{"id":4999,"date":"2002-10-01T00:00:01","date_gmt":"2002-09-30T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4999"},"modified":"2022-07-26T14:16:45","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:45","slug":"physik-als-anarchistische-textpraxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/10\/physik-als-anarchistische-textpraxis\/","title":{"rendered":"Physik als anarchistische Textpraxis"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse materialisieren sich in den Produktivkr\u00e4ften.<\/em><\/p>\n<p>Das hei\u00dft ich kann vorhandene Strukturen nicht einfach f\u00fcr eine herrschaftsfreie Praxis umnutzen. Ich mu\u00df sie erst meinen Bed\u00fcrfnissen entsprechend umstrukturieren.<\/p>\n<p>Anarchistische Wohnprojekte m\u00fcssen z.B. h\u00e4ufig erst erhebliche Umbauten vornehmen um ein Haus jenseits kleinfamiliarer Lebensstrukturen bewohnbar zu machen. Die DreizimmerK\u00fccheNa\u00dfzellenStruktur wirkt hier als massive strukturelle Gewalt anderen Lebenzusammenh\u00e4ngen entgegen. Offene gro\u00dfe Wohnbereiche und gro\u00dfe K\u00fcchen mit vielr\u00e4umigen ver\u00e4nderbaren Kleinstrukrturen sind in der Wohnbebauung praktisch nicht vorhanden.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Probleme ergaben sich bei den wenigen anarchistischen Versuchen Produktionsverh\u00e4ltnisse anders zu strukturieren. Die herrschaftsf\u00f6rmigen Abl\u00e4ufe im Fabriksystem sind in die Technik eingeschrieben. Das beginnt bei so trivialen Schwierigkeiten, wie der Frage, wie ich in komplexen Produktionsabl\u00e4ufen, die Produktionsgeschwindigkeit den je unterschiedlichen Bed\u00fcrfnissen der Arbeitenden anpassen kann. Die Realit\u00e4t industrieller Produktion ist meist technisch maschinenseitig so organisiert, da\u00df die Arbeitsgeschwindigkeit von der Maschine vorgegeben wird und die Arbeitenden sich anzupassen haben. &#8211; Eine anarchistische Gesellschaft erfordert also auch den Umbau der Technologie.<\/p>\n<p>Auch die Naturwissenschaften sind in diesem Sinn durch die bestehenden Herrschaftsverh\u00e4ltnisse strukturiert, und sie strukturieren damit auch wieder die Gesellschaft entlang dieser Herschaftsverh\u00e4ltnisse. In der feministischen Naturwissenschaftskritik wurde von Autorinnen wie Elvira Scheich, Dagmar Heymann, Evelyn Fox Keller, Sara Jansen, u.a. an vielf\u00e4ltigen Beispielen dargelegt, wie sexistische Stereotype ((1)), das b\u00fcrgerliche (m\u00e4nnliche) Subjekt-Objektverh\u00e4ltnis ((2)), die Warentauschlogik ((3)), politisch-soziale Verh\u00e4ltnisse ((4)), u.a. ((5)) die Naturwissenschaften strukturieren und durch die R\u00fcckwirkung der Naturwissenschaften in die Gesellschaft die Verh\u00e4ltnisse verst\u00e4rkt bzw. reproduziert werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine anarchistische Gesellschaft brauche ich also auch eine alternative anarchistische naturwissenschaftliche Theorie und Praxis. Denn auch die Naturwissenschaften geh\u00f6ren zu den Produktivkr\u00e4ften durch die sich die Gesellschaft einschlie\u00dflich ihrer Herrschaftsverh\u00e4ltnisse reproduziert. Ich will hier einen Ansatz einer anarchistischen naturwissenschaftlichen Theorie und Praxis darstellen.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt sind f\u00fcr mich die fr\u00fchen theoretischen Texte der feministischen Philosophin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva ((6)). Kristeva formuliert in diesen fr\u00fchen Texten eine Theorie des revolution\u00e4r wirksamen Schreibens\/Lesens, einer revolution\u00e4ren Literatur\/Poesie. Das hei\u00dft diese Texte k\u00f6nnen gelesen werden als ein Ansatz f\u00fcr eine revolution\u00e4r wirksame Textpraxis, und zwar im Sinne einer Revolution, die die Grundlagen der Gesellschaft betrifft.<\/p>\n<p>Sie geht dabei davon aus, da\u00df Sprache eine der wichtigsten Strukturen ist durch die sich die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse reproduzieren.<\/p>\n<p>Deutlich l\u00e4\u00dft sich dies vielleicht am einfachsten am Beispiel machen. Z.B. wird in der Sprache und durch die Sprache die zweigeschlechtliche Realit\u00e4t reproduziert (bzw. die Sprache ist ein Teil der Verh\u00e4ltnisse die diese reproduzieren). Wenn ich nun in einem Text, z.B. die LeserIn dazu bringe, sich, zuerst mit einer weiblichen Position zu identifizieren, und dann St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in dieser Erz\u00e4hlung diese Position hin zu einer m\u00e4nnlichen verschiebe, bzw. noch radikaler die Positionierung verunklare und letztendlich in einer literarischen Textpraxis aufl\u00f6se, werde ich damit auch die Wahrnehmung der Realit\u00e4t dieser LeserIn beeinflu\u00dfen. Gleiches l\u00e4\u00dft sich f\u00fcr die Subjektkonstitution und das Subjekt-Objektverh\u00e4ltnis und viele andere &#8218;Selbstverst\u00e4ndlichkeiten&#8216; der herrschenden Verh\u00e4ltnisse durchf\u00fchren. Es kommt zu einer Verr\u00fcckung des Standpunktes der LeserIn, bzw. der Standpunkt kommt ins Flie\u00dfen.<\/p>\n<p>Nun ensteht die Bedeutung eines Textes in einem komplexen Zusammenspiel von Schreibender, der Selbstimagination der Schreibenden als AutorIn, des Textes, der Sprachstrukturen und der LeserIn.<\/p>\n<p>Geht es mir nun nicht einfach darum ein anderes dogmatisches System des &#8218;Richtigen&#8216; aufzurichten, sondern die LeserIn im Sinne einer anarchistisch revolution\u00e4ren Praxis in einen Raum der Freiheit zu stellen, mu\u00df ich, auf der einen Seite, im Text durch den Text eine \u00fcberzeugende Dekonstruktion der bestehenden Gesetzlichkeit leisten, ohne, auf der anderen Seite, eine neue aufzurichten.<\/p>\n<p>Es geht also darum, die Beutung ins Flie\u00dfen zu bringen, ohne sie erneut festzusetzen. Gleichzeitig soll aber die Praxis auch handlungspraktische M\u00f6glichkeiten erschlie\u00dfen, also nicht in Beliebigkeit versinken.<\/p>\n<p>Kristeva f\u00fchrt dazu eine Praxis aus, bei der der Text sich selbst als Ideologie, die er auch ist, ausstellt. D.h. sie fordert eine Textpraxis, die die eigenen strukturellen Setzungen mit thematisiert und so immer auch die eigene Infragestellung ist. Sie beschreibt dies unter dem Stichwort der Semiologie als Wissenschaft\/Praxis wie folgt;<\/p>\n<p><em>&#8218;Sie <\/em>[die Semiologie]<em> k\u00f6nnte auch zum Ausgangspunkt eines neuen Diskurses werden, der aus einem wissenschaftlichen Vorsatz heraus die Wissenschaftlichkeit verk\u00fcndet, indem er seine eigene Theorie in Frage stellt. Insofern als er ein zugleich kritischer und selbstkritischer Diskurs ist, der seine eigene Wissenschaftlichkeit wissenschaftlich betrachtet, m\u00fcndet er in Ideologie: <strong>Er stellt die Ideologie seiner &#8222;Gegenst\u00e4nde&#8220; und die seines eigenen Zeichenmusters in Frage und denkt sich selbst als Ideologie.<\/strong> [..]<\/em><\/p>\n<p><em>Er konstituiert sich als eine Theorie der Wissenschaft, die er selber ist:<\/em><\/p>\n<p>1) Er geht an die signifikanten Praktiken mit Mitteln heran, die ihm die wissenschaftlichen oder philosophischen Theorien liefern, die sich mit der signifikanten (zeichensetzenden) T\u00e4tigkeit befassen;<\/p>\n<p><em>2) Er verh\u00e4lt sich zu seinen eigenen Elementen (seinen Begriffen, Einheiten, Formeln) wie zu Zeichen, an denen Ideen haften, die entziffert (deren ideologische Wurzeln blo\u00dfgelegt) werden m\u00fcssen. Was seine eigene &#8222;parole&#8220; angeht, so ist er sich ihres Standortes (ihres Subjekts) und ihrer ideologischen Verwurzelung (ihrer Geschichtlichkeit) bewu\u00dft. [..]&#8216; <\/em>((7))<\/p>\n<p>Zu den strukturellen Setzungen geh\u00f6rt nun in der Sprache zentral die grammatikalische Struktur, z.B., da\u00df ich &#8222;ich&#8220; sagen kann, und welche Bedeutung dem beigemessen wird, dies ist durchaus nicht in allen Kulturen so, und schon im franz\u00f6sischen Sprachraum existieren unterschiedlich Ich-Formen. Dieses Ich ist aber das b\u00fcrgerliche Subjekt und nicht von den politischen und familiaren ((8)) Strukturen zu trennen.<\/p>\n<p>Kristeva beschreibt deshalb die revolution\u00e4re Textpraxis als eine Praxis, die unter anderem diese grammatikalischen Strukturen aufdecken mu\u00df &#8211; sie als Setzung ausstellt, ihre Bedeutung thematisiert und sie damit ins Flie\u00dfen bringt. Das hei\u00dft im Text wird als Bedeutung unter anderem die eigene grammatikalische Struktur thematisiert, die aber selbst wieder Vorraussetzung der Bedeutungszuweisung ist. Damit \u00f6ffnet sich ein unendlicher offener Zirkel, eine Spirale, denn durch die Infragestellung der eigenen Grammatik stellt der Text auch sich selbst, seine Bedeutung in Frage, und damit beginnt das Lesen immer wieder von vorn, aber nicht am selben Punkt, denn das Wissen um die bisherigen Infragestellungen bleibt vorhanden.<\/p>\n<p>Als Beispiel gilt Julia Kristeva z.B. James Joyce und die franz\u00f6sische klassische Moderne, als ein aktuelleres Beispiel w\u00fcrde ich Monique Wittig erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Es geht nun nicht darum, die LeserIn dazu zu bringen den Leseproze\u00df unendlich fortzusetzen, sondern ihr ein Bewu\u00dftsein daf\u00fcr zu vermitteln, da\u00df sie eine Entscheidung f\u00fcr eine spezifische Auslegung des Textes getroffen hat, und ein Bewu\u00dftsein f\u00fcr dies strukturalen Vorgaben der Schreibenden und Lesenden.<\/p>\n<p>Da Sprache nun eine der Strukturen ist in der\/durch die sich gesellschaftlichen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse reproduzieren, hei\u00dft dies auch ein Bewu\u00dftsein f\u00fcr die politischen Setzungen in der Struktur zu schafen. Z.B. das eine Sprache, die nur zwei Geschlechter kennt (und es gibt durchaus andere Sprachen ((9))), hier eine eindeutige heterosexistische Vorgabe macht.<\/p>\n<p>Nach Kristeva k\u00f6nnen auch andere gesellschaftliche Strukturen als Strukturen nach Art der Sprache verstanden werden, sie nennt unter anderen die Naturwissenschaften und die Mathematik. Der grammatikalischen Struktur entspricht aber, und auch hier folge ich Kristeva ((10)), in der Mathematik die Topologie (die Lehre vom Raum und seinen Verh\u00e4ltnissen).<\/p>\n<p>Das hei\u00dft ich m\u00fc\u00dfte, wenn ich den oben ausgef\u00fchrten Gedankeng\u00e4ngen folge, in der Physik eine erkenntnistheotische Struktur formulieren, bei der der mathematische Text \u00fcber die Bedeutung, die er hat, auf die eigene topologischen Vorraussetzungen veweist. Vereinfache ich dies noch weiter kann ich auch formulieren; Ich brauche eine mathematische Theorie der r\u00e4umlichen Anschauung, bei der das, was ich beschreibe, darauf verweist, wie es durch die Art der r\u00e4umlichen Anschaung konstituiert ((11)) ist, und sich damit selbst wieder in Frage stellt.<\/p>\n<p>Darstellbar ist so etwas z.B. als eine Anschauung in der wir die Realit\u00e4t durch ein Abbildungsprinzip in unseren Anschauungsraum abbilden.<\/p>\n<div class=\"mceTemp\">\n<dl id=\"attachment_5000\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"width: 400px;\">\n<dt class=\"wp-caption-dt\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5000\" title=\"Anschauung\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/anschau.gif\" alt=\"\" width=\"390\" height=\"107\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/anschau.gif 390w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/anschau-300x82.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 390px) 100vw, 390px\" \/><\/dt>\n<dd class=\"wp-caption-dd\"><\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n<p>Zu sehen ist, da\u00df das Abbildungsprinzip von uns (den Subjekten) sowohl aus interessens- und kulturspezifischen Gr\u00fcnden, wie auch aufgrund der Realit\u00e4tserfahrung herausgebildet wird. Als Praxis in der wir uns selbst auch als Subjekte konstituieren. Die Realit\u00e4t wird dabei, von uns selbst als Teil der Realit\u00e4t, auch direkt aber nicht begrifflich erfahren. Wir wirken direkt ((12)) und, vermittelt \u00fcber die Anschauung, indirekt in die Realit\u00e4t hinein. Subjekt und Realit\u00e4t sind nicht klar trennbar und auch das Abbildungsprinzip ist mit ihnen vermischt. Sie bedingen einander. ((13))<\/p>\n<p>\u00c4ndere ich eine Zutat in dieser Suppe \u00e4ndert das auch die Wirkung aller anderen.<\/p>\n<p>Wichtig ist zu begreifen, da\u00df in diese Anschauung unsere kulturellen Vorurteile\/gesellschaftliche Herrschaftsverh\u00e4ltnisse einflie\u00dfen, und, da\u00df ausgehend von der Erfahrung (da\u00df wir z.B. gew\u00f6hnlich nicht gegen Tische rennen) unsere Art und Weise, die Dinge anzuschauen, nur f\u00fcr die menschliche irdische Lebenswelt Sinn machen mu\u00df. Dehnen wir aber unsere Anschauung \u00fcber unsere menschliche irdische Lebenswelt aus, ist es durchaus m\u00f6glich, da\u00df sie vielf\u00e4ltige Irrt\u00fcmer produziert. Das Anschauungsprinzip kann f\u00fcr sehr gro\u00dfe oder sehr kleine Gr\u00f6\u00dfenordnungen zu einer v\u00f6llig unzureichenden Abbildung der Realit\u00e4t in unserer Anschauung f\u00fchren.<\/p>\n<p>Nur im statistischen Mittel m\u00fcssen die Ph\u00e4nomene im sehr Kleinen wieder sinnvoll fa\u00dfbar sein durch unsere Anschauung. F\u00fcr quantenmechanische Ph\u00e4nomene in der Gr\u00f6\u00dfenordnung der Quanten mu\u00df sie aber z.B. keinen Sinn machen.<\/p>\n<p><strong>Neben die optische T\u00e4uschung tritt als gleichberechtigtes Ph\u00e4nomen die kognitive T\u00e4uschung.<\/strong><\/p>\n<p>Ich gehe also davon aus, da\u00df es eine grunds\u00e4tzliche Differenz zwischen dem, was wir in Begriffen (Signifikanten=Zeichen) bezeichnen, und dem Bezeichnetem (Signifikat) gibt. Das hei\u00dft als leiblicher Mensch erfahre ich zwar die Welt unmittelbar ((14)) als Teil der Wirklichkeit der ich bin, will ich meine Erfahrung in Begriffe fassen, mu\u00df ich aber als Ansatz auf bestehende Begriffskontexte und vorhandene Theorien zur\u00fcckgreifen. Es gibt keine vortheoretische begriffliche Erfahrung.<\/p>\n<p>Durch die Auswahl des begrifflichen Kontextes, der Theorie auf die ich zur\u00fcckgreife um neue Erfahrungen zu bezeichnen, treffe ich aber eine politische Entscheidung, denn mit jedem dieser Begriffskontexte und jeder Theorie sind Wert\u00fcberzeugungen, politische Systeme, Vorurteile \u00fcber das menschliche Sein verbunden. Und mit jeder dieser Entscheidungen lege ich mich auch selbst als Subjekt fest &#8211; verorte mich, konstituiere mich als der, der ich bin.<\/p>\n<p>Die materielle Wirklichkeit spricht nie eindeutig, sie lacht und entzieht sich uns und l\u00e4\u00dft vielf\u00e4ltige Interpretationsspielr\u00e4ume. Zwar l\u00e4\u00dft die naturwissenschaftliche Erfahrung nicht beliebige Interpretationen zu, aber doch beliebig viele und beliebig unterschiedliche.<\/p>\n<p>Der Mathematiker Hermann Weyl f\u00fchrt, wie in anderen Texten dieser Zeitung ausgef\u00fchrt, z.B. aus, da\u00df auch in unsere empirischtheoretische Erkenntnis Vorannahmen einflie\u00dfen &#8211; z.B. in die Relativit\u00e4tstheorie, die Annahme der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.<\/p>\n<p>Der hier dargestellte Theorieansatz Julia Kristevas soll \u00fcbertragen auf die Physik diese Entscheidung, die in jede Empirie einflie\u00dfen, aufdecken, und selbst in der Theorie thematisieren. Dies macht politisch Sinn, es ist aber auch von grunds\u00e4tzlicher erkenntnistheoretischer Bedeutung.<\/p>\n<p>Denn, wenn meine Vorannahmen g\u00fcltig sind, m\u00fc\u00dfte der formulierte Ansatz einer anarchistischen naturwissenschaftlichen Theorie und Praxis in der Lage sein, strukturelle Vorurteile der menschlichen Erkenntnis au\u00dfer Kraft zu setzen, und so Dinge zu erkl\u00e4ren, die bisher nur schwer begreiflich waren.<\/p>\n<p>Ich will dies am Beispiel des quantenmechanischen Dilemmas des Welle-Teichen-Dualismus darstellen.<\/p>\n<p>Der Welle-Teilchen-Dualismus tritt z.B. bei der Beobachtung des Elektrons beim Durchtritt durch einen Spalt auf.<\/p>\n<p>Beobachte ich nur das Abbild, so sehe ich ein <strong>(1) Beugungsbild<\/strong>: &#8211; das Elektron w\u00e4re also ein Wellenph\u00e4nomen,<\/p>\n<p>beobachte ich aber das Elektron w\u00e4hrend des Fluges, dann erhalte ich als Abbild das Bild einer Teilchenh\u00e4ufigkeit eine <strong>(2) Gau\u00dfkurve<\/strong>: &#8211; das Elektron w\u00e4re also ein Teilchen.<\/p>\n<p>Dies scheint nicht begreifbar. Ber\u00fccksichtige ich aber nun den oben gemachten Ansatz aus der anarchistischen Theorie, so mu\u00df ich unterscheiden zwischen den Ph\u00e4nomenen in der Realit\u00e4t und in meiner Anschauung. Gehe ich nun z.B. davon aus, da\u00df das Elektron der Effekt einer statistischen Abbildung eines Wellenph\u00e4nomens im Realraum auf ein Teilchenph\u00e4nomen in meinem Anschauungsraum ist, dann ergibt sich die Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Welle-Teilchen-Dualismus sehr einfach:<\/p>\n<p>Im Fall, da\u00df ich nur das Abbild auf der Scheibe beobachte, betrachte ich das Ergebnis eines Wellenph\u00e4nomens im Realraum, das ich erst nachtr\u00e4glich in den Anschauungsraum abbilde. Enstprechend erhalte ich als Abbild ein typisches Beugungsbild einer Welle.<\/p>\n<p>Im Falle, da\u00df ich das Elektron w\u00e4hrend des Fluges beobachte, beobachte ich alles in meinem Anschauungsraum. In meinem Anschauungsraum beobachte ich aber nur die statistischen Effekte der Wellenph\u00e4nomene, also ich beobachte sie als Teilchen. Entsprechend bekomme ich eine Gau\u00dfkurve als typische Teilchenverteilung nach Durchtritt durch einen Spalt.<\/p>\n<p>Der Widerspruch l\u00f6st sich auf und stellt sich als kognitive T\u00e4uschung dar. Das hei\u00dft er beruhte auf der mangelnden Differenzierung von Anschauungsraum und Realraum. F\u00fcr die herrschende Physik ist dies ein notwendiger Irrtum da es ihr an einer kritischen Theorie eines Subjekt-Objektbezuges vollst\u00e4ndig mangelt. Sie ist zu einem Begreifen dieses Zusammenhangs deshalb unf\u00e4hig. F\u00fcr die anarchistische Theorie und Praxis gilt dies nicht.<\/p>\n<p>Nun mag sich manche fragen, was Topologie und Quatentheorie mit Anarchie zu tun haben. Die naturwissenschaftlichen Setzungen reproduzieren auch in und durch diesen Wissenschaften die herrschenden Verh\u00e4ltnisse. Zum Beispiel durch die Mathematik die als <em>&#8218;Maschine die Wahres aussondert&#8216;<\/em> ((15)) wirkt. Oder durch die Bilder die sich Menschen von der Struktur des Universums machen, zu betrachten w\u00e4ren z.B. die Bilder, die in popul\u00e4ren Filmen als Versatzst\u00fccke auftauchen. Aber auch in der Verallgemeinerung systhemtheoretischer Ans\u00e4tze, mit alle ihren strukturellen Ausschl\u00fcssen und ihrer Unm\u00f6glichkeit in ihnen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zu benennen, finden sich Versatzst\u00fccke des Glaubenssystems der derzeit g\u00fcltigen Dogmen der Physik ((16)). Gerade der Ausschlu\u00df einer kritischen Reflektion des Subjekt-Objekt-Verh\u00e4ltnisses und der daraus resultierenden normativen Setzungen und Ausschl\u00fcsse ist ein Problem des rassistischen und sexistischen (m\u00e4nnlichen) b\u00fcrgerlichen Subjekt im Allgemeinen, das sich immer schon selbst als das Normale nimmt, und auf seine Wahrheit absolut pocht.<\/p>\n<p><strong>Die<\/strong> Wahrheit existiert aber nicht, sie wird durch Ausschlu\u00df erzeugt, gewaltt\u00e4tig. Und die Physik ist die Wissenschaft des Existierenden, der materiellen Natur und die Natur &#8211; <em>&#8218;Nature-elle-ment&#8216;<\/em> ((17)) &#8211; die Natur l\u00fcgt ((18)), das hei\u00dft sie spricht vielf\u00e4ltig, nicht eindeutig.<\/p>\n<p>Eine physikalische Theorie und Praxis die auch nur den hier dargestellten relativen simplen Ansatz einer Trennung Subjekt &#8211; Anschauungsprinzip &#8211; Realit\u00e4t zugrundelegen w\u00fcrde, w\u00fcrde bereits erheblich dazu beitragen, Ausschl\u00fc\u00dfe hinterfragbar zu machen. Denn in der Diskussion welchen Ansatz ich f\u00fcr das Anschauungsprinzip f\u00fcr sinnvoll halte, bzw. durch welche kulturellen und erfahrungsbezogenen Setzungen ich dieses Prinzip zur Zeit als strukturiert begreife, mu\u00df ich auch meinen eigene Situierung als Subjekt reflektieren, und meinen, und damit auch den gesellschaftlichen, Einflu\u00df auf meine Begrifflichkeit und meine Anschauung thematisieren.<\/p>\n<p>Die Hinterfragung des eineindeutigen Subjekts und seiner Normen ist aber von allgemeinpolitischer Bedeutung.<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df noch eine Anmerkung die diesen Text selbst betrifft. F\u00fcr diesen Text gilt sicher auch das, was Michel Foucault in einem kleinen Text, <em>&#8218;Die fr\u00f6hliche Wissenschaft des Judo&#8216;,<\/em> formuliert hat. Diskursive Ans\u00e4tze sind zeitgebunden und werden mit der Zeit und der Verschiebung der Diskurse nicht selten in ihr Gegeteil umgekehrt &#8211; als Beispiel ist dies zur Zeit am Begriff der &#8222;humanit\u00e4ren Intervention&#8220; als Sprachregelung f\u00fcr eine &#8218;reformierte&#8216; Form imperialistischer Agression sichtbar. Deshalb wird es notwendig sein auch diesen Text bei Zeiten zu reformulieren.<\/p>\n<p>Dies ist ein Ansatz zum Auskochen einer Theorie Praxis und nicht ihr dogmatischer Schlu\u00df. Von Kochb\u00fcchern halte ich nichts.<\/p>\n<p><em>Und das Ideal des Umgangs mit Texten hat f\u00fcr mich \u00c4hnlichkeit mit dem Kochen mit Vielen <\/em><em>((19))<\/em><em>. Irgendwann wei\u00df keine\/r mehr, was nun eigentlich wirklich alles in den Kn\u00f6deln drin war und in der Salatsauce, die eh irgendeine\/r \u00fcber den Pudding gegossen hat. Gerade aus dieser Praxis enstehen aber interessante neue Menus, Texte und Theorien.<\/em><\/p>\n<p><em>Auch wenn einige andere in der K\u00fcche schreien, &#8218;Nein &#8211; NICHT!&#8216;.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse materialisieren sich in den Produktivkr\u00e4ften. Das hei\u00dft ich kann vorhandene Strukturen nicht einfach f\u00fcr eine herrschaftsfreie Praxis umnutzen. Ich mu\u00df sie erst meinen Bed\u00fcrfnissen entsprechend umstrukturieren. Anarchistische Wohnprojekte m\u00fcssen z.B. h\u00e4ufig erst erhebliche Umbauten vornehmen um ein Haus jenseits kleinfamiliarer Lebensstrukturen bewohnbar zu machen. 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