{"id":5216,"date":"2003-01-01T00:00:42","date_gmt":"2002-12-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5216"},"modified":"2022-07-26T13:33:48","modified_gmt":"2022-07-26T11:33:48","slug":"abrechnung-mit-dem-waffenkult","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/01\/abrechnung-mit-dem-waffenkult\/","title":{"rendered":"Abrechnung mit dem Waffenkult"},"content":{"rendered":"<p>Yippie! Der Typ ist einfach sagenhaft! Ich w\u00fcsste nicht, wann ich im Kino schon mal einen von der filmischen Analyse her so radikal antimilitaristischen Film gesehen h\u00e4tte wie &#8222;Bowling for Columbine&#8220;. Grandios! Und so lange so ein Film von den US-Mediencompanys zwar nicht finanziert, von den Leuten in den USA aber angeguckt wird (die Rekordsumme f\u00fcr Dokumentarfilme von 4,5 Mio. Dollar wurde in vier Wochen mit einem Minimum an Kopien in den USA eingespielt!), kann noch nicht alles verloren sein in &#8222;Gods own Country&#8220; und der Wille zum Frieden und zur gesellschaftlichen Selbstkritik breiter existent als vermutet.<\/p>\n<p>Und der Typ ist witzig! Hier wird Satire am richtigen Ort eingesetzt, sie wird zur radikalen Blo\u00dfstellung der Herrschenden, der Waffennarren und der R\u00fcstungsindustrie benutzt &#8211; und nicht daf\u00fcr, die Entrechteten, die Verarmten, die Unterprivilegierten, die Opfer auch noch zu besch\u00e4men. &#8222;Bowling for Columbine&#8220; ist eine rasante, witzige Analyse, die mit Comics durchmischt ist und mit frechen, direkten gewaltfreien Aktionen, die Moore gleich selbst an Ort und Stelle organisiert und durchf\u00fchrt.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferer Anlass des Films ist die Katastrophe in der &#8222;Columbine&#8220;-Highschool in Littleton\/Colorado, einem Vorstadtnest von Denver. Hier haben 1999 die beiden Sch\u00fcler Dylan Klebold und Eric Harris in einem Amoklauf mit Waffen zw\u00f6lf Sch\u00fclerInnen, einen Lehrer und sich selbst erschossen.<\/p>\n<p>Michael Moore gibt die \u00fcblichen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze, die die herrschenden Medien anboten, der L\u00e4cherlichkeit preis: von der These, die Kinder seien selbst schuld und wahre Monster bis hin zum Schockrocker Marilyn Manson als bedeutendste Ursache. Moore geht selbst zu Manson und macht mit ihm ein Interview, in dem sich beide als sehr sensibel zeigen und sich fragen, warum den Sch\u00fclerInnen selbst eigentlich niemand zuh\u00f6rt. Moore zeigt, dass die T\u00e4ter am Morgen ihrer Tat Bowling gespielt haben (daher der Filmtitel &#8222;Bowling for Columbine&#8220;) und fragt mit der gleichen Plausibilit\u00e4t, warum eigentlich nicht das Bowlingspiel als Ursache benannt wird anstatt der Musik von Manson: immerhin war Bowling das letzte, was die T\u00e4ter vor ihrer Tat im zivilen Leben machten. Kurz darauf erkl\u00e4rt der Film, wie die Sch\u00fclerInnen in den ganzen USA direkt nach dieser Tat \u00fcberwacht wurden, und wie stark der Druck auf die Jugendlichen von den LehrerInnen ausge\u00fcbt wird. Wer bereits in der Grundschule versage, habe im Leben keine Chance mehr &#8211; diese absurde Position wird den J\u00fcngsten bereits in den ersten Klassenstufen eingeh\u00e4mmert. Wie sollen die Versager da nicht ausflippen?<\/p>\n<p>Nun gibt ihnen die Gesellschaft aber ein Mittel, mit dem sie Amok laufen k\u00f6nnen: die Waffe. Sie ist, wie wir wissen, in den USA leicht erh\u00e4ltlich &#8211; und diese Tatsache ist es, auf die sich Moore in seinem Film konzentriert. Denn die eigentliche Ursache des Littleton-Massakers ist in Moores Film die Waffenindustrie und der zugeh\u00f6rige Waffenkult. Moore stellt dabei einen Lockheed-Manager blo\u00df, der vor einer in deren Littleton-Filiale als gr\u00f6\u00dftem Arbeitgeber der Region produzierten Rakete auf hirnrissig-philantropische Art erz\u00e4hlt, seine Firma habe so und so viel Geld f\u00fcr Antigewaltprogramme in Schulen gespendet. Allein diese Filmszene ist so beeindruckend, klasse, komisch und doch best\u00fcrzend.<\/p>\n<p>Moore macht den Lockheed-Pappkameraden vollends fertig, wenn er darstellt, dass just an jenem Tag des Littleton-Massakers die US-Luftwaffe den schlimmsten Bombenangriff auf Jugoslawien im Kosovo-Krieg gef\u00fchrt habe.<\/p>\n<p>An vielen Beispielen der innenpolitischen und au\u00dfenpolitischen Geschichte der USA, die wir im Zeitraffer rasant aufgez\u00e4hlt bekommen, macht Moore klar, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem au\u00dfenpolitischen Militarismus der USA und dem Waffenkult im Innern. Interessant auch die Zahlen: rund 11000 durch Waffen Get\u00f6tete gibt es j\u00e4hrlich in den USA, in der BRD beachtliche 381 (immerhin schon der 2. Platz in den westlichen L\u00e4ndern), in Frankreich 255, in Kanada 167, in Britannien nur 69 und in Japan um die 30.<\/p>\n<p>Zwei Ideologien sind es, die Moore als innenpolitische Ursache f\u00fcr den besonderen Status der USA anf\u00fchrt. Erstens die Ideologie der bewaffneten Selbstverteidigung. Es macht die analytische St\u00e4rke dieses Films aus, dass hier etwas in den Mittelpunkt ger\u00fcckt wird, was selbst linke und viele antirassistische bewaffnete K\u00e4mpferInnen immer wieder als h\u00f6chst revolution\u00e4r gegen AntimilitaristInnen und Gewaltfreie ins Feld f\u00fchren, dass man\/frau n\u00e4mlich ein Recht auf Selbstverteidigung habe, wenn man\/frau auf eigenem Grund und Boden, wenn die eigene Familie angegriffen wird. Wir lernen mit Michael Moore, dass das nicht nur nicht revolution\u00e4r ist, sondern der Inbegriff des Konservatismus in den USA. Es sind die Wei\u00dfen in ihren wohlhabenden Vorstadtvierteln, die alle ein Gewehr im Haus haben &#8211; und viel weniger an der Zahl als vermutet die Schwarzen in den Slums. In Michigan, wo Moore aufgewachsen ist, gibt es Selbstverteidigungsmilizen der Wei\u00dfen, aus deren Reihen auch die Oklahoma-Attent\u00e4ter kamen. Und sie sehen sich als normale Staatsb\u00fcrger und erz\u00e4hlen im Film selbst die Staatsideologie, die im Hirn jedes Wei\u00dfen dort fest eingebrannt ist: wenn du zuhause \u00fcberfallen wirst, was machst du? Du rufst entweder nach der Polizei aus dem einzigen Grund, weil sie bewaffnet ist! Oder du wendest dein verfassungsm\u00e4\u00dfiges Recht auf Selbstverteidigung durch die eigene Waffe an, wenn der Staat nicht schnell genug bei dir ist! Und wie ich im eigenen Haus, so macht&#8217;s der US-Staat in der Welt! Das Recht auf bewaffnete Selbstverteidigung, so lernen wir bei Moore, ist nicht fortschrittlich oder gar revolution\u00e4r, es ist reaktion\u00e4r und unverzichtbare Grundlage der US-amerikanischen Staatsraison. Think about it! Und es sollte uns als AnarchistInnen nachdenklich machen, wenn im Film irgend so ein reaktion\u00e4rer Bombenbastler und Selbstverteidiger aus Michigan ausgerechnet dann ein anarchistisches Buch zitiert, wenn es ums Bomben- und Waffenbauen geht: das anarchistische Kochbuch (Anarchist Cookbook)! Und es sollte uns als \u00d6kologInnen nachdenklich machen, wenn ein Freund der Oklahoma-Attent\u00e4ter, ein rechter Reaktion\u00e4r und Waffennarr, zugleich \u00d6kobauer ist.<\/p>\n<p>Aber Moore macht auch ihn so gnadenlos l\u00e4cherlich: den bei diesen Reaktion\u00e4ren manchmal anzutreffenden Duktus, gegen die US-Bundesregierung eingestellt zu sein und sie mit der Waffe in der Hand zu bek\u00e4mpfen, wenn sie sie in ihren Rechten einschr\u00e4nke, kontert Moore grandios mit der Frage, warum er es denn nicht wie Gandhi mache, der das britische Weltreich erfolgreich waffenlos bek\u00e4mpft habe? Dar\u00fcber wisse er nichts, meint der andere und steht als der Dumme da. Eine wunderbare Szene!<\/p>\n<p>Und die zweite Ideologie, die Moore radikal blo\u00dfstellt, ist die der Angstproduktion. Denn nat\u00fcrlich ist dieser Kult, das eigene Heim, die eigene Familie st\u00e4ndig verteidigen zu m\u00fcssen, absurd: sie sind ja gar nicht bedroht, der Einbrecher, der M\u00f6rder &#8211; er kommt ja gar nicht zu ihnen! Die Angst vor ihm wird aber in den US-Medien st\u00e4ndig produziert. Moore zeigt auf, dass in Zeiten, als statistisch die Kriminalit\u00e4t in den USA zur\u00fcck ging, die Berichte \u00fcber Kriminalit\u00e4t in den Medien sprunghaft anstiegen! Und es wird eine besondere Form der Angst produziert: die Angst vor dem schwarzen, m\u00e4nnlichen T\u00e4ter. In den US-Medien werden immer wieder Einzelbeispiele von Raub\u00fcberf\u00e4llen gezeigt, in denen ein m\u00e4nnlicher Schwarzer als Verd\u00e4chtiger ausgegeben wird. Dieser Rassismus ist so gew\u00f6hnlich, dass er schon oft von wei\u00dfen T\u00e4tern bedient wurde, die eine falsche F\u00e4hrte legen wollten.<\/p>\n<p>Und wie der schwarze Mann als innenpolitisches Angstbild fungiert, so fungieren andere Feindbilder als au\u00dfenpolitische Angstbilder, um die Kriege der USA fortsetzen und die Gewinne der R\u00fcstungsindustrie steigern zu k\u00f6nnen. Moore f\u00fchrt diese Angstideologie im Film so genial ad absurdum, wenn er zusammen mit einem wei\u00dfen Freund ins Zentrum der damaligen Riots nach South Central Los Angeles geht. Zu zweit gehen zwei Wei\u00dfe in den Stra\u00dfen der schwarzen Riots umher &#8211; dort, wohin sich kein Wei\u00dfer in den USA hintrauen w\u00fcrde und wovon jeder Reisef\u00fchrer abr\u00e4t, und was passiert? Nichts! Dass sie von dort vor lauter Luftverschmutzung das Hollywood-Zeichen auf dem Berg nicht mehr sehen, sch\u00e4tzen sie als viel gef\u00e4hrlicher f\u00fcr ihre Gesundheit ein als die physische Bedrohung durch Schwarze. Grandios ist auch Moores Kanada-Vergleich im Film: warum gibt es in Kanada so viel weniger Waffenopfer als in den USA, wo doch der Waffenbesitz in Kanada \u00e4hnlich weit verbreitet ist? Antwort Moore: weil sie in Kanada weniger Angst haben! Es wird nicht Angst produziert &#8211; und Moore bekommt gesagt, in den kanadischen Vororten sei niemals eine Wohnung abgeschlossen. Moore pr\u00fcft das eigenh\u00e4ndig nach, eine der drolligsten Szenen im Film, und tats\u00e4chlich: alle Wohnungen sind offen! In Kanada haben die Menschen zun\u00e4chst einmal Vertrauen zu ihren Mitmenschen, so banal das klingt, bis zum praktischen Beweis des Gegenteils &#8211; in den USA haben die Menschen zun\u00e4chst Angst: jemand, der das Grundst\u00fcck betritt, wird mit dem Gewehr in der Hand und dem verfassungsm\u00e4\u00dfigem Recht im Hirn empfangen, dass auf den Besucher geschossen werden darf!<\/p>\n<p>Moore f\u00fchrt noch weitere Gr\u00fcnde an, etwa die soziale Verelendung vieler St\u00e4dte in den USA wie etwa von Flint, seiner Heimatstadt; oder Zwangsprogramme f\u00fcr Sozialhilfeempf\u00e4ngerInnen wie allein erziehende M\u00fctter, die so fr\u00fch zu ihrer Zwangsarbeit aufbrechen m\u00fcssen, dass sie ihre Kinder den ganzen Tag allein lassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ein besonderes Verh\u00e4ltnis hat Moore zur Filmgr\u00f6\u00dfe Charlton Heston, dem Vizepr\u00e4sidenten der National Rifles Association (NRA) und einem Waffenpropagandisten schlimmster Sorte. Er kam nur wenige Tage nach dem Littleton-Massaker in die Stadt zu einem Kongress der Gewehrindustrie, die nach dem Massaker kurzfristig schwer in der Kritik stand. Solche Arschl\u00f6cher werden dann aufgefahren, um die Stimmung wieder ins Lot zu bringen. Moore macht mit Heston kurzen Prozess: die NRA wird als Nachfolgeorganisation des Ku Klux Klan pr\u00e4sentiert und Heston in einem Interview am Ende des Films l\u00e4cherlich gemacht. Yippie! Weiter so, Michael!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yippie! Der Typ ist einfach sagenhaft! Ich w\u00fcsste nicht, wann ich im Kino schon mal einen von der filmischen Analyse her so radikal antimilitaristischen Film gesehen h\u00e4tte wie &#8222;Bowling for Columbine&#8220;. Grandios! 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