{"id":5080,"date":"2002-11-01T00:00:54","date_gmt":"2002-10-31T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5080"},"modified":"2022-07-26T14:15:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:14","slug":"was-hat-der-deutsche-herbst-mit-dem-11-9-zu-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/11\/was-hat-der-deutsche-herbst-mit-dem-11-9-zu-tun\/","title":{"rendered":"Was hat der Deutsche Herbst mit dem 11.9. zu tun?"},"content":{"rendered":"<p>Bizarre Erfahrungen mache ich neuerdings auf Veranstaltungen in deutschen Landen: da verlese ich \u00fcber zehn Minuten hinweg eine radikal antimilitaristische Kritik der pal\u00e4stinensischen Selbstmordattentate und fordere die Pal\u00e4stinenserInnen zum gewaltfreien Widerstand auf, wof\u00fcr ich noch vor zehn Jahren von AntiimperialistInnen des eurozentrierten Rassismus geziehen worden w\u00e4re, und was passiert? Ich werde daf\u00fcr kritisiert, dass in meiner Kritik angeblich das Existenzrecht Israels nicht anerkannt wird und ich immer noch vom israelischen Milit\u00e4r als den Unterdr\u00fcckern und den Pal\u00e4stinenserInnen als Unterdr\u00fcckten spreche! Also werde ich in die N\u00e4he des Antizionismus (ist gleich Antisemitismus!) ger\u00fcckt. (Nebenbei: nat\u00fcrlich w\u00fcrde ein gewaltfreier Widerstand auch Israels Existenz garantieren, und zwar praktisch, und nicht durch folgenloses Gerede von Politikern: jeder\/m israelischen B\u00fcrgerIn w\u00fcrde durch die Widerstandsform gesagt, es gibt eine Grenze deiner Antastbarkeit, und das ist deine physische Existenz, dein Leben, genau das wird respektiert).<\/p>\n<p>Anderes Erlebnis: in einer Diskussion in einem besetzten Haus wird mir pl\u00f6tzlich von mehreren BesetzerInnen er\u00f6ffnet, man\/frau k\u00f6nne in Gesellschaftsanalysen nicht mehr zwischen Oben und Unten unterscheiden, weil Goldhagen gezeigt habe, dass die deutschen Nazis damals ganz selbstbestimmt die Juden\/J\u00fcdinnen vernichtet h\u00e4tten und also heute &#8222;Unten&#8220;, das &#8222;Volk&#8220; oder die &#8222;Bev\u00f6lkerung&#8220; genau so schlimm sei wie &#8222;Oben&#8220;, ja gar nicht mehr feststellbar sei, was eigentlich &#8222;Oben&#8220; und was &#8222;Unten&#8220; sei. Meine Antwort war, mir sei ein Nazi auf der Stra\u00dfe noch allemal lieber als ein Nazi an der Regierung und wenn sie im besetzten Haus die n\u00e4chste Polizeir\u00e4umung h\u00e4tten, w\u00fcrden sie schon wieder mitkriegen, dass die Polizei in einer libert\u00e4ren Gesellschaftsanalyse zumindest schon mal zu &#8222;Oben&#8220; z\u00e4hlen w\u00fcrde!<\/p>\n<h3>Weit \u00fcbers Ziel hinaus<\/h3>\n<p>Wie konnte es so weit kommen? Diese DiskussionsteilnehmerInnen kamen aus sogenannten &#8222;antideutschen&#8220; Gruppen. Urspr\u00fcnglich lag diesen Gruppen ein emanzipatorisches Motiv zugrunde: aus der Analyse des breiten Mitl\u00e4ufertums und Mitt\u00e4terInnentums im Nationalsozialismus n\u00e4mlich eine differenzierte Analyse von Gegenwartsgesellschaften zu fordern, die mitbedenkt, dass es auch eine reaktion\u00e4re Massenmobilisierung geben kann, die sich z.B. in den neunziger Jahren in den pogromartigen Ausschreitungen gegen Fl\u00fcchtlinge und MigrantInnen Bahn brach. Folgerichtig nannten sich diese Gruppen zun\u00e4chst antinationalistisch. Und so weit war das unterst\u00fctzenswert: auch f\u00fcr AnarchistInnen war es sinnvoll, skeptischer an Modelle der Gesellschaftsanalyse und Strategien der Gesellschaftsver\u00e4nderung heran zu gehen und nicht undifferenziert davon auszugehen, dass alles, was von unten kommt, als &#8222;gut&#8220; und nur die Regierung als &#8222;schlecht&#8220; betrachtet wird.<\/p>\n<p>Doch das urspr\u00fcnglich emanzipatorische Motiv ist l\u00e4ngst \u00fcbers Ziel hinaus geschossen und hat sich in eine reaktion\u00e4re Gesellschaftskritik verwandelt, die den Status Quo, das bestehende Gesellschaftssystem st\u00fctzt: die antideutsche Kritik nimmt &#8222;die Bev\u00f6lkerung&#8220; ebenso undifferenziert nur noch als &#8222;schlecht&#8220; (ist gleich rassistisch, nationalistisch, antisemitisch) ins Visier, anstatt das zu tun, was mit der Kritik urspr\u00fcnglich gemeint war: zu differenzieren und diejenigen Potentiale in der Bev\u00f6lkerung heraus zu analysieren, bei denen sich noch immer Ansatzpunkte f\u00fcr emanzipatorische M\u00f6glichkeiten finden lassen, und seien sie vorl\u00e4ufig noch so minorit\u00e4r. Sie haben analytisch sozusagen schon kapituliert vor dem gro\u00dfen Block komplett nationalistischen Bewusstseins in der BRD &#8211; und nur so l\u00e4\u00dft sich erkl\u00e4ren, dass sich Antideutsche neuerdings auf der Seite der Kriegsbef\u00fcrworterInnen finden, etwa beim Afghanistankrieg, und sich ihre Kritik darin ersch\u00f6pft, dass die BRD sich zu wenig milit\u00e4risch darin engagiert habe, weil milit\u00e4rische Zur\u00fcckhaltung antiamerikanisch sei. ((1)) Oder: in einem Kongress der Zeitung &#8222;Jungle World&#8220; vom 6.-8.9. 2002 fordert etwa Thomas Uwer angesichts des drohenden Irakkrieges eine &#8222;Revolution&#8220; in den arabischen L\u00e4ndern (einverstanden, aber gibt es nicht noch einen klitzekleinen Unterschied zwischen einer Revolution und dem Bombenhagel der US-Luftwaffe?): &#8222;Wenn die Abschaffung des Krieges das Ziel ist, dann bedeutet das gegenw\u00e4rtig die klare Forderung, dass man gegen die um sich greifende Dummheit der deutschen Friedensbewegung vorgehen muss, gegen das Festhalten an der starren Gewalt der Regime und gegen das offene Paktieren der Friedensbewegung mit den Apologeten Saddam Husseins.&#8220; ((2)) Das ist nur noch reine Beschimpfung, es ist der Hass derjenigen, die es sich im System bequem gemacht haben.<\/p>\n<p>So hat sich die antideutsche Position in einigen ihrer Variationen zu einer Bef\u00fcrwortung des deutschen milit\u00e4rischen Expansionismus und der allgemeinen Kriegsbef\u00fcrwortung gewandelt &#8211; und sieht den Widerspruch, den Wald vor lauter B\u00e4umen nicht.<\/p>\n<p>Eine von vielen Erkl\u00e4rungen ist m.E., dass viele der antideutschen Theoretikerinnen urspr\u00fcnglich aus dem autorit\u00e4ren Marxismus kamen und ihnen mit ihren Analysemustern eine Gesellschaftsanalyse des &#8222;Oben&#8220; und &#8222;Unten&#8220; noch nie wichtig war. So haben sie auch keine Schwierigkeiten damit, diesen Unterschied heute ganz einzuebnen, mit fatalen Folgen: am Vorabend des Irakkrieges steht die deutsche au\u00dferparlamentarische Szenerie gespalten wie selten und nahezu unf\u00e4hig da, gegen den kommenden Krieg gemeinsam zu handeln.<\/p>\n<h3>Die Einebnung des Oben-Unten-Gegensatzes bei Oliver Tolmein<\/h3>\n<p>Ich will dieses Ph\u00e4nomen an einem der exponiertesten Journalisten der marxistischen West-Linken, der die zentralen Ideologeme der Antideutschen \u00fcbernommen hat, ohne sich ganz dazu zu bekennen, exemplifizieren: bei Oliver Tolmein hei\u00dft es in seinem neuen Buch &#8222;Vom Deutschen Herbst zum 11. September&#8220; im Untertitel viel versprechend: &#8222;Die RAF, der Terrorismus und der Staat.&#8220; In diesem Buch liest Tolmein die Texte der RAF noch einmal vor dem Hintergrund der Anschl\u00e4ge vom 11.9. Er weist den RAF-Texten dabei durchg\u00e4ngig nationalistische, antisemitische und antiamerikanische Muster nach und stellt sie dabei zuweilen in gef\u00e4hrliche ideologische N\u00e4he zu den Motiven der islamistischen Attent\u00e4ter. Man\/frau kann dieses Buch auf zwei Arten lesen: die eine w\u00e4re, sich \u00fcber die tats\u00e4chlich nivellierenden Vergleiche der RAF (etwa, der Vietnamkrieg der USA &#8222;ist Auschwitz&#8220;) ((3)) zu wundern, sich zu fragen, ob mensch das selbst schon damals auch so gelesen und empfunden hatte, und es damit auf sich beruhen lassen.<\/p>\n<p>Man\/frau kann sich aber auch fragen, was das alles soll? Welcher Erkenntnisgewinn ist damit verbunden, angesichts des 11.9. r\u00fcckwirkend auf die RAF einzuhauen, auf einen organisatorischen Kadaver, eine Gruppe, die sich l\u00e4ngst aufgel\u00f6st hat? In meinen Augen ist Tolmein das prototypische Exemplar eines opportunistischen Journalisten &#8211; er formuliert seine Kritik immer nur so weit, wie es opportun erscheint, um in der &#8222;radikalen&#8220; Linken noch anerkannt zu bleiben, so schon bei seinem 1987 mit Detlef zum Winkel geschriebenen Buch &#8222;Nix gerafft&#8220;. ((4)) Tolmein k\u00f6nnte sich ja mal fragen, warum er denn damals der RAF nicht das vorgehalten hat, was er ihr heute vorh\u00e4lt. Damals, und nat\u00fcrlich noch mehr zehn Jahren fr\u00fcher, 1977, hatte es nicht Opportunismus, sondern Mut gebraucht, um eine antinationalistische und antimilitaristische RAF-Kritik zu schreiben wie etwa die &#8222;Feldz\u00fcge f\u00fcr ein sauberes Deutschland&#8220;, die damalige Erkl\u00e4rung der gewaltfreien Aktionsgruppen zu RAF und Mescalero-Aff\u00e4re ((5)) &#8211; Tolmein geh\u00f6rt hier zur langen Reihe sogenannter Linksradikaler, die diesen Text weder damals noch heute je zur Kenntnis genommen haben.<\/p>\n<p>Da hilft dann auch die ansehnliche antimilitaristische Kritik, die Tolmein in seinem neuen Buch auff\u00e4hrt, nicht weiter, weil sie heute niemanden mehr juckt. Dabei \u00fcbersieht Tolmein das Entscheidende: dass es n\u00e4mlich einen engen Zusammenhang gibt zwischen dem Militarismus der RAF und ihren von Tolmein blo\u00dfgestellten nationalistischen und antisemitischen Positionen. Durch den Druck, den der bewaffnete Kampf strukturell mit sich bringt, bekommen solche Positionen n\u00e4mlich eine militante Rigidit\u00e4t, die allen nicht bewaffneten Bewegungen, sogar noch der Friedensbewegung der achtziger Jahre, fehlte. Deswegen ist es auch falsch, wie Tolmein geradezu klischeehaft wiederholt, mal wieder vom &#8222;nationalen Erwachen der Friedensbewegung&#8220; ((6)) zu sprechen: der Nationalismus war in der Linken l\u00e4ngst erwacht, als die 80er Friedensbewegung auf den Plan trat, und zwar schlimmer, als er aus den Reihen der Friedensbewegung je kam &#8211; mit physischen Konsequenzen f\u00fcr Opfer aus Israel, als die RAF im Anschlu\u00df an die Geiselnahme von israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen in M\u00fcnchen 1972 durch ein pal\u00e4stinensisches Kommando, bei der elf Israelis ermordet wurden, erkl\u00e4rte: &#8222;Israel vergie\u00dft Krokodilstr\u00e4nen. Es hat seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden &#8211; Brennmaterial f\u00fcr imperialistische Ausrottungspolitik.&#8220; ((7)) Solch ein Zynismus w\u00e4re sp\u00e4ter aus den Reihen der Friedensbewegung niemals gekommen: wie im Reflex lagen in den 80ern die Distanzierungen der Friedensbewegung bei Attentaten der RAF vor &#8211; und sie wurde ein- ums andere Mal daf\u00fcr des Reformismus und der Spaltung geziehen. Dass in der Kritik physischer Angriffe auf Israelis oder VertreterInnen der US-Armee auch ein anti-antiisraelisches und anti-antiamerikanisches Potential liegen k\u00f6nnte, auf diese Idee kommen Leute wie Tolmein nicht. Und deswegen gibt es f\u00fcr sie auch keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen bewaffneten Organisationen und der Rigidit\u00e4t ihres Antiamerikanismus und Antizionismus.<\/p>\n<p>Tolmein \u00f6ffnet den antideutschen Kriegern ideologisch die T\u00fcr, wenn er behauptet, der Krieg gegen den Nationalsozialismus habe gezeigt, dass &#8222;es prinzipiell erforderlich sein kann, milit\u00e4risch zu intervenieren.&#8220; ((8)) Falsch! Aus der Singularit\u00e4t von Auschwitz ergibt sich, dass es im schlimmsten Ausnahmefall erforderlich sein kann, zu intervenieren! Das ist nicht die Regel und schon gar kein Prinzip &#8211; ein Kriegsherr Joschka Fischer w\u00fcrde sich freuen, wenn bisherige linke KriegsgegnerInnen das zum Prinzip erheben w\u00fcrden! Doch dabei h\u00e4lt sich Tolmein nicht lange auf, ihm geht es um die Frage, &#8222;wie tragf\u00e4hig dualistische Betrachtungsweisen von oben und unten, Herrschenden und Beherrschten, Norden und S\u00fcden, Freund und Feind sind, die die g\u00e4ngigen Analysen noch oft genug durchziehen.&#8220; ((9)) Keine Frage, dass sie f\u00fcr Tolmein nicht mehr tragf\u00e4hig sind, f\u00fcr ihn gibt es keine Herrschenden und Beherrschten mehr, keinen Norden und keinen S\u00fcden usw. usf. Die erste Forderung an Linke, die solch einen Bl\u00f6dsinn verbreiten, w\u00e4re m.E. die Forderung nach sofortiger Einstellung jeglicher politischer Aktivit\u00e4t! Wer n\u00e4mlich nicht mehr f\u00e4hig ist, zwischen Oben und Unten zu unterscheiden, wem das keinen Sinn mehr macht, wer da nur noch einen \u00fcberall von Nationalismus und Antisemitismus durchtr\u00e4nkten Brei sieht, der\/die soll doch bitte den Griffel aus der Hand legen. Was h\u00e4tte politische Publizistik dann noch f\u00fcr einen Zweck? Die eigene Ratlosigkeit auszubreiten? Danke, verzichte!<\/p>\n<p>Die rassistischen Morde in den neunziger Jahren haben nach Tolmein eine Gesellschaft gezeigt, &#8222;in der nicht einfach Gewalt und Herrschaft von &#8218;oben&#8216; kommen, Widerstand und Emanzipation aber (von) &#8218;unten&#8216;.&#8220; ((10)) Ja und? Schon zu Zeiten der franz\u00f6sischen Revolution war die Pariser Stadtbev\u00f6lkerung eine Minderheit und der Rest der Gesellschaft reaktion\u00e4r, die Bauern und B\u00e4uerinnen in der Vend\u00e9e Hort der Konterrevolution! Richtig bleibt trotzdem, dass Widerstand und Emanzipation nie von oben kommen, sondern immer nur von unten kommen k\u00f6nnen, auch wenn sie zu Zeiten von noch so kleinen Minderheiten ausgehen m\u00fcssen. Doch Tolmein ficht das nicht an: er meint, dass im Nationalsozialismus &#8222;der Antisemitismus nicht von oben kommandiert werden musste, dass der Massenmord an Behinderten auch von Teilen der Bev\u00f6lkerung geduldet und unterst\u00fctzt wurde.&#8220; ((11)) Das widerspricht allen Analysen von Raul Hilberg \u00fcber die wichtige Rolle des Diktators Hitler und die Effizienz von dessen Befehlskette &#8211; die Reduktion der NS-Analysen auf den eliminatorischen Antisemitismus a la Goldhagen zeigt sich hier als fatal. Und darf ich fragen, woher denn der schwache, aber doch \u00e4u\u00dferst wichtige Protest gegen das NS-Euthanasieprogramm kam, von den Verwandten der Betroffenen oder aus NS-Regierungskreisen? Dasselbe gilt f\u00fcr den Widerstand der Frauen in der Berliner Rosenstra\u00dfe 1943.<\/p>\n<p>An 1977 interessiert Tolmein zuallererst die Tatsache, dass den Herrschenden eine gro\u00df angelegte reaktion\u00e4re Mobilisierung f\u00fcr ihre Repressionspolitik und teilweise das Grundgesetz aushebelnden Ma\u00dfnahmen gegen die RAF gelang, und kaum die Tatsache, dass es jenseits dieser Auseinandersetzung damals tats\u00e4chlich eine zur Mobilisierung von Hunderttausenden f\u00e4hige Anti-AKW-Bewegung gab, die f\u00fcr den Staat viel unkalkulierbarer und gef\u00e4hrlicher war als die RAF. Die besten damaligen Analysen werden dieser Sicht geopfert, etwa Joachim Hirschs wegweisendes Buch \u00fcber den &#8222;Sicherheitsstaat&#8220;, Tolmein dazu: &#8222;Eine Analyse der Entwicklung politischer Herrschaft, die den Ausbau des &#8218;\u00dcberwachungsstaats&#8216; in den Mittelpunkt r\u00fcckt, ist hierzulande auch deswegen falsch, weil sie in der Regel einen systembedingten Gegensatz zwischen Apparat und Bev\u00f6lkerung konstruiert, statt herauszuarbeiten, wie Feindgruppen definiert und schlie\u00dflich, wenn es opportun erscheint, unter Einbeziehung der Bev\u00f6lkerung bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnen.&#8220; ((12)) Es mag ja sein, dass der Apparat damals die RAF als Feind definiert hat, aber nicht, weil sie f\u00fcr ihn bedrohlich war, was Tolmein an anderer Stelle selbst zugibt (&#8222;kaum jeweils mehr als ein paar Dutzend Menschen, denen keinerlei Repr\u00e4sentativit\u00e4t zukam&#8220;). ((13)) Da war die reale systemkritische Massenbewegung der Anti-AKW-Bewegung bedrohlicher &#8211; und man\/frau kann ja wohl nicht sagen, dass sie nicht auch vom Apparat bek\u00e4mpft worden oder zum Feindbild erkl\u00e4rt worden w\u00e4re (&#8222;Sympathisantensumpf&#8220; u.a.). War sie vielleicht gar der eigentliche Feind, der gegen\u00fcber der &#8211; dann aber auch noch rudiment\u00e4r funktionierenden &#8211; \u00d6ffentlichkeit nur eben nicht so frontal bestimmt werden konnte?<\/p>\n<p>Im Vergleich mit der Situation nach dem Deutschen Herbst und nach dem 11. September kommt Tolmein zu einem verbl\u00fcffenden Ergebnis: &#8222;Die Formierung der US-Gesellschaft (ist) selbst angesichts dieser Entwicklung (Sondergerichte nach dem 11.9.; d.A.) l\u00e4ngst nicht so weit fortgeschritten wie die der Bundesrepublik zu Zeiten des Deutschen Herbstes.&#8220; ((14)) Alle Informationen, die ich von dort lebenden AktivistInnen bekam, lassen auf eine vergleichbare Situation schlie\u00dfen. Tolmein dagegen meint, in den USA gebe es &#8222;keine Selbstgleichschaltung der Medien (ein guter Witz: wenn es sie je gab, dann aber nach dem 11.9.!, d.A.), keine Nachrichtensperre (von den gefangenen Taliban und ihren Verh\u00f6ren allemal; und darauf kommt es an, wenn man den Vergleich zu den RAF-Gefangenen zieht, d.A.) und kein kollektives Einschwenken auf den Kurs des Ma\u00dfnahmestaates.&#8220; ((15)) Man\/frau fragt sich, wo lebt denn der? Von hier aus ist es kein gro\u00dfer Schritt zur Bef\u00fcrwortung des US-Krieges mehr, weil sich ja in der milit\u00e4rischen Skepsis der BRD nur der formierte Oben-Unten-Block nationalistischen Bewusstseins spiegelt, der angeblich im &#8222;Ma\u00dfnahmestaat&#8220; USA keineswegs vorhanden sei. Wer so intensiv an der Einebnung des Oben-Unten-Gegensatzes arbeitet, kann sich vor lauter ideologischen Fallstricken nicht mehr vorstellen, dass eine reaktion\u00e4re Mobilisierung auch anderswo als in Deutschland m\u00f6glich ist &#8211; und dass trotzdem die M\u00f6glichkeit von Widerstand und Emanzipation nur von unten kommen kann!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bizarre Erfahrungen mache ich neuerdings auf Veranstaltungen in deutschen Landen: da verlese ich \u00fcber zehn Minuten hinweg eine radikal antimilitaristische Kritik der pal\u00e4stinensischen Selbstmordattentate und fordere die Pal\u00e4stinenserInnen zum gewaltfreien Widerstand auf, wof\u00fcr ich noch vor zehn Jahren von AntiimperialistInnen des eurozentrierten Rassismus geziehen worden w\u00e4re, und was passiert? 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