{"id":5016,"date":"2002-11-01T00:00:36","date_gmt":"2002-10-31T22:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5016"},"modified":"2022-07-26T13:11:51","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:51","slug":"castor-im-dutzend-billiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/11\/castor-im-dutzend-billiger\/","title":{"rendered":"Castor im Dutzend billiger?"},"content":{"rendered":"<p>Es ist nicht neu, dass das Atomm\u00fcllproblem ungel\u00f6st ist. Es ist nicht neu, dass der Atomkonsens keinen Ausstieg bringt. Es ist nicht neu, das der Castor-Transport nach Gorleben ein Symbol f\u00fcr den Streit um die Atomkraft ist. Und es ist nicht neu, dass der Widerstand im Wendland weiter notwendig ist. All dies ist altbekannt, in Zeiten, in denen nicht nur bei Konsumg\u00fctern nur noch Neuigkeiten z\u00e4hlen, sondern auch in Protestbewegungen Stetigkeit und langer Atem nicht zu den Haupttugenden z\u00e4hlen, hat es die Anti-Atom-Bewegung nicht leicht, an die Erfolge vom Ende der 90er Jahre anzukn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Umso erstaunlicher, was im M\u00e4rz 2001 gelang: Zum ersten Mal musste ein Castor-Transport auf der Strecke zwischen L\u00fcneburg und Dannenberg den R\u00fcckw\u00e4rtsgang einlegen. Die &#8222;F\u00fcnf von S\u00fcschendorf&#8220; waren erst nach 16 Stunden aus dem Betonblock zu l\u00f6sen, Und auch am Rest der Strecke war eine Menge los: Gro\u00dfe Blockadeaktionen bei Wendisch Evern, 12.000 Menschen in Dannenberg kurz vor dem Verladekran, gro\u00dfe und kleine Aktionen in der ganzen Region (vgl. GWR 258, April 01; und GWR 259, Mai 01).<\/p>\n<p>Dann kam der 11. September und beim n\u00e4chsten Transport im November 2001 war alles ungleich schwieriger: Das Medieninteresse erlahmte, viele demonstrierten in der Zeit gegen den Afghanistan-Krieg und f\u00fcr einige gut geplante Aktionen fehlte des letzte Qu\u00e4ntchen Gl\u00fcck. Die Umsetzung scheiterte. Trotzdem waren wieder Tausende im Wendland aktiv, in Hitzacker blockierten 1.000 Leute die Schienen, der Stra\u00dfentransport wurde durch eine zw\u00f6lfst\u00fcndige Blockade bei Laase an der Abfahrt gehindert (vgl. <a title=\"Der Castor\u2026\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/12\/der-castor\/\">GWR 264<\/a>, Dez. 2001). Viele waren unterwegs und kamen nicht bis zur Strecke, weil die Polizei im Schatten der weltpolitischen Ereignisse h\u00e4rter durchgreifen konnte.<\/p>\n<p>Inzwischen ist ein Jahr vergangen und jetzt geht es wieder los: In der Woche ab dem 11. November soll der n\u00e4chste Castor-Transport aus der franz\u00f6sischen Plutoniumfabrik La Hague nach Gorleben rollen. Diesmal die gigantische Zahl von zw\u00f6lf (!) Beh\u00e4ltern, also mehr als doppelt so viel radioaktives Inventar, wie in Tschernobyl freigesetzt wurde. Bundes- und Landesregierung denken wohl, im Dutzend sei der Castor billiger, aber das sehen viele Menschen, nicht nur im Wendland, deutlich anders.<\/p>\n<p>Trotz oder wegen weiterer vier Jahre rot-gr\u00fcn: Der Atomausstieg kommt nicht voran. Das Fiasko rund um die Kanzlerzusage zum Weiterbetrieb des Methusalem-Reaktors in Obrigheim machte dies nur mal wieder einer breiteren \u00d6ffentlichkeit deutlich. Nach den ersten vier Jahren sogenannter Atomausstiegspolitik sind noch alle AKWs am Netz, nach acht Jahren werden es noch immer 94% der Atomstromkapazit\u00e4ten sein. Lediglich die beiden kleinsten Reaktoren in Obrigheim(wenn es denn wahr wird) und Stade gehen vom Netz, letzteres auch nur deshalb, weil er sich im liberalisierten Strommarkt nicht mehr rechnet.<\/p>\n<p>Die schweren St\u00f6rf\u00e4lle in Philippsburg und Brunsb\u00fcttel haben daran erinnert: Der GAU kann jeden Tag passieren. Und der Atomm\u00fcllberg w\u00e4chst ins Unermessliche. Weiterhin werden hochradioaktive Abf\u00e4lle quer durch die Ballungsr\u00e4ume Mitteleuropas gekarrt. Nicht erst daas Zugungl\u00fcck von Bad M\u00fcnder hat gezeigt, wie unvorbereitet und hilflos Bahn und Feuerwehren bei Unf\u00e4llen mit Gefahrgut sind.<\/p>\n<p>Dabei wird immer deutlicher, dass die Castoren nicht so unfallsicher sind, wie behauptet wird. Falsche Berechnungen, ausbleibende Falltests und fehlende Sto\u00dfd\u00e4mpfer lassen das Vertrauen in diese Technologie nicht wachsen. Das Bundesamt f\u00fcr Strahlenschutz hat jetzt die Auflage erteilt, dass Castoren im Zwischenlager nur noch 25 Zentimeter angehoben werden d\u00fcrfen, weil ein Sturz aus gr\u00f6\u00dferer H\u00f6he die Beh\u00e4lter zerst\u00f6ren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Aufprallgeschwindigkeit bei 25 cm betr\u00e4gt etwa 4 km\/h, die Z\u00fcge mit den Castor-Beh\u00e4ltern fahren aber weiter mit Tempo 100 durch die Gegend. Vielleicht sollte mensch es entlang der Strecken so machen wie in der Gorlebener Castor-Halle. Wenn dort ein Beh\u00e4lter h\u00f6her als 25 cm angehoben werden muss, dann werden Holzsto\u00dfd\u00e4mpfer drunter gelegt. \u00c4hnliches k\u00f6nnte doch auch rechts und links der m\u00f6glichen Castor-Routen geschehen. Passiert aber nicht, weil weiter nach dem Motto verfahren wird: &#8222;Es wird schon gut gehen.&#8220;<\/p>\n<p>Es g\u00e4be also genug Gr\u00fcnde, auf den Castor-Zw\u00f6lferpack im November zu verzichten. Doch die Bundesregierung will das durchziehen, vor allem weil der Weiterbetrieb einer ganzen Reihe von AKWs immer noch davon abh\u00e4ngt, gro\u00dfe Mengen Atomm\u00fclls nach Frankreich und Gro\u00dfbritannien zu schaffen. Alleine in diesem Jahr sind 150 Transporte nach La Hague und Sellafield geplant. Ohne diesen M\u00fcllexport w\u00e4ren die Lagerkapazit\u00e4ten an den Reaktoren schnell ersch\u00f6pft. Der eine Transport nach Gorleben ist der Preis, den die Bundesregierung f\u00fcr dieses verantwortungslose Atomm\u00fcllgesch\u00e4ft zahlt.<\/p>\n<p>Doch der Preis eines Castor-Transports ist h\u00f6her. Denn er rollt auf Kosten der Bev\u00f6lkerung an den Transportstrecken und im Wendland, ja selbst auf Kosten der eingesetzten PolizeibeamtInnen und auf Kosten der demokratischen Rechte in diesem Land.<\/p>\n<p>Von Transport zu Transport wird ein immer breiterer Korridor l\u00e4ngs der Castor-Strecke zum Ausnahmezustands-Gebiet.<\/p>\n<p>Grundrechte gelten nicht mehr. Auch dies ist ein wichtiger Grund, warum wieder viele Menschen gegen den Transport demonstrieren werden: Der radioaktive Zerfall der Grundrechte muss gestoppt werden.<\/p>\n<p>Denn selbst wer sich dar\u00fcber bewusst ist, dass die &#8222;Rechtsordnung&#8220; in diesem Land viele M\u00e4ngel hat und oft nur dazu dient, Herrschaft zu erm\u00f6glichen, sollte darum k\u00e4mpfen, noch vorhandene Freiheiten zu erhalten.<\/p>\n<p>Viele, die schon einmal im Wendland waren, wissen, dass es durch die rigiden Polizeima\u00dfnahmen nicht einfacher geworden ist, \u00fcberhaupt noch Protest \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dfern zu k\u00f6nnen. F\u00fcr manche war die Erfahrung frustrierend. Andere haben es mit pfiffigen Aktionen immer wieder geschafft, Sand im Getriebe zu sein und die wichtigen Anliegen deutlich zu machen.<\/p>\n<p>Letztendlich ist der Hauptgrund Widerstand zu leisten nicht, wie lange z.B. der Castor-Transport aufgehalten wird, auch wenn sich nat\u00fcrlich viele \u00fcber jeden gelungenen Protest freuen.<\/p>\n<p>Wichtiger ist: Die Menschen im Wendland und ihre FreundInnen aus Nah und Fern demonstrieren und blockieren gerade deshalb immer aufs Neue, weil sich an der verantwortungslosen Atompolitik eben nichts ge\u00e4ndert hat. Noch immer gibt es kein Endlager f\u00fcr den Atomm\u00fcll, noch immer sind weder das Zwischenlager in Gorleben noch die Castor-Beh\u00e4lter sicher. Noch immer dient das Hin- und Herkutschieren von Atomm\u00fcll als Blankoscheck zum Weiterbetrieb gemeingef\u00e4hrlicher Reaktoren.<\/p>\n<h3>Ein Zitat aus dem Mitgliederrundbrief der BI L\u00fcchow-Dannenberg<\/h3>\n<p>&#8222;Als wir Anfang des Jahres 25 Jahre Gorleben-Widerstand gefeiert haben, ist vor allem aufgefallen, wie ungebrochen gro\u00df &#8211; trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge &#8211; die Bereitschaft in der Region ist, sich auch zuk\u00fcnftig zur Wehr zu setzen. Die Motivation vieler r\u00fchrt eben nicht in erster Linie von der M\u00f6glichkeit kurzfristigen Erfolges, sondern daher, dass uns angesichts der Gefahren und der organisierten Verantwortungslosigkeit bei Atomindustrie und staatlicher Atompolitik gar nichts anderes \u00fcbrig bleibt, als weiter zu k\u00e4mpfen, wollen wir nicht vor uns selbst und unseren Kindern das Gesicht verlieren. In den 25 Jahren Streit um Gorleben gab es oftmals ein heimliches Motto, das zwar nicht auf Plakate und Transparente geschrieben wurde, trotzdem aber Ausdruck der Stimmung in der Region war: Wir haben keine Chance &#8211; also nutzen wir sie!<\/p>\n<p>Das Sch\u00f6ne daran: Wir haben oft genug erfahren, dass wir gerade dann die erstaunlichsten Erfolge erzielen konnten, wenn wir selbst in aussichtloser Situation drangeblieben sind. Was uns n\u00e4mlich keiner nehmen kann und was vielleicht am Ende als die entscheidende St\u00e4rke des wendl\u00e4ndischen Widertandes gelten wird, das ist der lange Atem. Schon \u00f6fter in den letzten 25 Jahren &#8211; so auch im letzten November &#8211; wurde von den Medien eine &#8218;br\u00f6ckelnde Bewegung&#8216; beschrieben. Umso gr\u00f6\u00dfer ist dann bei den gleichen JournalistInnen die \u00dcberraschung, wenn sie einige Zeit sp\u00e4ter feststellen: &#8218;Die sind ja immer noch da.&#8216;<\/p>\n<p>Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft f\u00fcr den Herbst: Wir sind noch immer da, wir geben nicht klein bei. Dass die M\u00e4chtigen versuchen, auf unserem R\u00fccken ihre Pl\u00e4ne durchzusetzen, ist nichts, was uns wundert oder zur Resignation treibt. Wir haben es leider schon lange zur Kenntnis nehmen m\u00fcssen. Aber es geht in Gorleben um mehr: Wir k\u00f6nnen die Gefahren nicht verdr\u00e4ngen. Dazu leben wir einfach zu dicht dran. Deshalb haben wir unseren eigenen Ma\u00dfstab f\u00fcr Erfolg und Misserfolg: Jeden Tag, an dem die unbeschreibbare Katastrophe nicht geschehen ist, haben wir noch die M\u00f6glichkeit, sie abzuwenden. So lange wir noch Kraft zum K\u00e4mpfen haben und so lange junge Leute nachwachsen, die mit ihrer gro\u00dfen Lebenslust den Widerstand bereichern, gibt es keinen einzigen Grund, sich zur Ruhe zu setzen. Laut und deutlich immer wieder NEIN zu sagen, in Worten und Taten, das ist das Mindeste, was wir f\u00fcr die kommenden Generationen tun k\u00f6nnen.&#8220; Zitat Ende.<\/p>\n<p>Das ist auch meiner Ansicht nach das Besondere und vor allem auch das Unterst\u00fctzenswerte am wendl\u00e4ndischen Widerstand: Dort, wo alle anderen l\u00e4ngst resigniert h\u00e4tten, k\u00e4mpfen diese Menschen weiter, ohne Unterst\u00fctzung aus Parteien, Justiz, Massenmedien und vielen relevanten gesellschaftlichen Gruppen. Und das ist mein Appell an die Leserinnen und Leser der <em>Graswurzelrevolution<\/em>: Wenn Ihr es irgend einrichten k\u00f6nnt, dann macht Euch auf den weg ins Wendland, zur gro\u00dfen Demonstration am 9.11. und\/oder zu den Aktionen, die am Tag nach der Demo beginnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht neu, dass das Atomm\u00fcllproblem ungel\u00f6st ist. Es ist nicht neu, dass der Atomkonsens keinen Ausstieg bringt. Es ist nicht neu, das der Castor-Transport nach Gorleben ein Symbol f\u00fcr den Streit um die Atomkraft ist. Und es ist nicht neu, dass der Widerstand im Wendland weiter notwendig ist. 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