{"id":5069,"date":"2002-11-01T00:00:34","date_gmt":"2002-10-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5069"},"modified":"2022-07-26T14:26:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:11","slug":"alternativen-zum-weltkapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/11\/alternativen-zum-weltkapitalismus\/","title":{"rendered":"Alternativen zum Weltkapitalismus?"},"content":{"rendered":"<p>Empire, Empire. In Worttat und Tatwort kann man seiner allumgebenden Pr\u00e4senz nicht entgehen. In Form des globalen Kapitalismus, der aus jedem Supermarket, aus jedem PC, dem, auf dem ich aktuell schreibe, in beiden genannten F\u00e4llen eher verlockend, an jede und jeden von uns herantritt. Wir sind, wollend, nichtwollend mitten in ihm, ja Teile von ihm. Nicht zynisch misszuverstehen, gilt Adornos Beobachtung in den 50j\u00e4hrigen Minima Moralia mehr denn je: es gibt kein wahres Leben im falschen. In diesen Tagen, Wochen und Monaten bereitet die hegemoniale Macht globalen Kapitalismus&#8216; einen Krieg, Kriege vor. Ein Krieg der gerade mit deutscher Zustimmung und Hilfe in Afghanistan gef\u00fchrt worden ist, ist noch nicht friedlich zu Ende. Der globale, radikal ungleiche Kapitalismus stellt bekanntlich f\u00fcr Nichtideologen und viele Nutznie\u00dfer prim\u00e4r ein Macht- , nicht ein Marktsystem dar, richtiger noch einen Macht- und Herrschaftsmarkt. Und die Kriegsvorbereitungen, die die gesamte USA, die fast die gesamte Welt seit dem 11.9.2001 schier verr\u00fcckt machen, rasseln b\u00f6se in den bildlichen Ohren von Frieden und Freiheit. Letztere sollen qua Orwell&#8217;scher Herrschafts- als Friedenssprache kriegerisch gegen den Irak Saddam Husseins, gegen alles, was als &#8222;terroristisch&#8220; definiert wird, gegen alles, was den &#8222;Westen&#8220; und seine Weltmacht in Frage stellt, verteidigt werden.<\/p>\n<p>Empire, Empire. Die Ohnmacht als minimale Person zu leben, inmitten einer kapitalistisch, technologisch und milit\u00e4risch verschlungenen, herrschaftsvoll und ungreifbar \u00fcberlegenen &#8218;Situation&#8216;, k\u00f6nnte nicht bedr\u00fcckend gr\u00f6\u00dfer sein. Globalisierungskritik, gewiss, oder die &#8222;neuen Anarchisten&#8220; wie sie David Graebner beschreibt. Die &#8218;eigentlichen&#8216; &#8218;Globalisten&#8216;, die diesem globalen military-industrial-technological\/scientific complex nicht die eigene Melodie, sondern radikal andere Fl\u00f6tent\u00f6ne weltweit vernetzter lokal-regionaler Gruppen aller organisatorischen Formen vorspielen. Um sie zum befreienden Tanzen zu bringen (vgl. D. Graebner: The New Anarchists, in: New Left Review 13, Jan\/Feb 2002, S.61-73). Indes. Ist das nicht eine neu bewegte, rundum sympathische, im Anspruch jedoch bei weitem \u00fcberzogene Selbstt\u00e4uschung? Wird hier nicht das, was herrschaftlich ist und t\u00e4glich Menschenopfer unerh\u00f6rt fordert, bewegungs- und neuerdings auch internet-tr\u00e4umerisch in Richtung neuer kleiner, global klappernder Fluchten verkannt?<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte in einer solchen Zeit, da die herrschenden Abstraktionen l\u00e4hmen und nicht wenige Menschen auf der Welt t\u00f6ten, da Herrschaft konsequent abstrakt geworden ist, medial t\u00e4uscherisch pseudopersonalisiert, im Sinne eines ersten Schritts mehr helfen, als der bekannte &#8218;Durchblick&#8216;. Um diesen immer milit\u00e4risch mit Gebiss versehenen und nicht selten direkt\/indirekt milit\u00e4risch zubei\u00dfenden Kapitalismus, mit welchem Legitimationsschleier bet\u00f6rend solche Kriege allemal versehen sein m\u00f6gen, auf den Begriff oder Begriffe zu bringen. Denn alle monistischen &#8218;Theorien&#8216; sind nicht nur meist falsch. Sie sind auch gef\u00e4hrlich. Sie tragen immer eine Brise Robespierre in sich. &#8222;Die Tugend&#8220; bzw. das als wahr Erkannte, &#8222;soll durch den Schrecken herrschen&#8220;. Will sagen, Mittel m\u00fcssen nicht mehr sorgsam abgewogen werden. Die Herrschaftslogik der Globalisierung, das, was und wie sie herrscht, gilt es also auf Begriffe zu bringen. Damit die Chancen erh\u00f6ht werden k\u00f6nnen, kurz-, mittel- und langfristig als die oben genannte minimale Person, mit anderen sich zur Gruppe hilfreich zusammenzutun und widerst\u00e4ndige Politik zu treiben.<\/p>\n<p>Das haben Antonio Negri, der zu Zeiten des italienischen Terrorismus\/Antiterrorismus Inhaftierte, und Michael Hardt, Professor f\u00fcr Literatur in den USA versucht. Empire.<\/p>\n<p>Ihre zentrale Hypothese lautet, damit erl\u00e4utern sie den zun\u00e4chst irritierenden Titel ihres bald 500 Seiten umfassenden Buches: &#8222;Die neue globale Form der Souver\u00e4nit\u00e4t ist das, was wir Empire nennen&#8220; &#8211; im Unterschied zum herk\u00f6mmlichen Staat und Staatensystem. Sie erl\u00e4utern diese Basisannahme noch im Vorwort: &#8222;Der Gang zum Empire kommt aus dem Zwielicht der Moderne. Im Gegensatz zum Imperialismus etabliert Empire kein neues r\u00e4umliches Machtzentrum; es besitzt keine festen Grenzen oder Schutzw\u00e4lle. Es ist ein herrschender Apparat ohne Zentrum, r\u00e4umlich nicht zu fassen, der zunehmend den ganzen Globus in seinen offenen und sich ausdehnenden Grenzen einnimmt. Empire besitzt diverse Identit\u00e4ten, flexible Hierarchien, und vielartige Austauschformen in spezifischen bestimmungsstarken Netzwerken. Die unterschiedlichen Farben auf der imperialistischen Karte der Welt sind ineinander geflossen und ergeben einen imperialen globalen Regenbogen.&#8220; Die Absicht, die Negri\/Hardt mit ihrer Untersuchung verfolgen, besteht nicht prim\u00e4r darin, die enormen Unterdr\u00fcckungen und Destruktionen darzustellen, die vom Empire ausgehen. Sie gehen vielmehr darauf aus, den imperialen Globalisierungsprozess umzukehren, seine &#8218;wahre&#8216; Richtung und die in ihm angelegten neuen Ziele zu geben.<\/p>\n<p>Liest man das anspruchsvolle und nicht immer leicht zu verstehende Buch &#8211; das spricht nicht gegen es -, bleiben zwiesp\u00e4ltige Leseeindr\u00fccke zur\u00fcck. Faszination, \u00c4rger und Entt\u00e4uschung wechseln die Stelle. Alle drei intellektuellen Gef\u00fchle bleiben.<\/p>\n<p>Die Autoren argumentieren, wie bei Antonio Negri nicht anders zu erwarten, gescheit, gebildet, scharfsinnig. Zugleich bleiben sie begrifflich seltsam unreflektiert bis zu ihrer meist mit dem Marschstiefel des Indikativ beschuhten Sprache. Als w\u00fcssten die Schreiber genau, wie es in der Vergangenheit bestellt war und wie es in Zukunft bestellt sein wird. Der Gestus der Gewissheit \u00fcberzeugt. Nein. Er ist eine der Grundfalschheiten des Buches indezenter Gedanken\u00fcbersch\u00e4tzung in nicht eingel\u00f6ster materialistischer Schwere.<\/p>\n<p>Die Sprache spr\u00fcht von leichtfertig gebrauchten gro\u00dfen Begriffen nur so \u00fcber. &#8222;Absolut&#8220;; &#8222;Ontologie&#8220;; &#8222;Immanenz&#8220; und so weiter. Eine an Marx anschlie\u00dfende, irgend weiter getriebene Kapitalismuskritik am Material kapitalistischer &#8218;Wirklichkeit&#8216; und ihrer Hintergr\u00fcnde, sucht man vergebens. Ebenso bleiben all die vielen, emphatisch gemachten Zukunftsaussagen ohne jegliche institutionellen \u00dcberlegungen. Wie das verhei\u00dfene Neue, wenn es nicht von selbst kommt, die neue Verfassung, die den Produktivkr\u00e4ften gem\u00e4ss ist, den Weg ins Freie finden und erhalten soll &#8211; dunkel war&#8217;s, der Mond schien helle. Faszinierend dann aber wieder, wie das Autorengespann vor allem mit Baruch Spinozas Hilfe, dem niederl\u00e4ndischen Philosophen des 17. Jahrhunderts, dichotomischem und allzu klappernd Hegelisch-dialektischem Denken begegnen und die neuen, weltweit m\u00f6glichen Gesellschaften aus einer kritisch gepackten und umgekehrten &#8218;immanenten&#8216; Logik der Entwicklung folgen lassen. Sie verlocken dazu, &#8218;unabgegoltene&#8216; M\u00f6glichkeiten im Sinne von Ernst Bloch, Walter Benjamin und anderen auszupacken, neu anzuschucken und zur Geltung zu bringen. Angesichts eines solchen, von Hardt\/Negri freilich an keiner Stelle reflektierten geschichtsphilosophischen Optimismus und Voluntarismus &#8211; man muss tun, man muss wollen, &#8218;die Entwicklung&#8216; und ihre &#8218;Ontologie&#8216; wollen sozusagen auch -, mag man selbst die Fanfare blasen und vorw\u00e4rts gehen. Man kann sich bekanntlich mit analytisch triftigen Einsichten auch das Grab allen Handelns selbst schaufeln (und akademisch frohgemut weiter geschw\u00e4tzige Karriere machen).<\/p>\n<p>Ich will den mir verbleibenden Platz in zwei Schritten ausf\u00fcllen. Zuerst versuche ich, indem ich mich weitgehend auf den I. Teil des Buches konzentriere, eine kleine Quintessenz desselben wiederzugeben. Danach will ich unter der Perspektive einer radikalen Alternative zum Empire, so wie es &#8218;leibt und lebt&#8216;, Hardt\/Negri kritisieren. Voll Sympathie zur Richtung, die sie ausflaggen, voll Kritik, wie sie es beim &#8218;ontologisierenden&#8216;, genauer beim nicht gewollten &#8218;metaphysischen&#8216; Flaggeschwingen belassen. Meine eigene Perspektive ist hierbei vom &#8217;sozialen&#8216; &#8211; in Differenz zum individualistischen &#8211; Anarchismus bestimmt, ausgerichtet gegen eine m.E. geradezu verh\u00e4ngnisvolle Staats- und traditionelle Politikfixierung vieler derjenigen, die das erfreulicherweise wieder etwas gr\u00f6\u00dfere Lager der Kritiker und Gegner kapitalistisch-herrschaftlicher Globalisierung bev\u00f6lkern.<\/p>\n<h3>Hardt\/Negri &#8211; eine eher punktuelle Skizze des Buchs<\/h3>\n<p>Zuerst: Empire ist ganz neu und frisch. Ein neues Muster, das ohne Artikel geschrieben und gesprochen, eine Art neues Subjekt verk\u00f6rpert. Allerdings erf\u00e4hrt man auch in den sp\u00e4teren Teilen nichts \u00fcber die institutionelle Orthop\u00e4die und funktionelle Physiologie dieses global allwesenden Superk\u00f6rpers. Seine Legitimation wird durch eine globale Polizeimacht und deren Recht ebenso hergestellt, wie die Polizei und ihr Recht der imperialen Legitimit\u00e4t entspringen (dieser Legitimationskreisel aus ordentlicher Gewalt und gewaltiger Ordnung, nun global und staatlich nicht mehr zu fassen, scheint als Muster jedenfalls wenig neu. Es ist das Staatsgewaltmuster von allem Staatsanfang an bis zu den nicht gerade unerheblichen Resten von Staatsgewalt heute).<\/p>\n<p>Ein n\u00e4chstes wichtiges Merkzeichen von Empire ist seine biopolitische Produktion. Diese Kennzeichnung haben H\/N von Michel Foucault ererbt. Biomacht ist &#8222;eine Form der Macht, die das soziale Leben von innen her reguliert, ihm folgt, es interpretiert, es absorbiert und wieder artikuliert.&#8220; So wie die direkte Konfrontation &#8218;disziplin\u00e4re Gesellschaft&#8216; vs. Individuum dadurch aufgehoben ist, so verliert das, auf diese Weise ehemalige, &#8218;internationale System&#8216; alle seine Vermittlungen. Das neue supranationale Recht muss im Kontext des unbegrenzten Raums, der biopolitischen Tiefe und der unvorhersehbar vorw\u00e4rts gerichteten Zeit hergeleitet werden. Die neue Form unmittelbarer Ausbeutung lebendiger immaterieller Arbeit &#8211; die neuen Technologien spielen bei H\/N eine mitausschlaggebende Rolle -, erfordert eine neue Wertlehre und ein neues Konzept der Subjektivit\u00e4t. Die neue imperiale Elite der transnationalen Konzerne \u00fcbt Herrschaft nicht mehr abstrakt und in Form ungleichen Tausches aus. Sie strukturiert die R\u00e4ume und artikuliert die Bev\u00f6lkerungen direkt. Die am ehesten vollst\u00e4ndige Gestalt dieser Welt wird unter der monet\u00e4ren Perspektive pr\u00e4sentiert (ich referiere durchgehend H\/N weitgehend w\u00f6rtlich, aber mit Spr\u00fcngen, WDN). Unter dieser Perspektive kann man den Horizont der Werte sehen und die Verteilungsmaschinerie, einen Mechanismus der Akkumulation, der Zirkulation, der Macht und der Sprache. Vor allem: die Entwicklung der Netzwerke der Kommunikation ist &#8222;organisch&#8220; mit dem Aufkommen der neuen Weltordnung verbunden. &#8222;Die politische Synthese des sozialen Raums ist im Raum der Kommunikation enthalten.&#8220; Die Legitimation der neuen Weltordnung ist konsequenter Weise nicht mehr irgendwohin \u00fcber- oder au\u00dfengelagert. Sie besteht im System selber. Sie wird dauernd in den eigenen Sprachen der Selbstbewertung reproduziert. Da nichts mehr au\u00dferhalb besteht, sind auch die Interventionen durch Gewalt verinnerlicht und zugleich universalisiert worden. So folgen auch die NGOs ganz der biopolitischen Logik. Die virtuelle und diskontinuierliche Eigenart imperialer Souver\u00e4nit\u00e4t mindern Sache und Effekt physischer Gewalt nicht. Letztere belegen nur, dass Empire seine Probleme mit legitimer Gewalt letztinstanzlich l\u00f6st.<\/p>\n<p>Der qualitative Sprung, den Empire tut, l\u00e4sst die drei Legitimit\u00e4ten von Herrschaft Max Webers zu einer un\u00fcbersehbaren Mischung werden. Elemente der Legitimation kraft Tradition verbinden sich mit einer extensiven b\u00fcrokratischen Herrschaft, die dem &#8222;physiologischen und politischen Kontext&#8220; angepasst ist. Die charismatische Herrschaftslegitimation besteht darin, das Ganze zu vereinzeln und die imperialen Interventionen insgesamt zu rechtfertigen. &#8222;Im Empire&#8220;, so schlie\u00dft der 1. Abschnitt \u00fcber dessen &#8218;Eigenart&#8216;, so eine solche noch ohne irgendein Au\u00dfen gesehen werden kann &#8211; logisch allenfalls qua historischem Vergleich -, &#8222;im Empire und seinem Regime der Biomacht, fallen \u00f6konomische production und politische Konstitution tendenziell zusammen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Alternativen&#8220; zum Empire, sind folgerichtig nur &#8222;im Empire&#8220; m\u00f6glich. Das ist deshalb der Fall, weil Empire selbst schon ein Schritt in die Richtung von Alternativen ist. Und dies wiederum ist so, weil &#8211; wie es an sp\u00e4terer Stelle hei\u00dft und die Annahme noch unter der oben referierten Grundannahme von H\/N darstellt -, die nur an manchen Stellen etwas sozial durchsichtiger werdende &#8222;multitude&#8220;, also die Vielheit der arbeitenden, der armen und leidenden Menschen mit ihrem alle Grenzen \u00fcberschreitenden Wunsch (desire) &#8222;den Prozess der kapitalistischen Entwicklung voran (zu) treiben.&#8220; Im I.Teil hei\u00dft es schlicht: &#8222;Die Vielheit hat Empire ins Leben gerufen.&#8220; Damit ist auch die &#8218;Potenz der Befreiung&#8216; schon gegeben.<\/p>\n<p>Folgerichtig wenden sich H\/N gegen alle nostalgischen R\u00fcckw\u00e4rtssehns\u00fcchte. Hier und sp\u00e4ter \u00fcbrigens mit trefflichen Formulierungen gegen das fast immer falsche, sprich unaufgekl\u00e4rte und voremanzipative Lob der Vergangenheit. Vor allem aber kritisieren H\/N alle dialektischen Zaubertricks, die aus dem Spitzenkapitalismus mit kurzen \u00dcberg\u00e4ngen den Spitzensozialismus im salto communale sozusagen entstehen lassen. H\/N. behaupten stattdessen &#8222;absolutely immanent&#8220; zu verfahren (etwas, so notiert der Kritiker sogleich, wohlbemerkt, das &#8222;absolut&#8220; nicht m\u00f6glich ist). Sie beziehen sich auf die Dekonstruktionen einer bunten Zahl kapitalismuskritischer Autoren wie Lenin und Adorno. Sie erw\u00e4hnen andere kapitalismuskritische Analysen und Antizipationen der weiteren aufhaltsamen Entwicklung des Kapitalismus. Vor allem sind jedoch die an sich schon global orientierte Vielheit und das Proletariat an der Reihe, das Proletariat, &#8222;das im Kapital lebt und das Kapital erh\u00e4lt&#8220;. Schlie\u00dflich werden die K\u00e4mpfe der 90er Jahre erw\u00e4hnt. Diese h\u00e4tten zwar an Ausdehnung und Dauer verloren, jedoch an Intensit\u00e4t gewonnen. Obgleich diese K\u00e4mpfe vielfach lokal ansetzten, seien sie \u00fcberall global bezogen, ja spr\u00e4ngen von ihrer lokalen direkt zu einer globalen Bedeutung. Betrachte man die Ver\u00e4nderung der Auseinandersetzungen seit Marx&#8216; Zeiten, zeige sich, dass die heute zu beobachtenden K\u00e4mpfe &#8222;unmittelbar subversiv an sich selber seien&#8220;. Empire (I, wie man wohl unterscheiden muss), in ihm immanent, gef\u00e4hrdeten sie \u00fcberall. Entscheidend ist immer erneut: &#8222;Die Vielheit ist die wirkliche produktive Gewalt unserer sozialen Welt. Empire ist nur ein einvernehmender Apparat, der allein von der Vitalit\u00e4t der Vielheit lebt &#8211; wie Marx sagen w\u00fcrde ein Vampir, der von der Akkumulation toter Arbeit lebt, aber nur \u00fcberlebt, indem er Blut aus der lebendigen Arbeit saugt&#8220;. Im &#8222;Politischen Manifest&#8220;, das den I. Teil abschlie\u00dft, fomulieren H\/N das, was sie eine &#8222;materialistische Teleologie&#8220; nennen, also ein geschichtlich angelegtes Ziel der Geschichte. Die herk\u00f6mmlichen politischen Institutionen verlieren an Macht. Die entscheidende Frage hei\u00dft: &#8222;wie kann produktive Arbeit, die in verschiedene Zentren zerstreut ist, ein Zentrum finden?&#8220; &#8222;Jede postmoderne Befreiung muss in dieser Welt erreicht werden, im Feld der Immanenz, ohne jede M\u00f6glichkeit selbst eines utopischen Au\u00dfen. Die Form, in der das Politische als Subjektivit\u00e4t heute ausgedr\u00fcckt werden sollte, ist nicht klar. Eine L\u00f6sung dieses Problems, m\u00fcsste das Subjekt und das Objekt dieses Projekts enger verweben, sie in eine Beziehung der Immanenz versetzen, die tiefer w\u00e4re als die, die Machiavelli oder Marx\/Engels gefunden haben. Mit anderen Worten, sie m\u00fcsste es in den Prozess der Selbstproduktion versetzen.&#8220;<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Teile (2) &#8222;Passagen der Souver\u00e4nit\u00e4t&#8220;, das Zwischenspiel: Gegen-Empire, (3) Passagen der Produktion und schlie\u00dflich (4) Der Aufstieg und Fall von Empire mit dem fast Fidelio-haften Schluss kann ich auch dort, wo sie aspektereich \u00fcber das kondensierte Referat hinausgehen, nicht einmal ber\u00fchren. In diesem Finale, da das Empire, kontingent schon lange zuvor von der befreitbewegten Vielheit zu einer &#8218;eigentlichen&#8216; globalen Anlage gebracht wird, wird selbst noch Franz von Assisi, anti-Franzisch verallgemeinernd, einvernommen (anti-Franzisch, so irgend etwas von seiner historischen \u00dcberlieferung Franz&#8216; von Assisi bleibt). Notieren will ich nur, indem ich nun wieder in die Haltung meiner sympathetischen Kritik und meiner kritischen Sympathie zur\u00fcckkehre &#8211; um eine paradoxale Ausdrucksweise von Nicolaus von Cues zu \u00fcbernehmen, den die Autoren als einen ihrer Vorl\u00e4ufer behandeln -, dass das Buch nicht nur die eingangs gekennzeichneten, geradezu schreienden L\u00fccken besitzt: keine materialistische Analyse von \u00d6konomie und Politik heute; vielmehr eine philosophische Attit\u00fcde des Materialismus; keine institutionell-organisatorischen \u00dcberlegungen, und sei es nur problematisierend, etwa wie man die viel besungene Multitude (Vielheit) jenseits aller neuerlichen ausredereichen Netzwerkromantik mitsamt der Defininitionsmacht des Internet, dort, wo dies notwendig w\u00e4re, vereinen k\u00f6nne. Und notwendig w\u00e4re es allein, um alle nichtkapitalistisch (aber wie??) zu ern\u00e4hren. Dar\u00fcber hinaus \u00fcberrascht denn doch, wie sehr die Autoren gewiss sorgf\u00e4ltig zu lesende und allemal aussagekr\u00e4ftige Ideengeschichte fast an Stelle der &#8218;Real&#8216;-Geschichte nehmen; vor allem irritiert, wie gewiss gro\u00dfe Autoren wie Machiavelli, den H\/N neu lesen, und vor allem Baruch Spinoza zu Zeugen gegenw\u00e4rtiger Zeit-, genauer Empire-Diagnose, vor allem zu Gew\u00e4hrsleuten, ja zu so etwas wie Gewissheitsgaranten materialistisch teleogisch sich befreiender, ganz immanent herauspaukender Zukunft werden. Die zuletzt gemachte Aussage gilt vor allem f\u00fcr Spinoza. Ihm hat Antonio Negri ein eigenes bedenkenswertes Buch gewidmet. Es ist fast 20 Jahre vor Empire erschienen. Dieses gibt dem Empire-Buch seine philosophisch-politische Grundlage. Ohne Negris eigene Spinoza-Rezeption sind die Kategorien des Empire-Buches und dessen von mir deswegen nur oberfl\u00e4chlich kritisierten Absoluts-, Immanenz-, Ontologieannahmen u.\u00e4.m. kaum verst\u00e4ndlich (s. A. Negri: The Savage Anomaly. The Power of Spinoza&#8217;s Metaphysics and Politics, translated by Michael Hardt, 1991; das italienische Original ist 10 Jahre zuvor erschienen). Mit dieser ideengeschichtlichen Unmittelbarkeit der Autoren nicht genug (&#8222;unmittelbar&#8220; ist ein anderes ihrer Lieblingsw\u00f6rter, das, unstimmig wie das damit Gemeinte in hochvermittelter Gesellschaft sein muss, auch in Empire, ob seines verr\u00e4terischen Gebrauchs nach dem Grund des &#8222;Verrats&#8220; fragen macht. Der liegt in ihrer Teleologie und ihrer gesellschaftsfreien Gesellschaftsvorstellung begr\u00fcndet. Fast wie die Marktliberalen unterstellen sie zwar nicht die &#8222;tausendf\u00e4ltigen Spontaneit\u00e4ten des Markts&#8220;, wohl aber die der netzwerkartig spontan verbundenen Vielheit). Wie zum Teil zu Recht kritisiert worden ist, f\u00e4llt nicht nur auf, dass die Autoren die USA als m\u00f6gliche aktuelle Form eines Imperium gar nicht er\u00f6rtern (vgl. Tarak Barlawi\/Mark Laffey: Retrieving the Imperial: E m p i r e and International Relations, in: Millenium. Journal of International Studies 2002 &#8211; leider, wie auch die anderen sich daran anschlie\u00dfenden Artikel viel zu akademisch). Mehr noch: sie zeichnen, ein gutes Teil-Kapitel lang ein Bild der USA, das geradezu idealisierend genannt werden muss. Sperrige Fakten, die Indianer, die Afro-Amerikaner u.a. werden zwar erw\u00e4hnt. Von einer historisch gegenw\u00e4rtig einigerma\u00dfen angemessenen Analyse keine Rede. Eine solche m\u00fcsste wenigstens das gegenw\u00e4rtige Zielen auf den 3. Golfkrieg und nicht zuletzt die Art des Zielens verst\u00e4ndlicher machen.<\/p>\n<h3>Bei den Autoren bleibende und \u00fcber sie hinausgehende Kritik in Richtung Mangel ausnahmsweise nicht an, sondern M\u00e4ngel der Alternativen<\/h3>\n<p>Ein Vorzug von H\/N.: die neue Qualit\u00e4t des heutigen, sich dauernd ver\u00e4ndernden &#8218;Zustands&#8216; der Globalisierung wird zwar, vom Titel angefangen, sogar \u00fcberm\u00e4\u00dfig pointiert. Als ganz neues Muster, ohne all die hereinragenden &#8218;alten M\u00e4chte&#8216; und deren anhaltende Effekte zu beachten. Und dies inmitten des Neuen. Das Neue von Empire wird vielmehr so stark gemacht, dass es auf seine eigene \u00dcberwindung angelegt erscheint. Widerspr\u00fcche, Krisen, indes auch und vor allem die Gewalt, Alternativen zu kooptieren und zu unterdr\u00fccken, werden unterbelichtet. W\u00fcrde allein die modische, analytisch nicht einmal spurenartig eingel\u00f6ste Behauptung der Biopolitik zureichend vermittelt (!), herausgearbeitet, dann bedeutete diese, dass alle Alternativen schon im Gedanken vorab zunichte gemacht werden. W\u00fcrden au\u00dferdem die gegenw\u00e4rtige Supermacht, die USA genauer betrachtet worden sein, die doch wohl &#8211; und kein superabstraktes, seltsam eigenes Subjekt Empire &#8211; mit ihren Interessen einen Gutteil der gegenw\u00e4rtigen Welt beherrschen, dann h\u00e4tte gerade aus der Schw\u00e4che dieses anscheinend vor St\u00e4rke nur so kriegerisch strotzenden, die erwartbare gef\u00e4hrliche Dialektik der Gewalt und deren Grenzen diagnostiziert werden k\u00f6nnen. Einer der kl\u00fcgeren Kommentatoren hat dieser Tage in der New York Times formuliert, die USA, &#8222;der Welt einzige Supermacht zittere an der Schwelle einer neuen imperialen Z\u00e4sur&#8220; (Mark Danner, NYT 9.10.2002). Wenn es stimmt, wie ein US-amerikanisches Gericht j\u00fcngst feststellte, dass seit dem 11.9.2001 &#8222;sich das Leben in Amerika drastisch und dramatisch \u00e4nderte&#8220;, dann ist es die Supermacht zuerst, die angstbei\u00dft. Das n\u00fctzt denjenigen, die durch sie vom Krieg \u00fcberzogen werden, nichts. Es k\u00f6nnte zusammen mit anderen Einsichten, die ich hier nicht ausf\u00fchren kann, jedoch unserer aller oppositionelles Verhalten beeinflussen. Insgesamt gilt jedoch f\u00fcr H\/N ebenso wie die meisten heute gl\u00fccklicherweise bewegungs- und vor allem demonstrativ fl\u00fcggren Opponenten der herrschenden Art zu globalisieren, dass die mangelhafte Diagnose der Schw\u00e4chen, aber auch der St\u00e4rken des gegenw\u00e4rtigen &#8218;west&#8216;-und US-gef\u00fchrten Weltkapitalismus, gerade die Gegenbewegung auf die Dauer schw\u00e4cht.<\/p>\n<p>H\/N pr\u00e4sentieren keine Alternative. Wer k\u00f6nnte, wer d\u00fcrfte dies. Das w\u00e4re als fertiges Eintopfessen geradezu paradox, wo so Vieles gelernt, erprobt, neu gemacht werden m\u00fcsste\/muss. H\/N st\u00e4rken, wie sie meinen das Wissen, wie man richtiger sagen muss, den G l a u b e n an eine Alternative. Sehr zu bef\u00fcrworten ist es hierbei, dass sie ohne fertiges Konzept und Rezept arbeiten. Dass sie etwa nicht auf eine Partei setzen oder mit einer anderen Organisationsform allein zukunftslos Zukunft machen wollen. Diese Eigenart d\u00fcrfte unter anderem die Attraktivit\u00e4t des Buches bestimmen. Ansonsten eignet es sich nicht gerade als &#8218;Bewegungsbuch&#8216; (da l\u00e4ge es schon zu schwer im Rucksack). Ihre Knausrigkeit, sich zu organisatorischen Formen zu \u00e4u\u00dfern, sei es zu herrschenden, sei es zu politisch oppositionellen, sichert ihnen zwar kontroversloses Wohlgefallen. Ihre sparsame Phantasie schadet indes, wenn man nicht naiv auf alle gewiss n\u00f6tigen &#8218;Spontaneit\u00e4ten&#8216; setzt. Auch diese sind in der Regel sehr vermittelt, sprich von einer Reihe von Bedingungen abh\u00e4ngig. Die riesige Spanne zwischen wichtigen und richtigen lokalen oder ereignisspezifischen Aktionen und dem, was global selbst und gerade dann schwierig zu l\u00f6sen w\u00e4re, wenn keine herrschenden Gewalten dagegen st\u00fcnden, wird geradezu verantwortungslos offen gelassen. Dass dies gerade bei vielen &#8218;Bewegten&#8216; und denen, die von den Modeerscheinungen der &#8218;Globalisierungskritik&#8216; leben, eben so ist, verst\u00e4rkt die intellektuell politische &#8218;Schuld&#8216; der Herren (und anarchistischen Genossen?) N\/H. Es reicht doch einfach nicht aus, so wie halbkritisch Empire, Empire, so enthusiastisch als des n\u00f6tigen und schwierigen Organisierens L\u00f6sung: Netzwerk, Netzwerk zu spinnrufen. Als vernetzten sich die Netzwerke zu einer, dann selbstredend wundersam wirkenden, strikt von unten nach globaloben kommunizierenden &#8222;Weltzivilgesellschaft&#8220; (mir wird es, schon wenn ich die Worte selbst gebrauche, ganz gewaltschummelig und ungleich zumute) (vgl. zus\u00e4tzlich zu oben erw\u00e4hnten David Graebner Michael Hardt: Today&#8217;s Bandung? (\u00fcber Porto Alegre,WDN), in: New Left Review Mar\/Apr 2002, 112-118); Naomi Klein: Fences and Windows. Dispatches from the Front Lines of the Globalization Debate, Vintage 2002; Maude Barlow\/ Tony Clarke: Global Showdown. How the New Activists Are Fighting Global Rule, Stoddart Publishing 2002)<\/p>\n<p>Ein letztes, weil der Platz nicht mehr hergibt. Indem sie die alte Kultur- und die damit verbundene Technikkritik aus gutem Grund hinter sich gelassen haben, werden H\/N wie viele andere &#8218;Alternativen&#8216; seltsam technologiegl\u00e4ubig. Sie benutzen Internet und dergleichen nicht nur. Das muss jede\/r, der\/die sich in dieser Wirklichkeit einigerma\u00dfen sozial (!) bewegen will. Nur, die kapitalistische Logik, die in der Technologie steckt, einschlie\u00dflich gerade der Produktionslogik zu \u00fcbersehen, das geht dann gef\u00e4hrlich naiv ein gro\u00dfes St\u00fcck zu weit. Von den aktuellen und bleibenden Ungleichheiten des Gebrauchs und ihrem allenfalls perversen demokratischen Surrogatcharakter zu schweigen.<\/p>\n<p>Schade. Pr\u00e4chtige Spinoza-Interpretationen und ihre Anwendung auf die Gegenwart ersetzen die Analyse der letzteren nicht. Der neue (oder doch alte?!) Hut Empire verdeckt mehr, als er erhellt. In Sachen Alternativen hei\u00dft es konsequenter, herrschaftskritischer und phantasievoller zu Werk gehen. Und das hei\u00dft auch, das eigene Verhalten und die eigenen Organisationen nicht aus dem Auge zu lassen. Ohne Hoffnung geht es nicht. Indes geht es ohne geschichtsphilosophischen Glauben. Es muss sogar. Der verstellt nur. Vor allem geht es nie und nimmer ohne &#8222;Kritik als Universalarznei&#8220; (Vladimir Majakowski, in den fr\u00fchen Jahren des Stalinismus ermordet). Dieselbe ist gegen all das Herrschende und all die Herrschenden, dieselbe ist jedoch auch f\u00fcr all das Alternative und die Alternativen bitter n\u00f6tig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Empire, Empire. In Worttat und Tatwort kann man seiner allumgebenden Pr\u00e4senz nicht entgehen. In Form des globalen Kapitalismus, der aus jedem Supermarket, aus jedem PC, dem, auf dem ich aktuell schreibe, in beiden genannten F\u00e4llen eher verlockend, an jede und jeden von uns herantritt. Wir sind, wollend, nichtwollend mitten in ihm, ja Teile von ihm. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/11\/alternativen-zum-weltkapitalismus\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Alternativen zum Weltkapitalismus? - graswurzelrevolution","description":"Empire, Empire. In Worttat und Tatwort kann man seiner allumgebenden Pr\u00e4senz nicht entgehen. 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