{"id":5122,"date":"2002-12-01T00:00:41","date_gmt":"2002-11-30T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5122"},"modified":"2022-07-26T14:26:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:09","slug":"krieg-gegen-den-terrorismus-a-la-russe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/12\/krieg-gegen-den-terrorismus-a-la-russe\/","title":{"rendered":"&#8222;Krieg gegen den Terrorismus&#8220; \u00e0 la russe"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem alles vorbei war &#8211; die Geiselnahme in Moskau, der Gaseinsatz, die gezielte T\u00f6tung der Geiselnehmer, der Abtransport der \u00fcberlebenden Geiseln &#8211; nachdem das vorbei war, wurde nicht nur in der russischen Presse die Meinung ge\u00e4u\u00dfert, verwunderlich sei eigentlich blo\u00df, da\u00df so etwas nicht schon fr\u00fcher passiert sei.<\/p>\n<p>Nach dem Zusammenbruch des Nominalsozialismus ist Ru\u00dfland um eine Nummer abgerutscht: von der zweiten in die dritte Welt. Das bereitet der ersten Welt an sich kein besonderes Kopfzerbrechen, solange die Stabilit\u00e4t in den Randgebieten gew\u00e4hrleistet bleibt. Im ersten Tschetschenienkrieg versuchte Ru\u00dfland nicht nur, sich als Garant dieser staatlichen Stabilit\u00e4t zu bew\u00e4hren, sondern auch der Welt zu beweisen, da\u00df es nach wie vor eine milit\u00e4risch handlungsf\u00e4hige Gro\u00dfmacht sei. Das ist grandios gescheitert: Die Armee erwies sich als unf\u00e4hig, mit den Separatisten fertig zu werden, verheizte ihre verfrorenen und halbverhungerten Wehrpflichtigen und mu\u00dfte schlie\u00dflich ein Abkommen akzeptieren, mit dem die Kampfhandlungen beendet, Tschetschenien in eine Quasi-Unabh\u00e4ngigkeit entlassen wurde, sein staatsrechtlicher Status aber ungekl\u00e4rt blieb.<\/p>\n<p>Was folgte, kann man kaum als Frieden bezeichnen. Die tschetschenischen warlords f\u00fcgten sich nicht dem Gewaltmonopol, das Aslan Maschadov als Pr\u00e4sident f\u00fcr den Staat beanspruchte. Mehr oder weniger legale \u00d6lgesch\u00e4fte, Raub, Menschenhandel sowie Unterschlagung der Wiederaufbauhilfe aus Ru\u00dfland sind bis heute die Haupttriebfedern der tschetschenischen Wirtschaft.<\/p>\n<p>1999 begann mit Sprengstoffattentaten in russischen St\u00e4dten, deren Urheber bis heute nicht namhaft gemacht wurden, und K\u00e4mpfen in Dagestan der zweite Tschetschenienkrieg. Das russische Milit\u00e4r erhielt die Chance zur Revanche, der bis dahin unbekannte Vladimir Putin profilierte sich als Kriegspr\u00e4sident, die tschetschenischen warlords hatten endlich wieder einen \u00e4u\u00dferen Feind, und Maschadov, der, wenn er es denn jemals wollte, niemals einen gem\u00e4\u00dfigten Kurs hatte durchsetzen k\u00f6nnen, war zu der Zeit bereits ohne reale Macht in Tschetschenien.<\/p>\n<p>Angesichts der Behandlung, die die tschetschenische Bev\u00f6lkerung von ihren eigenen milit\u00e4rischen Formationen erfahren hat, k\u00f6nnte es verwundern, weshalb sie die russischen Truppen nicht als Befreier begr\u00fc\u00dfte; aber auch nur, solange man sich nicht danach erkundigt, wie die sich benommen haben und benehmen: Bombardierungen, &#8222;S\u00e4uberungen&#8220;, willk\u00fcrliche Verhaftungen und Verschleppungen in sogenannte Filtrationslager &#8211; das Milit\u00e4r lie\u00df den Tschetschenen keine andere Wahl, als sich auf die Seite der Separatisten zu stellen.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung Tschetscheniens wird aufgerieben zwischen den einheimischen Banden, die sich aus Leuten wie den Moskauer Geiselnehmern rekrutieren: M\u00e4nnern und Frauen um die 20, die seit zehn Jahren nichts anderes kennen als den Krieg und in ihm auch die einzige M\u00f6glichkeit finden, \u00fcber die Runden zu kommen &#8211; und auf der anderen Seite den F\u00f6derationstruppen, die sich in Garnisonen verbunkert haben; eingegraben in einem Land, das sie nicht kontrollieren, nur terrorisieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Erstaunliche am Terroranschlag in Moskau ist nicht, da\u00df er stattgefunden hat, sondern wo und in welchem Ausma\u00df. Die Terroristen haben den Krieg bis in die russische Hauptstadt getragen &#8211; auch aus dieser Provokation erkl\u00e4rt sich die \u00e4u\u00dferste Brutalit\u00e4t, mit der die Geiselnahme beendet wurde.<\/p>\n<p>Sie hat insgesamt 57 Stunden gedauert. Es braucht einige Zeit, den Einsatz der Spezialtruppen zu planen und vorzubereiten; wahrscheinlich hat die russische Regierung nie ernsthaft eine Verhandlungsl\u00f6sung in Betracht gezogen, und die Skrupellosigkeit der Geiselnehmer macht es leicht zu behaupten, da\u00df sie auch nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Auf jeden Fall h\u00e4tte sie die Bereitschaft zu einer grunds\u00e4tzlichen \u00c4nderung der Tschetschenienpolitik erfordert; die Bereitschaft, kurzfristig einen Waffenstillstand zu erkl\u00e4ren und Verhandlungen wenigstens einzuleiten&#8230; wie immer dem sei, es wurde nichts dergleichen versucht.<\/p>\n<p>Stattdessen wurde die Geiselnahme mit einer klassischen Milit\u00e4roperation beendet: der Feind wird geschlagen, zivile Opfer sind nebens\u00e4chlich. Da\u00df es hier um einen Akt staatlicher Machtpolitik ging und eben nicht um die Befreiung der Geiseln, wurde in der Durchf\u00fchrung dieser Operation geradezu grotesk deutlich: der erste Teil &#8211; Gaseinsatz, Erst\u00fcrmung des Geb\u00e4udes, Erschie\u00dfung der Geiselnehmer &#8211; war offenbar minuti\u00f6s geplant; die anschlie\u00dfende Rettung der Geiseln versank im Chaos. Man mu\u00df halt Priorit\u00e4ten setzen.<\/p>\n<p>Weder die Wehrpflichtigen, die direkt nach den Spezialtruppen ins Theater st\u00fcrmten, noch die darauf folgenden Rettungssanit\u00e4ter hatten eine Ahnung davon, da\u00df \u00fcberhaupt Gas eingesetzt worden war, geschweige denn welches. In der Erwartung, Schu\u00dfwunden versorgen zu m\u00fcssen, waren die Rettungskr\u00e4fte mit nutzlosem Verbandsmaterial bepackt. Weder ihnen noch den Krankenh\u00e4usern, in die die Geiseln eingeliefert wurden, gab das Milit\u00e4r Informationen \u00fcber den Kampfstoff; Gegenmittel waren nicht verf\u00fcgbar, die Behandlung erfolgte nach Symptomen. Viele der Opfer sind wahrscheinlich durch den Transport zu Tode gekommen: sie wurden liegend transportiert oder r\u00fccklings auf Bussitze geworfen &#8211; die Stellung, in der ein Bet\u00e4ubter seine Zunge verschlucken oder am eigenen Erbrochenen ersticken kann. Die Krankenh\u00e4user waren v\u00f6llig unvorbereitet und \u00fcberf\u00fcllt. Von den behandelnden \u00c4rzten wurden Geheimhaltungsverpflichtungen verlangt, Obduktionen wurden untersagt, als Todesursache sollte &#8222;Schock&#8220; angegeben werden. Was allerdings wieder hervorragend funktionierte, war die Vernehmung der \u00fcberlebenden Geiseln in den Krankenh\u00e4usern, wobei einige gleich noch verhaftet wurden.<\/p>\n<p>Keine Rettungsaktion, sondern eine staatliche Machtdemonstration, die ihre Fortsetzung in den wieder aufflammenden K\u00e4mpfen in Tschetschenien ebenso fand wie in den ma\u00dflosen Repressionen gegen Tschetschenen in russischen St\u00e4dten. Ins Bild pa\u00dft auch die Verhaftung Achmed Zakaevs &#8211; er geh\u00f6rt zu dem Fl\u00fcgel der tschetschenischen Separatisten um Maschadov, mit denen in der Vergangenheit immer noch Verhandlungen m\u00f6glich waren.<\/p>\n<p>In Tschetschenien selbst droht dieser gem\u00e4\u00dfigte Fl\u00fcgel den letzten Rest an Einflu\u00df zu verlieren; die Selbstmordattent\u00e4ter stehen bereit, die F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen. Vielleicht ist das einer russischen Politik, die an Verhandlungen nicht das geringste Interesse hat, sogar recht.<\/p>\n<p>Zwar kann sie keinerlei Perspektive aufzeigen, aber solange es am Krieg noch zu verdienen gibt (niemand kennt die genauen Summen, die die einzelnen Ministerien aus ihrem Etat f\u00fcr Kriegsoperationen aufwenden; allein die Finanzierung des Krieges ist ein Eldorado f\u00fcr Schiebungen), und solange in seinem Windschatten die autorit\u00e4re Formierung der Gesellschaft mit Macht vorangetrieben werden kann &#8211; solange empfiehlt sich doch eine Politik, die eine aussichtslose Situation vollst\u00e4ndig hoffnungslos macht.<\/p>\n<p>Und sie produziert ihre Legitimation selbst: der n\u00e4chste Anschlag kommt bestimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem alles vorbei war &#8211; die Geiselnahme in Moskau, der Gaseinsatz, die gezielte T\u00f6tung der Geiselnehmer, der Abtransport der \u00fcberlebenden Geiseln &#8211; nachdem das vorbei war, wurde nicht nur in der russischen Presse die Meinung ge\u00e4u\u00dfert, verwunderlich sei eigentlich blo\u00df, da\u00df so etwas nicht schon fr\u00fcher passiert sei. 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