{"id":4997,"date":"2002-10-01T00:00:22","date_gmt":"2002-09-30T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4997"},"modified":"2022-07-26T14:15:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:15","slug":"rechtsglaubige-abspaltungen-der-naturwissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/rechtsglaubige-abspaltungen-der-naturwissenschaft\/","title":{"rendered":"Recht(s)gl\u00e4ubige Abspaltungen der Naturwissenschaft"},"content":{"rendered":"<p><em>Eine Religion zeichnet sich dadurch aus, da\u00df zu ihrer Hochzeit ihre Glaubensgrunds\u00e4tze nicht als Fragen des Glaubens wahrgenommen werden, sondern als das Normale, als Grundlage jeder Sicht auf die Welt, als Tatsachen der allt\u00e4glichen Lebensrealit\u00e4t. So waren Wunder f\u00fcr das mittelalterliche Christentum nicht wunderlich, und so sind heute die Setzungen der Naturwissenschaften f\u00fcr die meisten Menschen unhintergehbare Realit\u00e4t. Und die Religion ist ein Kompedium des Wissens, eine Sammlung sinnvoller Regeln, die es den Menschen erm\u00f6glichen sich in der Alltagsrealit\u00e4t zu orientieren (Z.B. verdirbt Schweinefleich sehr viel leichter als anderes Fleisch &#8211; in hei\u00dfen L\u00e4ndern hat es deshalb Sinn gemacht ohne K\u00fchltechnik auf Schwein zu verzichten.).<\/em><\/p>\n<p>Die Naturwissenschaft ist in diesem Sinn die Religion der Moderne, wie an der Bemerkung in der Klammer zu sehen ist..<\/p>\n<p>Als Anarchist bin ich gegen jede Religion, gegen die dogmatischen Festlegungen, gegen die Versuche zu bestimmen, was ein Mensch ist, wie sie (bzw. er) zu sein hat, und wie sie (bzw. er) zu handeln hat &#8211; auch im Namen der Natur. Ich denke mich frei und f\u00fchle mich gerade darum verantwortlich f\u00fcr mein Handeln. Keine Notwendigkeit und keine Entschuldigung f\u00fcr Rassismus, Faschismus, Kapitalismus, Sexismus &#8211; &#8222;Niemand kann Dich zwingen, ein Arschloch zu sein!&#8220;<\/p>\n<p>Anarchie hei\u00dft f\u00fcr mich, anstatt zu glauben, die Dinge kritisch zu hinterfragen &#8211; mit einer Kritik, die nichts als heilig setzt, einer Kritik, die ein Unhinterfragbares an sich, aus sich heraus ablehnt, einer Kritik, die sich auch selbst in den Blickpunkt nimmt und so ihre Theoriepraxis immer wieder von neuem aufnimmt &#8211; auch und gerade bezogen auf die Naturwissenschaft.<\/p>\n<p>Nun gibt es in jeder Kirche Erneuerungsbewegungen und abweichende Sekten auch in den Naturwissenschaften. Um eine solche Kritik geht es dabei aber in der Regel nicht. Wie anderen Sekten und Erneuerungsbewegungen geht es auch diesen Zusammenh\u00e4ngen meist nicht um den Sturz des Gottesstaates, sondern um seine Aufrichtung in noch &#8217;sch\u00f6neren&#8216; Glanz. Und einmal an der Macht sind sie meist noch totalit\u00e4rer, als es die Staatskirche vor ihnen war. Glauben doch ihre Stadthalterinnen und Stadthalter an das, was sie predigen wirklich, und sind deshalb um so unerbittlicher und erbarmungsloser.<\/p>\n<p>Leider sind auch viele sich als &#8222;alternativ&#8220; verstehende Zusammenh\u00e4nge und Personen im Bereich der Naturwissenschaften genau dieser Form sektiererischer Heilsbewegungen zuzuordnen. Auch und gerade aus der Position einer fundierten Ablehnung der naturwissenschaftlichen Staatskirche aus anarchistischer Sicht ist eine Kritik dieser Gruppen zwingend notwendig. Denn als Anarchist kann es mir wohl kaum darum gehen, eine Religion durch eine andere auszutauschen, die Normierungsgewalt der bestehenden Naturwissenschaften durch die Gewalt einer, sich erst zur Religion noch machen m\u00fcssenden und darum um so blutiger regierenden, neuen naturwissenschaftlichen Glaubensrichtung zu ersetzen.<\/p>\n<p>Und leider sind die totalit\u00e4ren Tr\u00e4ume eines Rudolf Bahro von der \u00d6kodiktatur nicht die Ausnahme.<\/p>\n<p>&#8218;Alternative&#8216; Naturwissenschaftsans\u00e4tze, KritikerInnen von Technologie sind nicht automatisch Verb\u00fcndete einer anarchistischen gesellschafts- und naturwissenschaftskritischen Position. Das mangelnde genaue Hinsehen und Abkl\u00e4ren mit wem und was f\u00fcr politischen Vorstellungen ich es zu tun habe, z.B. in B\u00fcndnissen gegen Atomenergie oder Elektrosmog, weist auch auf die mangelnde eigene Auseinandersetzung mit der politischen Herkunft bestimmter Natur- und Gesundheitsvorstellungen hin. Bereits vor Jahren wurde aus der Kr\u00fcppelInnenbewegung eine sehr klare Kritik an der Antiatombewegung und ihrem Umgang mit Begriffen wie &#8218;Mi\u00dfbildung&#8216; und &#8218;Mutation&#8216; formuliert.<\/p>\n<p>Ich sollte an mich selbst und an Gruppen im Bereich &#8218;alternativer&#8216; Naturwissenschaften\/\u00d6kologie, mit denen ich zusammenarbeite, deshalb einige Fragen stellen.<\/p>\n<p>Zum Beispiel, um einen ersten Eindruck zu gewinnen, Fragen zu den politischen Zusammenh\u00e4ngen; Wer tr\u00e4gt den Zusammenhang in dem ich mitarbeite, bzw. mit dem ich zusammenarbeite? Was machen diese Person sonst? Was haben sie ansonsten publiziert? F\u00fcr welche politischen Richtungen stehen sie? Mit wem arbeiten sie zusammen? Wie sind diese Gruppen und Personen einzusch\u00e4tzen? Wie\/Wer finanziert dies?<\/p>\n<p>Auch naturwissenschaftliches Wissen wird interessengebunden produziert. Bei der Gen- oder Atomtechnik ist dies den meisten noch sofort einleuchtend aber dies gilt auch f\u00fcr &#8218;alternative&#8216; Ans\u00e4tze. In der \u00d6kologie werden z.B. h\u00e4ufig Versatzst\u00fccke eingebaut, auf die schon der Faschismus zur\u00fcckgegriffen hat, indem gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse naturalisiert werden. Da ist dann z.B. die Rede von \u00dcberbev\u00f6lkerung um politisch Probleme zu &#8218;erkl\u00e4ren&#8216; oder es wird von &#8218;kranken Gesellschaftsk\u00f6rpern&#8216; geschrieben, und damit ein medizinischer Begriff auf das Soziale und Politisch-Gesellschaftliche ausgeweitet, das Soziale und Politische also negiert, usw.<\/p>\n<p>Als Anarchist fordere ich hingegen die (Re)Politisierung des Apolitischen, das Politische und Private nicht getrennt zu denken, antisexistische, antirassistische Politik im Alltagshandeln in der allt\u00e4glichen auch naturwissenschaftlichen Praxis und die Dinge im Zusammenhang zu sehen, da die unterschiedlichen Gewalt- und Machtverh\u00e4ltnisse nur zusammen zu bek\u00e4mpfen sind. D.h. ich fordere auch einen anderen Begriff des Politischen ein, der statt autorit\u00e4re, parteipoltisch-parlamentaristische Strukturen zu st\u00fctzen, auf die allt\u00e4gliche bewu\u00dfte selbstbestimmte Entscheidung einer\/eines jeden im Alltag setzt. Z.B. in einer Gesellschaft, in der 20 Stunden von jeder\/jedem f\u00fcr die Reproduktionsarbeit aufgewendet werden mu\u00df, und ansonsten frei von mir selbst bestimmt wird, was ich tue, sei es Wissenschaft, Kunst, Schlafen Kiffen, oder was auch immer.<\/p>\n<p>Dann macht es aber keinen Sinn mich mit z.B. ElektrosmoggegnerInnen zusammenzutun, die wiederum kein Problem darin sehen mit FaschistInnen zusammenzuarbeiten, und die einer Apolitisierung Vorschub leisten. Und insofern macht es durchaus Sinn genauer hinzugucken, wen Gruppen als Kooperationspartner angeben, wer Mitglied ist, Ehrenmitglied. Und wenn darunter FaschistInnen oder faschistischen Ideen nahestehende Organisationen (wie z.B. der WSL oder die Nachfolgeorganisation der Deutsche Bund zur Rettung des Lebens, u.a. siehe einschl\u00e4gige ANTIFA-Infos) sind, ist dies zumindest ein Hinweis auf die Ignoranz gegen\u00fcber diesem Problem.<\/p>\n<p>Diese Form trivialisierter personalisierter politischer Analyse ist aber nur sehr oberfl\u00e4chlich, wichtiger ist das Abkl\u00e4ren inhaltlicher Fragen, und dies gilt f\u00fcr alle Zusammenh\u00e4nge, insbesondere auch f\u00fcr die eigenen. Die Stereotype auf die der Faschismus zur\u00fcckgegriffen hat sind sehr viel \u00e4lter und grundlegender in den Naturwissenschaften verankert. Deshalb mu\u00df ich mich auch selbst fragen; Nutze ich komplexe Theorieans\u00e4tze, die multikausale Zusammenh\u00e4nge, ideologische Setzungen und politischgesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse reflektieren, oder werden Theorien in vereinfachter Form dargestellt? Bediene ich banale Klischees? Werden Patentl\u00f6sungen feilgeboten? Gibt es eine dargestellte Form kritischer Selbstreflektion \u00fcber die eigene TheoriePraxis oder werden Erkenntnisse mit tieferen Einsichten oder \u00e4hnlichen Religionsversatzst\u00fccken begr\u00fcndet?<\/p>\n<p>Die Ausbreitung banaler Klischees, wie z.B. Stereotypen \u00fcber das Geschlechterverh\u00e4ltnis, Mutterschaft, aber auch \u00fcber die Natur, als w\u00e4re unser Naturverh\u00e4ltnis nicht immer schon ein politisch gemachtes, sind typisch f\u00fcr faschistische und rechte politische Praxen. Sie bilden zum nicht unbetr\u00e4chtlichen Teil ihre Basis. Mit ihrer \u00dcbernahme \u00fcbernehme ich auch Teile dieses Weltbildes.<\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Ufologie mit ihrer simplifizierenden naturalistischen Deutung von Zeichen, z.B. der Abbildung fliegender Menschen als fliegenden Au\u00dferirdischen, und damit ihrer Ausblendung eines Unbewu\u00dften, da\u00df sich in diesen Bildern manifestiert. Damit wird eine komplizierte Realit\u00e4t der Subjektgenese, eines Subjektes, da\u00df in einer Dialektik des Bewu\u00dften und Unbewu\u00dften steht, ausgeblendet.<\/p>\n<p>In diesem Sinn ist auch Theoriefeindlichkeit und der Rekurs auf Erfahrungswissen Eingeweihter eine strukturelle Grundlage rechter und faschistischer Ideologie. Einfach wie die Erkl\u00e4rungen sind dann auch die L\u00f6sungsans\u00e4tze. &#8218;Alternative&#8216; Naturwissenschaftsans\u00e4tze, die sich auf diese Weise einer Kritik zu entziehen versuchen, weil z.B. &#8218;altersweise&#8216; Ingenieure es einfach besser zu wissen meinen, oder gar behaupten wie Scotti bei Raumschiff Enterprise die Gefahr jenseits des allgemein Erfahrbaren sp\u00fcren zu k\u00f6nnen, sei es Erdstrahlen, Elektrosmog oder Zeichen aus dem All, rekurieren auf ein Ingenieurbild, das in Deutschland durch Autoren wie Hans Dominick (faschistische ScienceFiction Jugendb\u00fccher) und Filme mit Hans Albers im Nationalsozialismus seine Bl\u00fctezeit hatte, aber lange davor existiert hat, und nach wie vor wirksam ist.<\/p>\n<p>Auf komplizierte ineinandergreifende Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, die auch in Naturwissenschaft, Technik und Medizin eingegangen sind, gibt es aber keine einfachen Antworten wie sie der blonde Hans nahelegt.<\/p>\n<p>Doch bei einigen Inhalten &#8218;alternativer&#8216; Naturwissenschafts- ans\u00e4tze wird es noch problematischer. So ist es wichtig zu schauen; Ob Verschw\u00f6rungstheorien bedient werden? Werden Probleme in einem paranoischem Konstruckt auf ein einzige Ursache zur\u00fcckgef\u00fchrt? Werden Heilserwartungen ausgesprochen?<\/p>\n<p>Angstpolitiken und Heilsversprechungen schaffen vor allem rechts autorit\u00e4ren Politiken Zulauf. Und der \u00dcbergang von Verschw\u00f6rungsphantasien bzgl. Elektrosmog oder Medikamenten hin zu den Illuminaten und zur j\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung ist ein flie\u00dfender. Die paranoische Subjektkonstrucktion ist nicht weit entfernt von der des autorit\u00e4r faschistischen Charakters, war doch auch im Nationalsozialismus die immaginierte Bedrohung Deutschlands, die immaginierte Bedrohung durch die Anderen, die Juden, Schwulen, Sinti- und Roma, Basis ihrer Ausgrenzung und brutalen Verfolgung und Ermordung.<\/p>\n<p>Schlu\u00dfendlich ist auch das Verh\u00e4ltnis zur etablierten Naturwissenschaft nicht unwichtig; Wie sind die Theorien in das Feld der etablierten Naturwissenschaften eingebunden? Welche Theorien werden aufgegriffen, z.B. Soziobiologie? Mit wem wird hier zusammengearbeitet? Wird sinnentleertes Namedropping betrieben, z.B. mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten Albert Einsteins und anderer Ber\u00fchmtheiten?<\/p>\n<p>Herrschaftsverh\u00e4ltnisse materialisieren sich historisch in den Praxen und Techniken. Dies gilt auch f\u00fcr die Naturwissenschaften. Ein Beispiel ist die Reproduktionsmedizin mit ihrer Enteignung der Frauen von der Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber ihren K\u00f6rper bis hin zum Massenmord &#8211; so starben im 19. Jahrhundert nicht wenige Frauen bei zwangsweiser Geb\u00e4rmutterentfernung durch die &#8218;moderne&#8216; Medizin. Die Angst vor der weiblichen Geb\u00e4rf\u00e4higkeit und m\u00e4nnliche Kontrollphantasien sind bis heute fest im medizinischen Blick auf den Frauenleib verankert.<\/p>\n<p>Eine &#8218;alternative&#8216; Naturwissenschaft, die von der \u00dcberzeugung ausgeht, die Naturwissenschaften w\u00e4ren gut, nur die Ausf\u00fchrenden schlecht, ist insofern nur dazu gut, diese Herrschaftsverh\u00e4ltnisse durch Neuanstrich zu konservieren. Au\u00dferdem ist der Glaube an gute Autorit\u00e4ten wohl kaum im Sinne anarchistischer Politik. Auch ausuferndes Zitieren wichtiger Ber\u00fchmtheiten weist zuerst auf Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit und nicht auf wirkliche Alternativen. Vollst\u00e4ndig untragbar wird aber dieses &#8218;alternativ&#8216; wenn unter diesem Stichwort gerade und insbesondere \u00fcberholte reduktionistische reaktion\u00e4re Naturwissenschaftsans\u00e4tze wieder aufgenommen werden. Und zum Beispiel insbesondere eine Zusammenarbeit mit soziobiologistischen Richtungen gesucht wird, oft gar noch mit der Begr\u00fcndung, diese w\u00fcrden von der etablierten Wissenschaft ausgegrenzt, obwohl die Soziobiologie gerade die ideologische Basis z.B. der Genforschung ist.<\/p>\n<p>Als Alternativ bezeichnet sich vieles. Vor einer Zusammenarbeit ist es wichtig genauer hinzuschauen, aber auch die eigenen Theorien gilt es kritisch zu hinterfragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Religion zeichnet sich dadurch aus, da\u00df zu ihrer Hochzeit ihre Glaubensgrunds\u00e4tze nicht als Fragen des Glaubens wahrgenommen werden, sondern als das Normale, als Grundlage jeder Sicht auf die Welt, als Tatsachen der allt\u00e4glichen Lebensrealit\u00e4t. 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