{"id":500,"date":"1996-09-01T00:00:43","date_gmt":"1996-08-31T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=500"},"modified":"2022-07-26T12:59:17","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:17","slug":"fur-einen-starken-frauenlesbenkampf-gegen-vereinnahmung-und-spaltung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/09\/fur-einen-starken-frauenlesbenkampf-gegen-vereinnahmung-und-spaltung\/","title":{"rendered":"F\u00fcr einen starken FrauenLesbenkampf gegen Vereinnahmung und Spaltung"},"content":{"rendered":"<p>Wir rufen zu dieser Demonstration nach Kassel vor dem Hintergrund des Angriffs der Stadt Kassel gegen das Autonome Frauenhaus auf.<\/p>\n<p>Mit dieser bundesweiten FrauenLesbendemonstration wollen wir all jene feministischen Kr\u00e4fte zusammenbringen, die die Notwendigkeit einer Organisierung und Verkn\u00fcpfung der unterschiedlichen Spektren feministischen Widerstandes als zwingend notwendig erachten, im Kampf gegen staatliche Spaltungs- und Einbindungsstrategien, gegen Kriminalisierung, Ausgrenzung, Repressions- und Zerst\u00f6rungspolitik, die alle dem selben Ziel dienen: der Zerschlagung feministischer Ans\u00e4tze, Zusammenh\u00e4nge und Strukturen.<\/p>\n<p>Und wir wollen all jene linke und linksradikale Feministinnen zusammenbringen, die aus dem Widerstand die Solidarit\u00e4t im Kampf f\u00fcr eine HERRschaftsfreie Gesellschaft ableiten.<\/p>\n<p>Zur Durchsetzung der sogenannten &#8222;Neuen Weltordnung&#8220; ist in den Metropolen die Umstrukturierung der Gesellschaft zu einer ruhiggestellten, lenkbaren Masse von IndividualistInnen erforderlich. Sie ist eine der Voraussetzungen f\u00fcr die erfolgreiche Umsetzung des modernen patriarchalen Kapitalismus in der Gro\u00dfmacht &#8222;Deutschland&#8220;.(&#8230;)<\/p>\n<p>Die pr\u00e4ventive Aufstandsbek\u00e4mpfung bedient sich der unterschiedlichen Methoden des &#8222;Teile und Herrsche&#8220;- Prinzips, und trifft die Linke der BRD in dem desolaten Zustand eines Zerfallsprozesses, der auch Folge f\u00fcr Spaltung, Repression, Kriminalisierung und Vereinnahmung bietet.<\/p>\n<p>Spaltung wird auf den unterschiedlichen Ebenen versucht (&#8230;).<\/p>\n<p>Entlang der Frauenprojektepolitik setzen Spaltungsversuche auf anderer Ebene an: Inhaltliche Forderungen der Frauen(projekte) bewegung werden aufgegriffen, durch die demokratische M\u00fchle gedreht und somit nutzbar gemacht f\u00fcr die Befriedung von Widerstandspotential. es resultieren daraus &#8222;Angebote&#8220; an die Projekte, entweder an der oben beschriebenen Umtrukturierung im Glauben an reale Fortschritte mitzuwirken oder zerschlagen zu werden. Vereinnahmung und Integration sind Zauberworte. Sie greifen auf Grundlage des staatlichen Zugriffs durch \u00f6ffentliche Finanzierung und mangelnde inhaltliche personelle Verkn\u00fcpfung mit der radikalen FrauenLesbenBewegung.<\/p>\n<p>Autonome Frauenh\u00e4user sind in den 70er Jahren aus der feministischen FrauenLesbenBewegung entstanden. M\u00e4nnergewalt wurde als gesellschaftliches Herrschaftsmuster erkannt, als Teil struktureller patriarchaler Gewalt, die innerhalb des Systems von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung eingesetzt wird.<\/p>\n<p>\u00dcber die Diskussion und Praxis von Projektepolitik versus radikalem Feminismus, \u00fcber die Staatsknete- und Sozialarbeitsdebatten machten Frauenh\u00e4user und andere feministische Projekte eine Entwicklung durch, die in ambivalentem Verh\u00e4ltnis zu radikal-feministischer Theorie und Praxis steht. Trotzdem haben Teile der Frauenprojektebewegung, aufgrund ihres feministischen Ansatzes, immer auch politische Widerst\u00e4ndigkeit und Solidarit\u00e4t kontr\u00e4r der staatlichen Macht- und Gewaltverh\u00e4ltnisse praktiziert.<\/p>\n<p>Insbesondere jetzt &#8211; in einer Zeit des gesamtgesellschaften back-lash und gleichzeitig medienwirksam verkaufter Pseudoliberalit\u00e4t gegen\u00fcber sogenannter &#8222;Emanzipation&#8220; &#8211; ist von Staatsseite eine Doppelstrategie gegen die FrauenLesbenProjekte eingeleitet worden.<\/p>\n<p>Es wird direkter Druck \u00fcber K\u00fcrzungen oder Streichungen von Geldern ausge\u00fcbt, gleichzeitig werden staatliche Interventionsprogramme gegen sogenannte &#8222;h\u00e4usliche Gewalt&#8220; aus dem Boden gestampft und die Projekte unter Existenzdruck zur Mitarbeit gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Feministische Politik soll endg\u00fcltig aus den Frauenprojekten verschwinden und im Rahmen von sogenannten &#8222;Frauenf\u00f6rderungen&#8220; durch systemimmanent arbeitende F\u00fcrsorgeinstitutionen ersetzt werden.<\/p>\n<p>In der Frage der \u00f6konomischen Existenzgrundlage von Frauen werden nach wie vor in eklatanter Weise mehrere Widerspr\u00fcche deutlich:<\/p>\n<ul>\n<li>der Widerspruch zwischen staatlicher Propaganda und gesellschaftlicher Realit\u00e4t;<\/li>\n<li>die Widerspr\u00fcche zwischen grundlegender feministisch-\u00f6konomischer Analyse, individueller Notwendigkeit und &#8222;die H\u00e4lfe des Kuchens&#8220;-Politik.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Indem Frauen unterschiedliche Privilegien zu- oder abgesprochen werden und wurden, ist die Spaltung in Klassen und damit die Teilung von Widerstandspotential erreicht. Die Vereinnahmung von Frauen\/Lesben durch die (begrenzte) M\u00f6glichkeit in F\u00fchrungsetagen von Wirtschaft oder Politik aufzusteigen, ist fortgeschritten. Die Vorz\u00fcge &#8222;weiblichen F\u00fchrungsstils&#8220; im Management werden gelobt, w\u00e4hrend die emanzipierte Frau von heute am Lap-Top sitzt, wobei das dry-weave ihrer Slipeinlage sie besonders sauber und diskret erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Die von Frauen gegr\u00fcndeten und betriebenen Existenzgr\u00fcndung-, Existenzsicherungs- und Finan- zierungsprojekte m\u00f6gen als Teil einer &#8222;frauenbezogenen Infrastruktur&#8220; anerkannt sein, einer Kritik an der b\u00fcrgerlich-kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaftsordnung sind sie jedoch nicht zutr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Zugleich forcieren die arbeitsmarkt-, familien- und sozialpolitischen Entwicklungen der letzten Jahre gezielt Massenarbeitslosigkeit, wobei ArbeitnehmerInnenrechte gecancelt werden. Frauen werden einmal mehr zu den Verliererinnen im Kampf um Lohnarbeitspl\u00e4tze gemacht, werden in ungesicherte Arbeitsverh\u00e4ltnisse, Sozialhilfe und Haushalt abgedr\u00e4ngt &#8211; fast 3\/4 der Frauen in der BRD sind heute vollst\u00e4ndig oder teilweise von (Ehe-) M\u00e4nnern, der Familie oder dem Staat abh\u00e4ngig, Tendenz steigend! &#8211; und von reaktion\u00e4ren Ideologen wieder massiv ins gesellschaftliche Bewu\u00dftsein gepre\u00dft. Den jungen Frauen n\u00fctzt es bei der Suche nach einer unabh\u00e4ngigen \u00f6konomischen Perspektive gar nichts, da\u00df sie sich als selbstbewu\u00dftes &#8222;Girly&#8220; sehen d\u00fcrfen und dazu &#8222;ich find das schei\u00dfe&#8220; singen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In den Anf\u00e4ngen der Frauenbewegung, die sich in ihrer Analyse auf &#8218;Die Linke&#8216; bezog, gab es Tomatenw\u00fcrfe auf Macker, die den Kapitalismus zum Hauptwiderspruch erkl\u00e4rten.<\/p>\n<p>In der politischen Weiterentwicklung mu\u00dften sich wei\u00dfe Feministinnen in Rassismus- und Klas- sismusdiskussionen damit auseinandersetzen, politisch entsprechend zum fr\u00fcheren Haupt- und Nebenwiderspruchskonflikt, da\u00df sie &#8222;ihren&#8220; Feminismus als &#8222;Dominanzfeminismus&#8220; pr\u00e4sentier(t)en und die wei\u00dfe westliche Auffassung von Patriarchats- und Sexismusanalyse als das non-plus-ultra, die \u00fcbergeordnete Deutungsweise f\u00fcr jegliche Unterdr\u00fcckungsfrom gegen Frauen, bewerteten. Der Inhalt des Begriffs &#8218;Feminismus&#8216; ist in diesem Zusammenhang zu Recht auch f\u00fcr jene fragw\u00fcrdig geworden, die sich im politischen &#8222;Selbstbewu\u00dftsein&#8220; vom sogenannten &#8222;Feminismus b\u00fcrgerlicher Frauenbeauftragter&#8220; oder \u00e4hnlichem distanzierten.<\/p>\n<p>Gerade heute mu\u00df klarer denn je festgestellt werden, da\u00df es keinen feministischen Gang durch die Institutionen gibt, da dieser sich zwar mit geteilter Frauenfreundlichkeit, jedoch nicht mit der grundlegenden Auseinandersetzung um Gewalt und Unterdr\u00fcckung vertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Rassismus, Klassismus und Sexismus sind unterschiedliche, nebeneinander existierende Unterdr\u00fcckungssysteme, die gleichzeitig Verflechtungen aufweisen.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t mu\u00df sich kontr\u00e4r der gesellschaftlichen (hierarchischen) Macht- und Gewaltver- h\u00e4ltnisse orientieren, was eine genaue Auseinandersetzung um Privilegien und Gewalt unter Frauen voraussetzt.<\/p>\n<p>Auch in diesem Sinne kann es niemals um blo\u00dfe &#8222;Frauenfreundlichkeit&#8220; gehen, und in diesem Sinn kann keines der genannten Unterdr\u00fcckungssysteme und die daraus resultierende klassistische, sexistische, rassistische Gewalt als &#8222;p\u00e4dagogisches oder psychologisches Problem&#8220; betrachtet werden.<\/p>\n<p>Wir haben versucht, in diesem Aufruf einige der Widerspr\u00fcche um die Fragen nach feministische Politik, feministischem Widerstand und radikalem Feminismus anzusprechen.<\/p>\n<p>Die Aufforderung zu Solidarit\u00e4t mit feministischen Frauenprojekten geschieht daher nicht ungeteilt, sondern mit ausgesprochenen Ambivalenzen im Hinblick auf die Rolle und den Status, den feministische Frauenprojekte in diesem Staat und seinen Unterdr\u00fcckungssystemen einnehmen.<\/p>\n<p>Autonome Frauenh\u00e4user sind auf Grundlage einer radikal-feministischen Gewaltanalyse, mit dem Anspruch nach praktischer Solidarit\u00e4t und dem Ziel grundlegender Umw\u00e4lzung gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse entstan- den. An diesen Inhalten und den daraus resultierenden Widerspr\u00fcchen um Systemimmanenz versus politischem Anspruch m\u00fcssen sie &#8211; wie alle feministischen Projekte &#8211; im Hinblick auf Reformismus und\/oder Notwendigkeit erneut bewertet werden.<\/p>\n<p>Dem Back-lash kann nicht auf Kosten der Aussetzung von Konflikten oder mit Ignoranz gegen\u00fcber politischer Widerspr\u00fcche begegnet werden.<\/p>\n<p>Insofern erhoffen wir uns von der Demonstration einen Auftakt f\u00fcr neue Diskussionen und f\u00fcr eine neue radikale Analyse, die nicht versucht, alles unter einen z.B. feministischen Deckel zu stopfen, sondern auf ernsthafte Kl\u00e4rung und &#8222;echte&#8220; solidarische Praxis und Widerstand abzielt.<\/p>\n<p>Unsere St\u00e4rke wird nicht aus der Menge, sondern aus der Qualit\u00e4t unserer Praxis entstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir rufen zu dieser Demonstration nach Kassel vor dem Hintergrund des Angriffs der Stadt Kassel gegen das Autonome Frauenhaus auf. 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