{"id":5111,"date":"2002-12-01T00:00:40","date_gmt":"2002-11-30T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5111"},"modified":"2022-07-26T14:26:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:10","slug":"der-wind-der-veranderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/12\/der-wind-der-veranderung\/","title":{"rendered":"Der Wind der Ver\u00e4nderung"},"content":{"rendered":"<h3><strong>&#8230;proxima estacion: Esperanza&#8230;<\/strong><\/h3>\n<p>Zur Einstimmung will ich euch von dem befl\u00fcgelnden Gef\u00fchl erz\u00e4hlen, das mich am 9. November in den Stra\u00dfen von Florenz ergriff, als ich gewahr wurde, ein Mensch unter einer Millionen Menschen zu sein, die, aller Unterschiede und Widerspr\u00fcchlichkeiten zum Trotz, gemeinsam gegen Krieg, Neoliberalismus und Rassismus demonstrierten. Eine Millionen Menschen auf den Stra\u00dfen von Florenz &#8230; k\u00f6nnt ihr euch das vorstellen?! Einen solchen Demonstrationszug, der keinen Anfang und kein Ende zu haben schien, hatte ich zuvor noch nicht erlebt. Diejenigen EinwohnerInnen von Florenz, die der Ausreiseempfehlung der Berlusconiregierung trotz angek\u00fcndigter Horrorszenarien nicht gefolgt waren, bekundeten den Demonstrierenden auf vielfache Weise ihre Sympathie: Brot und Wein wurden in Hauseing\u00e4ngen gereicht, Transparente hingen aus offenen Fenstern, von den Balkonen wurde gewunken (siehe Foto auf dieser Seite), applaudiert und Konfetti geworfen. F\u00fcr Momente hatten wir das schwindelerregende Gef\u00fchl, Teil einer wachsenden Bewegung zu sein; einer Bewegung, die tats\u00e4chlich das Potential in sich tr\u00e4gt, die herrschenden Verh\u00e4ltnisse weltweit ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Zwischen tanzenden, singenden und lachenden Menschen, zwischen erhobenen F\u00e4usten, pinken Puscheln, schwarzen, roten und bunten Fahnen blitzte hier und da dieser kleine, oft so ferne Funke Hoffnung auf, der die F\u00e4higkeit besitzt, mich immer wieder zum Weitermachen zu bewegen und der die trotzige Gewissheit verspr\u00fcht, da\u00df es <em>doch<\/em> m\u00f6glich sein kann, eine andere Welt zu gestalten, eine gerechte und freie Welt, in der viele Welten Platz finden.<\/p>\n<h3>2. Expo 2002: Bewegungsschau<\/h3>\n<p>Wahrscheinlich h\u00e4tte es in ganz Europa keinen passenderen Ort f\u00fcr das Gr\u00fcndungstreffen des Europ\u00e4ischen Sozialforums geben k\u00f6nnen: In einer gigantisch gro\u00dfen, mittelalterlichen Festung mitten im Zentrum von Florenz kam sie zusammen und begegnete sich: die sagenumwobene Multitude des Protests. (&#8222;Keine Atempause &#8211; Geschichte wird gemacht &#8211; es geht voran!&#8220;) Hatte sie sich erst, an den breitschultrigen Ordnern vorbei, durch das winzige und einzige Zugangstor gef\u00e4delt, breitete sie sich im Innenraum der Festung wie ein bunter Teppich aus. Sie offenbarte sich als Bazar der tausend M\u00f6glichkeiten, als Jahrmarkt der guten Hoffnungen. An allen Ecken wurden revolution\u00e4re Devotionalien feilgeboten, Info- und B\u00fcchertische reihten sich wie bei einer Messe aneinander, Klabautermenschen f\u00fchrten ihre Kunstst\u00fccke vor, es gab spontane Demos, Trommelsessions, Fotoausstellungen, Kaffeebuden &#8230; mit fortschreitender Dauer des Forums wurde es auf dem Gel\u00e4nde immer lebendiger und chaotischer. Das Forum war vieles, vor allem aber eines: es vergewisserte und best\u00e4tigte die Existenz der Multitude vor ihr selbst, es gab ihr Gesichter, Namen und Geschichten.<\/p>\n<h3>3. Bewegung auf italienisch: Disobbedienti und andere Ungehorsame<\/h3>\n<p>Neben dem offiziellen Tagungsort gab es (mindestens) zwei weitere Orte von zentraler Bedeutung: einer davon war das &#8222;Ippodromo&#8220;, ein gro\u00dfr\u00e4umiges Geb\u00e4ude an einer Pferderennbahn gelegen. Dort hatten die &#8222;Disobbedienti&#8220; und deren SympathisantInnen ihr Lager aufgeschlagen. Die Disobbedienti sind eine in Italien geborene, mittlerweile europ\u00e4ische Bewegung mit zapatistischen Wurzeln. Hervorgegangen sind sie j\u00fcngst aus den &#8222;Tute Bianche&#8220;, nachdem diese in Genua ihre wei\u00dfen Overalls ausgezogen hatten, um, wie sie selber sagen, in der Multitude aufzugehen. Ihre neue politische Strategie definieren sie als &#8222;sozialen Ungehorsam&#8220;, den sie als einen Weg verstehen, die Praxis des zivilen Ungehorsams der Stra\u00dfe auf andere gesellschaftliche Bereiche bis in den Alltag hinein auszudehnen, d.h., in eine Ansammlung von Praxen des Ungehorsams, der \u00fcber die Stra\u00dfe hinaus reicht. Die Disobbedienti werden von der Rifondazione Comunista unterst\u00fctzt, einer Abspaltung der Kommunistischen Partei. Seit diese vor wenigen Jahren aus der Mitte-Links-Regierung ausgestiegen ist, identifizieren sich die vier organisierten Str\u00f6mungen innerhalb der Rifondazione mit der Bewegung. Die Zusammenarbeit der Disobbedienti mit Teilen der Rifondazione wird insbesondere von AnarchistInnen heftig kritisiert.<\/p>\n<p>Zwei Libert\u00e4re aus dem Centri Sociale di Milano erz\u00e4hlten mir von einer vertikalen und hierarchischen Organisationsform der Disobbedienti und prangerten ihre Abh\u00e4ngigkeit von den Kommunisten an. Ich war sehr interessiert an den vielen verschiedenen Blickwinkeln und auch an den Konflikt- und Spaltungslinien innerhalb der &#8222;italienischen Linken&#8220;, versp\u00fcrte aber nicht die Lust oder die Notwendigkeit, mich f\u00fcr oder gegen eine der Str\u00f6mungen zu positionieren. Darum ging es in Florenz meiner Meinung nach auch nicht. Das ESF war gerade nicht der Ort f\u00fcr Abgrenzungen und Positionierungen, sondern in erster Linie ein Raum, eine M\u00f6glichkeit des Kennenlernens anderer Menschen und Bewegungen.<\/p>\n<p>Und es lohnte sich, die Disobbedienti kennenzulernen. Wenn der weite Weg bis zum Ippodromo denn auf sich genommen war, konnte jedeR an offenen Vollversammlungen teilnehmen, beim ebenfalls offenen &#8222;Radio Global&#8220; partizipieren, Veranstaltungen, wie z.B. \u00fcber das Spannungsverh\u00e4ltnis von lokalem Widerstand und globalem Kampf am Beispiel Chiapas besuchen oder aber die eindrucksvolle &#8222;Global TV&#8220; Station bewundern. Hier wurden Gegenbilder zur offiziellen Berichterstattung \u00fcber das ESF produziert und via Satellit und Internet ausgestrahlt &#8211; allerdings f\u00fcr den Preis von 30.000 Euro f\u00fcr 20 Stunden Sendezeit. Die R\u00e4umlichkeiten wirkten offen und einladend: farbenfrohe Transparente, von denen die Mehrheit den Zapatistischen Kampf in Chiapas thematisierte, schm\u00fcckten die W\u00e4nde, Manu Chao wurde w\u00e4hrend der Vok\u00fc vom Band gespielt und im Allgemeinen wirkte die Stimmung sehr angenehm. Bei einem netten Gespr\u00e4ch mit zwei Companeros von der italienischen Assoziation <em>Ya Basta!<\/em>, die einen wesentlichen Teil der Disobbedienti ausmacht, wurde ich nach <em>unseren <\/em>Strategien auf der Stra\u00dfe und in der Gesellschaft gefragt. Ich mu\u00dfte vor mir selbst und ihnen eingestehen, da\u00df es die in der BRD derzeit nicht bzw. nur marginal gibt.<\/p>\n<p>Dies ist ein gro\u00dfes Manko der &#8222;deutschen Linken&#8220;. Inspiriert von den Eindr\u00fccken aus Florenz und den italienischen Bewegungen bin ich verst\u00e4rkt der Meinung, da\u00df internationalistisch orientierte Perspektiv- und Strategiediskussionen in diesem Land mehr denn je anstehen.<\/p>\n<h3>4. Expo no! &#8211; die &#8222;radikale Linke&#8220; und das ESF<\/h3>\n<p>Den dritten Versammlungsort bildete das Eur@ction HUB Projekt an der Piazza della Libert\u00e0. &#8222;Reclaim the media&#8220; und &#8222;No compromises. Organize yourselves&#8220; waren die zentralen Botschaften der internationalen AktivistInnen von Indymedia, pga network, Intergalactica, Reclaim your money, yomango und diversen anderen, erkl\u00e4rt autonomen Gruppen und Netzwerken mit internationalistischem Anspruch. Ihre fundamentale Kritik an der hierarchischen und undemokratischen Struktur des ESF hatte einen Teil der BewegungsaktivistInnen im Vorfeld veranla\u00dft, einen eigenen, unabh\u00e4ngigen Raum neben dem offiziellen ESF zu installieren.<\/p>\n<p>Dieser wollte sich zwar nicht als Gegenveranstaltung verstanden wissen, lie\u00df aber deutliche Abgrenzungsbestrebungen erkennen. In Bezug auf das ESF bewegte sich das HUB irgendwo zwischen Reproduktion linksradikaler Identit\u00e4t, Intervention und Konfrontation. Aber es war nat\u00fcrlich viel mehr als das: es war ein Treffpunkt, insbesondere f\u00fcr hightech bewanderte MedienaktivistInnen und Computerfreaks. Die thematischen Gebiete erstreckten sich \u00fcber Taktiken der Medienkommunikation, Finanzaktivismus rund um den Kampf f\u00fcr Existenzgeld, die Attac konterkarierende &#8222;Robin Steuer &#8211; 100%Attack!&#8220; &#8211; Kampagne, mit der die generelle Kostenlosigkeit von Waren propagiert wird, die Koordinierung von Gipfelprotesten wie z.B. f\u00fcr Thessaloniki 2003 im Rahmen des &#8222;European Social Activism (ESA)&#8220;und Austausch \u00fcber Ideen zu Selbstbestimmung und horizontaler Organisierung. Viele der angek\u00fcndigten Workshops fanden nicht oder nur im Kreis von Eingeweihten statt. F\u00fcr Zugereiste, die nicht dem<em> inner circle<\/em> der Hub-OrganisatorInnen angeh\u00f6rten, gestaltete es sich ziemlich schwierig, einen inhaltlichen oder selbstorganisatorischen Zugang zum Hub zu finden. Auf mich wirkte der autonome Raum eher geschlossen, sehr technisch und irgendwie kalt (ist halt auch nicht meine Musik&#8230;). Aber es gab vieles zu bestaunen und zu lernen. \u00dcberfl\u00fcssig oder gar politisch falsch war das Hub sicherlich nicht. Ein zentraler Bestandteil war das &#8222;TV Pirata&#8220;, das ebenso wie das &#8222;Global TV&#8220; der Disobbedienti Gegenbilder ausstrahlte, allerdings mit dem erfreulichen Unterschied, da\u00df kein Cent f\u00fcr die Nutzung der tempor\u00e4r enteigneten Sendefrequenz gezahlt wurde. Auf das Eur@ction Projekt und die Widerspr\u00fcche innerhalb des offiziellen Forums machten AktivistInnen durch Kommunikationsguerilla-aktionen aufmerksam. So tauchten z.B. einige Freaks am Donnerstagabend motorisiert auf dem Hauptplatz der Festung auf und projizierten von Technosound begleitet das aktuelle Programm von &#8222;TV Pirata&#8220; auf die Seitenfront eines \u00dcbertragungswagens der staatstragenden, als Sprachrohr der Berlusconiregierung fungierenden Sendeanstalt RAI.<\/p>\n<h3>5. Prominenz &#8211; Macht &#8211; Institutionalisierung<\/h3>\n<p>Die offizielle Programmzeitung des ESF im 28-seitigen Din-A3-Format l\u00f6ste wahrscheinlich nicht nur bei mir anhaltende Kopfschmerzen aus. Vielleicht h\u00e4tte ich das Projekt von vornherein aufgeben sollen, mir einen \u00dcberblick \u00fcber alle Konferenzen, Seminare, Workshops und Kulturveranstaltungen verschaffen zu wollen. Es grenzte bereits an Wahnsinn, sich zwischen all den spannenden Themen entscheiden zu m\u00fcssen. Ich wurde das Gef\u00fchl nicht los, gerade jetzt im Augenblick m\u00f6glicherweise doch am falschen Ort zu sein, &#8222;etwas Gro\u00dfes&#8220; zu verpassen. Damit schien ich nicht die Einzige zu sein, jedenfalls interpretierte ich die gewisse hektische Grundstimmung bei den mit Programmzeitungen beladenen, umherirrenden Bewegungsbewegten dementsprechend. Seltene Ausnahmen bildeten da diejenigen, die die Ruhe und Gelassenheit aufbrachten, die ungewisse Reise zu einem der sehr weit au\u00dferhalb postierten Workshops anzutreten. Ich habe allerdings fast ausschlie\u00dflich von Arbeitsgruppen geh\u00f6rt, die entweder mangels Beteiligung nicht oder nur im Kreis der VeranstalterInnen stattfanden oder aber im gedruckten Programm gar nicht erst auftauchten, also schlicht vergessen wurden. Das ist schade, wo dies doch gerade die R\u00e4ume des direkten Austausches und des Feilens an Positionen h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. Die OrganisatorInnen des ESF legten der Struktur des Programms zufolge mehr Wert auf zentrale Megakonferenzen, auf denen Prominenz vorgef\u00fchrt und bereits bekannte Statements frontal vorgetragen wurden. Die Macht war innerhalb des ESF durchaus sp\u00fcrbar: ein informeller Kreis von OrganisatorInnen, bei dem finanzstarke NGOs und ParteipolitikerInnen dominieren, hatte entschieden, wer, wann und wo sprechen durfte, wer welche R\u00e4ume bekam und welche Veranstaltungen bevorzugt behandelt und beworben wurden. Die Selbstorganisation der TeilnehmerInnen war im wahrsten Sinne des Wortes nur am Rand m\u00f6glich &#8211; oder eben im erkl\u00e4rt autonomen HUB oder bei den Disobbedienti im Ippodromo. Das ESF selbst war keine &#8222;Konferenz von unten&#8220;. Wem es gelang, sich &#8211; f\u00fcr ein paar Tage &#8211; mit dieser Tatsache abzufinden und zudem kollektive Machtgef\u00fchle leiden mag, konnte sich in den Gef\u00fchlswelten der zahlreichen ergreifenden und nachwirkenden Augenblicke laben: sich z.B. mitten in einem total \u00fcberf\u00fcllten Saal wiederfinden, um, mit ehrlich gemeint erhobener Faust, im Chor mit tausenden vermeintlich Gleichgesinnten, die Revolution zu beschw\u00f6ren.<\/p>\n<p>Allerdings sollten solche Einigkeitsgef\u00fchle nicht blind vor Vereinnahmungstendenzen und Institutionalisierung machen.<\/p>\n<p>Nicht um Spaltungslinien herbeizureden, sondern um ihnen vorzubeugen, ist es notwendig, die Institutionalisierung der &#8222;Bewegung der Bewegungen&#8220; zu verhindern. Gegen\u00fcber zentralistischen, vertikalen Organisationen und Organisationsformen ist grunds\u00e4tzlich Wachsamkeit geboten. Viele soziale Bewegungen der letzten Jahrzehnte mu\u00dften die bittere Erfahrung der Vereinnahmung durch &#8222;Verwalter der Bewegung&#8220; machen, die de facto die Bewegung aus den Bewegungen herausfilterten. Es w\u00e4re fatal, die offensive Vielfalt, aber auch die Verschiedenheiten und Widerspr\u00fcche, die die &#8222;Bewegung der Bewegungen&#8220; ausmachen und sie lebendig halten, hinter einer Wand von kollektiver Einigkeit wie eine l\u00e4stige Nebenwirkung zu verstecken. Es wird f\u00fcr die Existenz der &#8222;Bewegung der Bewegungen&#8220; notwendig werden, innerhalb der tausendfach beschworenen, einigenden Klammer, da\u00df eine andere Welt notwendig und m\u00f6glich ist, einer aufgesetzten Homogenisierung von au\u00dfen und innen durch offenes Austragen von Konflikten entgegenzuwirken, in einen echten Austausch zwischen den jeweiligen Vorstellungen und politischen Strategien zu treten und sich dabei die F\u00e4higkeit des konstruktiven Streitens (wieder) anzueignen.<\/p>\n<h3>6. Die Repression kam danach &#8211; Spaltungsversuche der Regierung(en)<\/h3>\n<p>Unsere neunk\u00f6pfige Gruppe hatte bei der Einreise verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenig \u00c4rger mit den Carabinieri an der verschneiten Grenzstation am Brenner. Wir wurden zwar eine l\u00e4stige Stunde lang gefilzt und mu\u00dften unsere Namen registrieren und unsere P\u00e4sse kopieren lassen, aber wir konnten schlie\u00dflich die Grenze passieren. Es ist Spekulation, ob es nun daran lag, da\u00df wir Plakate, Transparente sowie schwarze Klamotten und sogar offenkundig linke, politische Lekt\u00fcre aufgrund der Erfahrungen von Genua zuhause gelassen hatten, oder an den drei Presseausweisen, die wir vorweisen konnten oder ob unser Gl\u00fcck m\u00f6glicherweise doch dem beherzigten Tip einer italienischen Freundin zu verdanken ist, die uns geraten hatte, unbedingt mittags &#8211; zur Essenszeit &#8211; \u00fcber die Grenze zu fahren. Eine Zugeh\u00f6rigkeit zum Feindbild Nummer Eins, dem sogenannten &#8222;Black Block&#8220;, und somit eine potentielle Gef\u00e4hrdung f\u00fcr die Kunstsch\u00e4tze von Florenz &#8211; mit der die Aufr\u00fcstung des Repressionsapparates im Vorfeld gerechtfertigt wurde &#8211; konnte und\/oder wollte man uns nicht anh\u00e4ngen. Trotz der mit Sekt begossenen Freude \u00fcber unser pers\u00f6nliches und elit\u00e4res Gl\u00fcck, blieb zum einen die Gewissheit, mal wieder Datenmaterial f\u00fcr die Bewegungsprofile der <em>Europol<\/em> und des <em>Schengen Information System<\/em> geliefert zu haben und zum anderen die grunds\u00e4tzliche Emp\u00f6rung \u00fcber die zur Routine gewordene Unversch\u00e4mtheit, Grenzen nach Belieben der Herrschenden f\u00fcr Kapital- und Konsumstr\u00f6me zu \u00f6ffnen und f\u00fcr MigrantInnen sowie f\u00fcr regierungs- und systemkritische Menschen zu schlie\u00dfen. Sp\u00e4ter sollten wir erfahren, da\u00df insgesamt 1600 Menschen an der Einreise nach Italien gehindert und mindestens drei Leute verhaftet wurden, weil sie sich der Staatsgewalt widersetzt hatten. Ungeheuerlich mutet auch die Tatsache an, da\u00df die Bundesregierung geheime &#8222;schwarze Listen&#8220; von Polizei und Geheimdiensten f\u00fchren l\u00e4\u00dft, auf denen Menschen verzeichnet werden, die angeblich eine &#8222;Gef\u00e4hrdung f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung&#8220; darstellen. Diese &#8222;Informationen&#8220; werden auch anderen Staaten zur Verf\u00fcgung gestellt. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit der Bundesrepublik Deutschland mit dem faschistoiden Berlusconi-Italien ist offenkundig.<\/p>\n<p>Bis auf die Schikanen an der Grenze hielten sich Polizei und Carabinieri f\u00fcr die Dauer des Sozialforums zur\u00fcck; auch die in Genua erwiesenerma\u00dfen eingesetzten Provokateure kamen bei der Demo in Florenz nicht zum Einsatz. Selbstverst\u00e4ndlich geschah das nicht aus pl\u00f6tzlicher Menschenfreundlichkeit, sondern aus taktischen Erw\u00e4gungen. Wahrscheinlich h\u00e4tte ein Desaster in Florenz dem Ansehen Berlusconis, das sp\u00e4testens seit den Ereignissen von Genua auf internationaler Ebene angekratzt ist, zu sehr geschadet.<\/p>\n<p>Die w\u00e4hrend des Sozialforums ausgebliebene Welle der Repression schlug aber dann, wenige Tage nach der friedlichen Gro\u00dfdemonstration und dem Abreisen der internationalen Presse, doch noch ein, und zwar direkt und massiv auf radikale Teile der italienischen Bewegung. In einer gro\u00dfangelegten Polizeiaktion wurden zahlreiche H\u00e4user in mehreren St\u00e4dten S\u00fcditaliens durchsucht; 20 AktivistInnen der No-Global-Bewegung wurden gleich ohne Proze\u00df und ohne Beweislage eingeknastet, teils im Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis und teils in Hausarrest; 22 weitere haben ein Verfahren am Hals. Ihnen allen wird vorgeworfen, sie h\u00e4tten mit &#8222;Gleichgesinnten die umst\u00fcrzlerische Vereinigung &#8218;Netz des rebellischen S\u00fcdens'&#8220; aufgebaut und au\u00dferdem wird ihnen die &#8222;Mitgliedschaft&#8220; im sogenannten &#8222;Black Block&#8220; nachgesagt. Sie werden unter anderem der &#8222;politischen Konspiration&#8220; beschuldigt, ein im Faschismus geschaffener Straftatbestand, der nicht erst bei vollzogenen Taten, sondern bereits bei &#8222;umst\u00fcrzlerischen Absichten&#8220; vorliegt. Mit einer solchen Begr\u00fcndung k\u00f6nnten Tausende in Italien (und nicht nur dort) verhaftet werden. Hunderttausende demonstrierten in vielen St\u00e4dten Italiens gegen diese Verhaftungswelle. Unter dem Slogan &#8222;Wir sind alle subversiv&#8220; forderten sie die Freilassung der politischen Gefangen.<\/p>\n<p>Ein Zufall ist es ganz sicher nicht, da\u00df die Verhaftungen ausgerechnet kurz nach der gewaltfreien Demo und dem erfolgreichen Sozialforum stattgefunden haben. Nach Einsch\u00e4tzungen vieler italienischer GenossInnen versucht die italienische Regierung die Bewegung in einen guten, friedlich-konstruktiven und einen b\u00f6sen, gewaltt\u00e4tig-kriminellen Teil zu spalten. Bisher sieht es jedoch so aus, da\u00df dies der Regierung trotz der totalen Medienkontrolle nicht gelingt. Dieses Vorgehen erweckt den Eindruck, da\u00df sich Berlusconi und seine Schergen bereits von der italienischen Bewegungslinken in die Enge getrieben sehen und daher altbew\u00e4hrte aber offensichtliche Unterdr\u00fcckungsinstrumentarien, wie das Kriminalisieren und Wegsperren von politisch Andersdenkenden, zur Sicherung ihrer Herrschaft heranziehen m\u00fcssen. (Mehr zum Thema Repression und entsprechendem Widerstand bei: www.italy.indymedia.org)<\/p>\n<h3>7. Fragend gehen wir<\/h3>\n<p>Es ist nat\u00fcrlich falsch zu behaupten, die Multitude oder die &#8222;Bewegung der Bewegungen&#8220; habe sich in Florenz auf dem ESF getroffen. Die allermeisten waren ja gar nicht da. Wer kann sich den Luxus einer solchen Unternehmung schon leisten?<\/p>\n<p>Wer hat das Geld? Wer hat die Zeit? Wer hat die Bewegungsfreiheit? Und wer steht schon auf &#8222;Event- und Kongre\u00dfhopping&#8220;? Das ESF hat niemand und nichts repr\u00e4sentiert. Das ist auch nicht der erkl\u00e4rte Anspruch der InitiatorInnen des Weltsozialforums und seiner kontinentalen Geschwister. So hei\u00dft es in Punkt 5 der Charta der Prinzipien des WSF: &#8222;Das Weltsozialforum bringt Organisationen und Bewegungen der Zivilgesellschaft aus allen L\u00e4ndern in der Welt nur zusammen und verbindet sie, aber beabsichtigt nicht, eine Institution zu sein, welche die Weltzivilgesellschaft repr\u00e4sentiert.&#8220;<\/p>\n<p>Solche Treffen eignen sich mindestens dazu, sich von anderen Bewegungen begeistern und anstecken zu lassen. Es ist daher wirklich schade, da\u00df kaum Leute aus der BRD den Weg nach Florenz auf sich genommen haben, denn n\u00f6rdlich der Alpen k\u00f6nnten wir von dem Wind der Ver\u00e4nderung, der in Italien (und auch im spanischen Staat) weht, eine kr\u00e4ftige Brise gebrauchen. F\u00fcr mich war es jedenfalls eine richtige Entscheidung, nach Florenz zu reisen. Sonst h\u00e4tte ich wahrscheinlich nicht erfahren, da\u00df in Istanbul gerade ein anarchistisches &#8222;schwarzes Haus&#8220; er\u00f6ffnet hat; oder da\u00df nette AnarchistInnen aus Moskau eine &#8222;radical east-west-cooperation&#8220; anstreben, oder was es mit dem &#8222;Tortenattentat&#8220; von Porto Alegre auf sich hat. Mir w\u00e4ren all&#8216; die vielen Geschichten entgangen, die sich auf solchen Fahrten, auf den Wegen zu \u00fcberf\u00fcllten S\u00e4len oder beim Kaffee nach dem Aufwachen erz\u00e4hlt werden &#8211; lebendige Geschichte eben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;proxima estacion: Esperanza&#8230; Zur Einstimmung will ich euch von dem befl\u00fcgelnden Gef\u00fchl erz\u00e4hlen, das mich am 9. 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