{"id":5145,"date":"2002-12-01T00:00:44","date_gmt":"2002-11-30T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5145"},"modified":"2022-07-26T14:26:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:09","slug":"irak-und-11-september","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/12\/irak-und-11-september\/","title":{"rendered":"Irak und 11. September"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution: Vom 1. September bis zum 18. Oktober 2001 warst Du im Rahmen eines Ausgrabungsprojektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Universit\u00e4t Halle im Irak t\u00e4tig. Wo im Irak warst Du, und was hast du dort gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Ulrike L\u00f6w: Wir haben im Norden Iraks, ca. 300 km n\u00f6rdlich von Bagdad, die mesopotamische Stadt Assur ausgegraben. Assur war im 2. Jahrtausend vor Christus die erste Hauptstadt der Assyrer. Die Ruine liegt traumhaft malerisch direkt am Tigris, kilometerweit umgeben von dorniger W\u00fcstensteppe und kleinen D\u00f6rfern mit Lehmh\u00e4usern.<\/p>\n<p><strong>GWR: Der Geheimdienst des Diktators Saddam Hussein ist \u00fcberall im Irak pr\u00e4sent und hat auch Euch \u00fcberwacht. Wie hat sich das ge\u00e4u\u00dfert?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist es so, da\u00df wir als ausl\u00e4ndische Arch\u00e4ologen im Orient eigentlich immer geheimdienstlich beobachtet werden, nicht nur im Irak. Aus Sicht dieser L\u00e4nder kann ich das auch nachvollziehen. Wir halten uns dort relativ lange &#8222;unkontrolliert&#8220; auf; unsere Grabungscamps sind oft viele Kilometer von jeder gr\u00f6\u00dferen Stadt entfernt. D.h., wir k\u00f6nnten theoretisch Gott wei\u00df was aushecken. Die \u00dcberwachung ist daher f\u00fcr uns Arch\u00e4ologen etwas ganz Normales, die uns auch nicht in unserer Arbeit behindert. Ab und zu kommt jemand zu Besuch, immer wie nebenbei. Man ist uns dabei stets h\u00f6flich und freundlich begegnet. Die unausgesprochene Vereinbarung lautete: Wenn ihr euch an die Regeln haltet, seit ihr hier willkommen und k\u00f6nnt eure Arbeit machen.<\/p>\n<p>Daran haben wir uns gehalten und hatten daher auch keine Probleme.<\/p>\n<p><strong>Konntet Ihr Kontakt zur Normalbev\u00f6lkerung aufnehmen, oder wurde das durch \u00dcberwachungsorgane verhindert?<\/strong><\/p>\n<p>Zu unserem Grabungsteam geh\u00f6rten an die 70 irakische Arbeiter aus dem Nachbardorf, die f\u00fcr uns die einfacheren T\u00e4tigkeiten erledigten. Da ergibt sich ein Kontakt ja zwangsl\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Wir bekamen sogar selbstgebackene Geburtstagskuchen von ihnen und wurden immer wieder zum Tee und Abendessen eingeladen. Sie hatten Spa\u00df daran, von uns ein paar Brocken Deutsch zu lernen und brachten uns geduldig ein wenig Arabisch bei. \u00dcber Politik haben wir mit ihnen allerdings nicht geredet, nur \u00fcber ganz allt\u00e4gliche Dinge: Familie, Kinder, Rezepte usw.<\/p>\n<p><strong>Wie hat die irakische Bev\u00f6lkerung am 11. September auf die Terroranschl\u00e4ge in New York und Washington reagiert?<\/strong><\/p>\n<p>Soweit ich es mitbekommen habe, betroffen. Besonders amerikafreundlich ist man im Irak nat\u00fcrlich nicht, was auch verst\u00e4ndlich ist. Aber ich hatte den Eindruck, die Menschen in meinem Umfeld konnten schon unterscheiden zwischen der amerikanischen Au\u00dfenpolitik und unschuldigen Menschen in New York und Washington.<\/p>\n<p>Unsere irakischen Kollegen waren sehr ersch\u00fcttert \u00fcber die Attentate. Von ihnen erfuhren wir auch, was geschehen war. Sie hatten davon in den irakischen Nachrichten erfahren und erz\u00e4hlten es uns beim gemeinsamen Abendessen. Sie waren v\u00f6llig fassungslos, weil sie auch schon die schrecklichen Bilder gesehen hatten. F\u00fcr uns war es erst einmal total unwirklich, diese Information zu bekommen, ohne sie \u00fcberpr\u00fcfen zu k\u00f6nnen. Im ersten Moment konnte ich das auch gar nicht glauben, hielt es f\u00fcr eine &#8222;Ente&#8220;.<\/p>\n<p>Einige Tage nach dem 11. September, als wir in der n\u00e4chstgelegenen gr\u00f6\u00dferen Stadt waren, konnten wir drau\u00dfen \u00fcber Lautsprecher den Vorbeter einer Moschee h\u00f6ren, und aus dem wenigen, das ich verstehen konnte, kristallisierte sich immer wieder der Satz: &#8222;Der Islam ist eine friedliche Religion&#8220; heraus.<\/p>\n<p>Man merkte, es war der irakischen Bev\u00f6lkerung nach dem 11. September ein gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis, dies auch intern immer wieder zu thematisieren.<\/p>\n<p><strong>Wie haben die staatlichen irakischen Medien \u00fcber die Terroranschl\u00e4ge berichtet?<\/strong><\/p>\n<p>Das wei\u00df ich nur aus zweiter Hand und auch nur sp\u00e4rlich, da mein Arabisch \u00e4u\u00dferst bescheiden ist. Ich habe mich nat\u00fcrlich danach erkundigt, denn es war f\u00fcr uns ja wichtig zu wissen, wie die offizielle irakische Reaktion ist. Davon hing z.B. auch ab, ob wir das Land besser verlassen oder nicht. Wenn Saddam Hussein den Anschlag z.B. bejubelt h\u00e4tte, w\u00e4re es sicher kl\u00fcger gewesen zu gehen, weil schon damals klar war, da\u00df die USA nur auf einen Anlass warten, im Irak zuzuschlagen. Die irakische Reaktion war aber sehr gem\u00e4\u00dfigt, auf die \u00fcbliche Propaganda wurde ganz verzichtet. Stattdessen bezeichnete man die Geschehnisse deutlich als &#8222;Terroranschl\u00e4ge&#8220;, und dieses Wort hat ja bereits eine negative Konnotation. Ich war sehr verbl\u00fcfft zu h\u00f6ren, da\u00df in westlichen Medien berichtet wurde, die erste offizielle irakische Reaktion sei sehr erfreut gewesen. Nach allen Informationen, die ich habe, kann ich das so jedenfalls nicht best\u00e4tigen. &#8211; Und mal ganz ehrlich, das w\u00e4re ja auch \u00e4u\u00dferst unklug gewesen.<\/p>\n<p><strong>Was \u00e4nderte sich nach diesem Tag f\u00fcr Euch?<\/strong><\/p>\n<p>Rein \u00e4u\u00dferlich nichts. Um uns herum ging das Leben ganz normal und friedlich weiter. Niemand ging protestierend oder jubelnd auf die Stra\u00dfe, und wir wurden genau so freundlich behandelt wie zuvor. H\u00e4tten wir nicht gewu\u00dft, was passiert ist, h\u00e4tten wir es an den Reaktionen unserer unmittelbaren Umwelt jedenfalls nicht ablesen k\u00f6nnen. Klar, sie waren auch besorgt und bedr\u00fcckt, aber so wirkten sie auf mich eigentlich meistens, es geht ihnen ja auch nicht besonders gut durch das Embargo.<\/p>\n<p>Wenn man sich zu einer solchen Zeit in einem so ber\u00fcchtigten Staat wie dem Irak aufh\u00e4lt, wird einem ganz schnell klar, wie sehr unser Bild von diesem Land von westlicher Propaganda dominiert wird. Unsere Angeh\u00f6rigen in Deutschland waren hysterisch vor Angst um uns. Anfangs war ich verbl\u00fcfft und irritiert, glaubte, sie wissen vielleicht wirklich mehr als wir. Aber mit der Zeit wurde mir klar, da\u00df sie eine v\u00f6llig falsche Vorstellung von unserer Situation und diesem Land hatten. Ich habe mich dort jedenfalls nicht in Gefahr bef\u00fchlt. F\u00fcr mich war George W. Bush der gro\u00dfe Unsicherheitsfaktor &#8211; nicht Saddam Hussein.<\/p>\n<p>Dabei m\u00f6chte ich noch einmal betonen, da\u00df ich auch nicht mutiger bin als andere Menschen und kein Interesse daran habe, da\u00df mir Bomben um die Ohren fliegen oder ich gekidnappt werde. Wir haben uns nat\u00fcrlich immer auf dem Laufenden gehalten, regelm\u00e4\u00dfig mit der Deutschen Botschaft in Bagdad telefoniert und &#8222;Deutsche Welle&#8220; geh\u00f6rt. Aber mit diesen Informationen war eigentlich klar, da\u00df wir nicht in Gefahr waren. Es stand \u00fcbrigens jedem frei, das Land zu verlassen, aber nach Abw\u00e4gen aller Argumente sind wir geblieben.<\/p>\n<p><strong>Sind die Folgen der Golfkriege und der bis heute gef\u00fchrten Angriffe durch britische und US-amerikanische Bomber \u00fcberall im Irak sichtbar?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man sich nur in Bagdad aufh\u00e4lt, kann man den Eindruck gewinnen, es habe nie einen Krieg gegeben. Die Stadt wirkt modern, ohne Zerst\u00f6rungen, und man kann dort so gut wie alles kaufen. Aber das war&#8217;s dann auch schon. Im Umland kann man die Sch\u00e4den noch immer deutlich wahrnehmen. Nicht unbedingt in Bombenkratern, aber an der Armut und gedr\u00fcckten Stimmung der Menschen. Da bemerkt man das Embargo eigentlich konstant.<\/p>\n<p>Die meisten dort m\u00fcssen sich z.B. sehr unausgewogen ern\u00e4hren. Das haben wir am eigenen Leibe erfahren, denn wir a\u00dfen nat\u00fcrlich auch nichts anderes. Reis mit roter Sauce war das Standardgericht. Nach einer Weile bekamen wir Muskelkr\u00e4mpfe, nahmen ab und waren so nat\u00fcrlich auch anf\u00e4lliger f\u00fcr Krankheiten. Man merkte bereits nach kurzer Zeit: Der K\u00f6rper ist total ausgemergelt, der will jetzt unbedingt mal wieder Vitamine und Mineralien haben.<\/p>\n<p>H\u00e4tten wir die Medikamente nicht selbst aus Deutschland mitgebracht, w\u00e4ren wir aufgeschmissen gewesen. Eine unserer Mitarbeiterinnen, die schwer erkrankt zu einem irakischen Arzt gebracht wurde, bekam von ihm &#8222;Immodium akut&#8220; ausgeh\u00e4ndigt. Das einzige Mittel, das er hatte, und es war ihm sicher auch klar, da\u00df es nicht helfen w\u00fcrde. Aber er hatte keine Antibiotika da. Zum Gl\u00fcck hatten wir welche im Gep\u00e4ck und haben sie ihr dann gegeben.<\/p>\n<p>Insgesamt sind die Menschen dort wirklich arm dran. Im Vergleich zu anderen orientalischen L\u00e4ndern ist der Lebensstandard noch einmal deutlich niedriger. Man merkt den Menschen das jahrelange Embargo auch psychisch an. Die Stimmung ist gedr\u00fcckt, die Menschen sind regelrecht apathisch. Mir haben sie sehr leid getan.<\/p>\n<p><strong>Hast Du Luftangriffe miterlebt?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, wir befanden uns ja nicht in der Flugverbotszone. Es wurden w\u00e4hrend unseres Aufenthaltes allerdings Angriffe der US-Amerikaner in der Gegend um Basra geflogen. Wir haben das aus den Nachrichten erfahren.<\/p>\n<p><strong>Siehst Du Chancen f\u00fcr einen friedlichen Wandel im Irak?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Eine Chance gibt es immer. F\u00fcr mich stellt sich aber nicht so sehr die Frage, wie gro\u00df diese Chance ist, sondern, ob wir uns da einmischen sollten. Ich kann nicht beurteilen, ob Saddam Hussein chemische Waffen produziert oder nicht. Aber Tatsache ist, da\u00df dieses Argument von den US-Amerikanern schamlos mi\u00dfbraucht wird, denen es doch um ganz andere Interessen geht. Sie bem\u00fchen sich ja nicht einmal, das zu verbergen. Jeder, der sich nur ein bi\u00dfchen informiert, kann erkennen, da\u00df die angeblichen Verbindungen zwischen Saddam Hussein und Bin Laden an den Haaren herbeigezogen sind. Aber damit erz\u00e4hle ich Dir sicher nichts Neues. Mir ist noch nie so sehr wie in diesem Fall aufgefallen, wie sehr wir f\u00fcr dumm verkauft werden sollen, wie hier ganz plump mit \u00c4ngsten gespielt wird.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Aussichten, durch \u00f6ffentlichen Druck von unten einen Krieg der USA und Gro\u00dfbritanniens gegen den Irak zu verhindern?<\/strong><\/p>\n<p>Tja, wer wei\u00df &#8230; Immerhin hat der \u00f6ffentliche Druck dazu gef\u00fchrt, da\u00df die USA vorerst ein paar Schritte zur\u00fcckgegangen sind. Auf lange Sicht bef\u00fcrchte ich leider, da\u00df sich die USA ihr Verhalten nicht vorschreiben lassen werden, das haben sie in der Vergangenheit oft genug gezeigt. Sie haben noch &#8222;einen Koffer in Bagdad&#8220;, um es mal sarkastisch zu formulieren &#8230; Das bedeutet nat\u00fcrlich nicht, da\u00df wir den Druck deshalb unterlassen sollten. Im Gegenteil, um so wichtiger ist es hier, Farbe zu bekennen. So apathisch wie die Menschen im Irak, die offenbar schon alle Hoffnungen verloren haben, sollten wir nie werden.<\/p>\n<p><strong>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Vom 1. September bis zum 18. Oktober 2001 warst Du im Rahmen eines Ausgrabungsprojektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Universit\u00e4t Halle im Irak t\u00e4tig. Wo im Irak warst Du, und was hast du dort gemacht? Ulrike L\u00f6w: Wir haben im Norden Iraks, ca. 300 km n\u00f6rdlich von Bagdad, die mesopotamische Stadt Assur ausgegraben. Assur &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/12\/irak-und-11-september\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Irak und 11. September - graswurzelrevolution","description":"Graswurzelrevolution: Vom 1. 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