{"id":5059,"date":"2002-11-01T00:00:44","date_gmt":"2002-10-31T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5059"},"modified":"2022-07-26T14:26:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:11","slug":"kurdische-frauen-brechen-das-tabu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/11\/kurdische-frauen-brechen-das-tabu\/","title":{"rendered":"Kurdische Frauen brechen das Tabu"},"content":{"rendered":"<p>Nein zu sexueller Gewalt durch staatliche Sicherheitskr\u00e4fte&#8220; &#8211; lautete der Titel des Kongresses im Juni 2000 (vgl. <a title=\"Beleidigung und Verachtung der Vergewaltigung\u2026\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/06\/beleidigung-und-verachtung-der-vergewaltigung\/\">Otk\u00f6k\u00fc 2\/GWR 260<\/a>, Sommer 01 &amp; Otk\u00f6k\u00fc 6\/GWR 271, Sept. 02). Ein breites Frauenb\u00fcndnis hatte ihn in Istanbul organisiert, um auf die Praxis der sexuellen Folter auf Polizeistationen oder w\u00e4hrend milit\u00e4rischer Operationen in den kurdischen Gebieten aufmerksam zu machen. Beklagt wurden k\u00f6rperliche Durchsuchungen durch m\u00e4nnliche Beamte, Jungfr\u00e4ulichkeitskontrollen und selbst Vergewaltigungen (auch mit Polizeikn\u00fcppeln). &#8222;Die T\u00e4ter w\u00e4hlen diese Art der Folter, weil sie damit rechnen, dass die Opfer dar\u00fcber Stillschweigen bewahren&#8220;, erl\u00e4utert die Anw\u00e4ltin Eren Keskin. &#8222;Die Ehre einer Frau hat in der T\u00fcrkei einen hohen Stellenwert, und nicht immer ist die Familie damit einverstanden, dass eine Frau ihre Vergewaltigung \u00f6ffentlich macht, abgesehen von den Repressionen, die dies mit sich bringt.&#8220;<\/p>\n<p>Der Kongress versuchte dieses Tabu zu brechen, um betroffene Frauen zu ermutigen und die Dimension der Verbrechen aufzuzeigen. So berichtete Rechtsanw\u00e4ltin Fatma Karakas von systematischen Vergewaltigungen bei Razzien und Hausdurchsuchungen in kurdischen D\u00f6rfern. Das Milit\u00e4r begreife dieses Vorgehen als Teil seiner Kriegsstrategie gegen die kurdische Bev\u00f6lkerung. Andere Kongressteilnehmerinnen sprachen von sexueller Misshandlung oder Vergewaltigung durch Polizisten und forderten deren Bestrafung. Ein Vater prangerte das Verbrechen an seiner Tochter an.<\/p>\n<p>Obwohl der Kongress offiziell genehmigt worden war, m\u00fcssen sich Redner und Rednerinnen ebenso wie die Organisatorinnen seit fast zwei Jahren wegen &#8222;Verunglimpfung und Verleumdung des Staates und seiner Organe&#8220; vor dem Gericht in Istanbul verantworten. Ihnen drohen Haftstrafen bis zu sechs Jahren.<\/p>\n<p>Der Prozess gegen die 19 Angeklagten zeichnet sich in erster Linie durch Absurdit\u00e4ten w\u00e4hrend der jeweils etwa 30-min\u00fctigen Verhandlungen aus. Am 21. M\u00e4rz 2001 beispielsweise wurde Fatma Pollatas zur Kongressrednerin erkl\u00e4rt, obwohl sie eine zwanzigj\u00e4hrige Haftstrafe absitzt und zum fraglichen Zeitpunkt schon ein Jahr lang inhaftiert war. Daraufhin ordnete das Gericht die Pr\u00fcfung des Sachverhalts an. Bis heute waren die Ermittlungsbeh\u00f6rden nicht in der Lage oder willens zu kl\u00e4ren, ob Frau Pollatas aus dem Gef\u00e4ngnis fliehen und am Kongress teilnehmen konnte oder nicht.<\/p>\n<p>Auch den 15. Mai 2002, den f\u00fcnften Verhandlungstag, h\u00e4tte man sich sparen k\u00f6nnen: Verlesen wurde der Schriftverkehr zwischen Staatsanwaltschaft, Polizeipr\u00e4sidium und dem Gericht \u00fcber den Verbleib einer Videokassette. Das bewusste Video \u00fcber den Kongress, das vom Gericht von Anfang an als Beweismittel herangezogen wird, ist und bleibt verschwunden.<\/p>\n<p>Der 10.Oktober reihte sich in den bisherigen Prozessverlauf ein: Die Verhandlung wurde nach kurzer Zeit um weitere vier Monate vertagt.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr die Verz\u00f6gerungstaktik liegt auf der Hand: Der Prozess wird nicht auf der juristischen, sondern auf der politischen Ebene entschieden, und die ist zur Zeit unsicher. Denn wenn die Angeklagten freigesprochen w\u00fcrden, k\u00f6nnten sie den Vorwurf der sexueller Folter durch Polizei- und Milit\u00e4rangeh\u00f6rige ungestraft weiterverbreiten. Die Forderung nach Bestrafung der &#8222;Ordnungsh\u00fcter&#8220; w\u00e4re folgerichtig &#8211; aber nicht im Sinne der t\u00fcrkischen Regierung. Andererseits w\u00e4re eine Verurteilung der 19 Angeklagten ein Minuspunkt auf dem Bewerbungszeugnis f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union. Nach Einsch\u00e4tzung der EU-Kommission erf\u00fcllt die T\u00fcrkei trotz j\u00fcngster Reformen ohnehin nicht die Kriterien f\u00fcr die Aufnahme von Beitrittsgespr\u00e4chen nicht. Es gebe im politischen System der T\u00fcrkei noch &#8222;Grauzonen&#8220;, beispielsweise hinsichtlich der Rolle der Armee, lie\u00df ein EU-Beamter wissen. Derweil \u00fcberzieht die t\u00fcrkische Regierung Unterst\u00fctzer von Vergewaltigungsopfern weiterhin mit Prozessen, um sie einzusch\u00fcchtern. \u00c4rztinnen des Behandlungszentrums der Menschenrechtsstiftung werden der Unterst\u00fctzung einer &#8222;kriminellen Organisation&#8220; beschuldigt, weil sie misshandelten Frauen Atteste ausgestellt haben. Journalisten, die Betroffene zitieren, sehen sich mit Klagen wegen &#8222;Diffamierung des Milit\u00e4rs&#8220; konfrontiert. Und auch die Rechtsanw\u00e4ltinnen der 19 Angeklagten werden traktiert. Allen voran Eren Keskin, die f\u00fcr ihre Arbeit wahlweise der &#8222;Verunglimpfung&#8220; oder der &#8222;Aufstachelung der Bev\u00f6lkerung zu Hass und Feindschaft&#8220; angeklagt wird.<\/p>\n<p>Nach einer Veranstaltung zum Internationalen Frauentag im M\u00e4rz dieses Jahres in K\u00f6ln, auf der Eren Keskin \u00fcber Frauenrechte in der T\u00fcrkei sprach, griff die t\u00fcrkische Presse sie massiv an. Die Tageszeitung &#8222;H\u00fcrriyet&#8220; warf ihr Verrat vor und der Journalist Fatih Altayli drohte: &#8222;Ich denke, wenn Eren Keskin zur\u00fcckkommt, wird sie ihre sexuelle Bel\u00e4stigung bekommen&#8230; Vielleicht ist es ja das, was sie will&#8220;<\/p>\n<p>Die nationale Anwaltskammer in Ankara hat gegen Frau Keskin inzwischen ein einj\u00e4hriges Berufsverbot ausgesprochen. Eine Klage dagegen ist zwar m\u00f6glich, Erfolg hat sie aber nur, wenn sich eine internationale \u00d6ffentlichkeit dazu verh\u00e4lt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein zu sexueller Gewalt durch staatliche Sicherheitskr\u00e4fte&#8220; &#8211; lautete der Titel des Kongresses im Juni 2000 (vgl. Otk\u00f6k\u00fc 2\/GWR 260, Sommer 01 &amp; Otk\u00f6k\u00fc 6\/GWR 271, Sept. 02). 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