{"id":5117,"date":"2002-12-01T00:00:42","date_gmt":"2002-11-30T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5117"},"modified":"2022-07-26T13:11:51","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:51","slug":"nadelstiche-im-wendland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/12\/nadelstiche-im-wendland\/","title":{"rendered":"Nadelstiche im Wendland"},"content":{"rendered":"<h3>Sonntagmorgen, 10.11.2002<\/h3>\n<p>Ein einsamer Fahrradfahrer ackert \u00fcber H\u00fcgel die Stra\u00dfe aus Hitzacker Richtung Neu Darchau entlang, etwa 35 km entfernt vom sogenannten &#8222;Zwischenlager&#8220; Gorleben. Kein normaler Sonntag: Es ist Castor-Zeit im Wendland, etwa alle 500 Meter entlang der Strasse hat sich Polizei postiert. Der Radler biegt um eine Kurve, pl\u00f6tzlich erscheint ein Polizeibulli, der Fahrer steigt aus und stellt sich als Herr Blafasel aus Bonn vor.<\/p>\n<p>Personalienkontrolle. Offensichtlich sei der Radler auf dem Weg zu einer Kundgebung, welche das sein soll, wei\u00df der Beamte auch nicht, nur dass diese &#8222;nicht genehmigt ist&#8220;. Der Fahrer steigt mit dem Ausweis ins Auto und telefoniert, wartet auf Antwort. Zwei Beamte sind ausgestiegen, sichern &#8211; Hand an der Waffe wie gelernt &#8211; hinter dem Fahrradfahrer, ein Beamter durchsucht den komplett leeren Rucksack, scheint entt\u00e4uscht zu sein.<\/p>\n<p>Zeit genug f\u00fcr Besinnung: Einen Tag vorher haben etwa 4000 Menschen am &#8222;Erkundungsbergwerk&#8220; in Gorleben demonstriert, mehr als von den meisten erwartet, bei lausigem Wetter. Bereits an diesem ersten Tag wird klar, die Anti-Atom Bewegung ist und bleibt ein Ph\u00e4nomen, besonders die F\u00e4higkeit sich gerade dann zu berappeln wenn sie von allen anderen totgesagt wird.<\/p>\n<p>Bereits auf der Auftaktkundgebung werden die Themen der Proteste abgesteckt, denn dass die Demonstration dieses Mal nicht von der B\u00fcrgerinitiative L\u00fcchow-Dannenberg, sondern vom republikanischen Anwaltsverein angemeldet wurde, sollte bereits darauf hindeuten: Es geht hier nicht nur um die Transporte von La Hague nach Gorleben. Es geht auch um die Einschr\u00e4nkung der Grund- und Menschenrechte, ohne die Atomenergie niemals durchsetzbar war und auch in Zukunft nicht sein wird. Die Bezirksregierung hatte zwei Wochen vorher bereits mit dem bisher umfangreichsten Versammlungsverbot kr\u00e4ftig vorgelegt (Wen die Geschichte des Widerstands im Wendland interessiert, dem sei die Begr\u00fcndung des Versammlungsverbots w\u00e4rmstens empfohlen). Den Versuch, entlang der Transportstrecke Protestcamps wie in den letzten Jahren zu etablieren startete schon niemand mehr und selbst <em>X1000 Mal Quer<\/em> zog sich bis ins nahe L\u00fcchow gelegene Rehbeck zur\u00fcck. Stattdessen kommen die angereisten G\u00e4ste privat unter, und dass funktioniert reibungslos, dank der Gastfreundschaft der Anwohnerinnen und Anwohner.<\/p>\n<p>Im Wendland wird der Zusammenhang von Grundrechtseinschr\u00e4nkung und Durchsetzung des Atomprogramms so deutlich wie nirgends: Die Polizei geh\u00f6rt wochenlang zum allt\u00e4glichen Anblick in den Strassen von Hitzacker, Dannenberg und L\u00fcchow. Ebenso wie Patrouillen in den W\u00e4ldern und auf Feldwegen. Jede, jeder ist potenziell verd\u00e4chtig. Man muss das selbst erlebt haben um zu begreifen was es hei\u00dft, rund um die Uhr und \u00fcberall unter Bewachung zu stehen.<\/p>\n<p>Der Ort der Auftaktdemonstration, das &#8222;Erkundungsbergwerk&#8220;, hat aber noch einen anderen Hintergrund: Es geht auch darum, die schleichende Festlegung auf den &#8222;Endlager-Standort&#8220; Gorleben wieder ins Licht der \u00d6ffentlichkeit zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Denn obwohl l\u00e4ngst klar ist, dass der Salzstock in Gorleben die Kriterien f\u00fcr eine Jahrtausende w\u00e4hrende Einlagerung nicht erf\u00fcllt, werden mit jedem Transport Tatsachen geschaffen.<\/p>\n<h3>Zur\u00fcck auf der Landstrasse<\/h3>\n<p>Die Zeit vergeht weiter, Autos fahren vorbei, mit NixMehr-Spuckis im Fenster, vollbesetzt mit Personen. Auf die vorsichtige Frage des Fahrradfahrers, warum gerade er angehalten wird und nicht die Autos, bekommt er Antwort: &#8222;Wir sind jetzt mit Ihnen besch\u00e4ftigt.&#8220; Bilanz eines polizeilichen Vorgangs: Sechs Beamte, fast eine Stunde. Einen Ausweis kontrolliert, ca. 40 Personen in 10 Autos ohne Kontrolle durchgelassen. Das Ergebnis bekommt der<\/p>\n<p>Radler mitgeteilt, als er endlich seinen Pass zur\u00fcckbekommt: &#8222;Na ja, wir wissen jetzt dass Sie hier sind, und Sie wissen jetzt, dass wir das wissen, viel Spa\u00df noch.&#8220;<\/p>\n<p>16.700 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz waren bei diesem Transport im Einsatz.<\/p>\n<p>Tagelang. Irgendetwas m\u00fcssen sie ja wohl tun, also wird kontrolliert und \u00fcberwacht was das Zeug hergibt. Sie f\u00e4hrt dabei auf, wovon James Bond nur tr\u00e4umen konnte: Bewegungsmelder im Wald, W\u00e4rmebildkameras, Infrarot und wei\u00df der Himmel was noch. Was mit all den gelben und rosa Formularen passiert, den \u00dcbergabezetteln und Vorg\u00e4ngen. keiner wei\u00df es und erst recht nicht mit dem tagelangen Filmmaterial, den Tausenden von Bildern.<\/p>\n<p>Ein paar Kilometer weiter wird ein Fu\u00dfg\u00e4nger angehalten und durchsucht, die Polizisten leeren seine Taschen und fotografieren jeden Zettel, einschlie\u00dflich einiger alter Kontoausz\u00fcge, mit einer Digitalkamera. Dauer des Vorgangs: gut 1 Stunde 30 Minuten. Wer jemals mit Datenverarbeitung zu tun hatte, wei\u00df, dass die Einordnung dieser Daten ein vielfaches dieser Zeit beanspruchen wird. Dem Autor dieses Artikels schie\u00dft dabei der teuflische Gedanke durch den Kopf, sich beim n\u00e4chsten Mal die Taschen mit wirr beschriebenen Zetteln voll zu stopfen.<\/p>\n<h3>Mittwochmittag, 13.November<\/h3>\n<p>Der Castor rollt auf L\u00fcneburg zu. Der reibungslose Transport ist bereits in die Hose gegangen: Seit dem fr\u00fchen Morgen melden die Radiosender erhebliche Versp\u00e4tungen des Zuges durch Blockaden und Ankettaktionen entlang der gesamten Strecke, nicht erst ab L\u00fcneburg. Die Polizei navigiert derweil immer unkoordinierter durch das Wendland. Wenige hundert Meter vom Einsatzzentrum der Polizei in Leitstade, wo diese gerade die Presse eingeladen hat um mit dem reibungslosen Ablauf des Transports zu prahlen, ketten sich zwei Aktivisten mit Rohren an die Gleise. Sie tun es gr\u00fcndlich, den Technikern der Bahn bleibt nichts anderes, als nach zwei Stunden zu kapitulieren, die Schienen aufzuschneiden und aus dem Gleisbett zu heben.<\/p>\n<p>Es sind die &#8222;Nadelstiche&#8220;, so formuliert es Einsatzleiter Reime sp\u00e4ter, die &#8222;der Polizei zu schaffen machen&#8220;. Tats\u00e4chlich verschiebt sich der Widerstand auf phantasievolle dezentrale Aktionen, sei es ein gemeinschaftliches Kaffeetrinken in Hitzacker oder die Neugr\u00fcndung von D\u00f6rfern entlang der Strecke zwischen L\u00fcneburg und Dannenberg.<\/p>\n<p>Die Polizei derweil tut weit mehr als den Transport zu sichern, sie verhindert mit allen ihr zu Verf\u00fcgung stehenden Mitteln jeden \u00f6ffentlichkeitswirksamen Protest. 900 Ingewahrsamnahmen in zwei Tagen. Einige bis zu 20 Stunden ohne richterlichen Beschluss (der laut Gesetzt unverz\u00fcglich einzuholen ist). Da wird es den DemonstrantInnen wenig n\u00fctzen, wenn ihre Ingewahrsamnahme in ein paar Monaten von irgendeinem Gericht als unrechtm\u00e4\u00dfig erkl\u00e4rt wird, wie es in der Vergangenheit regelm\u00e4\u00dfig der Fall war.<\/p>\n<p>Erschreckend ist die Tendenz, dass Polizei und offensichtlich gro\u00dfe Teile der Medien dies als Selbstverst\u00e4ndlichkeit akzeptiert haben.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass Protest kaum noch \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert werden kann, die Presse, ehemals Multiplikator des Widerstandes im Wendland, wird immer massiver an ihrer Berichterstattung behindert, kann Demonstrationsorte nicht anfahren, muss die Versammlungsverbotszone verlassen (obwohl diese nicht f\u00fcr die Presse gilt) oder wird, wie in einem Fall bei Leitstade passiert, gleich mit in die Gefangenensammelstelle nach Neu Tramm verbracht.<\/p>\n<h3>Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend etwa 300 ProtestlerInnen die Nacht in der Obhut der Polizei in Neu Tramm verbringen, gehen bei Laase ca. 1000 Menschen auf die Strasse. Die Polizei r\u00e4umt die (Sitz-) Blockade schnell und effektiv, wei\u00df sich aber nicht anders zu helfen als etwa 700 DemonstrantInnen gleich vor Ort in Gewahrsam zu nehmen.<\/p>\n<h3>Donnerstagmorgen, 14. November<\/h3>\n<p>Noch ist es dunkel, im Radio meldet der Sprecher: &#8222;&#8230; vor wenigen Minuten sind die LKWs mit den Castorbeh\u00e4ltern im Endlager angekommen.&#8220;<\/p>\n<p>Sprache kann lustige Fallen stellen. Wer es nicht gemerkt hat, muss die letzten beiden S\u00e4tze noch einmal lesen.<\/p>\n<p>Einige Stunden sp\u00e4ter: Jochen Stay, einer der bekanntesten Sprecher der Initiative <em>X1000 Mal Quer<\/em> und ehemaliger Koordinationsredakteur der <em>graswurzelrevolution<\/em>, wird auf dem Weg zur Pressekonferenz in Gedelitz von Bundesgrenzschutzbeamten bei einer Stra\u00dfenkontrolle im Beisein von Pressevertretern schwer misshandelt. Egal ob dies ihm pers\u00f6nlich galt oder nicht, dieser Schlusspunkt wirft noch einmal ein klares Bild auf das, was die Anwohnerinnen und Anwohner im Wendland als &#8222;Besatzung&#8220; bezeichnen.<\/p>\n<p>Dass der Protest aber &#8211; trotzdem &#8211; bleibt, die Stimmung keineswegs in ein resignierendes &#8222;wir k\u00f6nnen ja nichts machen&#8220; abgeglitten ist, macht Mut. Im Gegenteil, wer den letzten Transport im November 2001 im Wendland erlebt hat (vgl. <a href=\"\/264\/castor.shtml\">GWR 264<\/a>), bemerkt \u00fcberall neues Selbstvertrauen und Zuversicht.<\/p>\n<p>Nie war der Protest weiter von einem blo\u00dfem &#8222;wir wollen den M\u00fcll nicht bei uns&#8220; entfernt.<\/p>\n<p>Einige Wochen vorher haben in Stra\u00dfburg 5000 Menschen f\u00fcr den Ausstieg demonstriert und damit klargemacht, dass die Atomspirale kein nationales Problem ist und sich der Protest \u00fcber die Grenzen hinweg organisiert.<\/p>\n<p>Also wieder ein Transport nach Gorleben vorbei. Der dritte nach dem sogenannten Atomkonsens, doch dieser ist l\u00e4ngst mausetot und ich jedenfalls hab davon in der letzten Woche nichts mehr geh\u00f6rt. Der Widerstand lebt, im wahrsten Sinne: Nicht langb\u00e4rtige Alt-Aktivisten pr\u00e4gen das Bild der Proteste, sondern junge Menschen, viele von ihnen sind erst nach der Wiederaufnahme der Transporte 2001 zum Widerstand gesto\u00dfen. Die Menschen in der Region empfangen die angereisten Protestlerinnen und Protestler herzlicher denn je. Und so ist man hin und hergerissen zwischen Begeisterung \u00fcber den Widerstand und dem Gruseln das einen bef\u00e4llt, wenn man sieht mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit Grundrechte au\u00dfer Kraft gesetzt werden.<\/p>\n<p>Einzelne Aktionen und Ideen hervorzuheben w\u00fcrde zu weit f\u00fchren, wer daran interessiert ist, lese Berichte auf <em>indymedia<\/em> oder unterhalte sich einfach mit jemanden der vor Ort war.<\/p>\n<p>Das Schlusswort, lassen wir es Herrn Reime im O-Ton, weil er doch in vier Wochen in den Vorruhestand geht: &#8222;Die Qualit\u00e4t des Widerstandes wird es auf absehbare Zeit nicht erlauben, die Einsatzkr\u00e4fte zu reduzieren&#8220;.<\/p>\n<p>Und damit den Aufwand und den politischen Preis. Und vor dem n\u00e4chsten Castor, ob im M\u00e4rz oder im November 2003, gibt es f\u00fcr die Bewegung genug zu tun, um in Form zu bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntagmorgen, 10.11.2002 Ein einsamer Fahrradfahrer ackert \u00fcber H\u00fcgel die Stra\u00dfe aus Hitzacker Richtung Neu Darchau entlang, etwa 35 km entfernt vom sogenannten &#8222;Zwischenlager&#8220; Gorleben. Kein normaler Sonntag: Es ist Castor-Zeit im Wendland, etwa alle 500 Meter entlang der Strasse hat sich Polizei postiert. 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