{"id":5209,"date":"2003-01-01T00:00:46","date_gmt":"2002-12-31T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5209"},"modified":"2022-07-26T13:11:50","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:50","slug":"trainstopping-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/01\/trainstopping-2\/","title":{"rendered":"Trainstopping"},"content":{"rendered":"<p>Der Einsatzleiter der Polizei schrie in sein Funkger\u00e4t: &#8222;Der Zug muss sofort anhalten!&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen zischte einer seiner Kollegen die an die Gleise geketteten Anti-Atom-Aktivisten an: &#8222;Wir sollten euch hier liegen lassen und den Zug nicht stoppen. Mal sehen, was dann passiert.&#8220;<\/p>\n<p>Dieser Macho in Uniform war nicht erfreut, dass er nachts bei klirrender K\u00e4lte seinen Dienst tun musste. Kein angenehmer Zeitgenosse.<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, ob der Umgang mit den beiden an den Gleisen angeketteten Atomkraftgegnern glimpflich verlaufen w\u00e4re, wenn diesem gr\u00fcnen Staatsdiener nicht aufgefallen w\u00e4re, dass ich in meiner Eigenschaft als Journalist (mit Presseausweis) anwesend war, um als &#8222;neutraler&#8220; Beobachter m\u00f6glichen Polizei\u00fcbergriffen gegen die Aktivisten vorzubeugen.<\/p>\n<h3>Was war geschehen?<\/h3>\n<p>In den fr\u00fchen Morgenstunden des 11. Dezember 2002 passierte ein CASTOR-Transport mit hochradioaktiven Atomm\u00fcll aus den Atomkraftwerken Stade und Kr\u00fcmmel auf dem Weg in die Wiederaufbereitungsanlagen (WAA) La Hague und Sellafield das M\u00fcnsteraner Stadtgebiet. Nachts, gegen 3.00 Uhr ketteten sich zwei Aktivisten im Stadtteil Gremmendorf an die Gleise der G\u00fcterumgehung, die durch die Stadtteile Gremmendorf, Mauritz und Hiltrup f\u00fchrt. Die beiden Atomkraftgegner hatten ihre Arme mit Vorh\u00e4ngeschl\u00f6ssern in Stahlrohren unterhalb der Schiene angekettet, so dass es f\u00fcr die Beamten des Bundesgrenzschutzes vor Ort nicht m\u00f6glich war, sie von der Schiene zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die unmittelbar nach Beginn der Ankettaktion informierte Polizei veranlasste sofort den Stopp des CASTOR-Transports bei Sudm\u00fchle. Der Atomm\u00fcllzug musste durch den Hauptbahnhof umgeleitet werden, da nicht absehbar war, wann die Strecke wieder passierbar sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Von allen Seiten kamen mit Blaulicht die Fahrzeuge der Polizei, sp\u00e4ter des Bundesgrenzschutzes, des Technischen Hilfswerkes (THW) und der Feuerwehr. Die Trainstopping-Aktivisten konnten nun auch wohlwollende Kommentare h\u00f6ren. Einige THW- und Feuerwehrleute lobten die gute handwerkliche Arbeit. Schokolade und die Gewissheit, den Transport gestoppt zu haben, sorgten daf\u00fcr, dass es den Aktivisten im Gleisbett trotz Temperaturen von 9 Grad unter dem Gefrierpunkt warm ums Herz wurde. Die beiden lagen auf Isomatten. Sie hatten sich gut mit mehreren Pullovern, dicken Socken, Isojacken und Hosen eingemummelt und u.a. mit Stepp- und Aludecken zugedeckt. Zu keiner Zeit bestand f\u00fcr sie oder den Zugverkehr eine ernsthafte Gefahr. Die Polizei und der Bundesgrenzschutz wurden rechtzeitig unterrichtet um gegebenenfalls Vorsorgema\u00dfnahmen zu ergreifen.<\/p>\n<p>Zwei weitere auf den Gleisen angetroffene Aktivistinnen wurden verhaftet und erkennungsdienstlich behandelt. Auch f\u00fcr mich spitzte sich gegen 4.30 Uhr die Lage zu. Die Polizeipressesprecherin und eine Vertreterin der b\u00fcrgerlichen Presse waren mittlerweile eingetroffen. Die Journalistin mokierte sich, weil der BGS ihr untersagt hatte Fotos zu machen, w\u00e4hrend der Redakteur der <em>Graswurzelrevolution<\/em> doch bereits Fotos gemacht habe.<\/p>\n<p>Als ihr dann ein Beamter mitteilte, dass &#8222;<em>der<\/em> ja schlie\u00dflich auch Mitt\u00e4ter und Beschuldigter&#8220; sei, sah ich die Zeit gekommen, diesen frostigen Ort zu verlassen um so eine Beschlagnahme der Fotos oder gar eine Belichtung der Bilder vor Ort zu verhindern. Kurz darauf verloren nach langwieriger Kleinarbeit von Polizei, Feuerwehr und THW die beiden Aktivisten ihre Ketten und wurden aus dem Gleisbett entfernt. Die Einsatzkr\u00e4fte hatten etwa 1 1\/2 Stunden gebraucht, um die beiden Rohre zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Jens und Wolfgang droht nun eine Anklage wegen &#8222;Versuchten Eingriffes in den Schienenverkehr&#8220;.<\/p>\n<h3>Die ganze Nacht \u00fcber gab es vielf\u00e4ltige Protestaktionen<\/h3>\n<p>Schon vor dieser gut vorbereiteten und durchdachten Ankettaktion hatte es in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember direkte gewaltfreie Aktionen gegen die Atomtransporte gegeben.<\/p>\n<p>Am 11. Dezember passierten zwei Atomm\u00fclltransporte M\u00fcnster. Der erste Transport aus dem Atomkraftwerk Unterweser wurde um 0.10 Uhr von ca. 20 AtomkraftgegnerInnen im Hauptbahnhof M\u00fcnster mit einer lautstarken Spontandemo auf dem Bahnsteig empfangen.<\/p>\n<p>Der zweite Transport mit abgebrannten Brennelementen aus den Atomkraftwerken Kr\u00fcmmel und Stade passierte den Hauptbahnhof gegen 3.15 Uhr, weil auf dem urspr\u00fcnglich vorgesehenen G\u00fcterumgehungsgleis im Osten M\u00fcnsters an mehreren Stellen Anti-CASTOR-AktivistInnen protestierten.<\/p>\n<h3>CASTOR aus Angst vor Protesten vorverlegt<\/h3>\n<p>In einer Presseerkl\u00e4rung des <em>M\u00fcnsteraner B\u00fcndnis &#8222;Stoppt Atomtransporte!!&#8220;<\/em> hei\u00dft es am 11. Dezember 2002:<\/p>\n<p>&#8222;Das M\u00fcnsteraner B\u00fcndnis &#8218;Stoppt Atomtransporte!!&#8216; solidarisiert sich mit den Aktionen gegen die Atomtransporte durch das M\u00fcnsterland. Sie zeigen, dass kein Atomm\u00fclltransport heimlich durch M\u00fcnster fahren kann. Im Gegenteil: Die heutigen CASTOR-Transporte wurden um rund 7-10 Stunden vorverlegt, um den Protesten aus dem Weg zu gehen. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen.&#8220;<\/p>\n<h3>Auch in Hamm gab es Proteste<\/h3>\n<p>Weil der Atomm\u00fclltransporter M\u00fcnster so fr\u00fch passiert hat, musste er im westf\u00e4lischen Hamm bis zu f\u00fcnf Stunden im G\u00fcterbahnhof warten. Dort wurden alle acht CASTOR-Beh\u00e4lter f\u00fcr die Weiterfahrt nach Frankreich zusammengekoppelt. Erst um 5.45 Uhr rollte der Strahlenzug \u00fcber die Bahnstrecke Richtung Recklinghausen weiter. Dabei kam es zu einer weiteren spontanen Protestaktion an einem Bahn\u00fcbergang. Am Nachmittag erreichte der Atomm\u00fcllzug Frankreich und rollte in die Plutoniumfabriken La Hague und Sellafield weiter. Das M\u00fcnsteraner B\u00fcndnis &#8222;Stoppt Atomtransporte!!&#8220; k\u00fcndigte an, auch in Zukunft gegen den Atomm\u00fclltourismus zu protestieren: &#8222;Die Atomtransporte sind \u00fcberfl\u00fcssig und hochgef\u00e4hrlich. Deshalb m\u00fcssen sie umgehend und ersatzlos eingestellt werden.&#8220;<\/p>\n<h3>Das Echo<\/h3>\n<p>Ohne die Aktionen h\u00e4tten die Medien vermutlich die Transporte der hochradioaktiven Brennst\u00e4be gar nicht erw\u00e4hnt. So aber berichtete am 12. Dezember der <em>WDR<\/em> im Radio und im Fernsehen. Die b\u00fcrgerliche <em>M\u00fcnstersche Zeitung<\/em> widmete sich auf Seite 1 der Trainstopping-Aktion. Auch die CDU-nahen <em>Westf\u00e4lischen Nachrichten <\/em>informierten relativ korrekt. Den hirnrissigsten und k\u00fcrzesten Artikel lieferte am 12. Dezember wider besseren Wissens die regierungsnahe <em>taz ruhr nrw<\/em>. Die Atomtransporte seien &#8222;ohne gr\u00f6\u00dfere Zwischenf\u00e4lle in Nordrhein-Westfalen eingefahren.&#8220;<\/p>\n<p>Begeisterte Kommentare zur Aktion finden sich dagegen im Internet bei <a href=\"http:\/\/de.indymedia.org\/2002\/12\/36695.shtml\">de.indymedia.org<\/a>. Zum Beispiel folgende:<\/p>\n<p>&#8222;Gl\u00fcckwunsch zum Trainstopping Von: ice &#8211; train 12.12.2002 13:53 bibber, zitter, frier &#8230; ihr seid die besten! und das t-shirt zur aktion gibt&#8217;s unter: URL: <a href=\"http:\/\/www.trainstopping.de\">http:\/\/www.trainstopping.de<\/a>&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;supi. weiter so. trainstopping immer und \u00fcberall. wie gesehen, haben 2 menschen es wieder geschafft. also beim n\u00e4chsten mal viele zweier ankettaktionen. mit genug menschen drum rum. oder mal die Schienenverkehrsknotenpunkte besetzen. gibt gar nicht viele.<\/p>\n<p>abschalten. atomkraftwerke, regierung, kapitalismus&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Bei den Bildern&#8230;und der zu ahnenden K\u00e4lte zieht sich mir alles ins K\u00f6rperinnere.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gl\u00fcckwunsch f\u00fcr die gelungene Aktion und einen hei\u00dfen Tee mit Honig (soll bei Blasenentz\u00fcndung gut sein!).&#8220;<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Obwohl zur Zeit nicht gerade von einem Bewegungshoch der Anti-Atom-Bewegung gesprochen werden kann, sind die monatlichen Atomtransporte in die sogenannte Wiederaufbereitung weiterhin Ziel von Protestaktionen. Dabei zeigt sich, dass es m\u00f6glich ist auch mit relativ wenigen AktivistInnen eine gro\u00dfe Wirkung zu erzielen. Es ist ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl als &#8222;Sandkorn&#8220; dazu beizutragen die Maschinerie wenigstens f\u00fcr einige Zeit zu blockieren. Was nicht oft genug gesagt werden kann: Die Strahlenm\u00fcll-Transporte dienen dem Weiterbetrieb der Atomkraftwerke und stellen keine L\u00f6sung f\u00fcr das Problem des hochradioaktiven M\u00fclls dar, der jeden Tag in den Atomkraftwerken anf\u00e4llt. Ein Endlager ist weltweit nicht vorhanden. Der sofortige Ausstieg aus dem Atomstaat muss von unten durchgesetzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Einsatzleiter der Polizei schrie in sein Funkger\u00e4t: &#8222;Der Zug muss sofort anhalten!&#8220; W\u00e4hrenddessen zischte einer seiner Kollegen die an die Gleise geketteten Anti-Atom-Aktivisten an: &#8222;Wir sollten euch hier liegen lassen und den Zug nicht stoppen. Mal sehen, was dann passiert.&#8220; Dieser Macho in Uniform war nicht erfreut, dass er nachts bei klirrender K\u00e4lte seinen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/01\/trainstopping-2\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Trainstopping - graswurzelrevolution","description":"Der Einsatzleiter der Polizei schrie in sein Funkger\u00e4t: \"Der Zug muss sofort anhalten!\" W\u00e4hrenddessen zischte einer seiner Kollegen die an die Gleise geketteten"},"footnotes":""},"categories":[334,1039],"tags":[],"class_list":["post-5209","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-275-januar-2003","category-quergestellt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5209","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5209"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5209\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}