki aus ((10)). Sie analysiert die Entwicklung der Begriffe von Kraft und Energie in der Physik des 19. Jahrhunderts und in den M\u00e4nnlichkeitsdiskursen dieser Zeit. Sie zeigt dabei auf, wie das Aufkommen des zweiten Hauptsatzes der Themodynamik, also die Vorstellung vom dauernden Verlust nutzbarer Energie (Entropie &#8211; W\u00e4rmetod), mit einer Krise der m\u00e4nnlichen Potenzvorstellung einhergeht. Eine Kopplung, die nicht bei wenigen Ingenieuren zu erheblichen Anstrengungen zur \u00dcberwindung dieses entropischen Verlustes f\u00fchrte &#8211; wobei eine Linie gezogen werden kann vom Versuch des Baus eines Perpetuum Mobilee \u00fcber die Kybernetik bis hin zur modern Informationstechnologie, in der der Traum einer verlustfreien Existenz auf Dauer heute seinen Ausdruck findet. Ein Einbezug dieser unbewu\u00dften Vorstrukturierung k\u00f6nnte damit nicht nur in der Thermodynamik zu neuen Forschungsans\u00e4tzen f\u00fchren sondern auch in der Informatik.<\/p>\n<p>Ein anderes und sehr offensichtliches Beispiel f\u00fcr den Einflu\u00df des Unbewu\u00dften auf die Forschung ist die schon genannte in der Gen- und Reproduktionstechnologie aufzufindende Metapher von <em>&#8218;der Geb\u00e4rmutter als dunkel dr\u00e4uendem Ort&#8216;<\/em> ((11)), und die in ihr sich \u00e4u\u00dfernden \u00c4ngste vor der Geb\u00e4hrpotenz von Frauen und \u00c4ngsten, die aus der fr\u00fchkindlichen Subjektentwicklung herr\u00fchren, da wird die Geb\u00e4hrmutter zum Risikoumfeld f\u00fcr <em>&#8218;das Kind&#8216;<\/em>, das zu diesem Zeitpunkt als eigenst\u00e4ndiges Subjekt \u00fcberhaupt erst durch die medizinischen (Bild)Technologien produziert wird, ((12)) usw.. In den Forschungsans\u00e4tzen f\u00fchrt dies zu einem starken \u00dcberhang an Kontrolltechnologien und zur Unf\u00e4higkeit Mutter und Kind als komplexe und in sich differente Einheit zu begreifen. ForscherInnen, die diese unbewu\u00dften \u00c4ngste reflektieren und au\u00dfer Kraft setzen w\u00fcrden, w\u00fcrden zweifelsohne zu anderen Fragestellungen und einer anderen Empirie kommen.<\/p>\n<p>Aufgrund der mit diesen naturwissenschaftlichen Setzungen einhergehenden Repression gegen Frauen ist auch aus anarchistisch feministischer Sicht eine andere Forschungspraxis \u00fcberf\u00e4llig.<\/p>\n<p>Insgesamt gilt, da\u00df die Strukturierung der naturwissenschaftlichen Praxis durch das Unbewu\u00dfte der NaturwissenschaftlerInnen ein wesentlicher Proze\u00df ist der zur Reproduktion der bestehenden Herrschaftsverh\u00e4ltnisse durch die Naturwissenschaften beitr\u00e4gt, da hier unbewu\u00dft die herrschende Gesetzlichkeit, d.h. die allgemeing\u00fcltigen normativen Setzungen dieser Gesellschaft, der naturwissenschaftlichen Empirie unterlegt und in die Theorie eingeschrieben wird. Die psychoanalytische Theorie und Praxis zeigt sich also als wichtiges Erkenntnismittel auch in der naturwissenschaftlichen Empirie und der darin eingehenden Subjekt-Objekt-Beziehungen.<\/p>\n<h3>Kollektive Erinnerungsarbeit<\/h3>\n<p>Auch die Praxis der Kollektiven Erinnerungsarbeit kann in diesem Sinn als Mittel der Analyse des Prozesses der Einschreibung der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse in die Forschungspraxis durch das Subjekt aufgegriffen werden.<\/p>\n<p>Die Praxis der Kollektiven Erinnerungsarbeit ist eine Methode zur Analyse von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen in Alltagspraxen. Und eben als eine solche Alltagspraxis fasse ich auch die Forschungspraxis auf. Ausgangspunkt sind Geschichten \u00fcber kurze Erlebnissequenzen zu einem bestimmten Thema, z.B. zu Thema Haare, die von einzelnen TeilnehmerInnen der forschenden Gruppe geschrieben werden, und von allen TeilnehmerInnen der forschenden Gruppe zusammen durchgesprochen und dann von der Erz\u00e4hlerin \u00fcberarbeitet werden, um sie erneut kritisch zu hinterfragen. Dieser Ablauf wird mehrmals wiederholt. Die Analyse in der Gruppe geht dabei von einer vorhergehenden Besch\u00e4ftigung mit kritisch theoretischen Texten zum Thema aus. Ziel ist es, die Auslassungen im Text zu f\u00fcllen und so die impliziten aber meist nicht mit- oder nur unvollst\u00e4ndig ber\u00fccksichtigten allgemeinen gesellschaftlichen Hintergr\u00fcnde und allt\u00e4glichen Gewalt- und Herrschaftspraxen aufzudecken. Die Frage richtet sich also auf das Allgemeine im Besonderen und die Art und Weise, wie es sich im Einzelfall in die Verh\u00e4ltnisse einschreibt, wie also z.B. im Beispiel Haare, sich im Umgang und der Belegung dieses Themas, partriarchale Verh\u00e4ltnisse und geschlechtliche Stereotype in allt\u00e4glichen Situationen einschreiben, und auch, wie sie die Autorin einschreibt oder ausl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Begreifen wir das empirische Script eines naturwissenschaftlichen Versuches in \u00e4hnlicher Weise, wie die genannten Einzelerz\u00e4hlungen, als eine Erz\u00e4hlung, geschrieben von der den Versuch durchf\u00fchrenden WissenschaftlerIn (oder einer Gruppe von WissenschaftlerInnen), eine Erz\u00e4hlung, die durchaus konkrete Erfahrung wiederspiegelt, gleichzeitig aber gerade in ihren Randbereichen und ihren Auslassungen auch hegemoniale Stereotype und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse reproduziert, dann k\u00f6nnte die kritische Hinterfragung auf diese Auslassungen und Stereotype ein Schritt zu der oben unter Rekurs auf Harding benannten starken Positionalit\u00e4t in den Naturwissenschaften sein.<\/p>\n<p>Voraussetzung f\u00fcr eine solche Praxis ist aber die vorhergehende Auseinandersetzung mit einer kritischen politisch psychologischen Theorie naturwissenschaftlicher Erkenntnispraxis &#8211; die fundiertesten Ans\u00e4tz sind zur Zeit in der feministischen Theorie zu finden -, um \u00fcberhaupt einen Ausgangspunkt f\u00fcr die Bearbeitung des Empiriescriptes zu haben. Nur mit einer Theorie, die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und Machtdiskurse aufdeckt, macht dies einen Sinn, denn nur dann k\u00f6nnen die durch die herrschenden Verh\u00e4ltnisse oder eigene Interessen eingeschriebenen Setzungen thematisiert werden. Dabei geht es darum sich die Setzungen bewu\u00dft zu machen und sich nicht selbst weiter in einem Stadium unwissender &#8218;Unschuld&#8216; zu halten, also darum, eine Entscheidung f\u00fcr oder gegen spezifische Einschreibungen mit ihren politischen, subjektiven und Machtwirkungen zu treffen. Auch hier m\u00fc\u00dfte die Praxis wechseln zwischen kritischer Durcharbeitung des Empiriescriptes und einer sich daraus ergebenden sich \u00e4ndernden empirischen Praxis. Nat\u00fcrlich kann es hier nur um Theorieans\u00e4tze gehen, die auch in der Lage sind eine Subjekt-Objekt-Dialektik zu fassen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel, in dem eine Anwendung der Methodik der Kollektiven Erinnerungsarbeit in der Empirie interessant sein k\u00f6nnte, w\u00e4re die von Elvira Scheich in ihrem Text <em>&#8218;Was h\u00e4lt die Welt im Schwung&#8216;<\/em> ((13)) ausgef\u00fchrte \u00dcbertragung der Logiken, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zur Anwendung kommen (im Fall der Impetustheorie der \u00dcbernahme von Begriffen und logischen Prinzipien aus der Sph\u00e4re des Fr\u00fchkapitalismus). Es w\u00e4re interessant zu schauen, zu welchen empirischen Ans\u00e4tzen ich komme, wenn ich die Empiriescripte und z.B. auch wieder den Massebegriff unter diesem Gesichtspunkt hinterfrage und andere Logiken einbeziehe. An diesem Beispiel wird aber auch ein Problem alternativer Naturwissenschaft deutlich; Die hegemoniale herrschende naturwissenschaftliche Empirie und Theorie gewinnt ihre Glaubw\u00fcrdigkeit und auch \u00fcberhaupt ihre Verst\u00e4ndlichkeit wesentlich durch ihre Anschlu\u00dff\u00e4higkeit an andere bereits bestehende Diskurse. Au\u00dferdem gew\u00e4hrleistet die Anschlu\u00dff\u00e4higkeit z.B. an die kapitalistische Logik auch die Verwertbarkeit der Ergebnisse der Forschung. Qualitative Forschungsergebnisse la\u00dfen sich z.B. nur sehr schwer in Geldwert umsetzen.<\/p>\n<p>Eine alternative Naturwissenschaft bedarf also der Einbindung in einen Zusammenhang alternativer politischer und gesellschaftlicher Theorie und Praxis, alternative Naturwissenschaft macht nur Sinn als Teil eines politischen alternativen Ansatzes, auch in diesem Sinn beziehe ich mich auf die anarchistischer Theorie und Praxis.<\/p>\n<h3>Der ethnomethodologische Ansatz<\/h3>\n<p>Der ethnometodologische Ansatz beruht darauf, den Effekt der Verfremdung zu nutzen um selbstverst\u00e4ndlich Erscheinendes hinterfragen zu k\u00f6nnen. Dabei wird von der WissenschaftlerIn nicht nur die ethnologische fremde Gruppe analysiert, sondern auch das eigene Verhalten und die eigene Gesellschaft neu, aus der, durch das Leben in einer fremden Gesellschaft, verfremdeten Pespektive, bzgl. ihrer Setzungen hinterfragt. Das hei\u00dft Ausgangspunkt f\u00fcr die kritische Forschungspraxis ist hier die Ver-r\u00fcckung des forschenden Subjekts in der Praxis und die Analyse der sich daraus ergebenden Br\u00fcche und Widerspr\u00fcche in der Erfahrung. Ausf\u00fchrliche Beispiele gibt es hier z.B. aus dem Bereich der Forschungen \u00fcber Sexualit\u00e4t und Geschlecht ((14)). Die Forschung richtet sich also in beide Richtungen, und damit auch explizit auf das forschende Subjekt selbst, f\u00fcr das aus der Forschungspraxis eine Dezentrierung bzgl. bisheriger Normen und Wahrheiten folgt. Es betrachtet sich selbst aus einer ver-r\u00fcckten Perspektive als Ver-r\u00fccktes. Die Hinterfragung der eigenen Perspektive f\u00fchrt dabei zwangsl\u00e4ufig auch zu einer \u00c4nderung der Fragestellungen und der Forschung, die wiederum zu weiteren Infragestellungen der eigenen Anschauung und Wirklichkeit f\u00fchrt. Der Ansatz besteht also darin, das Unbekannte als Teil der eigenen Subjektposition, als Teil der eigenen Anschauung, zuzulassen. &#8211; \u00dcberraschung! &#8211; Nichts hassen NaturwissenschaftlerInnen wahrscheinlich mehr &#8211; wollen sie doch, zumindest f\u00fcr sich selbst, berechenbar bleiben.<\/p>\n<p>Diese F\u00e4higkeit zur Lust auf das \u00dcberraschende, das Unbekannte, gilt es in die naturwissenschaftliche Alltagspraxis zu integrieren. Dabei kann die Forschungpraxis der Ethnologie nicht einfach \u00fcbernommen werden, denn ihr Ausgangspunkt ist die Fremdheit des Gegen\u00fcber bei gleichzeitigem Interesse &#8211; also eine Lust auf das Fremde &#8211; aus der heraus Menschen am Ende des 20. Jahrhunders bzw. zu Beginn des 21. Jahrhunderts ja gerade die Ethnologie als ihren Forschungsansatz w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Die meisten NaturwissenschaftlerInnen suchen in der Natur aber nicht nach Verunsicherung, die Natur ist f\u00fcr NaturwissenschaftlerInnen vielmehr Garant einer verl\u00e4sslichen Gesetzlichkeit. Notwendig sind also Mittel, die sowohl das Fremde in der Natur betonen, und es gleichzeitig mit dem eigenen Unbekannten lustvoll in Zusammenhang bringen. Um darauf eine analytisch kritische empirische Praxis aufzubauen, die mir erm\u00f6glicht, durch das Begreifen des eigenen Unbekannten, auch das Fremde in der Natur zu begreifen, oder umgekehrt.<\/p>\n<p>Ein Zeitpunkt zu dem sich Menschen in diesem Sinn, wenn auch in in ganz anderer Weise als in der Ethnologie, der Natur n\u00e4hern ist der spielerische Umgang mit Natur in der Kindheit &#8211; wichtig ist hierf\u00fcr aber die F\u00e4higkeit sich auch selbst in diesem Spiel wandeln zu k\u00f6nnen &#8211; ein \u00dcberflu\u00df an M\u00f6glichkeiten. Dieser \u00dcberflu\u00df hat seine Quelle im Flie\u00dfen der Begriffe, ihren unentschiedenen Bedeutungsm\u00f6glichkeiten und in der Vermischung von Nichtzusammengeh\u00f6rendem &#8211; z.B. im Kinderspiel, in der noch nicht gelingenden Unterordnung des Anschauens und Begreifens unter die Norm &#8211; . Die Kinder sind in diesem Sinn noch keine b\u00fcrgerlichen Subjekte &#8211; dem Flu\u00df der Begriffe entspricht ein fluides Subjekt &#8211; . Die Frage ist, wie lie\u00dfe sich dies auf die Naturwissenschaft \u00fcbertragen und mit einer analytisch kritischen Praxis in Zusammenhang bringen.<\/p>\n<p>Eine lustvolle M\u00f6glichkeit f\u00fcr mich als NaturwissenschaftlerIn zu einer Praxis der Entfremdung mir selbst als NaturwissenschaftlerIn gegen\u00fcber zu kommen und zu einem fluiden Subjekt, zu fl\u00fcssigeren und das hei\u00dft f\u00fcr Alternativen offeneren Begrifflichkeiten, ist der Einbezug anderer Begreifensweisen der Natur, z.B. die Integration literarischer Praxen, oder eigener Alltagswahrnehmung. Also die Integration von Praxen und Anschauungen, die nicht in die Naturwissenschaften geh\u00f6ren, eine unlautere Vermischung. Wieso sollten in einer konkreten empirischen Beobachtungspraxis nicht verschiedene textuelle Beschreibungspraxen zu Wort kommen &#8211; literarische &#8211; klassisch wissenschaftliche &#8211; lyrische. Um sie dann zusammen zu diskutieren in ihren jeweiligen aufeinander verweisenden oder widersprechenden Bedeutungsgehalten, und daraus die weitere Empirie anzur\u00fchren. Das hei\u00dft die klaren Unterscheidungen fallen zu lassen, aber gerade dadurch zu einer Hintefragung zu kommen und nicht auf diesem Wege aus der Literatur oder dem Alltag die gleichen alten banalen Klischees zu reproduzieren, die ja gerade in den Naturwissenschaften au\u00dfer Kraft gesetzt werden sollen. Das setzt den Bezug auf literarische Praxen voraus, die radikal in ihrer \u00c4sthetik auf sich selbst reflektieren (wie z.B. DaDa, Surealismus, ..) und diese Stereotype au\u00dfer Kraft setzen, ein R\u00fcckbezug auf klassische Erz\u00e4hlstrukturen w\u00fcrde nur weitere Stereotype hinzuf\u00fcgen, z.B. &#8218;das Natursch\u00f6ne&#8216; usw..<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr eine kritische Praxis in diesem Sinn liefert Luce Irigaray in dem schon genannten Text <em>&#8218;Die Mechanik des Fl\u00fcssigen&#8216;<\/em>. In einem Spiel mit der Metapher des Fl\u00fcssigen nutzt sie die Vieldeutigkeiten um den Begriff auch in der Physik \u00fcber seine formale Bedeutung hinaus auszudehnen. Ein anderes Beispiel, zwar nicht aus den Naturwissenschaften, aber aus der wissenschaftlichen psychoanalytischen Theorie, der gleichen Autorin, ist ihr Text <em>&#8218;Speculum&#8216;<\/em> in dem sie Freud gegen Freud zu Worte kommen l\u00e4\u00dft. In einer virtuosen textuellen Praxis wendet sie Freudzitate so das ihr impliziter (patriarchaler) Inhalt aufgedeckt wird.<\/p>\n<p>F\u00fcr aller drei Ans\u00e4tze aus den Sozialwissenschaften ergeben sich also interessante M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine \u00dcbertragung dieser qualitativen Methoden in die Naturwissenschaften. In den Sozialwissenschaften gibt es eine ganze Reihe weiterer qualitativer Forschungsans\u00e4tze, die wahrscheinlich weitere interessante Perspektiven f\u00fcr eine qualitative Empirie in den Naturwissenschaften er\u00f6ffnen k\u00f6nnen. Notwendig f\u00fcr eine konkretere Ausformulierung und Wirksamkeit ist aber die Anwendung in der naturwissenschaftlichen Praxis.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gehen diese Praxen der Ent-deckung des impliziten Textes der Naturwissenschaften nicht nur NaturwissenschaftlerInnen etwas an, und sinnvoll aus einer anarchistischen Sicht erscheint von vornherein diese Formen der Wissensproduktion auf eine breite gesellschaftliche Basis zu stellen um nicht wieder den PriesterInnen die Auslegungsbefugnis zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p><em>&#8218;Die Suppe sollte vor dem Verzehr noch einmal aufger\u00fchrt werden<br \/>\n<\/em><em>&#8211; ;<br \/>\n<\/em><em>Aufruhr und Widerstand in den Naturwissenschaften!&#8216;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8218;Aufr\u00fchrerisch brachten sie den Tisch unter dem Topf ins Wanken &#8211; der Naturwissenschaftler konnte es nicht verhindern also entschlo\u00df er sich, es zu ignorierten, und verschluckte sich tapfer an den nun oben schwimmenden Brocken.&#8216; Ausgangspunkt ist die Kritik. 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