{"id":5166,"date":"2002-12-01T00:00:13","date_gmt":"2002-11-30T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5166"},"modified":"2022-07-26T12:59:06","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:06","slug":"mein-anderssein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/12\/mein-anderssein\/","title":{"rendered":"&#8222;Mein Anderssein&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die weltweit bekannte Historikerin Gerda Lerner z\u00e4hlt zu den Pionierinnen der Frauengeschichtsforschung. Sie wurde 1920 in Wien geboren; als Tochter einer j\u00fcdisch-assimilierten Familie. 1939 emigrierte sie in die USA. An der Universit\u00e4t Wisconsin, in Madison, erhielt sie 1980 ihre Berufung auf einen Lehrstuhl, der mit dem Auftrag verbunden war, Forschungsprojekte im Bereich der Frauengeschichte aufzubauen. Im deutschsprachigen Raum ist sie vor allem bekannt geworden, aufgrund ihrer aus dem Amerikanischen ins Deutsche \u00fcbersetzten Publikationen, &#8222;Die Entstehung des Patriarchats&#8220; und &#8222;Die Entstehung des feministischen Bewusstseins&#8220; (vgl. dazu auch GWR 169 und GWR 191).<\/p>\n<p>Was verbirgt sich hinter dem recht pauschal wirkenden Titel &#8222;Zukunft braucht Vergangenheit&#8220;? Die Essays dieses Buches verfolgen, wie sie es selbst formuliert, eine andere Spur des Bewusstseins: &#8222;das Ineinandergreifen meiner eigenen Lebenserfahrung als vertriebene J\u00fcdin und meiner Arbeit als Wissenschaftlerin, die sich mit der Problematik von Rasse, Klasse und Geschlecht auseinandersetzt.&#8220; (S. 15)<\/p>\n<p>Gerda Lerner schildert eingehend die konflikthafte und ambivalente Definition ihres J\u00fcdinseins. (S.25-85) Selbstkritisch fragt sie, warum sie \u00fcber drei\u00dfig Jahre lang die Geschichte der wei\u00dfen und schwarzen amerikanischen Frauen dokumentiert und erforscht hatte, ohne daran zu denken, die Geschichte der j\u00fcdischen Frauen zum Thema ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu machen.<\/p>\n<p>Anhand dieser autobiographisch aufgeworfenen Fragestellung thematisiert sie die Ursachen ihrer phasenweise verdr\u00e4ngten j\u00fcdischen Vergangenheit. Warum geschah dieses?<\/p>\n<p>Vom heutigen Standpunkt zur\u00fcckblickend erinnert sie sich bewusst, aufgrund welcher Einfl\u00fcsse und Erlebnisse, sich ihr &#8222;Bewusstsein als j\u00fcdische Frau&#8220; entwickelt hat. (S. 15; 25-85) Ihre pers\u00f6nlichen Schilderungen hinsichtlich dieser Fragestellungen verk\u00f6rpern, meines Erachtens, die eigentlichen Kernaussagen des Buches. Die Autorin setzt sich auf sensible Weise mit dem Begriff der &#8222;j\u00fcdischen Identit\u00e4t&#8220; auseinander. Wobei sie j\u00fcdische Lebensformen sowie deren differente Identit\u00e4tsbildungsprozesse keineswegs als ein homogenes, in sich abgeschlossenes System von typisierten Verhaltensweisen herausstellen will. Im Gegenteil: es geht ihr um das Aufbrechen von Vorurteilsstrukturen; um die Befreiung von kategorisierten Sichtweisen, welche &#8222;j\u00fcdische Existenz&#8220; vornehmlich in die Absonderung dr\u00e4ngen. Diese gesellschaftlichen Ausgrenzungsprozesse haben zur Folge, dass eine J\u00fcdin oder ein Jude gemeinhin definiert werden als <em>die Andere<\/em> oder <em>der Andere.<\/em> Stigmatisierungen eines unaufl\u00f6slichen Dilemmas? Mehr noch: es rechtfertigt die strukturell verfestigten Kreisl\u00e4ufe rassistischer und antisemitischer Gewalt gegen Menschen j\u00fcdischer Herkunft sowie gegen Gruppierungen, die sich (enkulturell) j\u00fcdischen Lebensformen zugeh\u00f6rig f\u00fchlen.<\/p>\n<h3>Das Stigma &#8222;des Andersseins&#8220;<\/h3>\n<p>Gerda Lerner schildert, dass dieses Stigma sie im Prinzip lebenslang belastet hat. &#8222;Mein Anderssein&#8220;, beschreibt sie, &#8222;war nicht zu \u00fcbersehen, als ich mit dem Graduiertenstudium anfing &#8211; zu alt (\u00fcber vierzig), eine im Ausland geborene Frau, eine J\u00fcdin, die darauf bestand, sich auf ein Gebiet der Geschichtswissenschaft zu spezialisieren, das die Professoren f\u00fcr exotisch und absonderlich hielten.&#8220; (S.38) Erst als sie viele Jahre des Kampfes um die Anerkennung des neuen Forschungsbereiches der Frauengeschichte bew\u00e4ltigt hatte; und dann als eine bekannte Historikerin an die Universit\u00e4t von Wisconsin kam, f\u00fchlte sie sich akzeptiert. Die Fortschritte in ihrem umstrittenen Arbeitsgebiet der Frauengeschichte erbrachten eine gewisse gesellschaftliche Achtung. In dieser Zeitphase, in der sie glaubte den fremdbestimmten Status des Andersseins \u00fcberwunden zu haben, kam es zu antisemitischen Vorf\u00e4llen in ihrer n\u00e4heren Umgebung. &#8222;Dann wurde vor einigen Jahren auf ein Plakat an der T\u00fcr meines Arbeitsraums in der Universit\u00e4t ein Hakenkreuz geschmiert. Das war im April. Im August des selben Jahres waren bereits einundvierzig antisemitische Vorf\u00e4lle in Madison registriert worden; ein weiteres Ereignis ist dabei nicht ber\u00fccksichtigt, weil es nicht angezeigt wurde; eine antisemitische Drohung auf meinem Anrufbeantworter. Gehe zur\u00fcck auf Los! Der Jude bleibt <em>der Andere<\/em>.&#8220; (S.38)<\/p>\n<p>Die Autorin betont, dass ihre eigene Geschichte recht gut illustriert, wie es auf Juden und J\u00fcdinnen wirkt, &#8222;dass sie als von der Norm abweichende Gruppe&#8220; zu Au\u00dfenseiterInnen gebrandmarkt sind. (38) F\u00fcr die betroffenen Au\u00dfenseiterInnen selbst gibt es, wie sie herausstellt, im Prinzip drei M\u00f6glichkeiten, zu reagieren: <em>kultureller Separatismus<\/em>, <em>Verleugnung durch Assimilation<\/em> und <em>Akkulturation<\/em>. (S.39f)<\/p>\n<p>F\u00fcr Au\u00dfenstehende der Problematik mag die Frage entstehen, weshalb sich eine erfolgreiche Historikerin entschieden und engagiert mit den Formen des Antisemitismus; den Diskriminierungen gegen Juden und J\u00fcdinnen auseinandersetzt? Denn ihr selbst war doch offensichtlich, nach der Emigration (1939 aus \u00d6sterreich) weitgehend eine &#8222;Integration&#8220; in die amerikanische Gesellschaft gelungen.<\/p>\n<p>Sie publiziert nicht in erster Linie &#8222;als Stellvertreterin&#8220; f\u00fcr die anderen j\u00fcdischen Au\u00dfenseiterInnen.<\/p>\n<p>Als eine ehemals vom Terrorregime der Nazis Verfolgte, die sich, mit ihren engeren Angeh\u00f6rigen vor einer bevorstehenden Deportation in ein Konzentrationslager, sozusagen retten konnte und dann im Alleingang in die USA emigrieren konnte, begreift sie sich selbst nicht als einen vom &#8222;Schicksal beg\u00fcnstigten Einzelfall&#8220;. Sie ist keineswegs eine Anh\u00e4ngerin eines <em>kulturellen Separatismus<\/em>, der das eigene <em>Anderssein, <\/em>u. a., aufgrund von (selbstgew\u00e4hlten) ghettoisierten Lebensformen, als etwas Positives zu best\u00e4tigen versucht. (S.39) Andererseits sieht sie sich, seit ihrer Kindheit und Jugend bis heute, in einem tieferen Sinne mit den Lebensschicksalen sowie der Geschichte der anderen j\u00fcdischen Menschen verbunden. Dieses jedoch fernab von einem traditionellen, separatistischen Standpunkt, wie: &#8222;Wir sind das auserw\u00e4hlte Volk, kl\u00fcger, besser, moralisch \u00fcberlegen und durch unsere Leidensgeschichte irgendwie gel\u00e4utert.&#8220; (S. 39) Was aber, so fragt sie, &#8222;bleibt einem Juden wie einer J\u00fcdin, wenn sie sich von der Glaubensgemeinschaft abwenden? Antisemitismus und Geschichte.&#8220; (S. 32) Nach dem Holocaust war Geschichte f\u00fcr sie nicht l\u00e4nger etwas, was sich jenseits der eigenen Person vollzieht, und vorrangig dazu dienen kann das eigene Leben und das der eigenen Zeit zu verstehen. &#8222;Wir \u00dcberlebenden hatten nun die Aufgabe, die Erinnerung wachzuhalten, um uns der&#8230; Vernichtung unseres Volkes zu widersetzen. Geschichte wurde uns zur Verpflichtung.&#8220; (S. 37) F\u00fcr die Geschichtswissenschaftlerin Gerda Lerner war damit zugleich die Auseinandersetzung mit der Problematik des <em>Andersseins<\/em> verbunden.<\/p>\n<p>Dieses wiederum motivierte sie zum Studium der Frauengeschichte. &#8222;Denn l\u00e4nger als alle anderen Gruppen der Menschheit sind die Frauen von anderen und als <em>die Anderen<\/em> definiert worden.&#8220; (S. 42, vgl. auch S. 141-152) Als Historikerin fragt sie nach den Ursachen der fremdbestimmten Zuordnungskategorien. Dabei geht es ihr darum, die Kategorisierungen der Menschen in &#8211; Geschlecht, Rasse, Etnizit\u00e4t, Klasse &#8211; zu de-konstruieren (vgl. S. 210-281), um auf diese Weise systemver\u00e4ndernde Ans\u00e4tze der Befreiung aufzuzeigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die weltweit bekannte Historikerin Gerda Lerner z\u00e4hlt zu den Pionierinnen der Frauengeschichtsforschung. 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